Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0403/30546.html    Veröffentlicht: 29.03.2004 13:28    Kurz-URL: https://glm.io/30546

Spieletest: Far Cry - Shooter-Knüller aus Süddeutschland

Optisch und atmosphärisch begeisterndes PC-Spiel

Das Warten hat endlich ein Ende: Nachdem man nach unzähligen Terminverschiebungen von Doom 3, Half-Life 2, Stalker und Far Cry schon das Gefühl bekam, dass kein einziger der mit Spannung erwarteten Ego-Shooter in absehbarer Zeit das Licht der Ladenregale erblicken würde, ist zumindest Far Cry nun fertig gestellt und seit kurzem im Handel erhältlich. Alle kommenden Action-Spiele werden es somit sehr schwer haben, das hier von dem Coburger Entwicklerteam geschaffene Benchmark zu übertreffen - denn Far Cry ist genau das Meisterwerk geworden, auf das alle gehofft haben.

Technisch beeindruckend sah Far Cry schon in allen Vorab-Präsentationen aus, das alleine reicht allerdings naturgemäß nicht für ein grandioses Spielerlebnis aus. Hier haben andere Faktoren wie Atmosphäre und spielerische Freiheit ein gewichtiges Wort mitzureden, und auch in diesen Punkten überzeugt das Team von Crytek auf ganzer Linie. Große Vorreden gibt es nicht - in der Anfangssequenz darf man beobachten, wie man sich als in Urlaubskluft gewandeter Muskelprotz Jack in der Südsee befindet und in einem kleinen Boot eine junge Dame spazieren fährt. Die Idylle wird allerdings getrübt, als plötzlich das Boot unter Beschuss genommen wird und kentert - und Jack mit viel Glück an die nahe gelegene Insel angespült wird.

Screenshot #1
Screenshot #1
Von hier an beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das es vom Spannungsgrad her sogar mit dem Klassiker Half-Life aufnehmen kann. Schritt für Schritt offenbart sich einem der Hintergrund der ganzen Misere: Zu Beginn ist man noch recht ahnungslos, warum auf dieser Insel unzählige schwerbewaffnete Söldner ihr Unwesen treiben und nach dem Leben des Spielers trachten und was mit der eigenen Begleiterin Valerie passiert ist. Mit Hilfe eines unbekannten Gönners, der über ein Funkgerät erste Tipps und Anweisungen gibt, erfährt man nach und nach aber immer mehr über seltsame Experimente und Machenschaften auf dem Südsee-Atoll - und dringt so Schritt für Schritt tiefer in die spannende Geschichte ein.

Screenshot #2
Screenshot #2
Zunächst schnappt man sich in einem Lagerraum eine kugelsichere Weste und die erste Schusswaffe, bevor man sich in die Tiefen des Dschungels auf der Karibik-Insel stürzt. Im Spielverlauf kommen dann nach und nach immer neue, stärkere Waffen wie Maschinen- oder Scharfschützengewehre oder Extras wie Ferngläser zur eigenen Ausrüstung hinzu. Allerdings ist man in der Wahl der eigenen Mittel begrenzt - mehr als vier Schusswaffen kann Jack nicht mit sich herumtragen, was der Waffenwahl eine gewisse taktische Note verleiht.

Screenshot #3
Screenshot #3
Überhaupt ist Taktik immens wichtig - mit planlosem Herumgeballere kommt man nicht weiter, da man auf Grund der eigenen Situation einer eigentlich hoffnungslos großen Übermacht gegenübersteht. Vorsichtiges Vorgehen ist also angesagt, und auch wenn das Ganze sicherlich nicht die Ausmaße von Splinter Cell annimmt, ist man schon oft damit beschäftigt zu schleichen und oder am Boden zu kriechen, um Ecken zu lugen oder Steine zur Ablenkung von Wachen zu schmeißen. Eine Anzeige am linken Bildschirmrand informiert dabei darüber, wie deutlich man gerade im Blickfeld der Kontrahenten steht. Weitere Anzeigen geben Informationen über Gesundheit, Panzerung und Energie - Letztere regeneriert sich beständig selbst und ist wichtig, wenn man kurze Strecken rennen will.

