Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0406/31977.html    Veröffentlicht: 25.06.2004 16:31    Kurz-URL: https://glm.io/31977

Handy-Fernsehen: DVB-H-Pilot startet in Berlin

Fernsehsender und Mobilfunker denken über Erlösmodelle nach

Nachdem Berlin bereits im August 2003 als erstes deutsches Bundesland mit dem digitalen terrestrischen Fernsehen (DVB-T) startete, bereiten sich Politik, Endgeräte-Hersteller, Telekommunikations- und Rundfunkunternehmen derzeit auf die Testphase für den "Handy-Fernsehstandard" DVB-H vor. Vom Juli bis September 2004 sollen Technik, Fernsehbild und erste Dienste im Rahmen eines Berliner Pilotprojekts getestet werden - während sich Programmverantwortliche Gedanken darüber machen, ob und wie man mit DVB-H Geld verdienen kann.

Mit MPEG-4-Kompression, niedrigerer Auflösung und niedrigen Datenraten soll DVB-H - das H steht für Handheld - besser für mobile Endgeräte geeignet sein als DVB-T. Während DVB-T pro Frequenz vier TV-Kanäle mit einer Bandbreite von je 3 Mbps unterbekommt, sind es bei DVB-H zehnmal mehr Kanäle, da jeder nur 120 bis 300 kbps beansprucht. Insgesamt sind 40 bis 50 DVB-H-Sender geplant, bundesweit genutzt werden sollen brachliegende DVB-T-Frequenzen. Eine Modulierung auf bereits benutzte DVB-T-Frequenzen scheint man derzeit vermeiden zu wollen, da die bereits am Markt erhältlichen und verkauften DVB-T-Set-Top-Boxen dafür noch nicht getestet wurden und demnach Probleme machen könnten, obwohl der DVB-T-Standard Derartiges vorsieht. DVB-H wird voraussichtlich gegen Ende 2004 als internationaler Standard von der ETSI abgesegnet sein.

Den bei DVB-T-Boxen bisher fehlenden Rückkanal werden die DVB-H-Empfänger schon prinzipbedingt haben, da es sich hauptsächlich um GPRS- oder bereits UMTS- Mobiltelefone handeln wird. Daten können sowohl in Rotation ("Datenkaroussel") abwechselnd mit den MPEG-4-Bursts (Streaming mit Pausen, energiesparender für Clients) als IP-Datenpakete (via IP Casting) über DVB-H breitbandig an alle Nutzer gesendet oder von diesen auch direkt per Rückkanal als Downloads angefordert werden. So lassen sich kostengünstige und schnelle Massenbelieferung mit individuellen Angeboten verbinden, was etwa mit UMTS alleine nicht möglich wäre - hier reicht die Bandbreite nicht aus, um Fernseh-Streams an mehr als eine Hand voll Nutzer innerhalb einer Funkzelle zu liefern. Auch bei DVB-H ist nicht alles rosig: In Häuserschluchten und in Häusern könnte der Empfang - ähnlich wie bei DVB-T - schwierig werden.

Der für Juli bis September 2004 geplante Pilotversuch beschert Berlin wieder eine Vorreiterrolle - nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit. Weitere DVB-H-Pilotprojekte soll es in Japan, Pittsburgh (USA) und Helsinki (Finnland) geben. Dabei hofft man bei erfolgreichen Tests und späterem regulären Betrieb auf die gleiche Signalwirkung wie bei DVB-T - Letzteres bezeichnete Ingrid Walther, Referatsleiterin Medien von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen, als die sich am schnellsten verbreitende Technik der letzten Jahre, was aber nur dank Zusammenarbeit von Ländern und Industrie möglich gewesen sei.

Gemeinsam haben deshalb am 25. Juni 2004 auch die vom Berliner Senat initiierte Landesinitiative "Projekt Zukunft" und das Pilotprojekt-Konsortium bmco den Workshop "Mobile Media - Potenziale und Perspektiven von DVB-T und DVB-H in Berlin" veranstaltet. Zu bmco zählen Nokia, Philips, Universal Studios und Vodafone; während Nokia das nicht mehr regulär auf den Markt kommende Mobiltelefon Nokia 7700 inklusive DVB-H-Empfangs-Modul und Philips das größere Tablet-PC-Gerät HoTMAN2 (DVB-T und DVB-H) als speziell angepasste Empfangs-Hardware für den Pilotversuch besteuern, ist mit Universal Studios auch ein Inhalte-Anbieter und mit Vodafone ein Mobilfunkunternehmen beteiligt.

