Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0206/20309.html    Veröffentlicht: 14.06.2002 11:24    Kurz-URL: https://glm.io/20309

ASP: Totgesagte leben länger

Zukunftsweisendes Application Service Providing (ASP)

Der Application-Service-Providing-Markt ist totgesagt. Doch Totgesagte leben länger. Und Anwendungen zum Mieten setzen sich langsam durch.

Eigentlich sollte das Application Service Providing (ASP) schon längst ein Riesengeschäft sein. Weil dem aber nicht so ist, haben einige Analytiker die Geschäftsaussichten erst einmal drastisch reduziert und viele Unternehmen haben entsprechend reagiert. Tatsächlich befinden sich die ASP-Anbieter derzeit eher in einer Konsolidierungsphase - noch bevor das Umsatzvolumen eine nennenswerte Größe erreicht hat. Denn das Geschäft hat eigentlich gerade erst begonnen.

So sehen die Berater der Legend Consulting nach Abschluss eines ASP-Forschungsprojektes für Österreich trotz vielversprechender Entwicklungen den Markt generell noch im Dornröschenschlaf, allerdings mit der Hoffnung auf ein baldiges Wachküssen.

Die Analysten der International Data Corporation IDC werden inzwischen wieder mutiger und sagen für den westeuropäischen Markt deutliche Wachstumsraten voraus. Für das Jahr 2006 prognostizieren sie bereits einen Umsatz von rund 6 Milliarden Euro.

Und allmählich kommt die Vermietung von Software über das Internet auch tatsächlich in Schwung, nur eben sehr viel langsamer als vorausgesagt. Für die Verzögerung sind vor allem die wenig ausgereiften Produkte zu Beginn des vermeintlichen Booms verantwortlich. Oft waren die Lösungen bei konkreten Anfragen noch in der Entwicklung. Viele Anbieter hatten das neue Geschäftsfeld auch nur mit Standard-Applikationen angetestet. Einen Erfolg erzielten auch die ASP-Partner von Microsoft in den USA nur, wenn sie Office-Software in einem Paket mit anderen Anwendungen anboten.



ASP ist kein Alleskönner

ASP ist ohnehin nicht die Antwort auf alle Fragen der IT-Welt, kein Alleskönner und Allheilmittel, um vorhandene IT-Anwendungen vollständig abzulösen. Nach einer Studie von Berlecon besteht ein weiteres Hindernis für einen erfolgreichen Einsatz aber auch darin, dass "man in acht von zehn Unternehmen nach eigenen Angaben mit dem Konzept gar nicht oder nur wenig vertraut ist." Lediglich 21 Prozent der befragten IT-Unternehmer kennen ASP gut.

Dabei übernehmen ASP-Anbieter zahlreiche Dienstleistungen, die oft nur bei hohem Kosten- und Personaleinsatz zu bewältigen sind: Dennoch ist auch die Angebotsvielfalt inzwischen breit gestreut und reicht von Kommunikationssoftware, Office-Lösungen, Groupware-Anwendungen, Dokumentenmanagement-Lösungen über E-Business, CRM-Lösungen und E-Learning bis hin zu branchenspezifischen Lösungen.

Unterbrechungsfreie Verfügbarkeit der Applikationen sowie Kostenreduzierung sind für die Kunden die wichtigsten Argumente bei der Auswahl eines ASP. Die Anbieter sollten daher die Verfügbarkeitsquoten eindeutig festlegen und ihre Einhaltung durch strategische Kooperationen mit Netzbetreibern sichern. Dagegen sollten die Kunden bei der Auswahl eines Providers auf Anwendungsverfügbarkeit, Datensicherheit und Preisstruktur achten. Es ist zu empfehlen, feste Monatsgebühren zu vereinbaren.

Das ASP-Modell wird sich langfristig in jedem Fall durchsetzen. Doch im Wettlauf um die Kunden werden wohl nur die Provider von ausgereiften, sicheren und wirtschaftlichen Lösungen gewinnen können.



