Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0408/33026.html    Veröffentlicht: 19.08.2004 11:48    Kurz-URL: https://glm.io/33026

Interview: NX - die Revolution des Netzwerk-Computing?

Golem.de im Gespräch mit Fabian Franz und Kurt Pfeifle

Das vom italienischen Unternehmen NoMachine entwickelte NX will nicht mehr als das Netzwerk-Computing revolutionieren. Die Software erlaubt es, auch über schmalbandige Leitungen auf entfernten Desktops zu arbeiten. Mit FreeNX stellten Fabian Franze und Kurt Pfeifle einen freien NX-Server auf Basis der NoMachine entwickelten Software vor. Dieser soll zusammen mit einem in KDE integrierten Client mit der nächsten Knoppix Version 3.6 erscheinen. Im Vorfeld der KDE-Konferenz aKademy sprach Golem.de unter anderem mit den FreeNX-Entwicklern Fabian Franz und Kurt Pfeifle. Weitere Themen rund um KDE werden in den nächsten Tagen folgen.

Golem.de: Auf dem LinuxTag stellten Sie beide Ihre freie NX-Implementierung vor, die auch in der kommenden Knoppix-Version enthalten sein soll.

Fabian Franz: Beteiligt waren nicht nur wir zwei - wir waren mindestens zu viert. Joseph Wenninger vom KDE-Projekt entwickelte den ersten dort gezeigten kNX/FreeNX Client, unter kräftiger Mithilfe von Thorsten Rahn. Wir beide haben den FreeNX-Server ans Laufen gebracht.

Kurt Pfeifle: Der tatsächliche Code vom FreeNX-Server ist aber von Fabian alleine. Was wir auf dem LinuxTag vorstellten, besteht aus zwei verschiedenen Komponenten: dem FreeNX Server auf der einen und dem FreeNX/kNX Client auf der anderen Seite.

Erst beide Pass-Stücke gemeinsam ermöglichen "Remote GUI"-Verbindungen auch über "langsame" Leitungen. Selbst bei geringer Bandbreite wie mit Modems oder per ISDN erreichen NX und FreeNX eine gute Performanz - und das quer über mehrere Betriebssystem-Plattformen hinweg. (Siehe dazu NX - Turbolader für Linux- und Windows-Terminalserver).

Franz: Dabei ist unsere FreeNX-Implementation nur noch das letzte Mosaiksteinchen. 99,9 Prozent der Funktionalität kommt von NoMachines GPL/NX-Komponenten, die wir lediglich vor den FreeNX-Karren spannen.

Gian Filippo Pinzari entwickelte hier in jahrelanger Arbeit die Kernstücke. Dies sind NX-Komponenten, die seine Firma NoMachine.com seit März 2003 unter der GPL als freie und Open Source Software zur Verfügung stellt. Diese sind zugleich Basis für kommerzielle Produkte. NoMachine bietet derzeit mehrere kommerzielle NX-Server-Varianten, die auf den freien NX-Bibliotheken basieren.



Golem.de: Wenn NX bereits im März letzten Jahres unter der GPL freigegeben wurde - warum dauerte es mehr als ein Jahr, bevor es zum FreeNX Server kam?

Pfeifle: Ein großes Missverständnis hinsichtlich NX in den vergangenen 15 Monaten war, dass die gesamte NX-Software von vielen Open-Source-Entwicklern als "unfrei" betrachtet wurde, da NoMachine ein kommerzielles Produkt darauf aufbaute. Ohne genauer hinzuschauen, taten sie es ab als "in der Praxis unbenutzbar, wenn nur die NX-Bibliotheken unter der GPL stehen, dagegen der NoMachine-Server proprietär bleibt". Dabei war praktisch von Anfang an ein Kommandozeilen-Tool auch im Quellcode vorhanden, das es jedem Interessierten ermöglicht, einen voll funktionsfähigen NX-Tunnel aufzubauen.

Franz: Ich selbst habe das kommerzielle NX erstmals auf der CeBIT 2004 mit eigenen Augen gesehen, als Kurt es mir vorführte. Beeindruckt war ich sofort. Aber selbst als ich sein erstes, sehr einfaches "nxtunnel"-Shellskript sah, das keine "Server"-Funktionen beinhaltete, sondern nur einen Peer-to-Peer-NX-Proxy-Tunnel aufbaut, fing ich nicht sofort an, den FreeNX-Code zu schreiben. Es musste zuerst das Display meines Laptops kaputtgehen, bevor NX für mich zur persönlichen Notwendigkeit wurde. Mit kaputtem Display, aber ohne Geld für eine schnelle Reparatur war die einzige Hilfe ein Zugriff via NX. Das gab mir dann den letzten Anstoß zu FreeNX.

