Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0406/31712.html    Veröffentlicht: 12.06.2004 14:22    Kurz-URL: https://glm.io/31712

WOS3: EU soll Musik-Flatrate einführen

Berliner Deklaration für ein alternatives Vergütungssystem

Auf der in Berlin stattfindenden Konferenz "Wizards of OS" diskutieren Urheberrechtsexperten und Aktivisten eine Berliner Deklaration für gemeinschaftlich verwaltete Online-Rechte: Kompensation ohne Kontrolle. Sie fordern darin die Europäische Kommission auf, die Einführung einer Flatrate für Musikkonsum zu erwägen.

Digital-Rights-Management-Systeme (DRM) und Massenverfolgung von Tauschbörsennutzern sei keine akzeptable Lösung für eine offene und gleiche Gesellschaft. Das oberste Ziel bei der Gesetzgebung müsse eine Balance zwischen den Rechten der Kreativen und der Öffentlichkeit darstellen. Abgaben auf Verbrauchsgüter hätten sich in diesem Zusammenhang als sehr erfolgreich erweisen und sollten daher ausgebaut werden.

Die Diskutanten, darunter Wendy Seltzer (Anwältin der Electronic Frontier Foundation und Mitglied des Berkman Center für Internet & Society an der Harvard Law School), Prof. Dr. Martin Kretschmer (Direktor des Centre for Intellectual Property Policy & Management sowie Professor für Informationsrecht an der School of Finance & Law an der Bournemouth University), Dr. Felix Stalder (Dozent für Medienökonomie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich und einer der Gründer von Openflows.org) sowie Dr. Volker Grassmuck (Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt Universität Berlin sowie Projektleiter der Wizards of OS) erinnern die Kommission an ihre eigene Einschätzung, dass DRM-Systeme aktuell nicht die notwendige Balance zwischen den unterschiedlichen Interessen schaffen könnten. Vor allem fehle es an Akzeptanz auf Nutzerseite.

Statt DRM solle die Kommission die Einführung einer "Musik-Flatrate" erwägen. Wie Tauschbörsen heute zeigen würden, sei es keine sehr werthaltige Dienstleistung, Bits von A nach B zu verfrachten, diese vollbringen Nutzer Tag für Tag selbst für einander. Dies sei ein Ergebnis der Kommunikationsrevolution, die die EU in der letzten Dekade selbst aktiv gefördert habe. Und dies könnten auch gute Nachrichten für die Content-Industrie sein, würde diese nicht an ihren Geschäftsmodellen auf Basis exklusiver Angebote festhalten, die sie nicht länger halten könnten.

DRM und Massenverfolgung sei vor diesem Hintergrund keine Antwort auf das Dilemma. Es sei eine schlechte Strategie, einen nennenswerten Teil der Bevölkerung zu kriminalisieren, um ein überholtes Geschäftsmodell einer Hand voll von Marktteilnehmern in einer relativ kleinen Industrie zu schützen. Eine gute Strategie wäre es hingegen, eine faire Vergütung für Kreative, freien Warenverkehr innerhalb der Märkte und einen offenen Marktplatz für Anbieter von Mehrwertdiensten sicherzustellen.

Das vorgeschlagene alternative Kompensationssystems einer "Musik-Flatrate" schaffe im Gegensatz zu DRM ein ausgewogenes System für Kreative, Rechteinhaber und Endnutzer. Anstatt dass die kommerziellen Produzenten auf Basis von DRM-Systemen für jede Nutzung Geld von den Nutzern verlangen ("Pay per Use"), wird empfohlen, das indirekte Vergütungssystem von Verwertungsgesellschaften auf das Internet zu erweitern.

Rechteinhaber sollen in diesem System ihre Online-Rechte an Verwertungsgesellschaften lizenzieren, wie sie es heute schon für viele "Offline-Nutzungsarten" tun. Diese sollen dann den Transfer geschützter Werke im Internet messen und Rechteinhabern eine entsprechende Vergütung zukommen lassen.

Finanzieren sollen sich die Verwertungsgesellschaften dabei aus mehreren Quellen, einschließlich freiwilliger Abonnements von Endnutzern, deren Vertretern oder durch Abgaben auf relevante assoziierte Güter und Dienstleistungen wie breitbandige Internetzugänge, MP3-Player oder auch Medien, wie es sie heute schon gibt.  (ji)


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Links zum Artikel:
Wizards of Operating Systems: http://wizards-of-os.org/

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