Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0506/38503.html    Veröffentlicht: 08.06.2005 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/38503

Interview: Mit mehr System zu schnellerem Debian-Release

Martin Michlmayr über Sarge, Ubuntu und künftige Herausforderungen für Debian

Martin Michlmayr ist seit rund zehn Jahren an diversen freien Softwareprojekten beteiligt, zuletzt von April 2003 bis April 2005 an "Debian Project Leader". Golem.de sprach mit Michlmayr im ersten Teil dieses Interviews über die lange Verzögerung von Debian Sarge, aktuelle Herausforderungen und Probleme der freien Linux-Distribution, das Verhältnis zu Ubuntu und Gentoo sowie die weitere Entwicklung des Projekts.

Golem.de: Debian gilt gemeinhin als stabile Plattform, auch dank langer Release-Zyklen und langer Lebensdauer. Sarge ließ aber fast drei Jahre auf sich warten und wurde wiederholt verschoben. Was waren die konkreten Gründe?

Martin Michlmayr
Martin Michlmayr
Martin Michlmayr: Es gibt eine Reihe von Gründen, die für die große Verspätung von Sarge verantwortlich sind. Ursprünglich war der neue Installer einer der Haupt-Blocker. Seit Jahren hören wir, dass Debian sehr schwer zu installieren sei. Da das alte System eine schlechte Architektur hatte und somit schwer zu verbessern war, haben wir beschlossen, einen komplett neuen Installer zu entwickeln, der benutzerfreundlicher ist und stärker modular aufgebaut ist, was weitere Entwicklungen erleichtern wird. Diese Arbeit hat sich auch ausgezahlt, doch leider benötigte der Installer mehr Zeit als erwartet.

Als diese Arbeit letztendlich abgeschlossen wurde und wir dachten, dem Release nahe zu sein, hat sich aber leider das nächste Hindernis aufgetan: Die Infrastruktur, um Security-Updates für Sarge bereitzustellen, war nicht vollständig implementiert. Das ist sehr unglücklich, da ein ähnliches Problem schon im letzten Release aufgetreten war. Leider dauerte die Implementierung dieser Infrastruktur, die ursprünglich als sehr einfach dargestellt wurde, viel länger als geplant. Zudem haben wir im Hinblick auf Sarge auch oft unrealistische Release-Pläne gesehen. Das hat dazu geführt, dass viele Entwickler den Glauben an das Release verloren und folgende Release-Pläne einfach ignoriert haben.

Golem.de: Inwiefern sind die Gründe auch innerhalb der Organisation zu suchen?

Michlmayr: Ich würde sagen, dass die meisten Gründe in der Organisation zu suchen sind. Viele Probleme, die aufgetreten sind, hätte man durch besseres Planen verhindern können. Zudem gibt es das Problem, dass einige Teams und Entwickler sehr träge sind und nicht schnell genug auf Entwicklungen reagieren. Ich denke, dass wir durch besseres und systematischeres Release-Management die folgenden Releases sehr beschleunigen können. Wir sind in der Vorbereitung auf Sarge von einem Release-Manager auf ein Team umgestiegen, das sehr aktiv ist. In der Zukunft wird es die Aufgabe dieses Teams sein, ständig das nächste Release im Auge zu behalten, bessere Pläne zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass es größere Konsequenzen für diejenigen gibt, die Deadlines nicht einhalten.

Golem.de: Ist Debian mit den zahlreichen unterstützten Hardware-Architekturen und der großen Zahl an Paketen mittlerweile zu komplex, um regelmäßig als ein einheitliches Release zu erscheinen?

Michlmayr: Vor ein paar Monaten wurde ein Vorschlag diskutiert, laut dem sich der folgende Release (Etch) auf eine reduzierte Anzahl von Hardware-Architekturen konzentriert. Obwohl dieser Vorschlag sehr kontrovers ist, hatte er einen positiven Effekt: Er zeigte den Entwicklern und Benutzern, dass Arbeit investiert werden muss, um eine Architektur am Leben zu erhalten. Ich hoffe somit, dass sich mehr Freiwillige an der Erhaltung der unterstützten Architekturen beteiligen werden und somit eine Reduzierung nicht nötig wird.

