Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0311/28319.html    Veröffentlicht: 04.11.2003 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/28319

Spieletest: Max Payne 2 - Grandios inszenierte Action

Fortsetzung des Shooter-Highlights von 2001

Neben den neuen Doom- und Half-Life-Spielen gehört wohl auch Max Payne 2 zu den von Action-Fans am meisten herbeigesehnten Titeln. Seit kurzem steht die Fortsetzung des Überraschungserfolgs von 2001 nun in den Regalen - und erfüllt einen Großteil der in sie gesetzten Erwartungen.

Eins vorweg: Max Payne 2 ist kein vollkommen neues Spiel, sondern führt den Stil und das Gameplay des ersten Teils recht konsequent weiter - mit zahlreichen Verbesserungen, die allerdings meist eher im Detail liegen. So wird die Hintergrundgeschichte weiterhin in schönen, gezeichneten Bildern erzählt, die künstlerisch deutlich anspruchsvoller erscheinen als im ersten Teil und mit einer brillanten Sprachausgabe unterlegt sind. Innerhalb der Missionen gibt es dann zahlreiche Zwischensequenzen in Spielgrafik, die die Story weiter vorantreiben.

Screenshot #1
Screenshot #1
Überhaupt wurde diesmal deutlich mehr Wert auf die Geschichte gelegt, was vor allem Kennern des ersten Spiels zugute kommt. Bekannte Charaktere wie Vladimir Lem, der Senator Alfred Woden und Max Paynes Schwarm Mona sind erneut mit von der Partie, es gibt eine große Verschwörung mehrerer verfeindeter Parteien sowie unzählige Anspielungen auf das erste Abenteuer des mittlerweile beförderten Polizei-Agenten - zu Beginn ist Verwirrung programmiert, ein erneutes Durchspielen des Titels lohnt sich also schon allein deshalb, um wirklich zu verstehen, was hier vor sich geht. Selten zuvor konnte ein Shooter mit einer derart komplexen Story aufwarten.

Screenshot #2
Screenshot #2
Das Gameplay hingegen präsentiert sich gewohnt simpel - relativ geradlinig ballert man sich von Mission zu Mission und muss einen Bösewicht nach dem anderen ausschalten. Dabei kommt einem vor allem die Bullet Time zu Hilfe - eine Art Zeitlupe, die die Action-Einlagen spielerisch und optisch deutlich aufwertet.

Screenshot #3
Screenshot #3
Zunächst einmal kann man wie im ersten Teil auf das "Shootdodging" zurückgreifen - Max macht eine Rolle oder einen Sprung, wobei sowohl die Bewegungen der Gegner als auch die eigenen in Zeitlupe ablaufen, man selber aber immer noch in Echtzeit zielt und so besser Feinde anvisieren und gegnerischen Kugeln ausweichen kann. Neu ist aber eine Art zweiter Bullet-Time-Modus, der dafür sorgt, dass Max nicht nur in normaler Geschwindigkeit zielen, sondern sich auch schnell bewegen kann - während alle anderen wie in Trance agieren. Eine Sanduhr am linken oberen Bildschirmrand zeigt an, wie lange man auf diese Funktion zurückgreifen kann; erledigt Max mehr Gegner, verfärbt sie sich zudem gelb und er kann sich noch schneller bewegen.

Screenshot #4
Screenshot #4
Diese "übernatürlichen" Kräfte machen Max Payne 2 ein wenig leichter als den Vorgänger - schließlich muss man kaum noch taktisch vorgehen, sondern kann nach Aktivieren der Bullet Time auch ganz einfach direkt auf die Gegner zulaufen. Um die Benutzung der Zeitlupe kommt man aber keinesfalls herum - manche Szenerien sind so mit heranstürmenden Feinden vollgepackt, dass man sich dieser Übermacht ansonsten nicht erwehren könnte.

Screenshot #5
Screenshot #5
Die Intelligenz der Kontrahenten überzeugt größtenteils - wenn sie sich aus Versehen auch manchmal selbst aufs Korn nehmen, verstehen sie es doch ansonsten gut, sich zu ducken oder einen Hinterhalt auszunutzen. Zudem reagieren sie direkt auf das Verhalten des Spielers - zieht man sich etwa zum Nachladen oder Regenerieren der Bullet Time, die sich mit der Zeit selbst wieder auflädt, zurück, wird man auch schon mal als Feigling beschimpft.

Screenshot #6
Screenshot #6
In einigen Missionen hat Max auch Begleitung an seiner Seite und muss sich der fast schon Armee-großen Feindschar nicht allein stellen. Wie zumeist bei solchen Spielen ist der Kompagnon aber nur eine kleine Hilfe, die sich nicht wirklich spielentscheidend auf die Gefechte auswirkt.