Im Rahmen des Pilotprojekts, das voraussichtlich auf Angestellte (bzw. deren Familien) aus den beteiligten Unternehmen beschränkt sein wird, werden im Bereich mobiles Fernsehen die Sender 13th Street (Spielfilme), N24 (News), Eurosport und der RTL Shop vertreten sein. Im Bereich interaktives Fernsehen wird Vivaplus mit der Musikvideosendung "Get the Clip" erlauben, über das nächste zu spielende Lied per SMS abzustimmen, während im Bereich interaktive Unterhaltung das "Quiz-Spiel" Trapp'd per Abstimmung erlaubt, den Weg der Heldin zu steuern. Das Live-Bild rendert ein Server aus einer Datenbank und sendet es per DVB-H. Ob dieses von der Berliner Firma gosub für Vodafone entwickelte Spiel genügend Teilnehmer anlocken kann, wird sich zeigen müssen. In Aktion wollte Vodafone Trapp'd noch nicht zeigen. Als eher praktische Anwendung soll "Whats Up" dienen, ein Berlin-Stadtführer, der unter anderem mit Kinoprogramm, Filmbewertungen (TIP Magazin) und Kartenbestellung (per Online-Verbindung) aufwartet.

Gesendet werden die Sender und Dienste anfangs vom Fernsehturm am Alexanderplatz, später soll noch vom Schäferberg gefunkt und dabei jeweils die DVB-T-Technik mitgenutzt werden. Die Teilnehmer können entweder ein spezielles Content-Management-System vom ebenfalls am Pilotprojekt beteiligten Unternehmen T-Systems verwenden oder direkt vor dem T-Systems-Multiplexer ihre DVB-H-Inhalte und -Datendienste in die Sendeanlage speisen.

Die ganze schöne Technik bringt jedoch nichts, wenn damit nicht auch Geld verdient werden kann. Geld kosten wird es nämlich erst mal, ein passendes Angebot für DVB-H zu stricken, nicht alle Fernsehformate sollen nämlich unterwegs wirklich sinnvoll sein. Es habe sich laut bmco-Projektmanager Prof. Dr. Claus Sattler bereits herausgestellt, dass man unterwegs nicht nur mit einer stärkeren Geräuschkulisse und "2- statt 20-Zoll-Bildschirmdiagonale" zu kämpfen habe, sondern auch die Nutzungsdauer im Schnitt eher bei 10 Minuten anstatt bei den auf der Couch üblichen bis zu 90 Minuten liegen würde. Sendungen müssten also angepasst werden, einfach und kurz sein und jederzeit den Ein- und Ausstieg ermöglichen. Texte und Ticker müssen zudem als Metadaten mitgeliefert und anders dargestellt werden - ansonsten sind sie nicht mehr oder nur kaum zu erkennen.

Auch die üblichen 8-Minuten-Werbeblöcke sind laut Sattler mit DVB-H nicht mehr sinnvoll. Hier müssen nun neue Werbeformen gefunden und auch erst akzeptiert werden. Denn ob die Werbetreibenden überhaupt noch zusätzlich etwas für eine Präsenz im DVB-H bzw. auf dem Handy zahlen wollen, ist laut Robert Fahle von RTL New Media fraglich: "Versuchen Sie mal, einen Sponsor für ein WAP-Portal zu finden - Viel Glück, da müssen sie lange reisen", betonte Fahle im Rahmen des Workshops.

