Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0412/35101.html    Veröffentlicht: 09.12.2004 16:39    Kurz-URL: https://glm.io/35101

Spieletest: EverQuest 2 - Mehr als nur hübsche Grafik?

Auch für EverQuest-Unerfahrene interessantes Online-Rollenspiel

Mit EverQuest konnte Sony Online Entertainment eines der mitgliederstärksten Online-Rollenspiele etablieren. Der im November 2004 in den USA und Europa gestartete Nachfolger EverQuest 2 hat jedoch mit deutlich mehr Konkurrenten zu kämpfen - insbesondere mit World of Warcraft. Mit aufwendiger Grafik, Sprachausgabe und mit neuem Regelsystem versucht Sony Online Entertainment nun, Spieler für sich zu gewinnen.

EverQuest 2 (PC)
EverQuest 2 (PC)
EverQuest 2 (EQ2) spielt, wie auch der seit 1999 aktive Vorgänger, auf Norrath. Allerdings in einem zerstörten Norrath, in dem die beiden Städte Qeynos und Freeport die einzigen Überbleibsel der einst mächtigen Reiche sind. In Qeynos tummeln sich die Guten, in Freeport die Bösen - bei der Charaktererschaffung kann man sich für eine Gesinnung entscheiden, erst nachdem man die "Anfänger-Insel" (Insel der Zuflucht) absolviert hat, muss man sich endgültig überlegen, wo man starten will.

Eine recht aufwendige Queste erlaubt es, das gewählte Reich später zu verraten und zum anderen überzulaufen, mit beiden Reichen kann man sich nicht arrangieren. Ausgekämpft werden können die Konflike aber auch nicht - denn EverQuest 2 verzichtet zum Leidwesen von Player-vs-Player-Fans gänzlich auf Spielerkämpfe. Damit erspart sich Sony Online Entertainment einerseits Scherereien, von denen man mit EverQuest und Star Wars Galaxies genug hatte, andererseits gibt es weniger Probleme mit Spielern, die das PvP-System missbrauchen, um anderen den Spielspaß zu ruinieren. Man darf gespannt sein, ob zu einem späteren Zeitpunkt noch Duelle oder Arenen hinzukommen - bisher jedenfalls ist EverQuest 2 rein auf kooperatives Spiel ausgelegt und dürfte damit eine freundlichere Umgebung darstellen.

EverQuest 2 #1
EverQuest 2 #1
Der eigene Charakter kann aus 15 verschiedenen Rassen ausgewählt werden, darunter Menschen, die mit ihnen verwandten Eruditen, verschiedene Elfen, Gnome, Halblinge, Zwerge, Oger, Katzen-, Echsenwesen und den in EverQuest nicht vertretenen aufrecht gehenden Nager ("Rattonga"). Froschwesen können bisher nicht gespielt werden. Das Erscheinungsbild der Charaktere lässt sich sehr fein anpassen. An Grundberufen steht das Übliche zur Auswahl: Kundschafter, Kämpfer, Magier und Priester, im Verlauf des Spiels gibt es zugehörige Unterklassen zu erlernen.

EverQuest 2 #2
EverQuest 2 #2
Die Grundzüge der EverQuest-2-Bedienung und des Kampfes werden einem auf der Fahrt zur Anfänger-Insel beigebracht, hier fällt schon die eingedeutschte, professionelle Sprachausgabe der Nichtspielercharaktere auf. Im Laufe des Spiels stellt sich allerdings heraus, dass bisher nicht alle geschriebenen und gesprochenen Texte eingedeutscht wurden, was insbesondere bei Gegenständen, Fertigkeiten und Ortsnamen verwirrt und das Erfüllen von Questen erschweren kann.

EverQuest 2 #3
EverQuest 2 #3
Ab dem sechsten Level gilt es für Spieler dann, sich langsam auf den Weg zur Stadt zu machen - und sich für eine Stadt zu entscheiden sowie damit die Gesinnung endgültig festzulegen. Von Anfang an wirkt EverQuest 2 sehr kampf- und magielastig - und zur besseren Ausbalancierung machen es die Entwickler unmöglich, anderen zu helfen. Es sei denn, diese gehören zur gleichen Gruppe oder rufen um Hilfe und verzichten damit auf Erfahrungspunkte und sonstige Belohnungen. Beißt man ins virtuelle Gras, wird man an einem der zur Auswahl stehenden Orte wiederbelebt - dabei verlorene Erfahrungspunkte können wiedererlangt werden, indem der Ort des Geschehens noch einmal besucht wird, wobei - wie auch bei einigen Questen - ein eingeblendeter Wegweiser recht gute Dienste leistet.

EverQuest 2 #4
EverQuest 2 #4
Die Möglichkeiten, die sich durch die Handwerksfertigkeiten in EverQuest 2 ergeben, werden zu Beginn nur sehr dürftig erklärt - anders als etwa beim Konkurrenten Horizons, bei dem Schürfen und Gegenstandserschaffung in den Questen eine große Rolle spielt. Dennoch können Spielercharaktere einiges an Handwerksfertigkeiten erlernen und damit ein riesiges Sammelsurium an Gegenständen fertigen. Crafting-Fans werden also nicht enttäuscht, nachdem sie sich ins System eingearbeitet haben.

EverQuest 2 bietet Spielern nicht nur ein mächtiges, aber zum Teil leider auch mit zusätzlichen monatlichen Kosten zu Buche schlagendes Gildensystem, sondern auch ein enormes Maß an Questen. Mitunter kommt man sich dadurch aber - da jeder seine privaten Aufgaben zu erledigen hat - eher wie in einem Einzelspieler-Rollenspiel vor. Hier ist dann jeder Spieler selbst gefragt, seinem Charakter auch einen eben solchen zu verschaffen und sich in Chat und Tat einzubringen.

