Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0203/18615.html    Veröffentlicht: 07.03.2002 11:06    Kurz-URL: https://glm.io/18615

BooHoo - Interview mit Boo-Gründer Ernst Malmsten (Teil 1)

Pleiten-Legende Ernst Malmsten über Dot-Coms, Dollars und Dummheiten

Der schwedische Jungunternehmer Ernst Malmsten ist wohl der berühmteste europäische Internet-Pleitier. Mit "Boo.com", einst als globaler E-Commerce-Anbieter im Bekleidungssegment gestartet, setzte er bereits im Frühsommer 2000 knapp 200 Millionen Euro in den Sand. Nun hat er seine Erfahrungen zwischen zwei Buchdeckel gepackt: "Boo Hoo - A Dot.Com Story from Concept to Catastrophe" (Random House Business Books, UK). Im ersten Teil eines ausführlichen Gespräches mit Golem.de zum Erscheinen des Buches berichtet Malmsten über die Bettler-Mentalitäten von Internet-Start-ups, die eigene Naivität und eine erst vor kurzem vorbeigegangene Zeit des Wahnsinns, die viele am liebsten vergessen würden.

Ernst Malmsten
Ernst Malmsten
Wodka-Grapefruit. Das ist der Name von Ernst Malmstens Drink der Wahl - und diese teure Mixtur muss bei "Boo.com" in Strömen geflossen sein. Der von dem ehemaligen Literaturkritiker Malmsten, Ex-Model Kasja Leander und dem früheren Investmentbanker Patrik Hedelin gegründete Internet-Versender für Modeartikel steht für all den Exzess, den die schnell heranwuchernde "New Economy" in den Jahren 1999 und 2000 generierte.

Boo.com war mit knapp 200 Millionen verbrannten Euro auch die erste große europäische "Dot-Com"-Pleite, weil die Firma den lukrativen Börsengang auf Grund von technischen Schwierigkeiten an der eigenen Plattform um wenige Monate verpasste.

Die Firma dachte von vornherein übergroß: Gleich international sollte alles sein, mit Büros in London, New York, München und weiteren europäischen Standorten. Dass es nicht sehr profitabel ist, Kleidungsstücke kostenlos an Netz-Shopper zu verschicken, dämmerte dem Unternehmen erst spät. Pleiten, Pech und Pannen säumten den Weg der Firma - für Malmsten heute eine "wertvolle Erfahrung", wie er im ausführlichen Gespräch mit Golem.de sagt. Teil 1 eines zweiteiligen Interviews.

Golem.de: Es ist schon ziemlich lange her, seit "Boo.com" im Mai 2000 den Weg alles Zeitlichen ging - fast zwei Jahre also. Was haben Sie die ganze Zeit neben dem Verfassen ihres Buches gemacht?

Malmsten: Das Buch hat ziemlich lange gebraucht, länger als ich angenommen hatte. Ich habe fast bis kurz vor seiner Veröffentlichung im Oktober 2001 daran gearbeitet. Das war dann so eine Art Full-Time-Job für mich. Außerdem habe ich natürlich andere Dinge getan, wie zum Beispiel nach neuen Projekten Ausschau zu halten.

Golem.de: Also würden Sie Ihren Beruf derzeit als Autor oder Consultant bezeichnen?

Malmsten: Nein, Consultant bin ich nicht (lacht). Ich glaube, dass ich immer noch ein Unternehmer bin.

Golem.de: An welchen Projekten arbeiten Sie denn dann derzeit?

Malmsten: Über die will ich nicht reden, das wäre noch ziemlich früh. Wenn man eine öffentliche Person ist, wie ich das bin, schreiben die Leute über Sie, egal was Sie tun. Ich muss da sehr vorsichtig sein, was ich sage.

Golem.de: Also sehen Sie sich immer noch als "Berühmtheit"?

Malmsten: Ja, sehr sogar! Zumindest in Ländern wie Großbritannien und Schweden.

Buch - boohoo
Buch - boohoo
Golem.de: Ihr Buch schließt mit den letzten Tagen von Boo.com. Was haben Sie nach dem Zugrabetragen der 200-Millionen-Euro-Pleite genau gemacht?

Malmsten: Nicht viel. Ich habe Freunde getroffen und mich eine Weile erholt. Außerdem war es ja schließlich Sommer. Die Firma brach am 18. Mai zusammen. Es war ein ziemlich komisches Gefühl, eine so große Company gehabt und geführt zu haben - und dann ist sie plötzlich vollkommen verschwunden. Alles fühlte sich sehr leer an.

Ich konnte tun, was ich wollte. Ich konnte bis zwei Uhr nachmittags schlafen, wenn ich wollte - oder was auch immer. Also habe ich tatsächlich ein paar Monate fast nichts gemacht. Ich fuhr dann noch zurück nach Schweden, um Bekannte zu treffen, hing in London herum [wo der Hauptsitz von Boo.com war und Malmsten heute noch lebt, Anm. d. Red.] - und so weiter.

Golem.de: Das alte Dot-Com-Klischee war ja immer, dass es sehr einfach gewesen sei, viele Investment-Dollars einzusammeln und sie danach mit vollen Händen auszugeben. Ihre Firma galt da als besonders gutes Beispiel. Wenn man nun Ihr Buch liest, sieht man, dass Sie in Wirklichkeit die ganze Zeit dem Geld nachjagen mussten. Fast wie ein Bettler, um die Firma laufen lassen zu können. Ist das nicht eine ziemliche Ironie?

