Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0408/33153.html    Veröffentlicht: 25.08.2004 11:48    Kurz-URL: https://glm.io/33153

Interview: Accessibility - Wie barrierefrei sind KDE & Co.?

Golem.de im Gespräch mit Lars Stetten

Am 23. August 2004 fand im Rahmen des KDE-Entwicklertreffens in Ludwigsburg das "Unix Accessibility Forum" statt, das sich mit den Möglichkeiten für Behinderte, unter Unix zu arbeiten, befasst. Golem.de sprach am Rande der Konferenz mit Lars Stetten, einem sehbehinderten Informatikstudenten aus Gießen, der sich seit Jahren mit der Nutzbarkeit von Linux- und Unix-Desktops für Sehbehinderte beschäftigt, über die aktuelle Situation sowie dringend notwendige Verbesserungen in diesem Bereich.

Golem.de: Herr Stetten, wie beurteilen Sie die Situation für Behinderte am Computer?

Lars Stetten: Unter Linux ist die Situation schlicht katastrophal! Zwar bringt der SuSE-Installationskernel seit Jahren Unterstützung für die Braille-Zeile mit, doch damit alleine kann man ohne weitergehende Unterstützung der grafischen Anwendungen nicht viel anfangen.

Golem.de: Ist denn die Unterstützung unter Windows besser?

Stetten: Der Markt für behindertengerechte Software ist sehr klein, doch es gibt durchaus Anbieter. Jedoch sind diese Programme teuer und die Krankenkassen zahlen seit einiger Zeit in der Regel nur noch die billigsten Lösungen, welche oft nicht einwandfrei funktionieren und durchaus auch mal abstürzen.

Golem.de: Können Sie das genauer erläutern?

Stetten: Diese Programme greifen meist unflexibel zwischen den einzelnen Treiberschichten ein und funktionieren deswegen nur in bestimmten Konfigurationen. Es gibt beispielsweise eine Software, welche die Tastatureingaben abgreift, um diese Eingaben vorzuverarbeiten. Diese Software ist jedoch fest auf ein deutsches Tastaturlayout festgelegt. Die Verwendung einer anderen Tastatur, z.B. einer mit US-Layout, ist deswegen nicht möglich bzw. zwingt zum Neukauf einer angepassten Software. Zwar kann ich eine US-Tastatur anschließen und mein Windows auch dazu bringen, diese auf dem Desktop richtig anzusprechen, doch ist damit die Unterstützung für Sehbehinderte ausgehebelt.

Ein anderes Beispiel aus der Windows-Welt: Eine Software-Lupe, die vergrößerte Bildschirmbereiche anzeigt, führt zu Problemen mit dem Compiler, vor allem wenn es gilt, OpenGL-Sourcecode zu übersetzen. Das macht die Fehlersuche nicht gerade einfacher! Wer sucht bei Fehlern beim Kompiler-Lauf schon nach Hintergrundprogrammen zum Zoomen des Bildschirminhaltes?

Abschließend möchte ich noch die Sprachsynthese-Software erwähnen, die zwar in der Lage ist, die Menüeinträge des Browsers vorzulesen, bei den Seiteninhalten selbst jedoch stumm bleibt!

Golem.de: Wir sprachen bisher nur über Sehbehinderungen. Wie sieht es mit anderen Behinderungen aus?

Stetten: Die häufigsten Behinderungen sind durchaus Sehbehinderungen, deswegen gibt es in diesem Bereich auch die meisten Hilfsmittel. Ich weiß, dass es für motorische Behinderungen Eye- und sogar Headtracker gibt. Damit ist eine Maussteuerung oder gar Texteingabe sehr zuverlässig möglich.



Golem.de: Kann man generell sagen, dass Sehbehinderte ohne spezielle Hardware auskommen?

Stetten: Im Großen und Ganzen trifft das für Sehschwache im Gegensatz zu Blinden zu. Beim Gnome-Projekt ist die Unterstützung für Sehbehinderte zum Teil in die Applikation direkt eingebaut. Besonders gut gelungen ist gnopernicus. Es bietet Sprachsynthese, Unterstützung für die Braille-Zeile und auch Vergrößerung für Bildschirmausschnitte. Dank Harald Fernengel von Trolltech wird in der kommenden Qt-4.0-Version erstmal entsprechende Unterstützung auf Basis des Toolkits enthalten sein. Wie diese Klassen von den Entwicklern der Applikationen genutzt werden, ist die spannende Frage für zukünftige KDE-Versionen auf Basis von Qt 4. Da hier die gleiche API wie bei Gnome zum Einsatz kommt, wird es zwischen einer KDE und einer GTK-Applikation aus Sicht der Accessibility keinen Unterschied geben.

KDE verfügt mit KMouth, KMouseTool und KMagnifier zurzeit nur über drei Hilfsprogramme für Behinderte. Damit wird die audiovisuelle Ausgabe unterstützt sowie die Maussteuerung für Anwender mit motorischen Problemen zuverlässiger gehandhabt. KMagnifier schließlich ist eine Software-Lupe zur Vergrößerung von Bildschirmbereichen.

Golem.de: Aber gerade bei Alpha-Blending oder hardwarebeschleunigten Anwendungen wird eine Softwarelupe kaum funktionieren, da die Software ja nicht wissen kann, was die Grafikkarte berechnet.

Stetten: Das ist richtig, OpenGL-Ausgaben lassen sich mit solchen Lösungen nicht vergrößern. Aber speziell für die Benutzung von Videoplayern wie xine oder mplayer bietet sich eine einfache Lösung ganz ohne Installationsaufwand an: Gerade unter X ist es einfach, die Bildschirmauflösung zu verändern. Filme lassen sich hervorragend ansehen, wenn die Auflösung nur 320 x 240 beträgt. Dazu wird keine besondere Software benötigt.

[Das Interview führte Michael Renner]  (ji)


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Links zum Artikel:
KDE Accessibility Project (.org): http://accessibility.kde.org/

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