Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0411/34765.html    Veröffentlicht: 18.11.2004 11:51    Kurz-URL: https://glm.io/34765

Spieletest: Half-Life 2 - Die Krönung des Shooter-Genres

Fortsetzung des PC-Klassikers endlich erhältlich

Ständige Terminverschiebungen, obskure Code-Leaks, in die Irre führende Aussagen der Entwickler - Half-Life 2 entwickelte sich seit Monaten immer mehr zu einem Running Gag der Videospielgeschichte, und immer größer wurden die Befürchtungen, dass Valve die Klasse des Vorgängers wohl nie wieder erreichen würde. Allen Unkenrufen zum Trotz haben Gabe Newell und Co. nun aber tatsächlich bewiesen, was in ihnen steckt: Half-Life 2 ist das Beste, was PC-Spielern derzeit auf die Festplatte kommen kann.

Half-Life 2
Half-Life 2
Dabei verlief der Verkaufsstart am 16. November 2004 alles andere als glimpflich: Da nicht nur alle Online-Käufer, sondern auch Kunden mit einer regulären Handelsversion zunächst online einen Steam-Account bei Valve anlegen mussten, um Ihr Spiel freizuschalten, war der Andrang auf die Valve-Server immens - und wie von vielen vorhergesehen, versagte natürlich die Technik, so dass sich die Foren weltweit schnell mit enttäuschten Spielern füllten, die die Vollversion zwar installiert hatten, aber nicht starten konnten.

Screenshot #1
Screenshot #1
Hartnäckigkeit wurde allerdings belohnt: Nach einem ungewöhnlichen Installationsvorgang - Valve sparte sich den Fortschrittsbalken, so dass man beim Auslesen der DVD nicht weiß, wie weit der Vorgang bereits fortgeschritten ist - und der Enttäuschung über ein nicht vorhandenes Handbuch dauerte es noch gut eine Stunde, bis die Valve-Server auch der Golem-Redaktion Zugang gewährten. Was dann folgte, entschädigte allerdings schnell für den Installations-Frust - denn schon die ersten Minuten des Spiels sind ähnlich mitreißend wie vor Jahren das Intro des Maßstäbe setzenden Vorgängers.

Screenshot #2
Screenshot #2
Auch in Half-Life 2 übernimmt der Spieler die Rolle von Gordon Freeman - das gesamte Spiel wird wieder aus der Ego-Perspektive wahrgenommen, ein Umschalten in Zwischensequenzen in Third-Person-Sicht gibt es nicht. Die Begleitumstände sind diesmal allerdings ganz andere. Eine unbekannte, mysteriöse Macht mit Namen Combine hat auf der Erde eine Marionettenregierung eingesetzt; die City 17, in die Freeman zu Beginn mit einem Zug einfährt, gleicht unwirtlichen Schreckensszenarien nach Orwellschem Muster. Überall überwachen Kameras jede Bewegung, maskierte und bewaffnete Wachen lassen kaum einen Passanten frei herumlaufen. Von zahlreichen an den Wänden angebrachten Videobildschirmen strahlt das Gesicht eines mächtigen Führers, der seine Propaganda-Botschaften unters Volk bringt, und nur eine kleine Gruppe Aufständischer, der sich Freeman bald anschließt, leistet erbitterten Widerstand gegen das Terror-Regime.

Screenshot #3
Screenshot #3
Bereits in den ersten Spielminuten, in denen man noch über keine Waffe verfügt, spielen die Entwickler wieder das aus, was schon Teil 1 zu etwas Besonderem machte: Unzählige, aber grandios inszenierte und oftmals überraschende Skript-Sequenzen. Ist der Bahnhof verlassen, findet man sich schon bald in einem Mietshaus wieder, in dem Regierungsschergen arglose Bewohner drangsalieren. Auch Freeman sind sie schnell auf der Spur - allerdings warten hinter vielen Türen bereits Verbündete, die einem den Weg durch Notausgänge und Hintertüren aufzeigen. Ein paar Minuten später gilt es, unter Zeitdruck und unter ständigem Beschuss der Gegner über Hausdächer zu fliehen - kaum ist das Spiel begonnen, ist der Herzschlag also schon erhöht und man wird ganz Teil der Geschichte.

Screenshot #4
Screenshot #4
Im Folgenden trifft man viele bereits aus dem ersten Teil bekannte Charaktere, und auch die Waffenauswahl kommt einem bekannt vor - prinzipiell bietet Half-Life 2 ab diesem Zeitpunkt also recht klassische Ego-Shooter-Action. Abseits der Story, zu der hier nicht allzu viel verraten werden soll, gibt es aber auch spielerisch einige Überraschungen. So ist Freeman nicht die ganze Zeit zu Fuß unterwegs, sondern nimmt auch in Fahrzeugen wie beispielsweise einem Buggy Platz, deren Steuerung gewöhnungsbedürftig ist, aber schon bald viel Spaß bereitet. Abwechslungsreich sind auch die Gegner; neben bekannten Alienrassen nähern sich beispielsweise monströse Riesenspinnen.

Screenshot #5
Screenshot #5
Größtenteils ist Freeman alleine unterwegs, von Zeit zu Zeit kämpfen aber auch Mitstreiter an seiner Seite - dabei kommt es dann durchaus auch mal zu beeindruckenden Massengefechten. Die KI der Kameraden ist allerdings - ähnlich wie die der Feinde - nicht immer ganz überzeugend; viele Angreifer stürzen sich früher oder später ohnehin auf den Spieler, ausgefeilte Taktiken sind eher selten vonnöten. Auch die gelegentlichen Rätsel sowie die größeren Zwischen- und Endgegner lassen sich meist ohne mühsam zurechtgelegten Schlachtplan ausschalten.