Fabian Franz (links) und Kurt Pfeifle [Foto: www.pro-linux.de]
Fabian Franz (links) und Kurt Pfeifle [Foto: www.pro-linux.de]
Golem.de: Was können User von NX im Vergleich zu bisher verwendeten Methoden erwarten?

Franz: Was meinen Sie mit "bisher verwendete Methoden"? VNC? Citrix Metaframe? Remote Desktop? PC Anywhere? Tarantella?

Golem.de: Genau.

Franz: Im Vergleich zu allen diesen ist NX performanter und billiger. Außerdem zukunftsicherer, da im Quellcode vorliegend. Und flexibler, da mehr Betriebssytem-Plattformen abdeckend.

Pfeifle: Im Vergleich zu FreeNX und NoMachine's NX-Produkt wird sich die Performanz nicht unterscheiden. Allerdings werden Sie mit uns so schnell nicht einen kommerziellen Supportvertrag für FreeNX abschließen können. Dafür müssen Sie sich an NoMachine wenden.

Oder, falls Sie eine neue Client-Plattform, wie z.B. Symbian, brauchen: nicht bei uns. Und wenn Sie ausgefeilte Verwaltungstools mit grafischer Benutzeroberfläche oder Web-Interface haben wollen: wenden Sie sich bitte an NoMachine. Oder finden Sie andere Entwickler, die Ihnen dies machen.



Golem.de: Entwickelt wurde NX, wie sie schon sagten, von NoMachine. Doch erst mit der Präsentation auf dem LinuxTag erreichte die Technik auch eine breite Öffentlichkeit. Inwieweit ist NoMachine an der KDE/Debian-Integration beteiligt?

Franz: NoMachine unterstützt unsere Arbeit voll und ganz. Gian Filippo Pinzari hält uns über geplante Änderungen im NX-Protokoll auf dem Laufenden. Er macht uns regelmäßig auf Bugs in unserer Implementierung aufmerksam.

NoMachine legt genauso wie wir Wert darauf, dass die freie Implementierung stets kompatibel zu den kommerziellen Varianten bleibt. Benutzer sollen den FreeNX/KDE Client verwenden können, um auf einen kommerziellen NX Server zuzugreifen, genauso wie sie mit den NoMachine-NX-Clients aller Betriebssysteme auf den KDE/Knoppix FreeNX-Server zugreifen können müssen.

Pfeifle: NoMachine hat sich verpflichtet, für ihre kommerzielle Version genau dieselben Bibliotheken zu verwenden, die sie unter der GPL freigeben, und nicht etwa unterschiedliche, "bessere" Varianten. Das unterscheidet sie meines Erachtens fundamental von den Geschäftsmodellen von Codeweavers/WINE oder artofcode/Ghostscript.

Golem.de: Welche Möglichkeiten erschließen sich für Entwickler aus der Implementierung von NX?

Franz: Unsere Implementierung ist bewusst einfach gehalten. Sie ist ein "simples" Bash-Skript. Sie staunen? Ja, richtig: FreeNX Server ist ein Bash-Skript, das die bereits seit 15 Monaten vorhandenen GPL-Komponenten von NX zu einem nahtlos funktionerenden Ganzen zusammenbindet.

Insofern kann fast jeder Entwickler unseren FreeNX Server modifizieren oder Fehler beheben.

Pfeifle: Ich war für die FreeNX-Entwicklung lediglich der Mentor und bin der Dokumentationsschreiber. Ich kann jedoch bestätigen: Fabian lügt nicht.

FreeNX sind weniger als 500 Zeilen Bash-Code, natürlich plus die NoMachine/NX-Quellcode-Teile, die unter der GPL stehen.

