Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0411/34683.html    Veröffentlicht: 12.11.2004 18:05    Kurz-URL: https://glm.io/34683

Deutsche Spieleentwickler wehren sich gegen PC Games

Spielemagazin rief Petition gegen "Sondersteuer auf Computerspiele" aus

In dieser Woche startete die PC Games eine vielerseits eher negativ angekommene Online-Unterschriftenaktion gegen eine vom Bundesverband der Spieleentwickler (GAME) geplante "Sondersteuer auf Computerspiele", die vor allem den Einzelhandel und somit auch den Kunden belasten würde. GAME wies dies energisch zurück - es gehe lediglich um Fördermittel für die deutsche Spieleentwickler-Landschaft, die gemessen am Spielepreis kaum auffallen würden.

Der von der PC Games angesprochene Förderantrag sei bereits sechs Monate vor der Gründung von GAME von über 40 Entwicklervertretern auf der Games Convention 2003 in Leipzig unterschrieben worden. In dem Förderantrag ist von einer zwei- bis dreiprozentigen Abgabe - gemessen am Verkaufspreis eines Computerspiels - die Rede, die zusammengeführt und dann für Spielentwicklungen in Deutschland eingesetzt werden soll.

Die Höhe der Abgabe soll so bemessen sein, dass für alle Branchenbeteiligten und Endkunden keine "wesentliche Mehrbelastung" entstehe. Realistisch zu nennen wäre zurzeit ein Anteil von unter 2 Prozent, wahrscheinlich eher um 1 Prozent des Verkaufspreises, was bei einem Vollpreistitel von 49,95 Euro ein Betrag von etwa 50 Cent wäre, heißt es seitens GAME. "Von einer dramatischen Verteuerung kann also beileibe keine Rede sein. Wir gehen begründetermaßen davon aus, dass der Verbraucher diese Veränderungen nicht spüren wird", so der Verband in einer Stellungnahme.

"Ein Großteil der Videospiele wird zu einem Preis von 39,99 Euro, 49,99 Euro oder 59,99 Euro an die Verbraucher verkauft. Diese Preise gelten allgemein als besonders attraktiv und gewährleisten einen höheren Umsatz. Eine Erhöhung der Preise um 1 bis 2 Euro würde in vielen Fällen zur Überschreitung einer psychologisch wichtigen Schwelle und damit zu einem weitaus unattraktiveren Preis führen, der Umsatz würde entsprechend sinken", so EA, Konami, Microsoft, Nintendo, THQ und Ubi Soft in einer Stellungnahme vom 10. Oktober 2004.

Nach Ansicht des GAME sei eine Anhebung der Endkundenpreise gerade deshalb eher unwahrscheinlich. Letztlich trage entweder der Händler oder - durch Preisdruck des Händlers - der Publisher die Sonderabgabe. Genau dies soll ein wichtiger Streitpunkt im dahingeschiedenen Branchenverband VUD gewesen sein - denn die Publisher sind meist US-Unternehmen mit geringem Interesse an einer Förderung deutscher Entwickler.

Staatliche Unterstützung existiert in verschiedenen Formen auch für Entwickler in England, Frankreich, Kanada, den USA, Korea, Japan und jetzt auch China. Im Falle einer Realisierung würde die Vergabe von Fördermitteln durch ein paritätisch besetztes Gremium erfolgen. In einem gemeinsamen Prozess sollen dann unter anderem Entwickler, Publisher und weitere Branchenvertreter über die Mittelverwendung entscheiden. Die Prototypenförderung würde dabei nur einen Bereich darstellen, die Schwerpunkte Ausbildung und Referenzprodukte sollen ebenfalls gefördert werden.

"Davon können also auch deutsche Topproduktionen wie Gothic, Sacred und FarCry profitieren. Ebenso ist es denkbar, weitere Bereiche wie z.B. den E-Sport zu unterstützen. So ähnlich wird es seit über 40 Jahren bei Filmen ebenfalls gehandhabt - von jeder Kinokarte gehen ca 2,7 Prozent an die deutsche Filmförderung (FFA), die diese Gelder wiederum an deutsche Filmproduzenten weitergibt", so GAME. Die Filmförderung ist zwar ein nicht unumstrittenes Beispiel, doch würde die deutsche Filmszene ohne sie vermutlich deutlich schlechter dastehen.