Screenshot #4
Screenshot #4
Von Zeit zu Zeit darf man auch mal in Fahrzeugen Platz nehmen und beispielsweise einen Jeep über die Insel steuern oder ein Boot an der Küste entlanglenken. Wie bei vielen anderen Shootern auch sind dies allerdings die Schwachpunkte des Spiels: Der Jeep etwa lässt sich oft nur mit Mühe auf der Strecke halten, und da man beständig von Helikoptern oder Kontrahenten an stationären Geschützen unter Beschuss genommen wird, geht man die meisten Wege freiwillig lieber zu Fuß - auch deshalb, weil die Autos recht schnell explodieren und den Spieler dann gleich mit in den Tod reißen.

Screenshot #5
Screenshot #5
Mehrere Schwierigkeitsgrade lassen einem vor Spielbeginn die Wahl, wie herausfordernd der Inselausflug werden soll; zudem hat man die Möglichkeit auszuwählen, dass sich die KI automatisch der Intelligenz des Spielers anpasst. Über weite Strecken ist die Intelligenz der Kontrahenten auch wirklich beeindruckend - sie verstecken sich hinter Kisten, ducken sich immer wieder, schleichen sich gekonnt durch das Dickicht an oder locken den Spieler gar in einen Hinterhalt. Aussetzer gibt es nur selten - etwa, wenn man eine Wache erschießt und deren nur wenige Meter entfernt stehender Kollege davon nichts mitbekommt. Dafür scheinen andere Gruppen beinahe schon telepathisch miteinander verbunden zu sein: Hat man beim Schleichen etwa einen Fehler gemacht und war zu laut, bekommen das oftmals wirklich alle in der Nähe befindlichen Kontrahenten gleichzeitig mit.

Überhaupt ist Far Cry auf allen Stufen alles andere als einfach; wenn man mit seinen Handfeuerwaffen eine Horde anstürmender Angreifer ausschalten muss, vom Wasser her von Kanonenbooten aus beschossen wird und zudem noch mit einem über einem kreisenden Hubschrauber konfrontiert ist, werden Anfänger wohl schnell der Verzweiflung nahe sein. Sorgfältige Planung des eigenen Vorgehens - sowie ein gutes Maß an Try&Error - helfen aber dabei, auch mit solchen Situationen fertig zu werden. Gespeichert wird übrigens automatisch an vom Programm vorgegebenen Missionspunkten, ein echtes Quick Save gibt es nicht.

Screenshot #6
Screenshot #6
Für die Grafik ist eine eigens von Crytek entwickelte Engine zuständig, die immer wieder im Spielverlauf für offene Münder und pures Staunen sorgt - Far Cry ist mit das Schönste, was man je am PC zu sehen bekam. Beinahe unglaublich sind beispielsweise die realistischen Echtzeit-Licht- und Schatteneffekte, die sogar auf die Waffen korrekte Lichtverhältnisse projizieren, in dunkle Keller Sonnenstrahlen einfallen lassen oder aber das Nähern von Gegnern schon an deren Schatten bemerkbar machen. Aber auch der Detailgrad der Vegetation, die wunderbar spiegelnde Wasseroberfläche bzw. die Landschaft unter Wasser, die man bei kurzen Tauchausflügen zu Gesicht bekommt und die atemberaubende Weitsicht - allesamt ein Augenschmaus, die richtige Hardware vorausgesetzt.

Screenshot #7
Screenshot #7
Ähnliches gilt für die Soundkulisse, die die komplette Szenerie ungemein lebendig werden lässt: Kugeln zischen aus allen Richtungen an einem vorbei, Fußtritte oder Flüstern aus dem Wald verraten annähernde Gegner und ihren jeweiligen Aufenthaltsort. Die deutsche Sprachausgabe jagt einem immer mal wieder einen Schauer über den Rücken, wenn etwa urplötzlich hinter einem undurchdringlichen Graswall ein Angreifer auftaucht und sofort Alarm schlägt. Aber auch "harmlose" Sounds wie das Zirpen von Insekten oder die Laute vorbeifliegender Vögel sorgen für eine unglaublich dichte Atmosphäre und Spannung - selten hatte man so sehr das Gefühl, wirklich selbst am Geschehen teilzunehmen und es nicht nur zu betrachten.