Implementiert hat den FreeNX-Server Fabian ganz alleine. Erstens ist Fabian in meinen Augen ohnehin ein Bash-Hexenmeister. Zweitens sollte diese Implementierung auch beweisen, wie "komplett" die GPL-Komponenten von NX bereits seit 15 Monaten bereitstehen. Drittens sollte es all die Skeptiker unter den FOSS-Entwicklern Lügen strafen, die NX seither die kalte Schulter gezeigt haben, weil sie, ohne auf den Quellcode zu schauen, eine freie NX-Implementation für "zu schwierig" hielten. Und viertens büßen wir mit der Bash praktisch keinerlei Geschwindigkeit ein, denn die Hauptarbeit wird wie gesagt von den kompilierten GPL/NX-Komponenten verrichtet.

Franz: Soll ich Ihnen ein kleines Geheimnis verraten? Die erste funktionierende Version von FreeNX war das Ergebnis von einer einzigen Nacht Programmierung und umfasste lediglich 180 Zeilen Quellcode.

Die GPL-Komponenten von NX sind wirklich praktisch komplett, und nicht nur ein "verkrüppelter Lockvogel", wie manche voreilig verkündeten, nachdem sie zwar die NoMachine-Website, jedoch nicht den NX-Quellcode angeschaut hatten. Die Open Source Community sollte der Firma NoMachine wirklich zutiefst dankbar sein für dieses großartige Geschenk!

Pfeifle: Entwickler können NX und FreeNX für viele Zwecke verwenden - ebenso wie jeder Endanwender. Wir hoffen, dass FreeNX auch einige Entwickler für die NX-Kernentwicklung interessiert, denn hier bestehen noch viele aufregende Entwicklungsmöglichkeiten.



Golem.de: Wie werden die Daten einer NX-Verbindung geschützt, insbesondere wenn diese über offene Netze laufen?

Pfeifle: Per SSH. Der initiale Verbindungsaufbau läuft zwangsläufig über SSH. Ohne SSH-Daemon kann kein NX-Server laufen. Nach Abschluss der Authentisierungsphase kann optional auf unverschlüsselte Übertragung umgeschaltet werden - was die schwächeren CPUs älterer NX-Clients schonen kann -, aber dies ist nur innerhalb abgeschlossener und per Firewall abgeschotteter LAN-Netze einer Erwägung wert.

Eine NX-Serverinstallation ist immer so sicher wie die betreffende SSH-Installation. Denn NX lässt keinen separaten Daemon laufen, der einen eigenen Port öffnet - NX-Verbindungen werden immer über den SSH-Daemon vermittelt.

Golem.de: Wie lässt sich NX auch in großen Installationen mit zahlreichen Clients nutzen? Wo liegen die Grenzen?

Pfeifle: Für jede Fullscreen-KDE-Session brauchen Sie eine Bandbreite von ca. 40 KBit/s, um noch flüssig arbeiten zu können. Dabei können Sie auch mit Nicht-KDE-Programmen arbeiten, die oft typischerweise mitlaufen: OpenOffice, Mozilla oder Acrobat Reader.

Pro laufender KDE-Anwender-Session braucht ein NX-Server circa 40 MByte RAM und 100 MHz CPU-Leistung. Ein Aldi-Rechner mit 1.024 MByte RAM und 3 GHz CPU-Leistung sollte also noch sehr gut mit 25 parallelen Sessions klarkommen, und erst ab etwa 35 Sessions anfangen, gelegentlich "weiche Knie" zu kriegen.

Franz: Da NX sich prinzipiell als Cluster von Applikationsservern über mehrere Knoten verteilen lässt, könnten Sie sich auch ein Blade-Center von IBM oder HP zulegen. Dann könnten Sie viele hundert Benutzer zugleich darauf arbeiten lassen. In jedem Fall sprengt ein NX-Applikationsserver die Grenzen, bei dem ein Citrix-Metaframe-Server längst in die Knie geht.

Golem.de: Ist ein eigener, freier Windows-Client auf Basis des No-Machine-Codes geplant oder überlässt man dies anderen?

Franz: Ein freier Windows-Client ist vorläufig nicht geplant. Das überlassen wir gerne anderen. Sobald KDE auf Windows ebenfalls problemlos läuft, wird der dann aktuelle kNX-Client sowieso ohne Zusatzaufwand mit dabei sein.

Der NoMachine-Client für Windows ist heute ohnehin kostenlos erhältlich und sogar frei re-distribuierbar. Der Reiz ist also nicht besonders hoch. Im Übrigen sind ja alle NX-Clients von NoMachine, also für Linux-, Solaris-, MacOS-X-, Zaurus-, iPAQ-, ThinStation- und andere Betriebssysteme, "frei wie in Freibier".

