Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0404/30692.html    Veröffentlicht: 06.04.2004 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/30692

Spieletest: Splinter Cell - Pandora Tomorrow

Zweiter Teil der Agenten-Hatz

Mit Splinter Cell konnte Ubi Soft einen der größten Spielerfolge des letzten Jahres feiern - erst begeisterte die Agenten-Schleicherei die Xbox-Besitzer, danach folgten ebenso grandiose Umsetzungen für PC, GameCube, PlayStation 2 und GBA. Gerade mal ein Jahr später steht schon die Fortsetzung für PC und Xbox in den Läden; und vor allem dank des einfallsreichen Online-Modus darf man auch diesmal wieder von einem sicheren Verkaufshit ausgehen.

Der Hauptkritikpunkt gleich vorweg: Die Einzelspieler-Kampage von Pandora Tomorrow ist der des Vorgängers sehr ähnlich, prinzipiell hätte Ubi Soft hier sicherlich auch ein Add-On anstelle eines Vollpreisspiels veröffentlichen können. Denn am prinzipiellen Vorgehen hat sich nichts geändert: In verschiedenen Missionen über die ganze Welt verstreut müssen böse Terroristen und ihre Machenschaften bekämpft werden, und da man als Geheimagent tätig ist, steht anstelle roher Waffengewalt ein geschicktes Vorgehen im Vordergrund - nur wer schleicht, gewinnt.

Screenshot #1
Screenshot #1
So hält man sich weiterhin beständig im Dunkeln, schießt Lampen aus, um unbeobachtet agieren zu können, benutzt Gadgets wie ein Thermal-Nachtsichtgerät und schleicht sich meist von hinten an ein Opfer an, um es unschädlich zu machen. Eine Anzeige am unteren Bildschirmrand informiert beständig darüber, wie gut versteckt man in der jeweiligen Situation ist - hockt man in einer finsteren Ecke, kann die Wache einem direkt vor der Nase stehen und man wird trotzdem nicht entdeckt.

Screenshot #2
Screenshot #2
An Spezialwerkzeugen wurde erneut nicht gespart: Türen werden mit einem Dietrich geknackt, per Fieberglas-Kamera wird in andere Räume gespäht, verschiedene Blendgranaten halten einem die gröbsten Widersacher vom Hals, und durch geschicktes Pfeifen oder andere Geräusche lockt man die Wachen immer wieder auf falsche Fährten.

Natürlich ist auch der Bewegungsschatz von Sam Fisher wieder enorm - neben Schleichen und Laufen kann er sich unter anderem an Rohren entlanghangeln, per Spagat zwischen Wänden einklemmen, an der Decke hängen oder gar an der Außenseite eines Zuges entlangkraxeln. Zum Gewehr und der Pistole mit Schalldämpfer greift man hingegen selten - gezielte Schüsse aus der Ferne sind meist das höchste der Gewaltanwendung und auch nur dann zulässig, wenn in der Missionsaufgabe nicht ausdrücklich der Tod von Gegnern ausgeschlossen wurde.

Screenshot #3
Screenshot #3
Musste man im ersten Splinter-Cell-Spiel Mission auf Mission abarbeiten, die allesamt recht zusammenhanglos nebeneinander standen, wurde diesmal deutlich mehr Wert auf eine logische Story gelegt. Der Schurke, dem man einmal quer über die ganze Welt folgt, droht den USA mit Krieg - und als guter Amerikaner setzt man selbstverständlich alles daran, diese internationale Gefahr auszuschalten. Die recht witzlose Schwarz-Weiß-Malerei des ersten Teils wurde allerdings glücklicherwiese überarbeitet, die Charakter sind diesmal merklich differenzierter.

Screenshot #4
Screenshot #4
Auf jeden Fall abwechslungsreicher geworden sind auch die Umgebungen, in denen man agiert; neben dem schon angesprochenen Zug ist man nun auch mal im dichten Dschungel Indonesiens oder in den Straßen von Jerusalem unterwegs. Allerdings gibt es auch wieder die eher typischen Laboratorien-Level, die ein wenig Ideenreichtum vermissen lassen. Und von der recht strikten Linearität wurde ebenfalls nicht abgewichen: Nur selten führen verschiedene Wege zum Ziel, meist kommt man nur durch stures Trial&Error-Vorgehen der richtigen Lösung eines Levels auf die Spur.

Screenshot #5
Screenshot #5
Besonders ärgerlich wird diese Linearität in Zusammenhang mit dem immer noch zu hohen Schwierigkeitsgrad: Bestimmte Szenen müssen wieder und wieder gespielt werden, da oft der kleinste Fehler - wenn man etwa zu schnell läuft, ein Geräusch von sich gibt oder nicht sorgfältig genug arbeitet - sofort zur Ergreifung und zum Tod führen kann. Schuld daran ist auch die etwas unlogische KI: Einerseits tolerieren die Wachen keine Fehler des Spielers und nutzen die kleinsten Unvorsichtigkeiten, um zuzuschlagen. Andererseits schauen die CPU-Kontrahenten nur etwas verwirrt, wenn um sie herum eine Glühbirne nach der anderen kaputtgeschossen wird - und gehen nach kurzer Pause trotzdem stur ihrer Arbeit nach.

