Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0505/38302.html    Veröffentlicht: 28.05.2005 11:45    Kurz-URL: https://glm.io/38302

Spieletest: The Matrix Online - Doch lieber die blaue Pille?

Online-Rollenspiel mit viel ungenutztem Potenzial

Bis jetzt wurden Fans von "Die Matrix" nicht unbedingt verwöhnt - für viele waren die beiden Matrix-Film-Fortsetzungen enttäuschend und Atari konnte mit seinen Spielumsetzungen bisher nur bei den Verkaufszahlen punkten. Besser, aber leider auch nicht in jeder Hinsicht gelungen, ist da das englischsprachige Online-Rollenspiel "The Matrix Online", das in Europa seit April 2005 Fans in die Matrix lockt - dieser Spieletest lockt derweil mit drei Verlosungsexemplaren des Spiels.

The Matrix Online (PC)
The Matrix Online (PC)
Entwickelt wird Matrix Online vom Entwicklerstudio Monolith, das mittlerweile zu Warner Bros. Interactive gehört. Monolith standen für das Online-Rollenspiel zudem die für die Matrix-Trilogie verantwortlichen Wachowski-Brüder zu Seite. Inhaltlich fängt das Spiel nach dem dritten Film an - Neo ist verschwunden und zwischen den Maschinen und Menschen herrscht eine Art fragiler Waffenstillstand. Zudem gibt es noch eine dritte Fraktion: die des Matrix-Kontrollprogramms Merowinger. Nun geht es darum herauszufinden, was mit dem Körper des verstorbenen Helden Neo geschehen ist - und welche Fraktion Morpheus mittlerweile in der Matrix hat töten lassen. In dieser Woche startete damit ein 64-MByte-Patch die Episode 1.3 der sich entwickelnden Matrix-Online-Geschichte.

Screenshot #1
Screenshot #1
Gemeinsam mit anderen "Redpills", sich ihrer virtuellen Umgebung bewussten Menschen, gilt es nun, auf Seiten der Menschen oder der Maschinen an der Geschichte teilzuhaben - wirklich aktiv mitwirken können aber nur hochstufige Charaktere, die dann auch eine Chance haben, auf mitunter von Gamemastern gesteuerte prominente Gestalten zu treffen. Die Charakterklassen von Matrix Online ähneln denen von Fantasy-Online-Rollenspielen - statt des Kämpfers gibt es den "Operative", statt des Magiers den "Hacker" und statt des Jägers oder Schamanen gibt es den "Coder", der sich seine Helfer selbst programmiert.

Während der Charaktererschaffung gilt es noch, den Grundcharakter des eigenen Helden zu definieren - statt zwischen Zwergen oder Elfen auszuwählen, muss man sich bei Matrix Online zwischen "fanatischen Selbstverbesserern", "inqusitorischen Genies" und Ähnlichem entscheiden. Dabei werden die Grundattribute jeweils unterschiedlich gestärkt - im Laufe des Spiels können dann durch das Sammeln von Erfahrungspunkten und dem resultierenden Erreichen bestimmter Stufen Attribute gesteigert sowie Fertigkeiten verbessert oder erlernt werden.

Screenshot #2
Screenshot #2
Nach der Charaktererschaffung geht es mit einer Einführung in die Matrix per Trainingsprogramm weiter. Nach einer rudimentären Einführung in die Bedienung - die leider das Fertigkeitensystem und das Craften außen vor lässt - und das sehr ungewöhnliche Kampfsystem, findet man sich in einer recht großen, aber eintönigen Stadt wieder. Deren Straßen werden von Autos befahren, mitunter fliegt auch ein Hubschrauber über den Dächern entlang und neben den Spielern finden sich viele computergesteuerte Charaktere, darunter auch Kontaktleute mit Aufträgen, Händler mit Waren und diverse Bösewichte. Aufträge erzählen entweder die Geschichte weiter oder drehen sich um das Retten oder Ausschalten von Personen.

Screenshot #3
Screenshot #3
Alternativ kann auch Kampferfahrung durch Konflikte mit anderen Spielern gewonnen werden - auf den normalen Servern müssen dazu beide Parteien zustimmen oder sich in dafür gedachten Kampfzonen befinden. Auf Servern mit Namensanhang "-hostile" ist Player-vs-Player (PvP) abseits der sicheren Zonen ab dem Level 16 immer möglich und es gilt vorsichtig zu agieren. Mit den PvP-Konflikten hofft Monolith, die Spieler mehr in den Kampf zwischen den Organisationen einzubeziehen. Welcher Organisation man zugeordnet wird, hängt von den jeweils erledigten Aufgaben ab - ein Reputationssystem gibt Aufschluss darüber, auf wessen Seite man steht.

Screenshot #4
Screenshot #4
Bei Matrix Online wird zwischen Nah- und Fernkampf unterschieden - während der Fernkampf im Grunde nur ein automatisches gegenseitiges Beharken ist, geht es beim Nahkampf ungewöhnlicher zu. Hier muss im Stile von Stein-Schere-Papier zwischen Angriff, Verteidigung, Greifen oder Flucht gewählt werden - wie gut das dann jeweils gelingt, hängt von den Werten des eigenen Charakters und des Gegners ab. So neu das sein mag, so wenig hebt es sich doch von den Kampfsystemen der Konkurrenz ab. Letztendlich scheint es nur um möglichst hohe Werte und rechtzeitiges Klicken beim Prügeln oder Ballern zu gehen - und weniger um ausgefeilte Strategien.