Pfeifle: Beim KDE-Client für NX ergibt sich unser Ansporn aus dem Ziel, diesen am Ende möglichst nahtlos in das KDE-Gesamtsystem zu integrieren und die komplette Power von KDE hier auszunutzen. Dazu gehören die Implementierung eines "nx://" kio-slaves und eines NX-KParts genauso wie ein Sichern der NX-Passwort-Informationen in Kwallet.



Golem.de: Mit der Möglichkeit, Linux ohne Installation auf der Festplatte zu testen, hat Knoppix mit Sicherheit viel zu dessen Verbreitung beigetragen. Mit einer breiten Verfügbarkeit von NX sollte es noch einfacher werden, erste Erfahrung mit Linux als Desktop-Betriebssystem zu sammeln. Wird man künftig einen Blick auf brandneue KDE-Funktionen via NX werfen können?

Pfeifle: Ja. Und das kann man sogar heute schon. Denn seit mehreren Monaten "missbrauche" ich einen root-Server bei "1&1", um darauf nächtlich per Skript das aktuelle KDE zu kompilieren, das sich jetzt gerade zu KDE-3.3 mausert.

Das KDE-Projekt wird nach der aKademy die NX-Technologie in breitem Rahmen verwenden, um seine eigene Entwicklung zu straffen und zu beschleunigen.

Franz: Sie müssen verstehen: KDE besteht aus mehr als 1.000 mehr oder weniger aktiven Helfern. Dabei sind nur ca. die Hälfte ausgesprochen "technisch orientierte" C++-Programmierer. Ein großer und gleich wichtiger Teil der Arbeit wird von grafischen Künstlern, Übersetzern, Dokumentationsschreibern und Betatestern gemacht, die nicht unbedingt programmieren können.

Die nicht technischen Entwickler tendieren nicht gerade dazu, die "bleeding edge"-Version von KDE täglich zu verwenden und jede Woche sich ihr KDE aus dem HEAD-Quellbaum des CVS-Repository neu zu kompilieren. Sie warten eher das Release ab und installieren das neue KDE frühestens dann, wenn ihre Lieblingsdistribution fertig kompilierte Update-Pakete zum Download anbietet.

Bei jedem KDE-Release-Zyklus in der Vergangenheit klaffte somit eine zwangsläufig große Lücke: Dokumentationsschreiber, Übersetzer und Künstler "hinkten" mit ihrer Arbeit oft mehrere Monate hinter dem aktuellen C++-Programmcode her.

Pfeifle: NX kann das ändern. Ein automatisch von Skripten jede Nacht gebautes und von einem Team erfahrener KDE-Entwickler überwachtes, "ofenwarmes" KDE-HEAD kann dann remote von mehreren hundert KDE-Aktivisten zeitnah getestet, verwendet, übersetzt, dokumentiert, poliert, ge-bugfixt oder auch verworfen werden. NX erlaubt uns sogar, mehrere KDE-Versionen parallel zu installieren und zeitgleich zu verwenden. So steht künftig immer eine Referenz-Installation für die Verifizierung von Bugzilla-Berichten zur Verfügung. Das kann den Prozess von Bugfixing erheblich beschleunigen und effizienter machen. Bedenken Sie, dass es für manchen Entwickler äußerst zeitraubend sein kann, sein System mit KDE 3.2.3 zu starten, um einen Fehler zu verifizieren oder zu untersuchen, da er in der Regel meistens das aktuelle KDE-HEAD hochgefahren hat.

Wir werden einen oder mehrere starke FreeNX-Server einrichten, die allen KDE-Entwicklern und -Helfern ständig zugänglich sind, um daran zu arbeiten, und sowohl das aktuelle KDE HEAD als auch die letzten stabilen Versionen zur Benutzung anbieten. Insbesondere alle Mitarbeiter der neuen KDE Quality Teams werden hier zu dem privilegierten Nutzerkreis gehören.

Wir sind zwar bereits in Kontakt mit potenziellen Hardware- und Bandbreiten-Sponsoren, aber die Gespräche sind noch nicht abgeschlossen. Wer uns hier unterstützen will, kann auf den Zug noch aufspringen.



Golem.de: In erster Linie könnte eine breite Integration von NX aber sicherlich zu neuen Möglichkeiten für serverbasierte Desktops in Unternehmens-, Behörden- oder auch Schulnetzen führen. Was kann NX hier in den nächsten Jahren bewirken?