Die E-Learning-Spezialisten der im Ruhrgebiet ansässigen Schenck.de Aktiengesellschaft entwickeln bereits seit sieben Jahren E-Learning-Lösungen. Ein Teil der Anwendungen wird als ASP-Angebot vermarktet. Das Interview mit Tobias Schenck, dem Vorstand der gleichnamigen Firma, zeigt, worauf es ankommt und welche Visionen für künftige Anwendungen bestehen.

Golem: Welche Kriterien für die Wahl eines ASP-Anbieters sind für die Anwender besonders wichtig?

Tobias Schenck: Die kaufmännische Kalkulation ist ein Teil der Grundlage. Dabei ist es wichtig, auf Nutzungsgebühren, Zugangskosten und Einrichtkosten zu achten. Ebenso wichtig ist aber auch der strategische Part. Der ASP-Anbieter muss zum einen die Beratungsleistung erbringen, um einen erfolgreichen Projektabschluss sicherzustellen und zum anderen sollte ein ASP-Anbieter flexibel sein, wenn der Kunde später Teile des Geschäftsprozesses oder das ganze System insourcen will.

Golem: Für welche Anbieter ist es lohnend, den Kunden auch ASP-Angebote zu unterbreiten?

Schenck: ASP bietet grundsätzlich dort die größten Vorteile, wo die Kosten für Infrastruktur und Systempflege gesenkt werden können. Dies ist insbesondere der Fall, wenn große Bandbreiten gebraucht werden oder Anwendungen immer wieder erweitert werden. Bei der Einführung beispielsweise von UMTS-Portalen werden Anwendungen wohl wöchentlich ausgebaut werden müssen, um im Markt bestehen zu können. In diesen Bereichen wird sich für mittelständische Unternehmen etwas anderes als ASP gar nicht rechnen.

Golem: In Ihrem Haus werden vornehmlich E-Learning-Lösungen entwickelt. Auch im Zukunftsmarkt E-Learning gibt es Verschiebungen. Für welche Kunden sind Ihre ASP-Lösungen besonders interessant?

Schenck: Im E-Learning-Sektor gibt es erheblichen Konsolidierungsbedarf, doch das heißt nicht, dass es dem Markt wirklich schlecht geht. Es gibt derzeit erhebliche Verschiebungen hin zu den Konzepten. Davon aber profitiert vor allem der Kunde. ASP spielt im E-Learning-Markt eine bedeutende Rolle, weil es Prozesse beschleunigt und kostengünstiger gestaltet. In der jetzigen Wirtschaftssituation suchen Unternehmen vermehrt nach Lösungen, den eigenen Vertrieb zu stärken und Kosten zu senken. Die Kapitalrücklaufzeit sollte bei der Anfangsinvestition in eine E-Learning-Lösung bei maximal sechs Monaten liegen, von allem anderen würde ich die Finger lassen.

Golem: Eignen sich ASP-Lösungen im Bereich des E-Learning nicht auch ganz besonders als Ergänzung zu technisch hochwertigen Komponenten in der Fertigung vieler Industrieunternehmen?

Schenck: Ja, denn der zukünftige Trend für Firmen liegt vor allem in der Investition in neue, oft sehr teure, elektronische Komponenten und in der gleichzeitigen Reduzierung der Gesamtkosten durch die Online-Schulung der Ingenieure und Techniker. Denn die ist nicht nur wesentlich preiswerter als der Besuch einer Präsenzschulung, sondern kann auch ohne Wartezeit durchgeführt werden. Schließlich genügt ein Internetzugang und der Kurs kann beginnen. Einen Ausblick auf diese Möglichkeiten gibt Siemens mit ersten Angeboten auf der Lernplattform Sitrain.

Golem: Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung des ASP-Marktes ein?

Schenck: Der ASP-Markt wird meiner Einschätzung nach nur für die Firmen Erfolg bieten, die mit fundierten Konzepten den finanziellen Erfolg ihrer Kunden sicherstellen. Ein ASP-Anbieter, der mitwachsende Lösungen anbietet und sich um den Erfolg seiner Kunden kümmert, wird auch selbst Erfolg haben.  (ji)


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