Malmsten: Da stimme ich Ihnen zu. Firmen, die Risikokapital-finanziert sind, müssen die ganze Zeit neuen "Shareholder Value" schaffen - ihren Preis steigern. Sie kriegen am Anfang nicht viel. Diese Lektion kann man aus Boo.com wohl lernen: Man sollte genügend Geld aufnehmen, damit man sich wirklich auf sein Geschäft konzentrieren kann. Das Einwerben von Kapital ist unheimlich zeitintensiv. Aber ich denke, das ist von den Venture-Capital-Gebern auch so gewollt.

Golem.de: Also der normale Risikokapital-Spielplan.

Malmsten: Natürlich. Aber als der Markt dann zusammenbrach, bedeutete das, dass viele Leute eben keine Investoren mehr auftreiben konnten. Die Firmen waren dann eben nicht profitabel und brachen zusammen. Wir waren nur eine der ersten Dot-Coms, viele weitere folgten.

Golem.de: Wie kam es, dass der Niedergang von Boo.com so schnell ablief? Das war ja fast direkt nach dem großen Crash an der Technologiebörse NASDAQ im April 2000.

Malmsten: Das lag wirklich an der finanziellen Situation der Firma, also wie viel Geld wir vorher aufgenommen hatten. Wir waren da ziemlich weit gekommen und standen kurz vor dem Börsengang. Die Firma verbrauchte natürlich sehr viel Geld im täglichen Betrieb. Wir waren bei den europäischen Dot-Coms ganz vorne.



Ein virtuelles Denkmal
Ein virtuelles Denkmal
Golem.de: Wenn Sie ein solches Projekt nochmals aufziehen würden, würden Sie sich mehr Zeit lassen, das nötige Geld aufzutreiben, bevor Sie loslegen?

Malmsten: Schon, wenn wir in einer perfekten Welt leben würden. Da könnte man dann 200 Millionen aufnehmen und hätte fünf Jahre Zeit, seinen Plan zu entwickeln. Das wäre natürlich der beste Weg. Was ich mit meinem Buch aber aussagen möchte, ist, dass es sehr einfach ist, nun im Rückblick zu sagen, was man besser gemacht hätte.

Das hatte ja alles mit den Marktkonditionen zu tun. Die Leute glaubten daran, dass es sehr wichtig war, der Erste da draußen zu sein, sich einen großen Marktanteil zu besorgen und sozusagen die Flagge auf dem Mond zu hissen. Der gute alte US-Spruch vom "First Mover Advantage" - sehr schnell sein und so. Wenn wir einen direkten Konkurrenten in der Dimension gehabt hätten, wie wir unsere Firma planten, hätten wir auch nicht so viel Kapital einwerben können. Das Hauptproblem war aber, dass die Geschichte einfach so schnell ablief.

Golem.de: Also passierte der Zusammenbruch von Boo.com Ihrer Meinung nach in der "Speed, Speed, Speed"-Metapher der "New Economy". Waren Sie überrascht, dass der Paradigmenwechsel danach so schnell kam und nun fast niemand mehr in solche Firmen investieren will?

Malmsten: Das ist schon sehr interessant. Es fühlt sich an, als wäre das alles schon eine sehr lange Zeit her, also die Boom-Zeiten 1999/2000. Unter historischen Gesichtspunkten betrachtet ist das aber gar nicht der Fall, da ist es eine sehr kurze Zeitperiode her. Interessant finde ich vor allem, wie die Leute damals gedacht haben und wie sie heute denken. Das ist schon erstaunlich, wie man die Dinge nun wahrnimmt. Sehr erstaunlich.

Golem.de: Denken Sie, dass der ganze Boom letztlich nur mit Geld zu tun hatte? Investmentbanken wie ihr Finanzberater JP Morgan verdienten beispielsweise wirklich viel an dem Hype - durch die Börsengänge, unabhängig vom späteren Kurs.

Malmsten: Das war wohl eine Kombination aus allem. Die Medien liebten es, über das Internet zu schreiben, es war ab 1999 einfach sehr sexy. Und da gab es natürlich die Banken und die Privatanleger. Es gab diesen Optimismus, der auch Europa plötzlich erfasste. Dass die Leute ihre Träume verwirklichen könnten und neue Firmen gründeten. Es ging auch um die Arbeitskultur, die die Dot-Coms mit sich brachten. Die Leute wollten in einer anderen Umgebung arbeiten. Das verschmolz dann alles zu einem einzigen Gefühl.

Golem.de: Haben Sie persönlich an irgendeiner Stelle gedacht, dass das zu viel war oder zu verrückt? Sie haben sehr viel in sehr kurzer Zeit erreicht. Ohne Uni-Abschluss und sehr jung. Hatten Sie das Gefühl, die Leute nur zu benutzen, weil das gerade auf Grund des E-Commerce-Hypes möglich war?

Malmsten: Ich war immer von einer Vision getrieben, die ich in die Tat umsetzen wollte. Ich war natürlich sehr unerfahren. Wir hatten ja nie zuvor eine solche multinationale Firma gegründet (lacht).

Golem.de: Haben Sie während dieser fiebrigen Zeiten jemals reflektiert?

Malmsten: Das war der Grund, warum ich das Buch geschrieben habe. Man sollte nie Reflexion danach mit dem verwechseln, was man macht, während man eine Sache durchzieht. Es passierte so viel mit mir in diesen 18 Monaten. Das Buch versucht, zu analysieren, was richtig und was falsch war, ob das alles mein Fehler war. Das braucht man schon, bevor man mit dem Leben weitermacht.

[Das Gespräch führte Ben Schwan]

Im zweiten Teil (erscheint morgen, am 8. März 2002) spricht Ernst Malmsten über den Umgang der Medien mit Internet-Firmen, die Opfer der Boo.com-Expansionswut und die nachhaltigen Auswirkungen der "New Economy" auf unser Wirtschaftssystem.  (ji)


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