Grafisch setzt The Matrix Online ebenfalls keine neuen Maßstäbe - dafür erinnert der Nahkampf wegen der nett aussehenden Moves sehr an den Film. Anders als in den Filmen ist es im Spiel leider nicht möglich, sich gegen mehrere Gegner sinnvoll zu verteidigen oder diese gleich im Dutzend zu bekämpfen. Erschwerend kommt hinzu, dass einem die Flucht vor harten Gegnern durch das Spiel erschwert wird; selbst wenn man es geschafft hat, aus einem Nahkampf zu entkommen, so muss man sich immer noch in kürzester Zeit aus dem Einzugsbereich des Gegners entfernen, was durch die Kameraführung und Steuerung nicht gerade leicht gemacht wird. Mitunter auftretende Netzwerkprobleme und Ruckler tragen ihr Übriges dazu bei.

Screenshot #5
Screenshot #5
Das Fertigkeitensystem, die Möglichkeit, verschiedene Programme zu laden und die enorme Auswahl an Kleidungsstücken für den eigenen Charakter können gefallen - auch die mittels öffentlicher Verkehrsmittel schneller zu bereisende Stadt scheint riesig zu sein. Das ändert aber nichts daran, dass Matrix Online letztlich nicht genügend Abwechslung bietet - wenn man nicht gerade zu den mächtigsten Spielern zählt und die "persönlichen" Kontakte mit den verbleibenden Filmhelden erleben kann. Die Häuser der Matrix unterscheiden sich selten voneinander, man kann mit der wenig atmosphärischen Welt zu wenig interagieren, die auf der Straße herumlungernden virtuellen Passanten und Verbrecher sehen wie Klone aus und die Missionen bringen einen immer wieder in die gleichen Situationen.

Screenshot #6
Screenshot #6
Wenn es um den Support und die Account-Verwaltung geht, scheinen Warner Bros. Interative und Sega die Konkurrenz unterbieten zu wollen. Eine Ende April 2005 an den Support gestellte Frage wurde uns bis heute nicht beantwortet. Doch die Krönung ist, dass Warner Bros Interactive und Sega eine Abbestellung des Spiels per Online-Account-Management nicht erlauben - stattdessen müssen Europäer auf eigene Kosten eine Supportnummer in England anrufen. Etwas Derartiges erlaubt sich sonst kein Online-Rollenspiel-Betreiber.

Fazit:
Mit The Matrix Online, ihrem ersten Online-Rollenspiel, haben Monolith leider nicht das erwartete Highlight geschaffen. Dazu fehlt dem Spiel viel vom ursprünglichen Charme des Matrix-Universums - unabhängig davon, ob man nun wie so viele der Meinung ist, dass der zweite und dritte Film der Geschichte geschadet haben oder nicht. Die Matrix in ihrer aktuellen Form wird wohl nur absoluten Fans gefallen, die viel Zeit in das Spiel stecken, um für die Live-Events gerüstet zu sein. Für den Rest wird die von Matrix Online gezeigte virtuelle Welt wohl eher leblos wirken, ihnen zu wenig Abwechslung bieten und sich als Online-Prügelspiel mit schicken Moves aber ohne praktische Bedienung von Beat-Em-Ups entpuppen. Die Entwickler müssen noch einiges an Arbeit in das Spiel und auch den Support stecken, bevor man Morpheus die im Film geäußerten Worte auch im Spiel abnehmen würde: "Hattest Du jemals einen Traum, von dem Du so überzeugt warst, er sei real? - Was, wenn Du aus diesem Traum nicht mehr erwachen könntest? Wie würdest Du den Unterschied zwischen der realen Welt und der Traumwelt feststellen?"

Gewinnspiel:
Wer sich selbst in Matrix Online mit Agenten anlegen oder verbrüdern will, kann an unserer Verlosung von drei Vollversionen des PC-Spiels teilnehmen, die uns Sega dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat. Wer trotz allem eines der Spiele gewinnen und sich nach dem Freimonat wieder selbst telefonisch in England abmelden will, sollte uns per Mail an gewinnspiel@golem.de beeindruckende, aber nichtsdestotrotz unzugängliche Weisheiten senden, wie sie sonst nur Morpheus oder das Orakel von sich geben können. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen, Einsendeschluss ist der 15. Juni 2005. Die besten Beiträge werden im Forum unter diesem Test veröffentlicht.  (ck)


Verwandte Artikel:
Morpheus ist tot - die Matrix hat einen Helden weniger   
(27.05.2005, https://glm.io/38287 )
Echtzeitkommunikation ausprobiert: Willkommen in der Matrix   
(07.03.2017, https://glm.io/126197 )
Blizzard: World of Warcraft und die Abenteuer auf Argus   
(31.08.2017, https://glm.io/129787 )
Into the Breach im Test: Strategiespaß im Quadrat   
(02.03.2018, https://glm.io/133111 )
PUBG Mobile im Test: Chicken Dinner auf dem Smartphone   
(02.03.2018, https://glm.io/133052 )

Links zum Artikel:
Monolith (.com): http://www.lith.com/
The Matrix Online (.com): http://thematrixonline.warnerbros.com
Warner Bros. Interactive Entertainment (.com): http://www.wbie.com/

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/