Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0303/24252.html    Veröffentlicht: 03.03.2003 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/24252

Spieletest: Splinter Cell - Fulminante Agenten-Action

Faszinierendes und forderndes PC-Spiel von Ubi Soft

Um wenig Spiele wurde in letzter Zeit bereits vor dem Erscheinen ein derartiger Wirbel veranstaltet wie um das Stealth-Action-Game Splinter Cell. Nachdem der Titel bereits seit Ende letzten Jahres für die Xbox erhältlich ist und dort bereits jetzt zu den bestverkauften Spielen überhaupt zählt, darf man nun auch am PC in die Rolle des Geheimagenten Sam Fischer schlüpfen.

Wir befinden uns im Jahr 2004. Die zunehmende Gefahr terroristischer Anschläge hat den amerikanischen Geheimdienst NSA zur Gründung einer streng geheimen Spezialtruppe mit dem Namen Third Echelon veranlasst. Diese Einheit ist vor allem auf die Beschaffung wichtiger elektronischer Daten spezialisiert - und Sam Fischer, in dessen Rolle der Spieler schlüpft, ist der beste Mann dieser Truppe.

Screenshot #1
Screenshot #1
In insgesamt neun, teilweise sehr umfangreichen Missionen muss man fortan sein Talent als lautloser und effektiver Spezial-Agent beweisen und vermisste Geheimagenten ausfindig machen oder wichtige Informationen beschaffen. Zwar verfügt Sam bei seinen Einsätzen auch über Waffen wie eine Pistole und ein Scharfschützengewehr, mit dem sich nicht nur tödliche Kugeln, sondern unter anderem auch Gummigeschosse abfeuern lassen. Im Vergleich zu den meisten anderen Action-Spielen wird der Abzug bei Splinter Cell aber eher selten gedrückt - unauffälliges Vorgehen ist hier der Schlüssel zum Erfolg.

Screenshot #2
Screenshot #2
Wie dies aussehen kann erfährt man auf dem Trainingsgelände, wo man zunächst ein recht ausführliches, aber auch dringend benötigtes Tutorial absolviert. Denn das Bewegungsrepertoire von Sam ist umfangreich: So bewegt er sich nicht nur in diversen Geschwindigkeiten vorwärts - ob man rennt, läuft oder eher langsam schleicht wird dabei mit dem Mausrad festgelegt -, sondern kann auch kriechen, springen, an Leitern und Säulen klettern oder sich an Seilen abhangeln. Neben dem einfachen Sprung sind auch Doppel-Sprünge möglich: Im Scheitelpunkt eines ersten Sprungs drückt man erneut die Springen-Taste, um sich von der Wand im Flug abzustoßen und so auch große Höhen zu überwinden.

Screenshot #3
Screenshot #3
Zudem kann sich Sam durch einen Spagat zwischen zwei eng beieinander stehenden Wänden festklemmen und ahnungslose Gegner durch einen Sprung von der Decke überraschen. Durch Drücken der Q-Taste drückt sich Sam an eine Wand und bleibt so in Deckung, um die Ecke schauen oder aus der Deckung zu schießen ist hierbei ebenfalls möglich. Auch bei Türen hat man die Option, sie zunächst nur einen Spalt zu öffnen und hindurchzulinsen, um zu schauen, was einen dahinter erwartet.

Screenshot #4
Screenshot #4
Ob Sam bei seinen Aktionen entdeckt wird, hängt von diversen Faktoren ab. Allzu laute Geräusche kann man dadurch verhindern, dass man sich langsam fortbewegt, aus der Hocke springt und anstatt über Holzbalken zu gehen eher nach Beton- oder Teppichböden Ausschau hält. Indem man geschickt dunkle Ecken und Schatten ausnutzt, bleibt man von Wachen unentdeckt. Eine Anzeige am rechten unteren Bildschirmrand informiert darüber, wie "unsichtbar" man gerade ist - steht sie ganz links, ist man völlig ungefährdet, je weiter sich der Zeiger aber nach rechts bewegt, desto größer ist die Gefahr, entdeckt zu werden.

Screenshot #5
Screenshot #5
In hell beleuchteten Gängen, in denen es kaum Kisten gibt, hinter denen man sich vor Feinden oder Überwachungskameras verbergen kann, gibt es zumindest noch die Möglichkeit, die Deckenleuchten mit der Pistole auszuknipsen. Sams Nachtsichtgerät sorgt dafür, dass man auch bei vollkommener Dunkelheit noch gut sieht, die Grafik wechselt dann in einen Schwarz-Weiß-Modus. Auch Minen lassen sich so entdecken, da Sams Ausrüstung auf Wärme reagiert und so mit dem bloßen Auge nicht wahrzunehmende Gefahren lokalisiert.

Natürlich lässt es sich nicht immer vermeiden, in Kontakt mit feindlichen Personen zu treten. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten: Entweder man entledigt sich des unliebsamen Gegnerns mit einem gut platzierten Pistolenschuss aus der Deckung. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass herumliegende Leichen durchaus von anderen gefunden werden können - der Körper muss hinterher also so gut wie möglich aus dem Blickfeld geschafft werden. Schleicht man sich unauffällig genug heran, lassen sich die vermeintlichen Bösewichte aber auch packen und in den Schwitzkasten nehmen - vor allem, wenn man geheime Informationen wie Zugangscodes benötigt oder die Augen der Wachen braucht, um an einem Netzhautscanner vorbeizukommen, ist diese Art der "Befragung" einem Vorgehen mit Waffen vorzuziehen. Nachdem Sam im Besitz der benötigten Informationen ist, kann er den Gegner dann mit einem gut platzierten Faustschlag ins Reich der Träume schicken.