Obwohl ich natürlich durch meine Beteiligung am MIPS-Port die Arbeit sehe, die hinter der Unterstützung von Hardware-Architekturen steckt, glaube ich, dass das größere Problem in der Anzahl der Pakete liegt. Seit Jahren gibt es Vorschläge, das Archiv in Komponenten zu teilen, doch ist dies durch die großen Abhängigkeiten zwischen Paketen schwer möglich. Es wäre jedoch möglich, besondere Bedeutung auf die erste oder ersten zwei CDs zu legen. Dies würde das Release beschleunigen und würde auch die Arbeit des Security-Teams verringern.

Auf jeden Fall ist die wachsende Größe und Komplexität von Debian gebündelt mit schlechter Release-Planung und Trägheit in der Organisation eine sehr schlechte Mischung. Wir müssen an allen Fronten Verbesserungen durchführen, um in der Zukunft vorhersagbare Release-Termine anbieten zu können.



Golem.de: Muss sich das Projekt angesichts von Ubuntu, Knoppix oder UserLinux neu positionieren? Sie alle setzen auf Debian auf, versuchen aber, einzelne Kritikpunkte an Debian aus dem Weg zu räumen?

Michlmayr: Debian hat sicherlich eine Reihe von Problemen, die beseitigt werden müssen und das ist jedem im Projekt klar. Die große Anzahl von Debian-basierten Systemen ist jedoch nicht unbedingt ein negatives Zeichen: Debian ist sehr populär in diesem Bereich, da unsere Entwicklung und Organisation sehr offen ist und sich Debian sehr gut als Basis für Derivate eignet. In manchen Fällen sind jedoch Derivate erschienen, um Probleme in Debian zu adressieren und es wird eine wichtige Aufgabe sein, diese Probleme an der Wurzel zu bekämpfen.

Golem.de: Dennoch scheint das Verhältnis gerade zu Ubuntu gespalten zu sein, wie auch eine aktuelle Diskussion (Is Ubuntu a debian derivative or is it a fork?) auf der Debian-devel-Liste zeigt. Wo liegen die Probleme?

Michlmayr: Canonical bzw. Ubuntu behaupten oft, viel an Debian zurückzugeben. Obwohl sie mehr zurückgeben als viele andere Debian-Derivate, bleiben viele Fälle, in denen die Ubuntu-Community und insbesondere die bezahlten Entwickler von Canonical enger mit Debian zusammenarbeiten könnten. Es gibt zahlreiche Funktionen, die (noch?) nicht zurück nach Debian geflossen sind und daher stellten sich kürzlich auf debian-devel Leute die Frage, ob Ubuntu nicht ein Fork sei.

Golem.de: Quelltextbasierte Distributionen, allen voran Gentoo, erfreuen sich zunehmend großer Beliebtheit. Inwieweit kann und muss Debian auf solche Entwicklungen reagieren? Ansätze wie apt-build scheinen eher eine Nebenrolle zu spielen?

Michlmayr: Das Schöne an Linux und freier Software ist, dass man die Wahl hat. Debian setzt klar auf die Verbreitung von gut getesteten Binary-Paketen, die auf einer großen Anzahl von Architekturen arbeiten. Wir bieten beispielsweise durch apt-build die Möglichkeit an, die Distribution aus dem Quelltext zu bauen, doch dies ist nicht der Fokus von Debian. Gentoo hat jedoch einige gute Ideen, wie zum Beispiel die leichte Anpassung von Konfigurationsvariablen an den Benutzer, die hoffentlich auch in Debian umgesetzt werden.



Golem.de: Debian scheint mitunter recht schwerfällig - beispielsweise ist der Umstieg auf X.org bei Debian auf die Zeit nach dem Sarge-Release verschoben. Sarge kommt hingegen mit einer stark gepatchten Version von Xfree86 4.3. Täuscht dieser Eindruck?

Michlmayr: Debian ist manchmal recht schwerfällig, aber gerade XFree86 und X.org sind ein schlechtes Beispiel. Das Paket ist sehr groß und XFree86 hat sich relativ wenig um die Hardware-Architekturen gekümmert, die Debian unterstützt. Somit mussten wir eine sehr große Anzahl von Patches in unserem Paket herumtragen und das macht die Pflege sehr schwer.

