Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0311/28627.html    Veröffentlicht: 24.11.2003 09:14    Kurz-URL: https://glm.io/28627

CCC: Sammelwut biometrischer Daten gefährdet Grundrechte

Auch hohe Erkennungsraten sorgen für viele falsch Verdächtigte

Der Vorstoß des "Bund Deutscher Kriminalbeamten" (BDK), biometrische Merkmale aller europäischen Bürger in einer zentralen Datenbank zu speichern, stößt beim Chaos Computer Club auf schwerste Bedenken; das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung wäre damit in einem wesentlichen Gebiet abgeschafft - während der Nutzen für die Verbrechensbekämpfung nicht einmal nachgewiesen ist, so die Position des Vereins.

Der CCC stellt sich insbesondere gegen die Idee einer zentralen Datenspeicherung, wie sie zuletzt vom Sprecher des "Bund deutscher Kriminalbeamten", Holger Bernsee, gefordert wurde. Das Missbrauchspotenzial und mögliche Begehrlichkeiten im Kontext einer zentralen Datenführung stehen dabei nach Ansicht des CCC in keinem Verhältnis zu dem möglichen Zugewinn bei der Verbrechensbekämpfung, der sich auch mit einem technisch deutlich weniger demokratiegefährdenden System realisieren lässt.

Bernsee formulierte in seinem Gespräch mit heise online die Forderung nach einem System, mit dem die Behörden "bei Kontrollen vor Ort jederzeit" die Zuordnung eines Ausweises zu einer Person vollziehen können. Gerade diese Anforderung legt aber nach Auffassung des CCC schon rein technisch betrachtet eine dezentrale Lösung nahe, keinesfalls aber eine zentrale Datenbank, da zentrale Komponenten erfahrungsgemäß die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit eines Systems reduzieren.

Die BDK hält eine dezentrale Lösung, wie sie sich mit Chipkarten realisieren ließe, für unsicher, da sich auch die Chipkarten, mit denen die Ausweise möglicherweise ausgestattet werden sollen, von findigen Fälschern manipuliert werden können.

Der CCC verweist auf die existierenden kryptographischen Sicherungsmöglichkeiten von Smartcard-Anwendungen, die bereits ein hohes Maß an Sicherheit und Datenintegrität garantieren würden. "Eine gute Smartcard-Anwendung zu manipulieren ist sehr viel schwieriger, als einen Satz künstliche Fingerkuppen herzustellen und diese unauffällig auf den Fingern anzubringen" erläuterte Jan Krissler, Mitglied der Arbeitsgruppe Biometrie des CCC.

Der CCC, der sich mit der praktischen Sicherheit von biometrischen Systemen beschäftigt, sieht zudem grundsätzliche Probleme bei einem möglichen obligatorischen Einsatz von Biometrie zur Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Ausweis und ausweisender Person. Selbst bei biometrischen Erkennungsgeräten der Oberklasse können nur Erkennungsraten von 99,9 Prozent garantiert werden - bei extrem hohen Kosten hat dann also jeder 1000ste kontrollierte Bürger unverschuldete Probleme bei der Ausweiskontrolle. Bei rund 80 Millionen Deutschen wären das immerhin schon 80.000 unbescholtene Bürger mit Ärger bei Ausweiskontrollen. Bei einer zentralen europäischen Datenbank für die 370 Millionen EU-Bürger immerhin dann schon 370.000 unbescholtene Bürger, die zeitliche Verzögerungen z.B. bei einer Ausweiskontrolle zu erleiden hätten.

Gerade die präferierten Fingerabdrücke haben aber noch problematischere Eigenschaften. Lisa Thalheim, ebenfalls Mitglied der CCC-Arbeitsgruppe Biometrie, erklärte dazu: "So sind bei ca. 5 Prozent der Bevölkerung die Merkmale nicht ausreichend ausgeprägt, um überhaupt vom System sinnvoll verarbeitet zu werden. Auch Verschmutzung und Zerstörung der Fingerlinien durch Arbeit oder Verletzungen senken die Erkennungsquote."

Der CCC spricht sich gegen den Einsatz zusätzlicher biometrischer Merkmale auf Ausweisdokumenten aus. Experten des CCC sind der Ansicht, dass der erhöhte Sicherheits- und Kontrollbedarf der Behörden mit Technologie gelöst werden könnte, für die die bereits jetzt auf den Ausweis befindlichen Merkmale völlig ausreichen.

Ganz grundsätzlich stehen weder die Kosten und der Aufwand der Einführung noch die Einschnitte in die bürgerlichen Freiheiten in irgendeinem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen solcher Systeme. "Eine grundsätzliche Einführung biometrischer Merkmale für die Ausweispapiere kommt nach Ansicht des CCC einer erkennungsdienstlichen Behandlung aller europäischen Bürger gleich. Als Indikator für die Unschuldsvermutung kann das wohl nicht gelten", kommentierte CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn die Pläne.

Sollte es dennoch zur Aufnahme zusätzlicher biometrischer Daten kommen, rät der Chaos Computer Club dringend von einer zentralen Datenspeicherung ab. Ein freiheitlicher Staat und ein freies Europa muss sich in erster Linie auf die Bürgerrechte der Menschen konzentrieren. Polizeiarbeit ist schwierig und muss schwierig bleiben.

"Ein Staat, der die Bequemlichkeit für die Ermittlungsbehörden vor die Bürgerrechte stellt, setzt die falschen Prioritäten und bewegt sich in letzter Konsequenz weg von einem Staat der Bürger hin zu einem Polizeistaat", fasste CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn abschließend das Statement des Clubs zusammen.  (ad)


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