Screenshot #6
Screenshot #6
Natürlich verfügt Sam noch über eine ganze Reihe weiterer nützlicher Gegenstände: Mit einem Dietrich lässt sich so manche verschlossene Tür öffnen, Granaten sind in Ausnahmefällen geeignete Mittel zur Ablenkung aber auch Ausschaltung von Feinden, mit dem Kamera-Störsystem können Überwachungskameras manipuliert werden. Beim Einsatz der verschiedenen Extras aus dem Inventar fällt allerdings einer der wenigen, aber sehr störenden Kritikpunkte an Splinter Cell auf: Die Auswahl bestimmter Waffen und Extras dauert einfach zu lange. Hat man etwa eine Granate in der Hand und will schnell zur Pistole wechseln, muss zunächst das Inventar aufgerufen, die Pistole ausgewählt und danach per Tastendruck dann auch noch gezogen werden - erst dann ist man feuerbereit. In brenzligen Situationen können die in der Zwischenzeit vergehenden Sekunden durchaus über Leben und Tod entscheiden.

Den virtuellen Bildschirmtod erlebt man allerdings sowieso häufiger als einem lieb ist - auch in dem einfacheren der beiden anwählbaren Schwierigkeitsgrade ist Splinter Cell stellenweise schon unmenschlich schwer. Zum Glück kann jederzeit gespeichert werden, was angesichts der stetig knappen Munition, der nur selten zu findenden Medi-Packs zur Gesundheitsaufbesserung und des großen Umfangs der einzelnen Missionen sehr hilfreich ist.

Screenshot #7
Screenshot #7
An vielen Stellen lohnt sich aber auch eine Speicherung, um unterschiedliche Vorgehensweisen zu erproben - fast immer gibt es mehrere Wege zum Ziel, nur selten versperrt einem das Programm eine an sich logisch erscheinende Möglichkeit. An bestimmten Wachen kann man etwa unbemerkt an der Decke vorbeihangeln, man kann sie aber auch durch einen gut platzierten Wurf einer herumliegenden Flasche auf eine falsche Fährte führen, sie in einen Hinterhalt locken oder einfach aus der Distanz unschädlich machen. Fenster lassen sich zerschießen und als Fluchtwege benutzen, Wasserlachen können mit einem Elektroschocker unter Strom gesetzt werden - die Entwickler haben es geschafft, derart viele Objekte zur Interaktion freizugeben, dass auch der Wiederspielwert immens hoch ist.

Screenshot #8
Screenshot #8
Die Steuerung von Splinter Cell funktioniert prinzipiell ähnlich wie bei einem Ego-Shooter, allerdings bewegt man mit der Maus eine frei drehbare Kamera, so dass man auch Winkel und Ecken einsehen kann, die Sam noch nicht überblickt - nicht unbedingt realistisch, aber in vielen Fällen lebensrettend. Ansonsten hat man die zahlreichen benötigten Tasten (u.a. für das Inventar, die einzelnen Bewegungsoptionen sowie die Zusatzausrüstung wie das Nachtsichgerät) relativ schnell im Griff.

Screenshot #9
Screenshot #9
Die Präsentation des Spieles steht dem fulminanten Gameplay in nichts nach: Schon in der ersten Mission möchte man, nachdem man das Dach des georgischen Präsiden-Palastes erklommen hat, ausharren, um das stimmungsvoll-bedrohliche Ambiente zu begutachten. Aber auch im brennenden Treppenhaus, im finsteren Keller-Gewölbe, durch dessen Fenster kleine Lichtstrahlen hineindrängen oder im Garten versteckt hinter einer Palme: Immer ist die Grafik sehr detailliert, zudem gibt es zahlreiche beeindruckende Effekte und ein wunderschönes Licht-/Schattenspiel. Ähnliches gilt für den Sound: Diverse gut synchronisierte Gespräche können belauscht werden, und zahlreiche Geräusche - etwa, wenn man von einem Vorsprung herunterhüpft und unglücklicherweise dabei auf Scherben tritt - lassen einen mit angehaltenem Atem aus Angst vor der möglichen Entdeckung das Alter Ego vor dem PC-Monitor verharren.

Besonders schön daran ist, dass man nicht unbedingt einen High-Tech-PC braucht, um Sams Abenteuer miterleben zu können. Wer sich mit einer Auflösung von 640 x 480 Bildpunkten und niedrigen Details begnügt - auch hier sieht das Spiel noch recht gut aus -, kann bereits mit 800 MHz und langsamer GeForce den Einsatz beginnen.

Fazit:
Splinter Cell setzt neue Maßstäbe im Stealth-Action-Genre. Selten zuvor wurde ein derart packendes und abwechslungsreiches Gameplay so wunderschön präsentiert, spielerische Freiheit und künstliche Intelligenz so geschickt umgesetzt wie hier. Wenn es an dem Spiel etwas zu kritisieren gibt, dann eigentlich nur das etwas umständliche Ausrüsten von Sam mit den Waffen sowie die Tatsache, dass es nur neun, allerdings sehr komplexe Missionen gibt. Nach den etwa 15 Stunden Spielspaß bis zur Endsequenz wird es kaum einen Spieler geben, der sich nicht schleunigst weitere Aufgaben für Sam wünscht.  (tw)


© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/