Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0412/35115.html    Veröffentlicht: 10.12.2004 11:57    Kurz-URL: https://glm.io/35115

Studie soll klären: Schüler dumm durch Fernsehen und Spiele?

"Medienverwahrlosung als Ursache von Schulversagen?"

Dass zu langes Fernsehglotzen und Computer- bzw. Videospielen Schüler ebenso vom Lernen abhält wie andere exzessive Tätigkeiten, ist nichts Neues. Ein von der Volkswagenstiftung finanziertes Forscherteam um Professor Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen soll nun ermitteln, in welchem Zusammenhang ein erhöhter Medienkonsum und in den vergangenen Jahren verstärkt zu beobachtende Leistungsdefizite von Schülern, insbesondere von Jungen, stehen.

Der Jugendforscher Pfeiffer hatte bereits im Jahr 2002, anlässlich des Amoklaufs eines Schülers in Erfurt, Maßnahmen gegen den frühzeitigen und unbeaufsichtigten Umgang von Kindern mit Fernsehen, Internet und Videospielen gefordert. Gegenüber dem ZDF-Morgenmagazin sagte er damals, dass Deutschland mehr Ganztagsschulen brauche, da dann die von ihm als "Medienverwahrlosung" bezeichnete exzessive, unreglementierte Mediennutzung erst ab 17.00 oder 18.00 Uhr beginnen könne - dann aber die Eltern zu Hause seien.

Ende November 2004 kam Pfeiffer in einem Frontal21-Bericht um die verführerische Wirkung des Fernsehbildes und von Computer- und Videospielen zu Wort und betonte, dass die Ersatzbefriedigung den normale Erfolgsweg - "Lernen, lernen und dann eine gute Note schreiben, üben, üben und dann einen Elfmeter zielsicher oben links versenken" - nicht mehr interessant mache.

In der Ankündigung zur Studie heißt es, dass die Schulleistungen von Jungen in Deutschland seit den 1990er-Jahren stark nachgelassen haben und nun geklärt werden soll, ob dies mit dem Medienkonsum zu tun hat, der bei einem großen Teil der Jungen mehr als vier Stunden pro Tag umfasse. Dabei würden vor allem "Filme und Computerspiele mit emotional belastenden Gewaltszenen" konsumiert. Das interdisziplinäre Wissenschaftlerteam hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, erstmals systematisch zu klären, ob die vermuteten Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und Lernleistungen von Schülern tatsächlich bestehen.

Am Vorhaben mit dem Titel "Medienverwahrlosung als Ursache von Schulversagen?" beteiligt sind neben Pfeiffer die Professorin Dr. Beate Schneider vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover, Professor Dr. Hans-Jochen Heinze von der Klinik für Neurologie II der Universität Magdeburg, Professor Dr. Dr. Gerhard Roth, Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs in Delmenhorst, und Professorin Dr. Elsbeth Stern vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Nachgegangen werden soll unter anderem der Frage, ob extreme Gewaltdarstellungen in den Medien die langfristige Speicherung und Verarbeitung aufgenommener Lerninhalte behindert oder ob durch lange Mediennutzung lediglich die für Lernen und Hausarbeiten erforderliche Zeit fehlt. Nachgegangen werden soll auch der Frage, ob Entwicklung und Ausbau von Intelligenz möglicherweise durch eine "stimulusarme Beschäftigung" mit den Medien behindert wird und ob eine hohe Mediennutzung zu einer schwachen sozialen Vernetzung, fehlender sozialer Kompetenz und auffälligem, vielleicht sogar delinquentem Sozialverhalten und somit in Folge auch schlechteren Schulleistungen führt.

Um den von Pfeiffer vermuteten Zusammenhängen zwischen dem Konsum gewalthaltiger Medienangebote und nachlassenden Lernleistungen auf die Spur zu kommen, sind sowohl experimentelle neurobiologische als auch gedächtnispsychologische Studien geplant. Es geht darum, Zusammenhänge aufzuspüren zwischen Emotionen und Aufmerksamkeit sowie zwischen Emotionen und langfristiger Speicherung von gelernten Inhalten und deren Beeinflussung durch den Konsum von Gewaltfilmen im Unterschied etwa zu Dokumentarfilmen. Über die gedächtnispsychologischen Untersuchungen wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob bei der Nutzung gewalthaltiger Computerspiele ähnliche Effekte zu beobachten sind wie bei der Betrachtung gewalthaltiger Filme. Verglichen werden soll entsprechend, wie sich völlig andere Freizeitaktivitäten wie Gesellschaftsspiele oder Sport auf die Gedächtnis- und Schulleistungen auswirken.

Weiterhin sollen für Kinder, Jugendliche, Eltern und Schulen anhand der Ergebnisse medienpädagogische Unterrichts- und Beratungsangebote entwickelt und die langfristigen Effekte einer Reduktion des Medienkonsums bei Kindern und Jugendlichen verschiedener Altersstufen systematisch untersucht werden. Untersucht werden soll entsprechend, wie sich eine Reduktion der Fernsehnutzungs- und Computerspieldauer erreichen lässt und welche Resultate sie erbringt. Einbezogen in die Untersuchung sind in Niedersachsen 2.000 Schüler, in Berlin und Sachsen-Anhalt jeweils 400. Als Kontrollgruppe dienen Schüler vergleichbarer Klassen.

Eine - nicht von der Volkswagenstiftung geförderte - bildungspsychologische Untersuchung der Forscher soll ergänzend den Einfluss der Mediennutzung auf die Entwicklung von Intelligenz und Schulleistungen bei Grundschulkindern klären helfen. Hier gehe es darum herauszufinden, wie sich - bei vergleichbarer Ausgangslage der Intelligenz - im Alter von vier Jahren die weitere geistige Entwicklung in Abhängigkeit von Medienkonsum und anderen Aktivitäten vollzieht.  (ck)


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Links zum Artikel:
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.: http://www.kfn.de/
VolkswagenStiftung: http://www.volkswagenstiftung.de
ZDF - Frontal21-Bericht "Dumm gespielt": http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2223695,00.html

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