Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0406/31857.html    Veröffentlicht: 24.06.2004 11:38    Kurz-URL: https://glm.io/31857

Interview: Warum rebellieren wir nicht gegen das Copyright?

Gespräch mit Lawrence Lessig

Das derzeit gültige Copyright treibt schon seltsame Blüten: Während man seit Jahrhunderten beliebig und frei aus Texten zitieren darf, macht man sich heute sofort strafbar, wenn man auch nur eine Sekunde Filmmaterial ohne Erlaubnis des Urhebers benutzt. Eltern müssen Angst haben, dass ihre Kinder ein Micky-Maus-Bild auf ihre Homepage packen - auch das verstößt gegen geltendes Recht. Einer der vehementesten Kritiker an dieser Rechtssituation ist Lawrence Lessig, Professor für Jura an der Stanford Universität und Vorstandsmitglied der Free Software Foundation. Golem.de sprach mit ihm am Rande der Konferenz Wizards of OS 3 über seinen Kampf gegen das Copyright und sein neues Buch Free Culture.

Golem.de: Eben Moglen sagte in seiner Eröffnungsrede zur WOS3, dass freie Software der Einstieg in eine ganze Revolution sei, die allgemein für eine freie Kultur sorgen würde. Wenn man Ihr aktuelles Buch "Free Culture" liest, bekommt man allerdings ein ganz anderes Bild der Zukunft - wenn es nach ihnen geht, stehen uns dunkle Zeiten bevor, in denen ein freier Umgang mit Mediengütern kaum noch möglich ist.

Lawrence Lessig
Lawrence Lessig
Lessig: Nun ja, Eben ist ein brillanter Optimist und ich bin ein beobachtender Pessimist. Ich glaube nicht, dass er mir widersprechen würde, wenn ich sage, dass in unserer Vergangenheit auf den Schutz freier Kultur mehr Wert gelegt wurde als heute. Im Jahre 1700 waren praktisch 100 Prozent aller Kulturgüter frei für eine Wiederverwertung oder ein Remix zugänglich. Heute sind es vielleicht noch 2 Prozent, die frei sind. Hier geht es nicht darum, was frei kopierbar ist, sondern einfach um das, was man nehmen und verändern darf.

Es gab hier eine radikale Veränderung. Wir müssen also schnell erkennen, was hier passiert. Warum ich in diesem Punkt etwas negativer in die Zukunft sehe als Eben ist die Tatsache, dass ich noch keine große Bewegung sehe, die diese Veränderung wahrgenommen hat und versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Die meisten Leute haben noch nicht verstanden, worum es hier geht. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren - wenn Ebens Vorhersage eintrifft, wäre ich natürlich sehr glücklich.

Golem.de: Sie sagen, dass Sie die Massenbewegung noch nicht sehen, die sich gegen das derzeit vorherrschende Urheberrecht auflehnt. Das ist auch ein zentraler Punkt in Ihrem Buch - Sie werfen die Frage auf, warum der gesunde Menschenverstand nicht gegen die heutigen Beschränkungen rebelliert, die uns das Urheberrecht auferlegt. Was ist denn Ihrer Meinung nach aus dem gesunden Menschenverstand geworden?

Lessig: Der funktioniert im Moment einfach nicht, weil der Durchschnittsmensch gar nicht versteht, worum es im Moment geht. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Kultur des 20. und der des 21. Jahrhunderts. Der typische Kultur-Mensch des 20. Jahrhunderts ist die Couch-Potato - jemand, der nur konsumiert. Für so eine Person ist die Verbesserung des Kulturangebotes gleichbedeutend mit der Erhöhung der Anzahl von TV-Stationen. Die Gruppe von Personen, die hier Kultur produziert, wird immer kleiner.

Die Kulturwelt des 21. Jahrhunderts - also im Grunde die unserer Kinder - besteht nicht mehr nur aus Konsum, hier spielt die Produktion eine ebenso große Rolle. Das Internet und die digitalen Technologien machen es möglich, dass man Inhalte nimmt, sie remixt, verändert und das Ergebnis dann mit Tausenden anderen über das Internet austauscht. Leute des 20. Jahrhunderts haben kein Gespür für diese Kultur - für sie sind Sachen wie Peer-to-Peer-Technologien und Kids, die Songs herunterladen, einfach nur Kriminelle. Aber das 20. Jahrhundert ist tot. Und das 21. Jahrhundert muss einsehen, dass die Gedankenwelt des 20. Jahrhunderts unsere Rechte und unseren Umgang mit Kultur massiv beschneidet.

Golem.de: Aber warum sieht das 21. Jahrhundert das noch nicht ein?

Lessig: Das hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal sind große Teile der Bevölkerung massiv unpolitisch - sie interessieren sich einfach nicht für das, was draußen vorgeht. Zudem haben auch viele ein sehr verzerrtes Bild der Geschichte - viele merken gar nicht, dass die kulturellen Beschränkungen, unter denen wir heute leiden, gerade mal 30 Jahre alt sind. Vor 100 oder auch 50 Jahren sah die Welt noch ganz anders aus. Und trotzdem haben die meisten Menschen einfach nicht das Bedürfnis, sich politisch zu engagieren.

