Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0204/19568.html    Veröffentlicht: 29.04.2002 18:08    Kurz-URL: https://glm.io/19568

Das große Beben 5 - Abgesagt wegen Geschehnissen in Erfurt

Diskussion um Gewalt in Spielen und Videos gewinnt wieder an Bewegung

Nachdem die für kommendes Wochenende in Erfurt geplante LAN-Party "Das große Beben 5" dank eingesprungenen Sponsoren gerettet schien, wird sie nun doch ersatzlos abgesagt. Als Grund nennen das Beben-Team und die Sponsoren die tragischen Geschehnisse vom 26. April in Erfurt, als ein 19-Jähriger Ex-Schüler in einem Gymnasium 16 Menschen und im Anschluss sich selbst erschoss.

Auf der offiziellen Website heißt es dazu: "An dieser Stelle möchten wir vom Beben-Team unser tiefstes Mitgefühl den Familien und Angehörigen der Opfer des 26. April widmen. Mehr als 7 Mitglieder unseres Teams waren Schüler des Gutenberg-Gymnasiums und kannten die verstorbenen Lehrer, so dass dieses Attentat uns sehr zum Nachdenken und Trauern bewegt hat."

Laut Medienberichten soll der Täter unter anderem den - sehr beliebten und auf LAN-Parties oft anzutreffenden - 3D-Shooter Counterstrike gespielt haben, der gerade auf Grund seines Inhaltes von der BPjS auf Indizierung geprüft wird. Die Geschehnisse in Erfurt haben wieder Bewegung in die Debatte um potenziell gewaltverherrlichende Spiele und Videos gebracht. Insbesondere aus dem konservativen CDU/CSU-Lager - allen voran Kanzlerkandidat Edmund Stoiber - sind vermehrt Stimmen zu vernehmen, die ein Verbot von Gewaltdarstellungen in Spielen und Videos fordern.

So bemängelt beispielsweise Bayerns Innenminister Dr. Günther Beckstein (CSU) in einer Pressemitteilung, dass es ein schweres Versäumnis der Bundesregierung sei, der mit großer Mehrheit gefassten Aufforderung des Bundesrates vom 25. Februar 2000 nicht nachgekommen zu sein, die Verbreitung "gewaltverherrlichender Videos und Computerkillerspiele" zu verbieten. Beckstein: "Vertreter der Bundesregierung forderten schon damals nach den Todesschüssen von Bad Reichenhall und jetzt wieder nach Erfurt zu Recht, dass Gewalt in jeder Form geächtet gehört."

Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) bezeichnete die Tat als einen "Racheakt schrecklichen Ausmaßes". Man müsse sich fragen, welche Werte in der Gesellschaft existierten, wenn ein einschneidendes, schreckliches Erlebnis im Leben eines jungen Menschen ihn zu einer solchen aggressiven Tat veranlasse. Er plädierte für psychologische Betreuung in Schulen, damit Schüler und Lehrer Stresssituationen besser bewältigen können. Aber auch die Aggressionen der virtuellen Welt dürften nicht unterschätzt werden, so Schily. Es seien Fragen der Erziehung, über die nachgedacht werden müsste. Auch die Politik sei aufgerufen, sich dieser Themen anzunehmen.

Kommentar:
Von wissenschaftlicher Seite ist noch nicht eindeutig geklärt, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Gewaltdarstellung bzw. -ausübung in den virtuellen Welten von Computerspielen und einer erhöhten Gewaltbereitschaft in der Realität gibt. Es gibt verschiedene Studien unterschiedlichster Einrichtungen, etwa aus den USA und Deutschland, die sich in dieser Hinsicht widersprechen - damit kann aber auch die Besorgnis in Bezug auf Spiele mit extremer Gewaltdarstellung nicht gänzlich ausgeräumt werden.  (ck)


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