Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0306/26038.html    Veröffentlicht: 20.06.2003 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/26038

Nintendo gewinnt Urheberrechtsstreit gegen Lik Sang (Update)

Sammelklage von Nintendo, Microsoft und Sony in drei Verfahren geteilt

Die ehemalige Geschäftsleitung des nun in anderen Händen befindlichen asiatischen Videospielzubehör-Versenders Lik Sang hat ein Ende letzten Jahres durch Nintendo angestrengtes Gerichtsverfahren verloren. Dabei ging es um den Verkauf eines "Flash Advance Linker" getauften Produkts, das ein Auslesen von Game-Boy-Advance-Software auf Speicherkarten und somit ein unerlaubtes Vervielfältigen der Spiele ermöglichte. Mittlerweile gibt es auch eine Stellungnahme seitens des Lik-Sang-Gründers Alex Kampl, der Nintendo und das zuständige Gericht seinerseits hart angeht.

Der zuständige Richter, William Waung vom Obersten Gerichtshof in Hongkong, hat laut einer Nintendo-Pressemitteilung zu Gunsten Nintendo Co. Ltd und Nintendo of America Inc. entschieden. Demnach müsste Lik Sang International Limited, deren Geschäftsführer Nils Ahlswede und Alexander Peter Kampl sowie Visoly Limited - Entwickler des Flash Advance Linker - eine Vorauszahlung von 5 Millionen Hongkong-Dollar an Nintendo leisten, was umgerechnet rund 548.000 Euro entspricht. Zudem müssten Nintendos Gerichtskosten übernommen werden - die endgültige Schadensersatz-Summe, die von Lik Sang und Visoly getragen werden muss, soll noch bestimmt werden.

Das Urheberrecht in Hongkong verbietet es laut Nintendo, Videospiel-Kopiergeräte zu verkaufen, die zum Erstellen von illegalen Spielekopien verwendet werden können. Auf dieser Basis habe das Gericht zu Gunsten von Nintendo entschieden, um die weltweite Verbreitung von GBA-Raubkopien zu verhindern. Dabei richte sich besagtes Urheberrecht nicht an die Raubkopierer, sondern an die Personen, welche die Mittel zum Erstellen von Raubkopien anbieten.

"Wie bei Drogen, ist es [das Gesetz, Anm. der Redaktion] nicht an den Drogenabhängigen gerichtet, sondern an den Drogendealer", so die etwas überzogen wirkende Analogie des Richters. Waung weiter: "Ich habe keinen Zweifel daran, dass [die Produkte] sich wie warme Semmeln verkaufen, weil sie die Mittel lieferten, um die in den Game Boy Steckmodulen befindlichen Spiele [...] von den Klägern (Nintendo) zu stehlen und dann die gestohlenen Spiele illegal in die Flash-Karte der Angeklagten zu packen."

Dieses Urteil folgt einem Durchsuchungsbefehl gegen Lik Sang, den das Gericht im September 2002 auf Antrag von Nintendo, Microsoft und Sony aussprach. Seitdem habe man alle urheberrechtsverletzenden Produkte und belastende Geschäftsunterlagen von Lik Sang konfiszieren dürfen, woraus sich Nintendo zufolge weitere Gerichtsverfahren gegen Hersteller und Distributoren ableiten könnten. Zudem hatte das Gericht Lik Sang Internationals Geschäftskonten einfrieren lassen. Kurze Zeit nach der Durchsuchung seiner Geschäftsräume stellte Lik Sang den Vertrieb des Flash Advance Linker und von Mod-Chips ein. Die von Nintendo, Microsoft und Sony im letzten Jahr gestartete Sammelklage gegen Lik Sang, die einen Verkauf von Mod-Chips und Ähnlichem stoppen sollte, wurde in drei Verfahren getrennt.