Erlöspotenziale sieht Fahle weniger in der DVB-H-Plattform an sich, sondern mehr in der Interaktivität. Gleichzeitig sei es noch schwer abzuschätzen, was für ein Potenzial existiert, und man müsse schon jetzt - also in den ersten Stufen der DVB-H-Planung - überlegen, mit welchen Diensten später Geld verdient werden könne, um das eigene Engagement zu finanzieren. Das Projekt dürfte nicht "in Schönheit sterben". Ein Weg sei es etwa, stärker an den Datentransfer-Erlösen der Mobilfunkunternehmen beteiligt zu werden als es bisher der Fall sei. Auch mit DVB-H komme man nicht wesentlich näher an den Kunden heran - diese gehören immer noch den Mobilfunkunternehmen, die auch die Endgeräte vertreiben werden.

Olaf Melcher von Eurosport befürchtet zudem, dass bei der hohen Zahl von Sendern die einzelnen Sender untergehen und vom Kunden kaum noch wahrgenommen werden könnten. Da es gerade im Sportbereich um enorm hohe Lizenzsummen gehe - für Eurovision habe der Auftaktpreis etwa bei 500 Millionen Euro gelegen - und für DVB-H als weiteren Distributionsweg zusätzliche Kosten anfallen würden, würde eine Finanzierung allein über Klingeltöne nicht ausreichen, sondern es müsse über Abo-Modelle nachgedacht werden. Bei bezahlten DVB-H-Videostreams stellte Fahle hingegen die Frage, wie viel relevantes Bewegtbild es wirklich gebe, für das auch jemand zahle - und zweifelte, ob wirklich eine ganze Branche davon leben könne. Fahle sieht in der Rechteproblematik ein etwas geringeres Problem als Melcher, denn sofern mit etwas mehr Geld verdient werden könne, gäbe es meist leichter eine Einigung.

Wie nun auch immer Geld verdient werden kann, die Suche nach einer Killer-Applikation für DVB-H ist laut Uwe Welz vom RBB/ARD Play-Out-Center müßig. Schließlich sei das Fernsehen selbst die Killer-Applikation. Den Zuschauer wirklich ins Programm einzubeziehen - und das nicht nur durch die Möglichkeit, per SMS abzustimmen - sieht Welz noch als "ein Stückchen Zukunftsgeschichte", man sollte also nicht zu viel erwarten. Wichtig für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei es, die Verwertungskette zu verlängern, mit programmbegleitenden Informationen und Angeboten den Kunden stärker an sich zu binden und die Marken zu stärken. Bis 2010 würden alle Vertriebswege digitalisiert sein, was eine andere Konkurrenzsituation für Broadcaster schaffe; es gelte mehr denn je das Motto "Content is King". Bei allem dürfe jedoch nicht vergessen werden, wo der Zuschauer stehe - dieser müsse behutsam in die digitale Fernsehwelt geführt werden. Technik konvergiere schnell, der Zuschauer hingegen viel langsamer.

Trotz aller Unwägbarkeiten: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 (WM 2006) gilt als einer der wichtigsten möglichen Termine für die Einführung von DVB-H, denn es gibt nur wenig anderes, was Menschen so sehr vor die Glotze treibt. Wenn bis zu diesem Zeitpunkt günstige Technik, interessante Dienste und für Kunden wie Anbieter attraktive Geschäftsmodelle stehen, dann wird es leichter fallen, möglichst viele Zuschauer von einer Investition in DVB-H zu überzeugen. Noch steckt DVB-H für Deutschland aber noch nicht einmal in den Kinderschuhen - das ist einerseits eine Chance, andererseits ist es deshalb für Fernsehsender schwer, sich jetzt schon voll hinter DVB-H zu stellen. "Es ist alles noch sehr früh, das liegt an der Situation", so Fahle von RTL New Media abschließend.  (ck)


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Links zum Artikel:
ARD Digital: http://www.ard-digital.de/
Berlin - Projekt Zukunft: http://www.berlin.de/senwiarbfrau/projektzukunft/index.html
bmco - Broadcast Mobile Convergence (.com): http://www.bmco-berlin.com/
dvb.org: http://www.dvb.org
Eurosport: http://www.eurosport.de
gosub - Agentur für digitale Medien: http://www.gosub.de/
RBB - Rundfunk Berlin Brandenburg: http://www.rbb-online.de/
RTL Newmedia: http://www.rtlnewmedia.de/

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