Screenshot #8
Screenshot #8
Hinsichtlich des Umfanges gibt es ebenfalls nichts zu klagen: Gut 18 bis 20 Stunden braucht man, um alle Geheimnisse der schönen Insel zu lüften, was gemessen an zuletzt erschienenen Shootern wie Max Payne 2 oder auch Call of Duty eine sehr befriedigende Länge ist. Zudem offeriert der Mehrspieler-Modus mit seinen drei Spiel-Modi (Jeder gegen Jeden, Team Deathmatch und Assault) noch weitere Beschäftigungsmöglichkeiten; im Vergleich zur Single-Player-Kampagne bietet die Multiplayer-Option allerdings eher gewohnte Shooter-Kost.

Gewöhnungsbedürftig sind in jedem Fall die teils sehr langen Ladezeiten; allerdings muss immer nur zu Beginn eines Levels längere Zeit gewartet werden, Neustarts im Level geschehen dafür relativ fix.

Screenshot #9
Screenshot #9
Wie bereits angedeutet, ist Far Cry ein purer Genuss für Augen und Ohren - wenn man denn die nötige Hardware sein Eigen nennt. Denn das Spiel ist genau die Killer-Applikation, auf die Nvidia und ATI wohl schon händeringend gewartet haben, um neue Argumente für ihre derzeitigen Top-Grafikkarten geliefert zu bekommen. Zumindest einen 2-GHz-Rechner, 512 MByte RAM und eine schnelle DirectX9-Grafikkarte sollte man schon sein Eigen nennen, um dieses Spiel wirklich genießen zu können. Zwar gibt es unzählige Optionen, um die Anforderungen an die Hardware herunterzuschrauben - Textur- oder Wasserqualität, Fernsicht oder Anti Aliasing lassen sich allesamt in mehreren Stufen variieren; nur sieht das Spiel dann natürlich längst nicht mehr so beeindruckend aus. Zudem benötigt man zwingend ein DVD-Laufwerk und etwa 4 GByte freien Festplattenspeicher.

Screenshot #10
Screenshot #10
Um einer Indizierung zu entgehen, wurde für die deutsche Verkaufsversion von Far Cry das so genannte Rag-Doll-Verhalten toter Körper, wie es in der mittlerweile indizierten Demo noch zu finden war, entfernt. Leichen getöteter Gegner lassen sich somit nicht mehr in der Gegend umherwerfen oder aber - indem man sie weiter beschießt - zum Zucken bringen. Auf den Spielspaß wirkt sich das aber in keiner Weise aus - auch wer ungern zensierte Versionen von Programmen spielt, sollte an dieser Stelle einsehen, dass das den Spielverlauf und die Atmosphäre nicht beeinträchtigt. Auf Gewalt muss ohnehin nicht verzichtet werden: Far Cry hat aus gutem Grund keine Jugendfreigabe von der USK erhalten und darf somit nur an Spieler ab 18 Jahren verkauft werden. Zudem kursieren im Internet bereits auf diversen Fansites Anleitungen dazu, wie die Rag-Doll-Physik auch in der deutschen Version wieder eingeschaltet werden kann.

Screenshot #11
Screenshot #11
Wie bei vielen anderen Titeln in der Vergangenheit scheint es auch bei Far Cry leider Probleme mit dem Kopierschutz zu geben - wie einige Spieler berichten, werden unter anderem manche Laufwerke wohl nicht richtig unterstützt, zudem stört sich die Software wohl sogar an manchen Brennprogrammen auf der Festplatte. Im Test konnten wir derartige Probleme allerdings nicht feststellen. In jedem Fall lohnend ist allerdings der Download des ersten, etwa 27 MByte großen Patches, der kleinere Probleme und Bugs im Single- und Multiplayer-Modus behebt.

Fazit:
Wer hätte das vor einem Jahr noch für möglich gehalten: Da wartet alle Welt auf Doom 3 oder Half-Life 2, und heimlich, still und leise stiehlt ein Team aus dem beschaulichen Coburg den ganz Großen die Show. Far Cry ist eine Offenbarung - technisch sowieso, aber auch spielerisch bietet der Titel eine der intensivsten und spannendsten Erfahrungen, die man am PC je miterleben durfte. Wer schon länger auf ein gutes Argument wartet, sich endlich einen neuen Prozessor und eine Highend-Grafikkarte zuzulegen - mit Far Cry bekommt er es definitiv geliefert.  (tw)


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