Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0408/33051.html    Veröffentlicht: 23.08.2004 11:31    Kurz-URL: https://glm.io/33051

Interview: Quanta, der bessere Dreamweaver?

Golem.de im Gespräch mit Quanta- und Kommander-Entwickler Eric Laffoon

Mit Quanta verfügt KDE über einen mittlerweile recht mächtigen Web-Editor, dessen Entwicklung gerade in der letzten Zeit an Fahrt gewann und kommerziellen Konkurrenten wie Dreamweaver zeigen soll, wie Innovationen im Bereich Web-Design aussehen. Im Vorfeld der KDE-Konferenz aKademy sprach Golem.de mit Quanta-Projekt-Leiter Eric Laffoon über die Neuerungen der aktuellen Quanta-Version sowie die Zukunft der Software.

Golem.de: Neben Kommander arbeiten Sie auch am Web-Editor Quanta, der zu einem ernsthaften Konkurrenten für kommerzielle Werkzeuge wie beispielsweise Macromedias Dreamweaver werden soll. Worin liegt der Unterscheid zwischen Quanta und Dreamweaver?

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Eric Laffoon: Ich benutze Dreamweaver nicht. Aber meine Nutzer, die zuvor Dreamweaver verwendet haben, beschreiben die Sache so: "Die Entwickler haben wirklich gute Arbeite geleistet. Ich sehe absolut keinen Grund, wieder auf Dreamweaver zurückzugreifen" (Zitat Benjamin Stocker, Anm. d. Red.) Und von diesen Zitaten gibt es reichlich. Quanta will aber nicht zu einem ernsthaften Konkurrenten für Dreamweaver werden; Quanta zielt darauf ab, Macromedia zu zeigen, was echte Produktinnovationen sind und einen Umstieg von Windows auf KDE im Jahr 2005 einleiten.

Aber um fair zu sein und ihre Frage zu beantworten: Es hängt wirklich davon ab, was man im Bereich Web-Entwicklung macht. Wenn man viel mit Grafik-Design und speziell Flash zu tun hat, wird man wohl an Dreamweaver hängen bleiben, keine Frage. Dies wird sich aber in den kommenden Monaten in KDE verbessern und Quanta wird dank der Unterstützung von KParts davon profitieren.

Aber, und das steht auch außer Zweifel, wer viel mit PHP arbeitet, wird wohl Quanta bevorzugen. Das gilt auch für diejenigen, die sicherstellen wollen, dass ihr Markup XML-konform ist.



Golem.de: Es ist also durchaus möglich, Dreamweaver durch Quanta zu ersetzen?

Eric Laffoon: Allgemein sind Dreamweaver-Nutzer nach meiner Erfahrung sehr zufrieden mit dem, was Quanta ihnen bietet. Es deckt das meiste ab, was sich mit Dreamweaver anstellen lässt, erlaubt aber auch zahlreiche Dinge, die mit Dreamweaver nicht möglich sind. Ich würde sagen, Dreamweavers WYSIWYG-Unterstützung ist besser als unser Visual Page Layout (VPL). Wir haben aber viele Entwickler, die in den nächsten zwölf Monaten ernsthaft daran arbeiten werden. Es ist jetzt in der zweiten Version schon viel besser und durchaus für den produktiven Einsatz geeignet. Die dritte Version wird aber mit Dingen aufwarten, die kommerzielle Programme nicht bieten und diese so ausstechen. Quanta ist auf Grund seiner Architektur, die vollständig konfigurierbar und Parser-getrieben ist, sehr mächtig.

Es gibt Bereiche, in denen ich Dreamweaver für sehr schwach halte. Die Projekt-Funktionen zur gemeinsamen Arbeit mehrerer Web-Designer an einem Projekt sind bestenfalls unausgegoren, es gibt kein echtes Projektmanagement aus der Management-Perspektive in der Software und es gibt auch nahezu keine Innovationen, was das Interface-Design von Websites betrifft. Wir nehmen uns all diese Punkte vor, um Quanta zum virtuellen Sieger bei ernsthaften Entwicklern und Unternehmen zu machen.

Golem.de: Wie steht es denn konkret um Projektmanagement-Funktionen in Quanta?

Eric Laffoon: Die Projekt-Funktionen wurden deutlich verbessert, einschließlich mehrerer Upload-Profile, CVS-Integration und der Schlüsselfunktion "Project Event Actions". Diese Event Actions erlauben es, Scripte ablaufen zu lassen, wenn bestimmte Dinge mit Projekten, Dateien oder Dateiübertragungen passieren. So können E-Mails versendet und CVS-Aktionen oder auch Scripte ausgeführt werden. In künftigen Versionen werden wir das aber weiter ausbauen. Eine der geplanten Erweiterungen wird sich um ein System für Anmerkungen und Messaging drehen, das XML-Dateien im Repository nutzt.