Überhaupt ist der Schwierigkeitsgrad recht moderat; da zudem an sehr vielen Checkpoints automatisch gespeichert wird, besteht kaum die Notwendigkeit, selbst Spielstände anzulegen, was trotzdem jederzeit möglich ist. Allerdings nerven die häufigen und nicht ganz kurzen Ladepausen zwischen den jeweiligen Abschnitten.

Screenshot #6
Screenshot #6
Was Half-Life 2 so einzigartig macht, ist vor allem die Source-Engine, die einen nahezu stundenlang nicht aus dem Staunen herauskommen lässt. Was Half-Life 2 an detaillierten Texturen auffährt, ist atemberaubend - sei es ein Teppich am Boden, eine Maserung an der Wand oder auch nur eine Pfütze; alles sieht lebensecht aus. Noch beeindruckender sind allerdings die Charaktere selbst. Nicht nur, dass die Animationen alle vollkommen glaubhaft wirken, auch die im Vorfeld schon oft von Valve demonstrierten Gesichtsausdrücke sind eine wahre Augenweide. Freund und Feind sprechen nicht nur realistisch, man kann ihnen auch sämtliche Gefühle förmlich von den Lippen ablesen.

Screenshot #7
Screenshot #7
Besonderes Augenmerk wurde offensichtlich auf kleine Details gelegt - da zieht zum Beispiel ein Gesprächspartner verwundert die Augenbraue hoch. Oder man kommt bei einer Verfolgungsjagd an einer Buddelkiste vorbei, in der nur noch eine verwaiste (und natürlich aufhebbare) Spielzeugpuppe herumliegt. Diese Details sind es, die trotz massiven Scriptings die Welt lebendig machen und den Eindruck vermitteln, dass die Story von Half-Life 2 längst nicht so linear ist, wie es tatsächlich der Fall ist.

Screenshot #8
Screenshot #8
Sehr wichtig ist natürlich auch der Einsatz der Havok-Physik-Engine: Praktisch jedes Objekt, an dem man vorbeikommt, lässt sich aufheben und durch die Gegend werfen; Kisten und Ähnliches gehorchen der Schwerkraft und fallen um, wenn man gegen sie läuft - und zwar nicht so übertrieben weit wie es beispielsweise bei Max Payne 2 der Fall war, sondern durchaus realistisch. Besonders lustig wird es, sobald man die Gravity Gun besitzt: Dann können auch weiter entfernte Dinge mit einem Traktionsstrahl aufgehoben und den Gegnern entgegengeschleudert werden.

Screenshot #9
Screenshot #9
Die Solo-Kampagne ist - je nachdem, wie schnell man die Level durchquert - für etwa 15 bis 20 Stunden Spielspaß gut. Im späteren Verlauf bleibt die Geschichte übrigens spannend, stellenweise wird es allerdings schwierig, den Überblick zu behalten. Es ist ein wenig wie beim zweiten Film der Matrix-Trilogie: Viele Dinge werden aufgegriffen, ohne dass sie zu Ende geführt werden; längst nicht alles wird aufgeklärt.

Screenshot #10
Screenshot #10
Half-Life 2 selbst hat keinen eigenen Multiplayer-Modus zu bieten; zum Lieferumfang des Spiels gehört aber Counterstrike Source, eine Neuauflage des populären Taktik-Shooters. Zum Testen dieser neuen Version blieb bisher leider zu wenig Zeit, nach einem ersten Spieleindruck kann aber gesagt werden, dass sich nicht viel verändert hat - die größtenteils bekannten Maps sehen dank Source-Engine jetzt zwar deutlich besser aus, spielen sich aber kaum anders.

Screenshot #11
Screenshot #11
Half-Life 2 ist seit dem 16. November 2004 für den PC im Handel oder online per Steam - teils mit mehr Spielebeigaben - zu beziehen. Wer die unglaubliche Grafik in voller Pracht genießen will, sollte allerdings deutlich mehr in seinem PC zu stecken haben als die vom Hersteller genannten Mindestanforderungen von einem 1,2-GHz-Prozessor und den 256 MByte RAM. Achtung: Auf Grund der Zwangsregistrierung ist eine Internetanbindung ZWINGEND notwendig, um Half-Life 2 aktivieren und somit auch spielen zu können.

Fazit:
Wer meckern will, findet durchaus kritikwürdige Punkte an Half-Life 2: Die inhaltlichen Unterschiede zum Vorgänger sind nicht wirklich groß, die KI ist verbesserungswürdig, und die Außenareale werden oft künstlich beschränkt und eingeengt, so dass kein wirkliches Gefühl vollkommen freier Bewegung entsteht. Hinzu kommt die Zwangsaktivierung via Steam. Davon abgesehen ist dieses Spiel aber die ultimative Action-Herausforderung für den PC schlechthin - hinsichtlich der Atmosphäre können hier nur wenig Spiele mithalten, und rein grafisch gab es am PC noch nichts Glaubwürdigeres zu sehen. Half-Life 2 ist ein lupenreiner Hit - und ein Action-Erlebnis, das wie schon der erste Teil Maßstäbe setzen wird.  (tw)


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Links zum Artikel:
Half-Life 2 (.com): http://half-life2.com/
Steam (.com): http://www.steampowered.com
Valve (.com): http://www.valvesoftware.com/
Valve - Source-Engine (.com): http://www.valvesoftware.com/sourcelicense/

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