Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0408/33155.html    Veröffentlicht: 26.08.2004 11:20    Kurz-URL: https://glm.io/33155

Interview: Warum gerade Knoppix?

Golem.de sprach mit Klaus Knopper nicht nur über seine Linux-Live-CD Knoppix

Kurz nach der Veröffentlichung von Knoppix 3.6 sprach Golem.de auf der KDE-Konferenz aKademy mit Klaus Knopper nicht nur über seine Linux-Live-CD "Knoppix", deren Entwicklung und geplante Neuerungen. Auch Debian, auf dem Knoppix basiert, der Desktop KDE und die Möglichkeiten, eigene Knoppix-Varianten zu erstellen, kamen zur Sprache.

Golem.de: Vor vielen Jahren begannen u.a. SuSE, so genannte Live-CDs ihren Distributionen beizulegen. Diese konnten sich nie durchsetzen. Auf den ersten Blick greift Knoppix diese Idee Jahre später wieder auf und feiert große Erfolge?

Knopper: Dass sich die Live- oder Evaluations-CDs diverser Distributoren gar nicht durchsetzen, kann man sicher nicht sagen. Bei den meisten davon ist das erklärte Ziel der Live-CD, dass ein Interessent sich einen Überblick verschaffen kann, wie das "Look&Feel" der jeweiligen Distribution ist und wie die Installation aussieht, wenn er das "richtige" Produkt kaufen und installieren würde.

Klaus Knopper nach seinem Vortrag 'Knoppix selbermachen'
Klaus Knopper nach seinem Vortrag 'Knoppix selbermachen'
Die Intention bei Knoppix war eine andere: Hier sollte ein Betriebssystem mit Anwendungen auf einer CD untergebracht werden, das sich zum "normalen" Arbeiten eignet und das möglichst wenig Interaktion in der Konfigurationsphase benötigt, um z.B. bei Kursen schnell mit dem eigentlichen Kursinhalt loslegen zu können, ohne sich als Kursleiter oder -teilnehmer erst Gedanken um die "optimale" Konfiguration machen zu müssen. Die Softwareauswahl entspricht dem, was man sowohl als Desktop-Anwender (Office- und Internet-Anwendungen) als auch als Entwickler (Programmiersprachen, Entwicklungsumgebungen, Systemdokumentation) und als Administrator (Rescue- und Security-Tools) braucht und ist nicht nur eine "Demo". Vielleicht finden viele die Knoppix in ihrer Softwareauswahl eben wegen dieser Vielfalt verschiedener Programmpakete nützlich.

Golem.de: Inzwischen scheint es angepasste Knoppix-Versionen für alle Lebensbereiche zu geben: Neben einer CD speziell für Funkamateure gibt es eine taiwanesische Sprachversion, auch eine 'Knoppix' zum Aufbau eines Open-Mosix-Clusters wurde veröffentlicht. Welche auf Knoppix basierenden Versionen beeindrucken Sie persönlich am meisten?

Knopper: Vor allem landesspezifische Anpassungen mit gut übersetzter Benutzerführung sowie Versionen, die sich auch für Unterricht und Unterhaltung eignen, finde ich besonders interessant, da sie die Benutzer nicht nur auf einfache Weise mit freier Software in Kontakt bringen, sondern auch einen Einblick in die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit freier Software geben und zeigen, wie kreativ Entwickler mit den Nutzern der Software zusammenarbeiten. Für den Lehr- und Forschungsbereich sind vor allem Derivate wie Quantian interessant, die eine portable Mess- und Datenauswertungsstation auf einer CD realisieren, oder Freeduc, das Lernsoftware für Kinder enthält.

Faszinierend sind auch die Versuche, das Knoppix-Prinzip der nicht interaktiven Hardwareerkennung und -konfiguration auf andere Hardwareplattformen zu übertragen, oder besonders "kleine" Derivate, wie etwa auf USB-Sticks oder Flash-Karten.

Es ist für mich faszinierend zu sehen, wie gewisse Dinge eine Eigendynamik entwickeln. So gibt es mittlerweile etliche Knoppix-Versionen in Japanisch, Portugiesisch, Polnisch usw. sowie Bücher über Knoppix in verschiedenen Sprachen. Ich denke, diese sehr dynamische Entwicklung mit vielen Code Forks ist für freie Software charakteristisch und es erleichtert natürlich auch meine Arbeit, dass viele Dokumentationen und Erweiterungen, die mir von Knoppix-Anwendern zugetragen werden, in das Projekt mit einfließen können.

Golem.de: Sie entschieden sich für KDE als Desktop. Wo sehen Sie die Vorteile KDEs für Knoppix?

Knopper: Auf Knoppix sind diverse Desktop-Systeme per Bootoption wählbar, neben KDE z.B. auch xfce oder fluxbox, welche auch auf Rechnern mit wenig RAM und CPU-Power noch ein Arbeiten in der grafischen Umgebung ermöglichen. KDE hatte in der frühen Entwicklungsphase von Knoppix einige Features, die bezüglich Desktop-Ergonomie und Automatisierung der Desktop-Einrichtung besonders hilfreich waren und ist heute eines der ausgereiftesten und effizientesten Desktop-Systeme überhaupt. Trotzdem ist der Ressourcenverbrauch von KDE recht gering, so dass es auch auf älteren Rechnern, wenn auch mit weniger "Special Effects", noch in akzeptabler Geschwindigkeit einsetzbar ist.