GAME weist in seiner Stellungnahme auf die PC-Games-Petition darauf hin, dass es darum gehe, das Thema Computerspiele aus Deutschland dem politischen Raum nahe zu bringen sowie eine Diskussion über eine Förderung der Entwicklung von Computerspielen in Gang zu setzen. "Denkbar wären verschiedene Modelle, wobei die diskutierte Abgabe nur eine Möglichkeit ist. Wird eine Abgabe mit einer Verringerung der Umsatzsteuer gekoppelt, so ist es z.B. denkbar, dass Computerspiele für den Endkunden dadurch sogar billiger werden können." Man sei allen Branchenvertretern gegenüber gesprächsbereit und habe dies in teilweise langen zurückliegenden Kontaktaufnahmeversuchen mehr als einmal deutlich gemacht.

Deutschland ist laut GAME international gesehen ein reiner Absatzmarkt, hierbei mit ca. 1,7 Milliarden Euro Umsatz aber einer der größten der Welt. Dieser Markt werde zu 95 Prozent durch internationale Titel bestimmt, die entsprechenden Umsätze aus der Wertschöpfung würden daher ins Ausland fließen und dort re-investiert.

"Schon jetzt sind unsere Chancen, einen Titel zu produzieren, der internationalen Ansprüchen gerecht wird, gering. Ein international entwickelter Vollpreistitel hat Etats zwischen 2 und 20 Millionen Euro zur Verfügung; außer Spielen wie etwa Siedler und Far Cry haben nur wenige deutsche Titel des letzten Jahres die 2-Millionen-Euro-Grenze bei den Entwicklungskosten überschritten. Ohne eine Förderung werden es aus Deutschland in absehbarer Zeit nur mehr sehr wenige Studios schaffen, Titel international zu platzieren. Allein die Hürde für PS3, XBOX2 etc. zu entwickeln, sind so hoch, dass kaum ein deutsches Studio derzeit ein entsprechendes Approval besitzt", klagt GAME. Dass Deutschland eine Industrienation ohne nennenswerte eigene Spieleproduktion ist, sei daher nur für Importeure ideal.

"Die PC Games hat es ja selbst aufgezählt, und sich damit auch schon selbst entblößt: Die Liste der 'tollen' Titel aus Deutschland beschränkt sich laut PC Games auf Far Cry, Gothic und X. Weitere Titel wie Anno oder Siedler, vielleicht auch Spellforce, welche hier zwar gut verkauft haben, international aber weniger erfolgreich abschnitten. Im selben Zeitraum kamen jedoch aus europäischen Nachbarländern nicht 3 oder 4 Topseller, sondern schon eher 30 oder 40! Nicht nur zufälligerweise gibt es in den entsprechenden Ländern eine staatliche Entwicklungsförderung", so der Entwicklerverband. Es gehe darum, dass mehr Spiele in Deutschland produziert werden - dies allein sei der Sinn der Überlegungen und davon würde letztlich der gesamte Wirtschaftsstandort Deutschlands profitieren.

Die PC-Games-Petition, die laut GAME seit der Veröffentlichung mehrfach entschärft und umformuliert wurde, würde hingegen Spieler - ohne vorherigem Dialog mit GAME - mit Horrormeldungen und Polemiken über deutsche Produkte und erhebliche Verteuerungen nur gegen den Entwicklerverband und diese Förderinitiative aufbringen. Ideen auch seitens Spielern wolle GAME Gehör schenken, heißt es in der Stellungnahme des Verbands, zumal man die eigenen Spiele "nicht für die PC Games, sondern für Gamer" entwickle.  (ck)


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Links zum Artikel:
GAME - Bundesverband der Entwickler von Computerspielen: http://www.game-bundesverband.de
PC-Games - Protest: keine Sondersteuer auf Computerspiele!: http://www.pcgames.de/index.cfm?article_id=336540

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