Golem.de: Wird es nicht auch schwer werden, gegen Gesetze anzukommen, die für einen Großteil der Bevölkerung vernünftig erscheinen? Zum Beispiel fordern Sie, dass so genannte derivative Rechte - also etwa das Recht, aus einem bekannten Buch einen Kinofilm zu machen - dem Rechteinhaber nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stehen sollen. Das Beispiel der Herr-der-Ringe-Trilogie zeigt doch aber, dass auch ältere Vorlagen zum Beispiel an der Kinokasse noch erhebliche Einspielergebnisse erbringen können - und den meisten Menschen leuchtet daher auch ein, dass diese Einnahmen zumindest zum Teil dem Rechteinhaber des Buches zufließen sollten.

Lessig: Vielleicht ist dem so. Es ist hart, in diesem Zusammenhang zu definieren, was fair ist. Gerade "Der Herr der Ringe" ist ein gutes Beispiel. Das Buch hat sich über die Jahre zu einem festen Bestandteil unserer Kultur entwickelt. Die Frage ist doch jetzt, ob es fair ist, dass nur eine kleine Gruppe von Menschen das Recht hat, diesen Bestandteil unserer Kultur aufzugreifen und weiterzuverarbeiten. Und eine andere wichtige Frage ist hier vor allem, warum es exklusive Rechte im Kontext der derivativen Rechte geben soll.

Shakespeare zum Beispiel ist immer noch immens populär - und das, obwohl niemand die exklusiven Rechte an seinen Werken hält. Jeder kann einen Film aus seinen Vorlagen machen. Und trotzdem würde glaube ich niemand annehmen, dass es kein Geld mehr mit Shakespeare-Filmen zu verdienen gibt - nur weil jeder einen solchen Film machen darf. Im Gegenteil, weil im Grunde jeder seine Werke verwenden darf, verbessert sich der Wert von Shakespeares Werken sogar noch. Daher sollten wir skeptisch sein, wenn es Beschränkungen gibt und Firmen auf ihr Recht pochen, dass nur sie ganz exklusiv ein bestimmtes Buch verfilmen dürfen.

Golem.de: Die Firmen, die Derartiges am lautesten fordern, sind interessanterweise ja zum Teil die, die einst am meisten von der so genannten Public Domain profitiert haben. Disney etwa, die zahlreiche frei verwendbare Märchen für ihre Zeichentrickfilme neu adaptierten, heute aber alles dafür tun, dass das Copyright an Micky Maus und Co. immer wieder verlängert wird.

Lessig: Das liegt vor allem an der Veränderung der Interessen, die sich dadurch ergeben haben, dass Unternehmen jetzt das Copyright in der Hand halten. So war das ja nie geplant - ursprünglich sollte des Copyright den Autoren gehören, damit die ihre Werke schützen können. Das Schöne an Autoren ist, dass sie sterben - dann bekommen die Kinder vielleicht noch ein bisschen Geld, und dann hat sich das erledigt. Das funktioniert mit den großen Medienunternehmen natürlich nicht - die leben immer weiter, und wir müssen diese immer stärker werdende Konzentration von Copyrights in der Hand einiger weniger Unternehmen beobachten.

Ich verstehe, warum diese Unternehmen mit aller Kraft versuchen, sich dieses Copyright auf ewig zu sichern. Insofern war es aber auch eine Farce, was wir uns vor dem Supreme Court anhören mussten, als es darum ging, ob die jetzige Form des Copyrights verfassungskonform ist oder nicht. Damals sagte man mir, dass ja überhaupt nicht geklärt sei, ob die Unternehmen beim nächsten Termin, wenn das Copyright droht auszulaufen, wieder eine Verlängerung beantragen. Und das ist natürlich völliger Blödsinn: Natürlich werden die Unternehmen wieder alles dafür tun, dass die Gültigkeit des Copyrights erneut verlängert wird, weil das für sie einfach deutlich mehr Gewinn bedeutet.

Golem.de: Sie legen sich ja nicht nur mit den ganz Großen der Medienbranche an, sondern messen sich auch mit einer ganzen Branche von Anwälten, die eben davon leben, dass - verbunden mit dem Copyright - so viele Prozesse geführt werden. In Ihrem Buch fordern Sie zudem, dass es deutlich weniger Anwälte geben sollte - dabei sind Sie ja selbst jemand, der als Jura-Professor angehende Anwälte ausbildet. Ist ein solcher Kampf realistisch - nicht nur gegen die mächtigen Medienkonzerne vorgehen zu wollen, sondern auch einen Großteil ihres Berufsstandes herauszufordern?

Lessig: Die Anwälte sind nicht organisiert - sie sind ein leichtes Angriffziel. Die Medienkonzerne sind da schon deutlich härter zu knacken. Aber wir sind in diesem Kampf ja nicht alleine - wir haben zum Beispiel weite Teile der Technikindustrie auf unserer Seite. Die will schließlich Hard- und Software verkaufen, und die verkauft sich natürlich besser, wenn Leute mehr Möglichkeiten haben, Inhalte zu nehmen, zu verändern und über Breitband-Verbindungen zu verschicken.