Zum Glück ist X.org viel agiler und bereit, Patches direkt zu integrieren und wir arbeiten mit X.org zusammen. Dies, wie auch die Teilung von X.org von einem monolytischen in mehrere Pakete, wird die Verwaltung sehr vereinfachen.

Golem.de: Der Debian-Gesellschaftsvertrag ist Grundlage des gesamten Projekts, aber wie entwickelt sich dessen Auslegung, eher idealistisch oder sagen wir pragmatisch?

Michlmayr: Zurzeit gibt es in Debian zwei Strömungen. Es gibt einige Idealisten, die sehr laut sind und daher von außen gesehen die Mehrheit sind. In Wirklichkeit sind jedoch die meisten Entwickler pragmatischer als man denkt. Es wird für Etch [Anm. d. Red.: das kommende Debian-Release] sehr wichtig sein, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen und dabei weder den Gedanken der freien Software als auch die Benutzer zu vergessen. Auf der Debian-Konferenz in Helsinki im Juli ist eine Diskussion diesbezüglich geplant.

Golem.de: Debian bietet eigentlich eine sehr hohe Transparenz, erscheint für den Außenstehenden aber dennoch oft wenig übersichtlich, nicht zuletzt was inoffizielle Paket-Repositories angeht, ohne die man mitunter nicht auskommt?

Michlmayr: Eines der meistbenutzten inoffiziellen Paket-Repositories ist wohl backports.org, das Backports von neuer Software für "stable" anbietet. Im Idealfall sollte backports.org nicht nötig sein, wenn wir unseren Release-Prozess in den Griff bekommen.

Ein weiteres Repository, das sehr beliebt ist, ist MPlayer. Diesbezüglich gab es seit langer Zeit Diskussionen zur Lizenz, doch diese wurden kürzlich erfolgreich abgeschlossen und somit wird es wohl in naher Zukunft MPlayer direkt im Debian-Archiv geben.



Golem.de: Im Gegensatz zu manch anderer Distribution steht hinter Debian nicht "ein" großes Unternehmen, was Vor- und Nachteile mit sich bringt. Während Red Hat und Novell beispielsweise viel Aufwand in eine Zertifizierung ihrer Distributionen, z.B. nach Common Criteria, stecken, bleibt Debian hier zurück, dennoch erfreut sich Debian gerade in Behörden großer Beliebtheit?

Michlmayr: Debian ist sehr beliebt, da es eine ausgezeichnete Basis für individuell angepasste Lösungen darstellt. Zudem ist Debian total anbieterneutral, was gerade für Behördern sehr wichtig ist. Viele haben sich durch "Vendor-Locking" verbrannt und freie Software und Debian im Besonderen liefern hier eine gute Lösung.

Es stimmt jedoch, dass Debian von mehr Zertifizierung profitieren würde. Auf Konferenzen stellen Besucher ständig die Frage, wann Oracle offiziell auf Debian unterstützt wird. Inoffiziell läuft es natürlich, aber das hilft vielen Firmen nicht. Ich hoffe, dass wir durch Zusammenarbeit mit großen Firmen, wie HP, in der Zukunft mehr Zertifizierungen für Debian sehen werden.

Martin Michlmayr ist seit rund zehn Jahren an diversen freien Softwareprojekten beteiligt. Er koordinierte unter anderem das Projekt GNUstep und arbeitete als öffentlicher Direktor für Linux International. Seit 2000 gehört er dem Debian-Projekt an und leitete dieses von April 2003 bis April 2005 als "Debian Project Leader".

Er hat Philosophie und Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck sowie Software Engineering an der Universität Melbourne studiert und forscht im Rahmen seines PhD-Studiums am Centre for Technology Management der Universität Cambridge über das Thema Qualitäts-Management in freien Softwareprojekten. Im zweiten Teil des Interviews rückt die Forschung Michlmayrs in den Vordergrund.
 (ji)


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Links zum Artikel:
Cyrius - Martin Michlmayr (.com): http://www.cyrius.com/
Debian Projekt (.org): http://www.debian.org
Universität Cambridge - Centre for Technology Management (.uk): http://www.ifm.eng.cam.ac.uk/CTM/

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