Team-Projekte erlauben es, Rollen und Aufgaben zu verteilen und markieren einen Einstieg in zwei weitere Funktionen: Projekt-Management- und Interface-Personalities. Wenn wir das weiter ausbauen, wird es möglich sein, interaktiv zu beeinflussen, wer was sehen darf. Wir würden auch gern einige Funktionen aus KOrganizer einbinden. Das Potenzial einer Web-Entwicklungsplattform in einer Test-Umgebung, aber auch auf Systemen im produktiven Einsatz ist unbegrenzt.

Die "Interface-Personalities" werden dabei als eine Art Applikationskiosk-Modus funktionieren. Nutzer können festlegen, was bei welcher Aufgabe angezeigt werden soll, aber ein Projekt-Manager kann festlegen, wer eine Datei betrachten oder verändern darf. Es wird dabei verschiedene Methoden geben, um ein Projekt zu verwalten, derzeit funktioniert CVS aber sehr gut. Auf Basis des existierenden Codes könnte aber auch jemand alternative Methoden implementieren.



Golem.de: Wie wird sich das künftig weiterentwickeln?

Eric Laffoon: Derzeit arbeiten wir an einem neuen Interface, das eine ganzheitliche Arbeit mit Projekten ermöglicht. Projekte sind Gruppen von Dateien, Layouts, Prozessen oder anderen. Derzeit konzentriert sich die Entwicklung auf reines visuelles HTML- oder Datei- und Seiten-Design, ein wirklich logisches und praktischen Interface für das Site-Design gibt es nicht. Darüber hinaus besteht die Web-Entwicklung oft aus immer wiederkehrenden Arbeiten - rund 40 Prozent - und das sorgt für viele Fehler und Kopfschmerzen. Über eine Weiterentwicklung des eigentlichen Designs wird nicht nachgedacht.

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Sicherlich, Leute schreiben Objekte in PHP und Java und wir versuchen, Frameworks oder anderen Code zu nutzen, der sich nie wirklich gut integrieren lässt. Wer hat schon die Zeit, ein funktionierendes Objekt-System zu entwickeln? Nach meiner Ansicht liegt das Problem darin, dass kein Entwickler eines Design-Werkzeuges den Willen hat, sich darum zu kümmern.

Dreamweaver unterstützt angeblich dynamische Templates, was aber eher ein schwacher Work-Around für die statische Limitierung von HTML ist. Uns war es die Arbeit nie Wert, aber es ist etwas dran. Wir werden wohl den Ansatz von austauschbarem, in Templates eingebettetem Text wählen.

Golem.de: Wie soll das aber in der konkreten Umsetzung und Anwendung aussehen?

Eric Laffoon: So genannte "Rapid Object Oriented Templates" werden ein neues Interface im Umgang mit einer Site bieten. Arbeitet man damit, wird man sich auf die einzelnen Komponenten konzentrieren - das wird einen neuen Blick auf die Dinge eröffnen.

In einer einfachen Webseite würde man beispielsweise ein Page-Container-Objekt haben, das die Hauptseite darstellt, auf der die Elemente versammelt sind. Man kann dann Methoden für dieses Objekt festlegen. Angenommen, man hat ein Element auf der Seite, das etwas im Kopf des Dokuments benötigt: Fügt man dieses Objekt in den Page-Container hinzu, wird geprüft, ob die notwendigen Voraussetzungen gegeben sind und - sofern dies nicht der Fall ist - werden diese geschaffen und die eingefügten Teile als zu diesem Objekt zugehörig markiert.

Wir werden aKademy nutzen, um an diesem Interface und den entsprechenden Methoden zu arbeiten. Was cool dabei ist: Wir werden Kommander für die Interface-Dialoge wie auch für das eingebettete KPart nutzen, das ein spezielles Widget ist. Zudem werden wir auf Quantas neue Event-Actions zurückgreifen und so alles verbinden.



Golem.de: Quanta hat ein neues, integriertes Debugging-Interface, das derzeit aber nur den PHP-Debugger Gubed unterstützt. Ist geplant, auch andere PHP-Debugger wie DBG oder Xdebug zu integrieren? Wie steht es um andere in der Entwicklung von Web-Applikationen genutzte Sprachen?

Eric Laffoon: Das Debugging-Interface soll eigentlich sehr generisch sein und das Design ist auch so angelegt. Wir hatten aber einfach nur Zeit, uns um Gubed zu kümmern. Gubed wurde von Linus McCabe entwickelt, der auch den größten Teil der Schnittstelle geschrieben hat. Xdebug verhält sich etwas anders, wird aber wahrscheinlich von einigen Änderungen profitieren, die wir vorgenommen haben.

DBG haben wir ursprünglich als Debugger benutzt. Allerdings wird DBG kommerziell in Hinblick auf ein anderes Tool entwickelt und ich war der Meinung, es ist auf die Nutzung mit PHP beschränkt. Vermutlich ist es mittlerweile aber besser und wir werden DBG integrieren können. Etwas hat sich in dieser Hinsicht auch schon getan.