Dieser Boom wird sich auf andere Bereiche ausdehnen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Content-Industrie gar nicht so groß ist wie man manchmal vielleicht annimmt. Die Musikindustrie beispielsweise ist gemessen an den Umsätzen ebenso groß wie die Wellpappen-Industrie. Die Vorstellung, dass die Wellpappen-Industrie Einfluss darauf nimmt, wie man in den USA Kultur konsumiert, ist doch absurd, oder nicht? Aber diese kleine winzige Content-Industrie diktiert uns, wie wir mit unserer Kultur umzugehen haben.

Golem.de: Es gibt viele Künstler, die auf Grund des Copyrights stark in ihrer Arbeit eingeschränkt sind - Filmemacher bekommen schon Probleme, wenn in einem ihrer Werke irgendwo im Hintergrund ein TV-Gerät zu sehen ist, auf dem die Simpsons laufen. Hiphop-Bands können kaum noch Songs samplen, da die Rechte für die Originale entweder nicht zu bekommen oder viel zu teuer sind. Wieso gibt es trotzdem innerhalb der Künstler keinen kollektiven Aufstand gegen das derzeitige Copyright?

Lessig: Den Major-Künstlern geht es im derzeitigen System ja recht gut. Die Leute, die wirklich wütend werden, sind die, die mit neuen Medien arbeiten und Geräte wie Sampler und PCs einsetzen. Die sind wütend und denken sich: Scheiße, ich habe so viele Möglichkeiten mich auszudrücken, aber die meisten darf ich nicht nutzen. Warum muss ich mir eine Erlaubnis von einem Rechtsanwalt holen, wenn ich kreativ sein will? Diese Künstler verstehen, was falsch läuft. Aber die Madonnas dieser Welt sitzen auf ihren riesigen Geldhaufen, die profitieren von diesem System. Was ist das für ein System, das ein paar wenige Milliardäre fördert, aber den Großteil der Künstler in ihren Möglichkeiten massiv einschränkt?

Golem.de: Gerade für diese Künstler könnten ja die Creative-Commons-Lizenzen eine gute Sache sein. Aber ist es nicht ein Problem, dass die Major-Künstler an so etwas wie Creative Commons gar nicht interessiert sind? Der Großteil der Konsumenten kommt schließlich nur mit diesen Riesenkünstlern in Kontakt - und wird gar nichts von den Creative Commons mitbekommen, wenn nur die Independent-Künstler das adaptieren.

Lessig: Naja, der durchschnittliche Bekanntheitsgrad eines Major-Künstlers ist meist recht kurz. Natürlich, es gibt die Beatles, die Rolling Stones oder Madonna. Aber die meisten Bands sind kurz da und verschwinden dann wieder. Ich habe keine Probleme damit zu warten. Immer mehr Bands erkennen die Copyright-Problematik und stellen ihre Werke frei zur Verfügung; andere bauen genau darauf auf. Also haben wir zwei Stränge, in die sich alles entwickelt - den einen mit dem geschützten Material, den anderen mit dem freien Material. Und ich bin glücklich darüber, für die freie Seite zu kämpfen - und ich bin zuversichtlich, dass sich diese Seite auf längere Sicht auch durchsetzen wird.

Golem.de: Zum Thema Musik-Filesharing und P2P schreiben Sie in Ihrem Buch, dass es ein großer Fehler wäre, wenn jetzt Gesetze gegen P2P erlassen würden - weil sich Tauschbörsen in ein paar Jahren ohnehin erledigt hätten und wir größtenteils nur noch mobile Geräte nutzen, die ihre Inhalte per Stream aus dem Netz abgreifen. Aber ist das nicht genau die Traumvorstellung der Industrie - DRM-geschützte Player, auf denen man für jedes Anhören eines Songs extra zahlen muss?

Lessig: Ja, da ist etwas dran. Deswegen ist es immens wichtig, dass wir eine möglichst große Nachfrage nach DRM-freien Inhalten generieren. DRM ist natürlich nicht die Lösung von P2P. Es gibt Leute, die denken, dass DRM die Antwort auf alles ist. Die meinen, dass es eine gute Idee ist, wenn du einen kostenpflichtigen Song herunterlädst und diesen dann nur auf fünf PCs abspielen darfst. Aber das ist Bullshit.

Mir ist das Recht auf ein paar zusätzliche Kopien nicht wichtig. Mir geht es darum, dass ich Kultur remixen und mit anderen teilen darf. Man zerstört eine ganze alternative Kultur durch DRM. Meine eigentliche Aussage an dieser Stelle im Buch ist, dass es derzeit keinen wirklich guten Grund gibt, rechtlich gegen P2P vorzugehen. Aber es gibt mehr als einen guten Grund, zum Aktivisten zu werden und die freie Kultur zurückzufordern.  (tw)


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Links zum Artikel:
Free Culture (.org): http://www.free-culture.org/
Lawrence Lessig (.org): http://www.lessig.org/

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