EverQuest 2 #5
EverQuest 2 #5
Ganz überzeugen konnte das Chatten in EverQuest 2 nicht - gleichzeitiges Chatten und das hektische Ausführen von Aktionen werden einem nicht einfach gemacht, was allerdings in einigen anderen Online-Rollenspielen nicht anders ist. Man muss immer erst aufs Chat-Fenster klicken, damit es wieder losgehen kann und beim Spiel sah es so aus, als ob Spieler merklich weniger miteinander chatten als in anderen Spielen.

EverQuest 2 #6
EverQuest 2 #6
Anders als bei Ryzom scheint EverQuest 2 mehr deutschsprachige Spieler anzulocken, so dass man auch nicht alleine auf den Servern herumrennt - überraschend ist das aber bei einem EverQuest-Nachfolger nicht. Damit es mal nicht zu voll wird vor lauter Spielern, gibt es von bestimmten Zonen verschiedene parallel existierende, aber mit unterschiedlichen Spielern bevölkerte Instanzen. Um zueinander zu finden, muss man sich also untereinander absprechen, wer in welche Zone geht. Trotz verschiedener Instanzen wirkt EverQuest 2 mitunter träge, da die eigenen Befehle vom Charakter erst nach ein paar Sekunden ausgeführt werden. Das Laden zwischen den vielen Zonen sorgt für einiges an Wartezeiten, was nicht jedem Spieler schmecken wird, der schnell von Ort zu Ort kommen will.

EverQuest 2 #7
EverQuest 2 #7
Grafisch ist EverQuest 2 gut gelungen: Die Welt und ihre Bewohner, Details und Effekte können überzeugen - etwa die flüssigen Animationen der Charaktere und ihrer Kleidung, die Zauber-, Licht- und Wassereffekte. Bei hoher Detailstufe fängt die Grafik allerdings auch auf sehr gut ausgestatteten PCs schnell zu ruckeln an - insbesondere wenn viel auf dem Bildschirm los ist. Die maximale Detailstufe ist für Grafikkarten gedacht, die es noch nicht gibt - empfohlen sind hierfür z.B. 512 MByte Grafikspeicher.

Allerdings gibt es durchaus auch Kritik an der Grafik: Mitunter sehen die Bewohner von Norrath wie Plastik- oder Gummipuppen aus - was besonders auffällt, wenn bei NPCs die Sprachausgabe mal nicht von Lippenbewegungen begleitet wird. Richtiggehend lästig sind die Sprechblasen der Nichtspielercharaktere, die ständig passierende Spieler anquatschen und ihnen damit unter Umständen die Sicht versperren.

EverQuest 2 #8
EverQuest 2 #8
Beim Sound gibt es nichts zu meckern, die Musik passt zum Fantasieszenario, die Soundeffekte sorgen für Atmosphäre und die größtenteils deutsche und zwischendurch englische Sprachausgabe wirkt ebenfalls gelungen. Stück für Stück lädt Sony übrigens deutschsprachige Tondateien nach, so dass im Spiel langsam das Englische verschwindet. Seit dem Start am 11. November 2004 in Europa gab es bei EverQuest 2 schon so einige Updates, so dass Neueinsteiger sich erst einmal gedulden müssen - und Modem-Nutzer einmal mehr davon Abstand nehmen sollten, Online-Rollenspiele spielen zu wollen.

EverQuest 2 #9
EverQuest 2 #9
EverQuest 2 wird in drei Versionen angeboten, die jeweils 30 Tage Spielzeit umfassen: Die CD- und DVD-Versionen für je 45,- Euro unterscheiden sich nicht und enthalten je einen Everquest-2-Sammel- sowie einen In-Game-Ausrüstungsgegenstand. Die nur in beschränkter Stückzahl angebotene "EverQuest 2 Collector'"s Edition auf DVD mit deutlich mehr Begleit-Schnickschnack führt in Deutschland nur Amazon, der Preis liegt bei 50,- Euro und ist somit günstiger als in den USA, wo sie 90,- US-Dollar kostet. Nach dem Freimonat werden monatlich 13,49 Euro fällig, diesen für Online-Rollenspiele hohen Preis bietet sonst nur das bisher in Amerika gestartete World of Warcraft. Die Bezahlung ist per Kreditkarte, Überweisung und Prepaid-Karten (für 30 und 90 Tage) möglich.

Fazit:
EverQuest 2 setzt im Online-Rollenspiel-Bereich zumindest grafisch neue Maßstäbe - unterstützt durch die Sprachausgabe wirkt die Welt recht lebendig, auch wenn die sanft animierten Bewohner gelegentlich Gummipuppen-Charme versprühen. Spielerisch scheint im Vergleich zum ersten EverQuest einiges verfeinert und besser ausbalanciert worden zu sein, vor allem das Gildensystem und die vielen Questen sind interessant. Letztendlich ist der Unterschied zu anderen Online-Rollenspielen aber hauptsächlich bei Grafik und Sound zu finden - revolutionäre Verbesserungen bietet auch EverQuest 2 bisher nicht, trotz der höheren Kosten. Wie lange das Spiel auch in Anbetracht der höheren monatlichen Kosten begeistern kann, hängt ganz davon ab, wie gut sich Sony um seine Spieler kümmert und wie wichtig einem die fehlenden Spieler-gegen-Spieler-Kämpfe sind.  (ck)


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Links zum Artikel:
Everquest 2 (.com): http://everquest2.station.sony.com
Ubi Soft: http://www.ubisoft.de

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