Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0401/29517.html    Veröffentlicht: 29.01.2004 13:50    Kurz-URL: https://glm.io/29517

Verband fordert funkfreie Schutzzonen für Elektrosensible

"Es geht um den Schutz von Tausenden von Menschen"

Bisher gibt es keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise, ob und wie sich Funkwellen von Mobilfunkstationen, Handys, DECT-Telefonen und WLANs auf die Gesundheit des Menschen auswirken. Der Bundesverband Elektrosmog e.V. forderte nun dennoch funkfreie Oasen für Elektrosensible, da es um den Schutz von Tausenden von Menschen gehe und auch Nicht-Anfällige elektrobelastet würden.

Von der Wissenschaft erwartet der besorgte Verein auf Grund ungeeigneter Forschungsmethodik derzeit keine Klärung: "Da die Wissenschaft prinzipiell nach der Kausalmethode forscht, kann sie ein solches multiples Geschehen noch nicht erfassen. Insofern wird durch die betroffenen Industrie-Unternehmen, durch Staatsbeamte sowie durch entsprechende Forscher immer wieder betont, es sei 'wissenschaftlich nichts erwiesen'", heißt es in einer Pressemitteilung vom Bundesverband Elektrosmog e.V.

Die unzureichende Methodik bisheriger Studien wird auch unter Wissenschaftlern diskutiert. So wurden etwa auf einem von der Forschungsgemeinschaft Funk e.V. organisierten internationalen Workshop die Ergebnisse von wissenschaftlichen Untersuchungen zu biologischen Einflüssen hochfrequenter elektromagnetischer Felder (HF-EMF) insbesondere auf den menschlichen Schlaf diskutiert. Nach der Präsentation der bisherigen Ergebnisse zur Schlafforschung aus klinischer Sicht waren sich die Experten einig, dass die vorliegenden experimentellen Schlafstudien nur eine eingeschränkte Aussagekraft besitzen. Auch die bislang vorliegenden epidemiologischen Studien würden zum Teil noch große methodische Defizite aufweisen. Hier scheint sich allerdings ein Wandel abzuzeichnen, da ausgefeiltere Forschungsmethoden entwickelt werden.

Dem Bundesverband Elektrosmog e.V. zufolge soll es trotz unausgereifter Methodik dennoch in unabhängigen sowie abhängigen Untersuchungen deutliche Hinweise auf Gesundheitsschäden geben. Aus diesem Grunde hätte die "längst überholte" Technik Mobilfunk im Sinne des von der Europäischen Kommission formulierten Vorsorgeprinzips aus dem Februar 2000 allein aus Vorsorgegründen schon abgeschaltet werden müssen. Untätigkeit wähnt man dabei auf Staatsebene, da dort lediglich diskutiert würde, wie viel Risiko die Gesellschaft trage.

Ein Indiz, wenn nicht gar Beweis für die Schädlichkeit von Handystrahlung, sieht der Verein in einer über die letzten Jahre angestiegenen Anzahl schwerer und chronischer Erkrankungen sowie spezifischer und unspezifischer Symptome, von welchen niedergelassene Ärzte berichten würden. Die Daten des Bundesamtes für Statistik in Wiesbaden würden diesen Anstieg bestätigen. Unabhängig von etwaiger Belastung durch elektromagnetische Felder und unabhängig von deren Auswirkungen könnte es allerdings genügend weitere potenzielle Gründe dafür geben, worauf der Verband in seiner Pressemitteilung nicht einging.

Der Verband schränkt seine Aussage auch entsprechend ein und erklärt, dass eigenen Literaturrecherchen zufolge jede genetische Disposition bzw. chronische Erkrankung durch Elektrosmog verstärkt werden könne - was ohne Angabe von Wahrscheinlichkeiten etwas diffus klingt. Wo jedoch schon ein gesundheitliches Problem bestehe, "greife die Elektroschädigung an", heißt es weiter.

Laut einer Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) vom Herbst 2001 sollen sich rund 6 Prozent der befragten Bundesbürger in ihrer Gesundheit durch die elektromagnetischen Felder des Mobilfunks beeinträchtigt fühlen. Der Bundesverband Elektrosmog geht jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liege und die Elektroempfindlichen sich der Zahl der Allergiker annähern würden, zu denen verschiedenen Berichten zufolge etwa 15 Prozent der Deutschen zählen. Der Verband unterscheidet dabei zwischen "Elektrosensibilität" mit unspezifischen Beschwerden, der "Elektrosensitivität" - eine über dem Durchschnitt verstärkte Wahrnehmung elektromagnetischer Wellen - sowie der "Elektroallergie".

Dahinter muss jedoch nicht unbedingt eine echte Krankheit stecken, denn wenn man den Ende 2002 veröffentlichten ersten Untersuchungsergebnissen der Fakultät für Medizin der Universität Witten/Herdecke glauben kann, gibt es eine psychologische Komponente von Elektrosensibilität: "Wenn sie ein Feld erwarten, fühlen sich die so genannten Elektrosensiblen krank", erklärte der Elektropathologe Prof. Dr. med Eduart David vom zuständigen Forscherteam zum Zeitpunkt der Studien-Veröffentlichung. Gleichzeitig wiesen er und sein weiter forschendes Team aber darauf hin, dass nicht gänzlich ausgeschlossen werden könne, dass bisherige naturwissenschaftliche Methoden nicht fein genug sind, um kleinste physikalisch messbare Reaktionen im menschlichen Körper aufzudecken.

Laut Bundesamt für Strahlenschutz sind die aktuell zulässigen Grenzwerte für durch elektrische Geräte erzeugte elektromagnetische Felder so gewählt, dass nach dem heutigen Kenntnisstand die bisher wissenschaftlich nachgewiesenen gesundheitsschädlichen Risiken durch elektromagnetische Felder auch bei dauerhaftem Aufenthalt nicht auftreten. Dennoch rät auch das Amt zu bedachtem Umgehen mit der Technik: So sollten weniger sendestarke Handys gewählt und heimische DECT-Telefon-Stationen nicht im Schlafzimmer sowie Mobilfunkmasten nicht in der Nähe von Krankenhäusern und Kindergärten postiert werden. Für Feldintensitäten unterhalb der Grenzwerte liegen laut Bundesamt wissenschaftliche Verdachtsmomente vor, auf Grund derer vorsorgliche Maßnahmen zur Verringerung möglicher Risiken gefordert werden - etwa durch eine Verringerungen der Einwirkdauer und Feldstärkeverminderungen.

Wie und wo die vom Bundesverband Elektrosmog e.V. geforderten funkfreien Oasen für Elektrosensible realisiert werden sollen, wurde nicht angegeben.  (ck)


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Links zum Artikel:
Bundesamt für Strahlenschutz: http://www.bfs.de/
FGF - Forschungsgemeinschaft Funk e.V.: http://www.fgf.de/

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