All diesen Mankos zum Trotz ist die Atmosphäre von Pandora Tomorrow wieder mal zum Schneiden dicht - man ertappt sich also wieder dabei, wie man vor dem Monitor die Luft anhält, um bloß nicht von den Wachen erwischt zu werden.

Screenshot #6
Screenshot #6
Während der Einzelspieler-Modus somit größtenteils Bewährtes in guter Qualität bietet, ist das eigentliche Highlight die diesmal integrierte Online-Option. Für den Mehrspieler-Modus haben sich die Entwickler ein recht ungewöhnliches Feature einfallen lassen, das in der Praxis aber überraschend gut funktioniert. Gegenüber stehen sich hier maximal vier Spieler in zwei Teams - einmal eine Gruppe von Shadownet-Agenten, die sich ähnlich wie Sam Fisher spielen, auf der anderen Seite eine Söldner-Gruppe, die versuchen muss, die Geheimagenten vom Aufspüren bestimmter Waffen und Infiltrieren der eigenen Lager abzuhalten.

Screenshot #7
Screenshot #7
Die Besonderheit liegt nun in der jeweils unterschiedlichen Sicht: Während man als Agent wie gewohnt das Spiel aus der Third-Person-Sicht sieht, schlüpft man als Söldner in die Ego-Perspektive. Und während die einen wie gewohnt lautlos agieren, die Dunkelheit ausnutzen und Ablenkungsmanöver durchführen müssen, sind die anderen beständig darauf erpicht, ihre Gegner ausfindig und dann auch gleich unschädlich zu machen.

Screenshot #8
Screenshot #8
Beide Seiten verfügen über unterschiedliche Ausrüstungen. Als Söldner nutzt man spezielle Sicht-Modi, um im Dunkeln nach Agenten zu spähen. Zudem kann man Fallen legen, durch die sich die Agenten verraten, oder aber mit Granaten für eine Enttarnung sorgen. Shadownet-Mitglieder hingegen können Bewegungssensoren und Kameras ausschalten oder gar Söldner unbemerkt mit Markierungen versehen - so ist es ihnen dann möglich, die Bewegungen von diesen auf dem eigenen Radar zu verfolgen und jeweils einen anderen Weg einzuschlagen.

Trotz unterschiedlicher Perspektiven und Hilfsmittel ist das Gleichgewicht zwischen den Teams stets gewahrt - keine Seite ist einfacher zu spielen als die andere, beide Mannschaften haben ähnliche Siegchancen und sind auf ein abgestimmtes Teamplay angewiesen.

Screenshot #9
Screenshot #9
Pandora Tomorrow nutzt eine modifizierte Unreal-Engine, die auf dem PC für teils wirklich wunderschöne Landschaften sorgt. Vor allem die Level in freier Natur wie dem indonesischen Dschungel weisen einen Detailgrad auf, der teilweise schon atemberaubend ist. Aber auch auf der Xbox überzeugt die im Vergleich zum Vorgänger leicht aufpolierte Optik, wenn die Konsolenversion auch nicht ganz mit der Texturenschärfe und der Detailfülle der PC-Fassung mithalten kann.

Screenshot #10
Screenshot #10
Die Soundkulisse ist gewohnt gut, die Informationen, die Sam von seinen Auftraggebern und Helfern über das Funkgerät bekommt, sind ebenso überzeugend gesprochen und vertont wie die Gespräche der NPCs. Und auch die Bedienung klappt vorzüglich - am PC greift man zu Maus und Tastatur und spielt Pandora Tomorrow praktisch wie einen Shooter, an der Xbox lässt sich alles bequem und logisch mit dem Pad bewerkstelligen.

Splinter Cell: Pandora Tomorrow ist für PC und Xbox bereits im Handel erhältlich. Umsetzungen für die PlayStation 2 und den GameCube werden folgen, ein Datum hat Ubi Soft hierfür allerdings noch nicht genannt.

Fazit:
Auch wenn sich die Neuerungen in der Einzelspieler-Kampagne in Grenzen halten, gehört Pandora Tomorrow sicherlich zu den spannendsten Schleich- und Action-Abenteuern, die man an PC und Konsole erleben darf. Da der Umfang mit etwa 15 Stunden Spielzeit im Vergleich zum Vorgänger deutlich erweitert wurde und der gelungene Multiplayer-Modus darüber hinaus zahlreiche weitere Herausforderungen bereithält, sollte man also zugreifen - Sam Fisher bleibt vorerst der König der Geheimagenten.  (tw)


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Links zum Artikel:
Ubi Soft: http://www.ubisoft.de

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