Laut Nintendos Anti-Raubkopie-Direktorin Jodi Daugherty wurden die Geräte in mindestens 30 Länder rund um die Welt versandt. Für das Jahr 2002 beziffert Nintendo den selbst und bei Partnern durch Raubkopien erlittenen Schaden auf 650 Millionen US-Dollar. Diese Zahl kann sich allerdings nur auf GBA-Produkte beziehen, denn Raubkopien für den Gamecube sind auf Grund des eigenen Laufwerks unseres Kenntnisstandes nach bisher nicht möglich.

Von der ehemaligen Lik Sang International Geschäftsleitung gab es auf Anfrage von Golem.de noch keine Stellungnahme. Pacific Game Technology, die im November 2002 den Onlineshop von Lik Sang übernahmen, wollten zum Gerichtsverfahren und dem Urteil keinen Kommentar abgeben, da es sich einzig und allein um eine Angelegenheit von Lik Sang International handele.

Nachtrag vom 21. Juni 2003:
Alex Kampl erklärte gegenüber Golem.de in einer Stellungnahme, dass er gegen das Urteil bereits Berufung eingelegt habe. Bis jetzt habe es gar kein richtiges Verfahren gegeben, sondern nur ein Urteil im beschleunigten Verfahren - was nur bei trivialen Angelegenheiten üblich sei - durch einen in Urheberrechtsfragen gänzlich unerfahrenen Richter. Der Richter selbst habe bereits in der ersten Anhörung darauf hingewiesen, dass es bedauerlicherweise keinen Urheberrechtsexperten mehr gebe und dass er selbst das Urheberrecht von Hongkong sehr verwirrend finde, so der Lik-Sang-Mitgründer. Sonst wäre ihm aufgefallen, dass man sich auf ein Gesetz berief, das zwar eine Umgehung von Kopierschutzmechanismen verbiete, es jedoch - anders als es Nintendo im Verfahren behauptete - gar keinen Kopierschutz in den Speichermodulen vom Game Boy und Game Boy Advance geben würde. Nintendos Aussagen seien seitens des Richters nicht von unabhängigen Experten überprüft worden. Die vom Gericht gewählte Analogie, nach der man nicht die Drogensüchtigen (Raubkopierer), sondern die Drogendealer (Anbieter illegaler Hardware) erwischen wolle, bezeichnet Kampl als falsch: "Ich kann dieser Logik nicht folgen, müsste man dann nicht die Injektionsnadeln verkaufende Apotheke oder sogar den Hersteller des Behälters, in welchem die Drogen verkauft werden, verantwortlich machen?"

Zudem hätten ausgerechnet Nintendos Partner zu den interessiertesten Kunden für den Flash Advance Linker gehört: Der Hersteller, dessen Spiel Nintendo im Gericht zur Demonstration der von Lik Sang verkauften Technik heranzog, habe Hunderte von den Geräten bestellt, um damit Beta-Tests der entwickelten Software durchführen zu können. Gleiches gelte für viele der anderen zehn erfolgreichsten Publisher. Illegal sei an dem auch für legale Zwecke einsetzbaren Gerät nichts - es handle sich lediglich um ein Speicherkartenlaufwerk.

"Ich verstehe Nintendos Kampf gegen die Piraterie, aber ich glaube, dass sie auf die Falschen zielen. Mit digitalen Medien und dem Internet müssen die Publisher ihre Strategie ändern. Sie können nicht gegen den Fortschritt ankämpfen, ohne unsere ureigensten Rechte zu entfernen: Die Unschuldsvermutung und das Recht auf Sicherheitskopien. Nintendo muss nicht mehr beweisen, dass man ein Räuber ist, es wird angenommen, dass ihr alle es seid, wenn die technischen Hilfsmittel vorhanden sind", schloss Kampl seine Stellungnahme.  (ck)


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Links zum Artikel:
Lik-Sang (.com): http://www.lik-sang.com
Nintendo of America (.com): http://www.nintendo.com/

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