Pfeifle: NX wird das gesamte Weltbild vom "Network Computing" umwälzen. Da fallen uns wohl ziemlich schnell ein Dutzend unterschiedliche Gebiete ein.

Franz: Erstens wird NX wieder einen Aufschwung für serverbasiertes Computing bewirken - und zwar wie Sie schon sagten, nicht nur für die klassischen Server-Applikationen, sondern vor allem für die persönlichen Desktops, jedoch ohne den "Personal Computer" dadurch überflüssig zu machen.

NX-getriebene Applikationsserver sind hier das Stichwort. Nicht nur in Unternehmen, Behörden und Schulen kommen die dann in Mode - jede Familie Maier, die heute einen Rootserver bei "1&1", "strato" oder "Schlund" mit ihrer Domäne "die-maiers.de" betreibt, wird sich diesen dann in einen NX-Applikationsserver umwandeln wollen - Wartung, Backup, Pflege, Software-Updates inklusive. Rootserver werden künftig nicht nur mit Apache und PureFTPD vermietet, sondern auch mit NX bzw. FreeNX.

Pfeifle: Zweitens bringt NX die unwahrscheinlichsten Hardware-Komponenten miteinander in Verbindung: Siemens Mobiltelefon und Sharp PDA mit Fujitsu Mainframe und AMD Athlon-Cluster, Apple iBook mit IBM zSeries, Sony PlayStation mit Solaris Enterprise Server.

Franz: Drittens lässt NX die Grenzen zwischen den Betriebssystemen aus Anwendersicht schmelzen. Es wird unerheblich, an welchem System ich gerade sitze: an Linux, an Windows, an MacOS X, an Solaris, an Zaurus, an einer vom USB-Stick gebooteten Knoppix. Es ist gleichgültig, auf welche Applikation, auf welchen Desktop, auf welches Betriebssystem ich zugreifen möchte: auf KDE, auf OpenOffice, auf KMail, auf Windows mit Photoshop. Wichtig ist nur, dass "das Netz" funktioniert - dann vermittelt NX den plattformübergreifenden Zugriff.

Pfeifle: Viertens lässt NX durch seine Fähigkeiten zur Server- und Anwendungs-Virtualisierung die Software im Vergleich zur Hardware noch wichtiger werden.

Franz: Fünftens wird NX den Verbreitungsgrad von Funknetzen wie Bluetooth, GPRS, GSM, und UMTS in den nächsten Jahren mit all deren Anwendungsmöglichkeiten erheblich sinnvoller erscheinen lassen. Die Schlagwörter vom "ubiquitous" (allgegenwärtigen, Anm. d. Red) und "pervasive", also alles durchdringenden Computing wird wohl erst durch NX wahr gemacht. Und IBM wird überrascht sein, woher plötzlich neue Sinngehalte für "grid computing" kommen.

Pfeifle: Sechstens wird NX eine neue Art von World Wide Web begünstigen. Wo bisher eher statische, unperformante, "dünne" HTML-Seiten ihren Dienst taten, kann man künftig auf dynamische und "reiche" Applikationen zugreifen, und zwar sowohl in stark serverzentrierten Environments als auch in Peer-to-peer-Netzen.

Franz: Siebentens ermöglicht NX die bessere Ausnutzung und effizientere Auslastung von Hardware: beim "großen Eisen" geschieht dies mittels Applikations-Server für viele parallele Nutzer-Sessions; bei "schwachen CPUs" durch deren Aufwertung zum ThinClient, der von überall her Zugriff auf praktisch beliebige Rechenpower, die sich irgendwo befindet, haben kann.

Pfeifle: Achtens wird NX eine weitere Stufe der "Migrationswelle hin zu Linux" einleiten. Denn NX kann jeden Migrationsplan in kleinere überschaubarere Etappen aufteilen. In verträglichen Dosen verabreicht, wird die für viele bittere Linux-Medizin eventuell leichter verdaulich: NX kann einzelne KDE-Applikationen wie KMail und Kontact auf den Windows-Bildschirm holen (siehe dazu Amazing Konqueror Screenshots on Windows XP). In Wirklichkeit laufen die Anwendungen dann aber auf entfernten Linux-Rechnern. Dadurch schrumpft der permanente Administrationsaufwand für Probleme wie Backup und Virenschutz gleich um mehrere Größenordnungen; und damit ist dann bereits ein erster Schritt zur Migration gemacht.

