Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0501/35706.html    Veröffentlicht: 18.01.2005 07:36    Kurz-URL: https://glm.io/35706

Intel strickt das Unternehmen um

Großes Stühlerücken: nun sechs Abteilungen, zwei davon neu

Neue Besen kehren gut: Noch vor seinem offiziellen Amtsantritt als CEO hat der designierte Intel-Chef Paul Otellini eine umfangreiche Restrukturierung des weltgrößten Chipherstellers angekündigt. Zwei neue Abteilungen sollen Intels Konzentration auf Plattformen statt nur Chips unterstreichen.

Bisher war Intel für einen Weltmarktführer mit über 35.000 Mitarbeitern relativ einfach stukturiert. Drei Unternehmensgruppen entwickelten und vermarkteten die Produkte: Die "Intel Architecture Group" kümmerte sich vor allem um Prozessoren und Chipsätze, die "Intel Communications Group" um Netzwerk- und Flash-Bausteine und die "Technology and Manufacturing Group" um die Halbleiter-Herstellung und um Forschung und Entwicklung.

Zu letztgenannter Gruppe gehörte auch einer der profiliertesten Intel-Manager, Pat Gelsinger, bisher "Chief Technology Officer" (CTO) und damit Chef-Visionär des Unternehmens. Der erst 43 Jahre alte Gelsinger, der bei Beleidigungen seiner Produkte auch gerne einmal mit Zuckertütchen nach Journalisten wirft, hatte sich seine Sporen ursprünglich als einer der Designer des 486-Prozessors verdient. In den letzten Jahren hatte sich der passionierte Computerfreak (Zitat: "Ich bin ein Geek, ich will einfach alles!") und Initiator des "Intel Developer Forum" (IDF) aber vor allem mit IDF-Präsentationen zu wichtigen, aber dennoch Jahre entfernten Technologien herumzuschlagen - und nun ist er nach der Intel-Restrukturierung Chef der "Digital Enterprise Group".

Diese Abteilung leitet Gelsinger zukünftig zusammen mit Abhi Talwalker, bisher bei den Server-Produkten beschäftigt. Sie soll, so Intel, "durchgängige Lösungen in Unternehmen entwickeln" - und zwar für Computing und Kommunikation. Gelsinger dürfte damit Pentium 4, Xeons und auch Itaniums verantworten und ist somit zurück in der aktiven Entwicklung konkreter Produkte.

Faktisch aufgelöst ist damit die "Desktop Platform Group" (DPG), die der "Intel Achitecture Group" untergeordnet war. Der ehemalige Chef der DPG, Louis Burns, wird Leiter der neuen "Digital Health Group", die medizinische Geräte für Diagnostik, Gesundheitsforschung, Produktivität sowie, Intel wörtlich, "persönliche Gesundheitspflege" entwickeln soll.

Burns, der bei Presse-Meetings schon teure Tischdecken durch schwer lesbare Kugelschreiber-Skizzen ruiniert hat, ist damit quasi weggelobt. Zahlreiche Pannen, etwa der Rückruf der ersten Mainboards mit 915-Chipsatz, gehen auf sein Konto.

Für die neue "Digital Home Group" ist bei Intel nun Don MacDonald zuständig, der bisher für Sales und Marketing verantwortlich war und unter anderem die Marke "Centrino" in den Markt eingeführt hat. MacDonald wird nun für Produkte zur digitalen Unterhaltung verantwortlich sein, was Intels massives Drängen auf ein voll vernetztes "Digital Home" vom drahtlosen Netzwerk für Audio- und Video-Übertragung bis zum potenten Spiele-PC mit "Extreme Edition" eines Pentium-Prozessors unterstreicht.

Ist MacDonalds Job neu, so bedeutet die Position des Direktors in der ebenfalls neuen "Sales and Marketing Group" für Anand Chandrasekher eine Rückkehr zu den Wurzeln. Chandrasekher war bereits Marketing-Chef von Intel und wurde erst vor wenigen Jahren, noch vor dem Centrino-Start, in die "Mobile Platforms Group" versetzt. Chandrasekher gilt als starker Motivator, der sich bei einer verlorenen Wette mit seinen Mitarbeitern auch schon mal den Schädel kahlrasiert.

Die Lücke, die er dort reißt, wird in der "Mobility Group" von Sean Maloney und Dadi Perlmutter gefüllt, welche die neue Abteilung demnächst leiten werden. Maloney kommt dabei von Intels Netzwerksparte und gilt als kühler Kalkulator mit hohem technischen Sachverstand.

Damit fehlen noch zwei der insgesamt sechs Abteilungen, aus denen Intel jetzt besteht. Die "Channel Products Group" leitet Bill Siu, vormals mit Louis Burns Chef für Desktop-Produkte. Mit dieser neuen Abteilung will Intel lokale Märkte und den direkten Verkauf, etwa die "Boxed"-Prozessoren, besser ansprechen.

Was bisher Pat Gelsinger verantwortete, soll nun kommissarisch Justin Rattner in der "Corporate Technology Group" fortführen. Diese Abteilung wird damit eigenständig. Rattner gilt bei Intel als bester Mann für Halbleiterfertigung und Prozessor-Architekturen. Er war bisher in Intels Prototyp-Fabrik "D1C" beschäftigt, nach deren Muster alle Fertigungsstätten von Intel arbeiten. Rattner soll seine neue Position aber nur so lange halten, bis ein Nachfolger für Pat Gelsinger gefunden ist.

Mi dieser umfangreichen Umstrukturierung folgt Intel dem Ruf nach einer "Plattformierung" des Unternehmens, den der designierte CEO bereits auf dem "IDF Fall 2004" im September 2004 formuliert hatte. In Zukunft soll Intel weniger einzelne Bausteine als vielmehr komplette Lösungen, eben Plattformen, anbieten. So meint Otellini auch jetzt: "Die neue Organisation wird dazu beitragen, unser Wachstum voranzutreiben, indem wir die Anforderungen des Marktes besser verstehen und erfüllen können." Die Plattformierung im eigenen Unternehmen sieht er als erreicht an: "Die gesamte Struktur von Intel stimmt mit unserer Strategie bei den Plattformprodukten überein."

Vorausgegangen war diesen Maßnahmen harsche Kritik des scheidenden CEOs Craig Barrett, der am 18. Mai 2005 zu Gunsten von Otellini abtritt. Im Juli 2004 hatte sich Barrett in einer internen E-Mail unzufrieden mit seinen Top-Managern gezeigt und kreidete ihnen vor allem die Verzögerungen bei den ersten 90-Nanometer-Produkten wie dem Pentium 4 mit Prescott-Kern an. [von Nico Ernst]  (ck)


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