Screenshot #7
Screenshot #7
Größere Konsequenz hat da schon der Einsatz einer neuen Physik-Engine: Fast alle Objekte im Spiel gehorchen jetzt mehr oder weniger realistisch der Schwerkraft, so dass man etwa Dosen, die auf dem Boden liegen, durch die Gegend schießen oder aber Stühle umkippen kann, wenn man direkt gegen sie läuft. Spielerisch hat das durchaus Auswirkungen, etwa wenn man hinter einem Stapel von Kartons Deckung sucht, diesen dabei aber berührt und ihn so zum Einsturz bringt. Auch mit den Waffen lassen sich zahlreiche Gegenstände verschieben, Schüsse auf ein vollbeladenes Regal bleiben somit also nicht folgenlos wie bei den meisten anderen Shootern. Dasselbe gilt auch für die erschossenen Gegner, die ebenfalls recht realistisch zu Boden fallen und dabei durchaus umstehende Objekte mit herunterreißen oder aber auch an ihnen hängen bleiben. Manchmal sieht das etwas ungelenkig aus, vor allem in Verbindung mit der Bullet Time entstehen so aber häufig fast schon filmreife, dramatische Szenen.

Screenshot #8
Screenshot #8
Die Max zur Verfügung stehenden Waffen haben sich kaum verändert - weiterhin setzt man diverse Pistolen, Maschinen- und Scharfschützengewehre sowie Schrotflinten und zusätzlich Granaten und Molotov-Cocktails ein. Letztere lassen sich jetzt als sekundäre Waffen parallel zu den Schießprügeln einsetzen, so dass man zum Beispiel eine Granate werfen, die Gegner aber gleichzeitig mit Maschinengewehrfeuer malträtieren kann. Gewehre und Pistolen können - etwa wenn das Magazin leer ist - auch als Schlagwaffe eingesetzt werden, was in der Praxis allerdings nicht sonderlich effektiv ist.

Screenshot #9
Screenshot #9
Neue Munition findet man im Spiel beständig in Schränken oder Kisten, zudem nimmt man besiegten Feinden automatisch Material ab, wenn man über sie hinüberläuft. Auch Schmerzmittel - mit denen sich die Gesundheit von Max wieder aufpäppeln lässt - findet man so. Der Schaden, der einem durch Schüsse zugefügt wird, hängt von der jeweiligen Position des Gegners ab - ein gezielter Treffer kann Max an die Nähe des virtuellen Ablebens bringen, wohingegen er Streifschüsse aus größerer Entfernung recht problemlos wegsteckt.

Screenshot #10
Screenshot #10
Optisch macht Max Payne 2 über weite Strecken einen sehr guten Eindruck, wobei die Animationen und die Modellierung der Charaktere nicht immer überzeugt, dafür aber die Umgebungen sehr realistisch und detailliert gestaltet wurden. Zusammen mit der filmreifen Inszenierung - unter anderem gibt es rasante Kamerafahrten oder durch Schmerzen verursachte Schwindelanfälle, die das Bild verschwimmen lassen - sind vor allem die Zwischensequenzen beeindruckend gut gelungen. Die komplett englische Sprachausgabe ist ebenfalls eine Klasse für sich, vor allem die Stimme von Max Payne passt mit ihrem am Rande des Zusammenbruchs stehenden und dennoch zu allem entschlossenen Tonfall nahezu perfekt.

Screenshot #11
Screenshot #11
Take 2 hat sich nicht die Mühe gemacht, das Spiel für den deutschen Markt anzupassen - abgesehen von der deutschen Anleitung ist das Spiel komplett in Englisch gehalten, ohne halbwegs gute Kenntnisse der englischen Sprache wird man die Story oftmals nicht nachvollziehen können. Da es sich zudem um die ungeschnittene US-Fassung handelt, bekommt man viel roten Lebenssaft zu sehen - erschossene Gegner verursachen so etwa Blutlachen am Boden oder hinterlassen eine tiefrote Spur an der Wand, wenn sie zusammenbrechen und zu Boden sinken. Das Spiel ist daher auch erst ab 18 Jahren freigegeben.

Einen der Hauptkritikpunkte des Vorgängers haben die Entwickler von Remedy leider nicht ausgemerzt: Die Spieldauer ist erneut äußerst kurz, man benötigt kaum mehr als zehn Stunden, um das überraschende Ende zu Gesicht zu bekommen. Zumindest wird nach dem ersten Durchspielen ein neuer Modus freigeschaltet, der es erlaubt, die Geschichte noch einmal - jetzt allerdings mit deutlich höherem Schwierigkeitsgrad - zu erleben.

Max Payne 2 ist ab sofort für PC im Handel erhältlich. Umsetzungen für PlayStation 2 und Xbox folgen im Dezember 2003.

Fazit:
Max Payne 2 ähnelt dem Vorgänger in vielen Punkten, die Entwickler haben eher kleine Neuerungen eingebaut als das Spiel von Grund auf neu zu konzipieren. Dieses Konzept geht aber auf: Die vielseitigere Bullet Time, die neue Physik-Engine und die komplexe Story lassen einen noch tiefer in die New Yorker Unterwelt abtauchen, atmosphärisch ist das Spiel eine wirkliche Meisterleistung. Trotz der wenigen Innovationen und der recht kurzen Spieldauer sollte man sich dieses Erlebnis also nicht entgehen lassen - derart stilvoll und hübsch verpackt haben sich in letzter Zeit nur wenig Shooter präsentiert.  (tw)


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