Uns wurde zudem der Python-Debugger angeboten, der auch im Datenbank-Frontend Rekall zum Einsatz kommt und wir werden uns das wohl bald vorknöpfen. Ich bin offen für jeden Sprach-Debugger, der nützlich ist. Das Ganze ist so angelegt, dass diese als Plugins hinzugefügt werden können. Das heißt aber auch, dass wir Leuten helfen, ihre Debugger zu integrieren, aber nicht ihre Arbeit machen werden. Wir haben schließlich schon eine Menge zu tun.

Golem.de: Die neue Version von Quanta verfügt über ein neues CSS-Dialog-System. Was dürfen Entwickler davon erwarten?

Eric Laffoon: Eigentlich wurde dies mit Quanta 3.2 als Ersatz für den langweiligen Write-Only-Dialog aus der Version 3.1 eingeführt. Nur er war auf der Werkzeugleiste "Other" gut versteckt. Das war als versuchte man, durch eine Nadel zu trinken, nicht sehr befriedigend.

In Quanta 3.3 wurden die Basis-Dialoge verbessert. Das System wurde von einem italienischen Entwickler gestrickt, der großartige Arbeit geleistet hat. Es basiert auf XML, so dass es leicht um neue CSS-Informationen erweitert werden kann, wenn neue Standards verabschiedet werden.

Die größte Änderung in der Version 3.3 war es, dieses System zugänglich zu machen und uns von den Resten der alten an HTML 3.2 orientierten Toolbars zu trennen. Jetzt hat man direkten Zugriff auf das Style-Editing, sowohl aus einem externen Style Sheet, aus den Style-Tags im Kopf eines Dokumentes und auch aus den Style-Attributen in jedem anderen Tag heraus. Arbeitet man mit Tags und nutzt dabei Styles und CSS-Klassen, kann man auch eine automatische Vervollständigung im Attribut-Editor oder aus dem Tag-Dialog heraus nutzen.

All das macht die Nutzung von Styles viel offener und natürlicher. Wir haben auch die Font-Toolbar durch eine Style-Toolbar ersetzt und ein Span-Tag in der Haupt-Werkzeugleiste hinzugefügt.



Golem.de: Was hat sich bei Quanta noch getan?

Eric Laffoon: Es ist mitunter schwierig, da den Überblick zu behalten. Wir haben in den letzten Monaten so viele Versionen veröffentlicht, dass ich mich nicht erinnern kann, welche Dinge wann hinzugekommen sind und ich schaffe es kaum, auf dem Laufenden zu bleiben, was im CVS passiert. Aber das ist der Spaß an der Sache.

Die größte Änderung, die den Leuten auffallen wird, ist die Umstellung auf KMDI, ein sehr modernes Interface, dessen Standard-Modus Ideal sehr nett ist. Nun ist es möglich, jedes der angedockten Panels zusammenzuklappen und es gibt auch einige neue Panels sowie Werkzeugleisten.

Hat man den Debugger eingeschaltet, gibt es links ein neues Panel, um Variablen zu beobachten. Rechts sind der Attribute-Editor, Dokumentation und die neuen Projekt-Profile. Damit ist es möglich, jedes Upload-Profil im Blick zu behalten, Dateien zu verändern und auch per Drag-and-Drop mit dem lokalen Projekt auszutauschen. Unten gibt es die alte Konsole, Fehlermeldungen, die neuen Break-Points und konditionalen Break-Points des Debuggers. Es gibt auch eine Debug-Toolbar, wenn der Debugger in einem Projekt eingeschaltet ist und eine neue Projekt-Toolbar, die die Verwaltung von Projektansichten vereinfacht.

Darüber hinaus existieren viele andere kleine Verbesserungen neben dem, was ich schon genannt hatte. Projekte können das "Document-Root" verschieben, so dass man leicht mit Subdomains arbeiten kann. Es lässt sich für einzelne Dateien einstellen, dass diese bei Veränderungen hochgeladen werden und es lassen sich Kommentare zu Dateien im Projekt-Baum hinterlegen. Templates können nun auch in komprimierten *.tgz-Dateien vorliegen und so aus mehreren Dateien bestehen.

Eine der aufregendsten Neuerungen ist KNewStuff, das es unseren Nutzern erlaubt, Toolbars, Scripte, Templates und anderes auszutauschen. Wir werden während aKademy am Server-Teil arbeiten. Zudem basiert Quantas KDE-CVS-Modul nun auf kdewebdev und ist damit nur eine Komponente, die in vielen Applikationen wie Kommander, KXSL dbg, KFileReplace, KLinkChecker und KImageMapEditor zum Einsatz kommt.

Golem.de: Welche Ziele verfolgen Sie mit Quanta?

Eric Laffoon: Wir konzentrieren uns darauf, die bestmögliche Umgebung zur Web-Entwicklung zu schaffen. Wir heißen jeden willkommen, der daran mitarbeiten will, und wir sind uns sicher, dass wir im nächsten Jahr zur bevorzugten Plattform für PHP und XHTML-Entwicklung werden. Wir würden uns freuen, wenn Unterstützung für weitere Sprachen hinzu kommt und wir arbeiten mit kdewebdev.org auch an einer neuen Website.  (ji)


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Links zum Artikel:
Quanta (.net): http://quanta.sourceforge.net/

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