Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0505/37996.html    Veröffentlicht: 11.05.2005 14:18    Kurz-URL: https://glm.io/37996

Intel Inside: Intel-Vize Pat Gelsinger im Interview (Teil 1)

Pat Gelsinger: "Die Politik der US-Regierung ist einfach furchtbar"

Patrick P. Gelsinger ist Senior Vice President bei Intel und Leiter der "Digital Enterprise Group", die IT- und Kommunikationselektronik für Unternehmen entwickelt. Im Interview mit Golem.de spricht Gelsinger über Intels Abkehr von der Netburst-Architektur des Pentium 4, die kommenden Prozessoren mit Codenamen Conroe, Woodcrest sowie Merom und die unterschiedliche Situation für Technologie-Unternehmen in den USA und Deutschland.

Patrick P. Gelsinger
Patrick P. Gelsinger
Der unterhaltsame Redner arbeitet seit seinem ersten Universitätsabschluss 1979 für Intel. Nebenbei konnte sich der Elektroingenieur in gleichem Fach noch zwei weitere akademische Grade verdienen: Bachelor of Science mit Magna Cum Laude an der Santa Clara University und Master of Science in Stanford. Gelsinger hält sechs Patente zu VLSI-Designs und wurde mit 32 Jahren zum jüngsten Intel-Vizepräsidenten. Die Entwicklung des 486er-Prozessors lief unter seiner Federführung und er gilt als Vater von Intels Entwicklerkonferenz IDF.

Vor seiner aktuellen Tätigkeit war Gelsinger über drei Jahre lang "Chief Technology Officer" (CTO) bei Intel, eine Position, die eigens für den Vordenker geschaffen wurde. Wir trafen Gelsinger am 9. Mai 2005 in der deutschen Intel-Niederlassung in Feldkirchen bei München.

Golem.de: Herr Gelsinger, gerade heute Morgen gab Intels Noch-CEO Craig Barrett der Nachrichtenagentur Reuters ein Interview, in dem er die Wirtschaftspolitik der USA scharf angreift. Er meinte auch, dass Intels nächste Halbleiterfabrik deswegen vielleicht im Ausland errichtet wird. Deutschland nennt er in puncto E-Government den USA weit voraus - im Gegenzug haben wir hier aber gerade eine lebhafte Kapitalismusdebatte.

Patrick P. Gelsinger: Craig und ich haben da von Intels Seite schon immer sehr deutliche Worte gefunden. Die Politik der US-Regierung ist in diesem Punkt einfach furchtbar. Egal ob es um Bildung, die Visa-Regulierungen, Einwanderung oder Vergünstigungen für Unternehmensansiedlungen geht - und dabei meine ich sowohl lokale Bedingungen als auch die US-Bundespolitik. In Kombination heißt das, dass die USA nicht daran interessiert sind, in der Zukunft Technologieführer zu sein. Von mir stammt ja auch das oft gebrauchte Zitat: "Die USA sind dazu bestimmt, in der IT ein Land der Zweiten oder Dritten Welt zu werden."

Golem.de: Das haben Sie schon vor zwei Jahren gesagt. Und Sie sehen da noch keine Besserung?

Gelsinger: Wir sehen da noch keine Änderungen. Jedes andere Land der Welt ist besser motiviert, eine Technologieführerschaft zu erlangen als die USA.

Golem.de: In Europa blicken die Unternehmer aber oft neidvoll in die USA, weil es aus unserer Perspektive dort viel einfacher erscheint, wirtschaftliche Dinge zu bewegen.

Die USA sind dazu bestimmt, in der IT ein Land der Zweiten oder Dritten Welt zu werden.
Die USA sind dazu bestimmt, in der IT ein Land der Zweiten oder Dritten Welt zu werden.
Gelsinger: Ich würde sagen, es gibt drei Aktivposten, bei denen die USA besser sind als jedes andere Land der Welt. Auch wenn das Bildungssystem bei uns schlechter wird, sind unsere Hochschulabsolventen noch immer die besten der Welt. Andere Länder holen hier auf, aber wir haben immer noch einen Vorsprung. Zweitens haben wir vergleichsweise flexible Arbeitnehmergesetze. Das ist ein großer Pluspunkt: Man kann Angestellte leicht verlegen und neue Unternehmen einfach gründen. Zum Dritten haben wir ein gut entwickeltes System für Risikokapital.

Golem.de: Gerade über den Arbeitnehmerschutz beklagen sich deutsche Unternehmen häufig.

Gelsinger: Ja, der ist schrecklich. Aber Sie haben ein gutes Bildungssystem, das aber bei der Qualität der Hochschulabschlüsse noch nicht an unseres heran reicht. Und die Mechanismen, um Risikokapital zu bekommen, sind hier noch nicht sehr ausgeprägt. Andererseits ist Europa sehr an Forschung und Entwicklung interessiert und man bemüht sich hier mehr als in den USA, auch auf lokaler Ebene Anreize für Firmenansiedlungen zu schaffen.