Nur ein Beispiel dafür: Das Projekt "KMail/Kontact per NX auf den Windows-Bildschirm holen" umfasst noch mehr verborgene Möglichkeiten: Vor zwei Jahren wurde das "Projekt Aegypten" ins Leben gerufen und vom BSI finanziert. Dieses ist jetzt fertig gestellt und gewährleistet sichere E-Mail-Kommunikation über etablierte Verschlüsselungsstandards. Nach meinen Informationen arbeiten jedoch weniger als 100 Behördenmitarbeiter derzeit mit KMail - einfach weil noch nicht mehr Bundesbehörden-Desktops auf Linux/KDE umgestellt sind. Mit Hilfe von NX könnte man binnen kürzester Zeit hunderttausenden von Angestellten im öffentlichen Dienst Zugang zu KMail, veredelt durch die "Projekt Ägypten/Sphinx"-Verschlüsselungsalgorithmen, von ihren Windows-Workstations aus verschaffen. Praktisch schlagartig wäre die Pest der Windows-Viren und -Würmer hier beseitigt, wenn diese relativ einfache Umstellung Wirklichkeit würde.

FreeNX und NX können so beim ersten Schritt der Umstellung auf freie Software helfen. Sie können aber auch Projekte unterstützen, die nur deshalb verzögert sind, weil zwar die ersten 90 Schritte garantiert sind, aber die letzten 10 eben noch nicht: NX bildet hier einen "Brückenkopf zurück" zu den lebenswichtigen Fachanwendungen migrationswilliger Kommunen, die wegen 10 Prozent noch nicht von den Herstellern portierter Programme vor den ersten Migrationsschritten immer noch zögern: Denn NX kann auf den Linux-KDE-Desktop Anwendungen holen, die auf Windows Terminalservern oder Windows XP Professional Workstations laufen.

Franz: Neuntens.... Ich glaube, wir machen das versprochene Dutzend heute nicht mehr voll.

Pfeifle: Ja, lass gut sein. Wir dürfen unser Pulver nicht vorzeitig verschießen.



Golem.de: Wann wird es denn die erste "stabile" Release 1.0 von FreeNX geben? Welche Features wird es beinhalten?

Franz: Die wird es "nie" geben, denn Knoppix-3.6 beinhaltet bereits einen Snapshot der 1.4 Release. Das liegt daran, dass wir die Versionierung in den beiden ersten Stellen parallel zu den GPL-NX Releases durch NoMachine halten wollen, um Anwendern und Administratoren die Zuordnung zu erleichtern.

Pfeifle: NoMachine führt mit NX-1.4.0 erstmals zwei wichtige Features ein: Drucken von der Remote-Anwendung auf den lokal angeschlossenen Drucker und Session-Suspendierung, Session-Wiederbelebung und Session-Migration. Die neuen Features sind derzeit von den Schnittstellen her noch einigen Entwicklungen unterworfen. Sie sind besonders wichtig für professionelle Anwender.

Allerdings werden wir trotz der noch in vollem Fluss befindlichen Entwicklung noch während aKademy erstmals einen auf "Snapshot 4" von NX-1.4 basierenden FreeNX Server erstmals releasen - freigegeben zum breitestmöglichen Betatest. Zumindest Debian- und SUSE-Nutzer sollten an der FreeNX-"aKademy"-Edition dann ihre ersten Freuden haben.

NX-1.4.0 wird wohl im Laufe des Septembers von NoMachine freigegeben. Den FreeNX-1.4-Snapshot kann man aber nach der aKademy-Woche erhalten und testen.

Anmerkung: Die Quelltexte von NX stehen bei NoMachine als Open Source zum Download bereit. Erste Debian-Pakete von FreeNX stellt das Kalyxo-Projekt zur Verfügung.  (ji)


Verwandte Artikel:
Nintendo Switch: Drei Stunden Mobilnutzung und 32 GByte interner Speicher   
(30.12.2016, https://glm.io/125315 )
Knoppix 3.6 erhält freien NX-Server   
(24.06.2004, https://glm.io/31957 )

Links zum Artikel:
Kalyxo (.org): http://www.kalyxo.org
NoMachine (.com): http://www.nomachine.com

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/