Golem.de: Ist die Entwicklung von Knoppix ein Fulltime-Job?

Knopper: Hin und wieder ist es ein Fulltime-Job, wenn Aufträge zum Customizing oder einfach interessante neue Entwicklungen zur Integration in Knoppix anstehen. Es gibt jedoch auch durchaus "Ruhephasen", in denen außer gelegentlichen Updates an der Hardwareerkennung nicht viel passiert, wenn ich oder meine Kollegen mit anderen Aufträgen beschäftigt sind.

Golem.de: Wovon lebt Ihr Unternehmen?

Knopper: Ich lebe, wie die meisten Unternehmen aus dem Open-Source-Bereich, grundsätzlich von Beratung, Schulungen und IT-Dienstleistungen wie Systemsoftwareanpassung oder Migrationshilfen. Wie viele Personen an Knoppix beteiligt sind, lässt sich schwer abschätzen, denn die meiste Arbeit an der installierten Software stammt von den Entwicklern der einzelnen Softwarepakete, die auf der Knoppix-CD verwendet werden und natürlich von den Debian-Paketmaintainern.

Golem.de: Wie viele Personen entwickeln maßgeblich an Knoppix?

Knopper: An Knoppix-spezifischen Features arbeiten derzeit ca. vier bis fünf Leute aktiv mit, aber es gibt auch sporadische Contributions aus der Community, die unter Nennung des Autors in die Pakete einfließen. Ich selbst programmiere vor allem an den skriptbasierten Features, am Kernel-Modul cloop und den diversen Problemlösungen im Zusammenhang mit dem nicht schreibbaren Basismedium, von dem das System gestartet wird. Zudem mache ich die Qualitätskontrolle und Projektleitung bei der öffentlichen Download-Version, die als Basis für etliche Derivate dient.

Golem.de: Knoppix basiert auf Debian, was zwar als stabil, nicht aber als sehr aktuell bekannt ist. Knoppix erscheint im Vergleich viel häufiger als eine neue Debian-Version, warum dann gerade Debian?

Knopper: Der Grund, von RPM-basierten Systemen zu Debian zu wechseln, war die damals unter Debian schon wesentlich ausgereiftere Softwareverwaltung. Bei den meisten RPM-basierten Distributionen musste bei jedem Update der Basis-Distribution das ganze System quasi "from scratch" neu aufgesetzt werden. Bei Debian hingegen laufen auch größere Updates ohne Probleme und Konfigurationsdateien werden teilweise sogar automatisch auf die neuere Syntax angepasst. Bei Debian ist die Aktualisierung der Software generell sehr sicher und komfortabel gelöst durch die apt-Tools.

Das Problem mit "stabiler, aber alter" Software - man kann in diesem Zusammenhang teilweise fast schon von einem "Softwaremuseum" des "stable"-Zweigs von Debian sprechen - wird bei Knoppix so gelöst, dass die meisten Desktop-Komponenten aus dem "unstable"-Zweig stammen, die Basiskomponenten sowie Server aber aus dem länger getesteten "testing"- oder "stable"-Zweig. So ist Knoppix eine Mischung aus stabiler Basis und dennoch aktueller Desktop-Software. Einige Pakete werden auch speziell für Knoppix gebaut oder zusammengestellt, wenn sie noch nicht auf den Debian-Mirrors vorhanden sind.

Golem.de: Welches Vorwissen und welche Voraussetzungen sollte man mitbringen, wenn man seine eigene angepasste Version erstellen möchte?

Knopper: Hierfür sind solide Unix/Linux-Grundlagen und Kenntnisse der Dateisystemstruktur sowie Shell-Skripting wichtig. Einige HOWTOs, die den Remastering-Prozess im Detail beschreiben, sind unter knoppix.net zu finden. Einige Remastering-Optionen sind, da sie häufig zum Einsatz kommen, auch auf einfachere Art und Weise über Dateien im unkomprimierten CD-Bereich lösbar, z.B. das Austauschen des Hintergrundbildes, automatischer Start bestimmter Dienste beim Hochfahren oder das Hinzufügen von Kursmaterialien mit Autostart eines Web-Browsers.

Golem.de: Auf welche neuen Features darf man sich bei der nächsten Version freuen?

Knopper: Derzeit sind neue Konfigurationstools für ISDN, Modem und Firewall in Arbeit. Ansonsten werden natürlich immer dann sporadisch neue Features eingebaut, wenn sich wieder etwas Neues und Interessantes in der Freie-Software-Welt tut, das getestet und ausprobiert werden möchte.

[Das Interview führte Michael Renner]  (ji)


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Links zum Artikel:
Knopper (.net): http://www.knopper.net/
Knoppix (.org): http://www.knoppix.org

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