Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0401/29222.html    Veröffentlicht: 12.01.2004 16:40    Kurz-URL: https://glm.io/29222

KiSS brüskiert MPlayer-Team und Open-Source-Szene

"Wir werden unsere Software nicht als Open Source veröffentlichen"

In einem Interview mit einem dänischen Radiosender hat Peter Wilmar Christensen, der Managing Director des DivX-DVD-Player-Herstellers KiSS Technology, endlich zu den "Code-Klau-Vorwürfen" des MPlayer-Teams Stellung bezogen. In einer vom MPlayer-Team veröffentlichten, ins Englische übersetzten Mitschrift bezeichnet Christensen die Anschuldigungen als falsch und vermutet, dass auch das MPlayer-Team Code von KiSS übernommen haben könnte, obwohl er gleichsam einräumt, dass man noch nicht alles überprüft habe.

Christensen zufolge setze die KiSS-Firmware zwar Linux ein und hat den entsprechenden Code auch veröffentlicht. Die darauf aufsetzende Anwendungsschicht basiere jedoch einzig und allein auf selbst entwickeltem Code. Das MPlayer-Team hatte nach ausbleibender Reaktion per veröffentlichtem Codevergleich bewiesen, dass in der KiSS-Firmware zumindest die Untertitel-Subroutinen identisch zu denen des MPlayer sind.

Gegenüber dem dänischen Radiosender drehte Christensen im Interview den Spieß um und vermutete, dass der besagte MPlayer-Code genauso von KiSS stammen könnte. Der strittige Code-Teil der KiSS-Firmware enthält laut MPlayer-Team allerdings Unterstützung für ein nicht oder sehr selten genutztes, aber im MPlayer-Code vorhandenes, spezielles MPlayer-Untertitelformat ("MPSub").

Das MPlayer-Team sieht Christensens indirekte Gegenanschuldigung deshalb als Beweis an, dass KiSS niemals den News-Bereich der offiziellen MPlayer-Website gelesen habe. Bereits in der ersten Veröffentlichung des Codevergleichs wurde die MPSub-Unterstützung seitens des Herstellers hervorgehoben. Gabucino vom MPlayer-Team hat MPSub eigenen Angaben zufolge bereits in 2001 vorgeschlagen, am 12. Oktober 2001 habe "laaz" die Unterstützung des Untertitelformats bestätigt, das jedoch "in freier Wildbahn" niemals gesehen wurde. Die KiSS-Firmware hingegen erschien erst 2003 mit dem weltweit ersten DivX-DVD-Player KiSS DP-450.

Christensen hat sich - obwohl er betont, die Open-Source-Gemeinschaft nicht als Feind, sondern eher als Freund haben zu wollen - auch mit seinen Aussagen über die GNU Public License keine Freunde gemacht: "Wir haben bestätigt, dass wir bereits wissen, dass bei Nutzung von unter GPL lizenziertem Code jede davon abgeleitete Arbeit veröffentlicht werden muss. Das bedeutet, dass die legale Basis sehr dünn ist und es gibt keinen mir bekannten Ort auf der Welt, an dem die GPL im Gericht bestehen musste. Von einer Geschäfts-Perspektive würde ich also sagen, dass die Lizenz relativ schwach ist." Dass viele Lizenzvergehen jedoch dank Bemühung der Free Software Foundation bereits außergerichtlich beigelegt werden konnten, erwähnt Christensen nicht.

Weiter heißt es zur "Schwäche" der GPL: "Dies ändert zwar nicht den der Open-Source-Gemeinschaft zu Grunde liegenden Gedanken, den ich - alles in allem - positiv sehe. Aber es ist klar, dass eine kommerzielle, vom Verkauf ihrer Produkte lebende Firma ihren eigenen Code nicht veröffentlichen kann und wird. Selbstverständlich sollte niemand GPL-Code in proprietären Systemen nutzen." Den Forderungen nach der Veröffentlichung des Quellcodes, mit der auch bewiesen werden könnte, ob KiSS- oder das MPlayer-Team Recht haben, will KiSS dem Radio-Interview zufolge deshalb nicht Folge leisten. Eine Konfrontation wünsche man zwar nicht, müsse aber klar Stellung beziehen, dass die eigene Software nicht als Open Source veröffentlicht werde.

"Ich finde es erbärmlich, so viele glatte Lügen lesen zu müssen. Es macht deutlich, wie Unternehmen wie KiSS oder SCO Open Source behandeln", so der auf MPlayerHQ.hu veröffentlichte Kommentar von Gabucino. Aus den Aussagen des KiSS-Chefs schließt er, dass Christensen nicht die leiseste Ahnung habe, welche Software seine Firma einsetze. Christensens Aussagen entsprächen der Pressearbeit im Stil von "Microsoft (oder Bush)", es würden nur "die eigenen Lügen ständig wiederholt". Die Entstehung von Code-Ähnlichkeiten könnte KiSS Gabucino zufolge intern leicht durch den Einsatz eines Versions-Kontroll-Systems herausfinden und müsste so auch keine Gegenanschuldigungen aussprechen.

"Der traurige Aspekt davon ist, dass es auf eine total ignorante Betrachtungsweise schließen lässt, wie 'unser Quellcode ist unserer, er ist komplett uneinsehbar, aber ja, unserer Behauptungen sind die Wahrheit, Eure sind glatte Lügen'", so Gabucino und stellt abschließend die Frage, wie es sein kann, dass Firmen wie KiSS nicht durch das Gesetz belangt werden können.

Gegenüber Golem.de gab es seitens KiSS Technology bisher keine Stellungnahme.  (ck)


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Links zum Artikel:
Kiss Technology (.com): http://www.kiss-technology.com
MPlayer (.hu): http://www.MPlayerHQ.hu/

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