Golem.de: Davon hat ja schon AMD profitiert, die bald ihre zweite Halbleiterfabrik in Dresden eröffnen werden. Wann gibt es die erste deutsche Intel-Fab?

Gelsinger: Ich baue doch keine Fabs! (lacht)

Golem.de: Aber Sie bestimmen, wo Ihre Produkte hergestellt werden.

Wir werfen Netburst nicht weg.
Wir werfen Netburst nicht weg.
Gelsinger: Naja, diese Entscheidung fällt jemand anderes. Ich kümmere mich darum, wie viele Fabs wir brauchen und was in diesen Fabs steht. Zu bestimmen, wo eine Fab dann stehen soll, ist sehr schwierig. Es spricht vieles dafür, sie neben eine bereits bestehende zu stellen - vor allem wegen der Verfügbarkeit von qualifizierten Mitarbeitern und die bereits vorhandene Infrastruktur. Das hat sicher auch AMD zu diesem Schritt bewegt.

Golem.de: Und was sind für Intel die entscheidenden Punkte für eine komplett neue Fabrik?

Gelsinger: Die Kosten. Das betrifft nicht nur die Immobilien, sondern auch die Steuersituation an einem möglichen Standort und die Gesamtkosten der Investition. All diese Punkte berücksichtigen wir in einem bisher sehr zuverlässigen Prozess der Standortwahl und erst dann kündigen wir eine neue Fab an.

Golem.de: Neben Craig Barretts Äußerungen hat auch sein designierter Nachfolger Paul Otellini am Wochenende eine wichtige Ankündigung gemacht. Demnach will sich Intel im nächsten Jahr von der bisherigen Netburst-Architektur seiner Prozessoren verabschieden.

Gelsinger: Ja, mit unseren Produkten, die unter den Codenamen Conroe, Woodcrest und Merom entwickelt werden.

Golem.de: Und wo liegt der Schwerpunkt der neuen Architektur?

Gelsinger: Der Pentium 4 hatte eine viel längere Pipeline. Das war unter anderem für die hohen Taktfrequenzen nötig, hat aber zu einer geringeren Effizienz beim Verhältnis von Strombedarf und Rechenleistung geführt. Wir haben uns aus einer Vielzahl von Gründen zu einer Architektur mit weniger tiefen Pipelines entschieden. In dieser Hinsicht ähnelt das eher dem Pentium III. Wenn Sie sich aber einige der anderen Funktionen anschauen, die wir bei Netburst eingeführt haben, werden einige davon auch bei diesem Wechsel zu finden sein.

Golem.de: Zum Beispiel?

Gelsinger: Wir werden diese Technologien erst mit der Zeit zu den Produktfamilien hinzufügen. Einer der Vorteile der Netburst-Architektur war ja, dass wir sehr einfach Dinge wie Virtualisierung oder HyperThreading einbauen konnten. Wir werfen Netburst nicht weg. Aber diese besondere Architektur mit ihrer sehr tiefen Pipeline, die wir für den Pentium 4 nutzen, werden wir nach der ersten Generation der Dual-Core-Prozessoren nicht mehr einsetzen. An diesem Punkt vollziehen wir den Wechsel zur Mikroarchitektur von Conroe, Woodcrest und Merom.

Golem.de: Viele Experten haben ja geradezu gefordert, dass Sie die Architektur des Pentium M auf den Desktop bringen. Der Bedarf ist da, inzwischen gibt es ja auch Adapter, um den Pentium M auf Desktop-Mainboards einzusetzen. Der Pentium M stellt aber eine Weiterentwicklung des Pentium III dar. Wenn Sie sagen, die neue Architektur ähnelt auch dem Pentium III - geht sie dann auch aus dem Pentium M hervor?

Gelsinger: Ja, das ist Teil dieses Wechsels. Pentium III, Pentium M - das wird eine Weiterentwicklung, die eher in diese Richtung geht.

Im zweiten Teil des Interviews erklärt Gelsinger, warum Taktfrequenzen auch bei Intel in Zukunft weniger wichtig sein werden. Außerdem nimmt er zu den Problemen Stellung, vor die Intel die Softwarehersteller mit dem konsequenten Wechsel zu Dual-Core-Prozessoren stellt. Die Fortsetzung des Interviews erscheint am morgigen 12. Mai 2005 bei Golem.de [von Nico Ernst]  (ji)


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Links zum Artikel:
Intel: http://www.intel.de
Intel (.com): http://www.intel.com
Intel - Patrick P. Gelsinger (.com): http://www.intel.com/pressroom/kits/bios/pgelsing.htm

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