Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0207/20635.html    Veröffentlicht: 05.07.2002 10:42    Kurz-URL: https://glm.io/20635

Stallman: Die BSA betreibt Terrorismus

Ein neues Urheberrecht solle Nutzern ihre Rechte zurückgeben

Wirtschaft und Wissenschaft auf dem Weg in die Wissensgesellschaft: Vor diesem Hintergrund diskutierten gut 150 Teilnehmer im Rahmen des 3. Berliner Forum Electronic Business mit dem Titel "Allianz des Wissens". Insbesondere Richard Stallman, Gründer des GNU-Projekts und damit einer der Väter des Betriebssystems GNU/Linux, wartet dabei mit teilweise kontrovers diskutierten Thesen zum Thema Urheberrecht auf. Er forderte unter anderem Nutzer auf, Musik kostenlos im Netz zu tauschen und Künstler direkt über Spenden oder verstärkte Konzertbesuche zu bezahlen, statt durch CD-Käufe die Musikindustrie, nicht aber die Künstler zu finanzieren.

Stallman forderte in einer Neufassung des Urheberrechts, den Nutzern die Rechte zurückzugeben, die diese in früheren Zeiten den Rechteinhabern überlassen haben. Es sei zu Zeiten der Druckerpresse nicht nötig gewesen, das Recht zu Kopien einzufordern, da nur die wenigsten überhaupt in effizienter Weise Kopien erstellen konnten. Im Zeitalter der Computernetze sei es hingegen für jeden möglich, Kopien anzufertigen, wobei die Kontrolle von Kopien praktisch nur in einem repressiven Polizeistaat durchzusetzen sei.

Die USA sei dabei derzeit weltweit führend, wenn es um die Durchsetzung von Kopierschutzmechanismen gegen die Anwender gehe, ähnlich der ehemaligen Sowjetunion, wo ein System aus Überwachung, Bestrafung, Regulierung und Propaganda herrschte.

Es sei eine Frage der Moral, ob man das Teilen von Informationen erlaube, wie man auch Kinder ermutige, Süßigkeiten mit den Klassenkameraden, die keine haben, zu teilen. Oder, ob man versuche, bereits Kindern klar zu machen, dass das Kopieren von Daten verwerflich, gar kriminell sei. Das Recht, dem Nächsten zu helfen, auch mit Software, zählt Stallman zu den Menschenrechten.

Aktivitäten, wie die der Business Software Alliance, die z.B. in Argentinien Menschen per Briefpost konkret zur Lizenzierung von Software auffordert, die gar nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen, nannte Stallman ein Art staatlich geförderten Terrorismus.



Es sei falsch, ein einheitliches Urheberrecht anzustreben. Rechteinhaber würden wohl immer belegen können, dass eine Einschränkung der Nutzerrechte auf Grund einer speziellen Anwendung nötig sei, die damit für alle Anwendungsbereiche gelten müsse.

Stallman schlägt stattdessen eine differenzierte Ausgestaltung des Urheberrechts vor, wobei er drei Klassen von Arbeiten unterscheidet: Funktionale Arbeiten wie Software, Handbücher oder Enzyklopädien, die in jedem Fall frei zugänglich sein müssten und die jeder ungefragt modifizieren und damit verbessern kann. Die zweite Gruppe seien Arbeiten, die Meinungen enthalten. Hier sei die Frage der Modifikation schwieriger zu beantworten, ließen sich Werke doch so entstellen. Es sei also notwendig, Änderungen nur in Rücksprache mit dem Autor zu erlauben. Die Verteilung müsse mindestens im privaten Bereich frei sein, für eine kommerzielle Verwertung müsse man dann einen Kompromiss finden.

Die dritte Gruppe beschreibt Stallman als Arbeiten zu Unterhaltung, also Arbeiten, bei denen der Konsum der Arbeit allein den Nutzen ausmacht. Die Frage nach der Erlaubnis von Veränderungen sei auch hier schwer zu beantworten, steht der Gefahr einer Entstellung doch einer Vielfalt gegenüber, die durch Abwandlungen auch heute schon entsteht und vor allem im Musik-Bereich zu beobachten sei. Bei einer kommerziellen Verwertung müsste man daher auch hier ein Modell finden, das alle beteiligten Schöpfer gleichwohl entlohnt. Dennoch müsse es im nicht-kommerziellen Bereich erlaubt sein, auch solche Werke frei zu kopieren.

Stallman forderte vor allem Nutzer von Musik auf, diese frei im Internet zu tauschen und den Künstlern direkt Geld zukommen zu lassen, z.B. über verstärkte Konzertbesuche, statt die Plattenindustrie über CD-Käufe zu finanzieren. Er wies darauf hin, dass beim Kauf einer Platte der Künstler zwar formell einen Anteil erhält, dieser aber in der Regel zunächst mit dem Marketingaufwand der Plattenfirma verrechnet würde. Nur bei sehr großem Erfolg würden daher Künstler überhaupt vom Verkauf ihrer CDs profitieren.

Es könne auch nützlich sein, eine Art "Digital-Cash-Payment"-System zu etablieren, so das Internetnutzer auf freiwilliger Basis Bands direkt kleine Geldbeträge um einen Euro zukommen lassen könnten. Letztendlich würde davon ein Großteil der Künstler profitieren, auch wenn einige wenige schlechter gestellt würden.

In Bezug auf Computerspiele schlug Stallman eine Zweiteilung vor. Die eigentliche Spieleengine ließe sich dabei als funktionale Arbeit einordnen, wobei das "Szenario" eher mit einem Roman zu vergleichen und entsprechend einzuordnen wäre.

Am Rande des Forums hatten wir zudem Gelegenheit, mit Richard Stallman über einige aktuelle Entwicklungen im Bereich freie Software zu sprechen. Lesen sie dazu auch unser Interview mit Richard Stallman.  (ji)


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