Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0110/16577.html    Veröffentlicht: 26.10.2001 09:41    Kurz-URL: https://glm.io/16577

Studie: Deutsche Telekom AG gewinnt Marktanteile zurück

Verbindungsminuten auf Rekordhoch, Festnetz-Umsatz rückläufig

Die bereits im vergangenen Jahr beobachtete Entwicklung hat sich 2001 weiter verschärft: Obwohl das Volumen des täglichen Telekommunikations-Aufkommens im Festnetz auf Rekordhöhe steigt, ist der Umsatz in diesem Bereich rückläufig und wird im Berichtsjahr sogar das Vorjahresergebnis unterschreiten. So lautet das Ergebnis einer Studie, die nunmehr zum dritten Mal von der Unternehmensberatung Dialog Consult und dem VATM basierend auf einer im Juli 2001 durchgeführten Befragung der VATM-Mitgliedsunternehmen erstellt wurde, deren Ergebnisse auf die Gesamtbranche hochgerechnet wurden.

Zwar können die neuen Carrier ihren Umsatz im Festnetz noch leicht erhöhen, die Deutsche Telekom AG (DTAG) verliert jedoch trotz steigender Verbindungsminuten in diesem Jahr voraussichtlich fast 2 Milliarden Euro. "Bringt man Festnetz-Umsatz und -Volumen in Relation zueinander, so wird deutlich, dass der Ex-Monopolist auch in diesem Jahr den Verdrängungswettbewerb über die Preise fortsetzt und Erhalt oder Gewinn von Marktanteilen sogar durch massive Umsatzrückgänge erkauft", so Dr. Joachim Dreyer, Präsident des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM).

So kann die DTAG im Fernbereich sogar Marktanteile von ihren Wettbewerbern zurückerobern, und auch im Ortsnetzbereich behauptet sie fast unverändert ihr De-facto-Monopol. "Der Wettbewerb im deutschen Telekommunikationsmarkt tritt also auch im vierten Jahr seit seiner Liberalisierung auf der Stelle", so Dr. Joachim Dreyer. "Schlimmer noch, die Remonopolisierung hat eindeutig begonnen. Die vom VATM bereits vor einem Jahr befürchtete Entwicklung findet ihre Bestätigung in den heute veröffentlichten Zahlen."

Tendenziell positiv für die neuen Carrier entwickelt sich das Verbindungsaufkommen, wenngleich auch hier das marktbeherrschende Unternehmen von den Zuwächsen am deutlichsten profitieren konnte. "Erfreulich ist auch die Tendenz hin zu mehr Kundenbindung im Bereich Preselection und Festanschluss. Hier haben sich die Kundenzahlen fast verdoppelt", so Dr. Dreyer. Federn gelassen hat allerdings Call-by-Call als wichtiger Einstiegsmarkt für den Wettbewerb. Die gestiegenen Kosten in diesem Segment (Inkassoentscheidung) machen Call-by-Call für die Unternehmen zunehmend unwirtschaftlich und letztlich auch für die Kunden unattraktiv. Statt der 11,5 Millionen Kunden 2000 nutzen nur noch gut 7 Millionen diese Möglichkeit des Netzzugangs im laufenden Jahr.

Der Gesamtmarkt für alle Telekommunikationsdienste in Deutschland, also ohne Endgeräte und Breitbandkabel, verzeichnet im laufenden Jahr 2001 gegenüber dem Vorjahr erneut ein wenn auch verringertes Wachstum. Von 55,2 Milliarden Euro steigt der Umsatz mit Telekommunikationsdiensten in diesem Jahr voraussichtlich auf 62,6 Milliarden Euro, was nur noch einem Plus von 13 Prozent (Vorjahr: +30 Prozent) entspricht. Davon wurden 29,8 Milliarden Euro oder 47,6 Prozent von den neuen Carriern erwirtschaftet. Sie konnten im Vergleich zum Jahr 2000 ihren Umsatz um 27,8 Prozent steigern, während der Ex-Monopolist hier um lediglich 2,8 Prozent auf 32,8 Milliarden Euro zulegen konnte. Dies entspricht einem Marktanteil von noch 52,4 Prozent (Vorjahr 57,8 Prozent). Relativiert wird das auf den ersten Blick positive Ergebnis allerdings auf Seiten der neuen Carrier durch die Tatsache, dass 86,6 Prozent ihrer ausgewiesenen Umsätze auf das Mobilfunkgeschäft entfallen und lediglich 13,4 Prozent, das sind 4,0 Milliarden Euro, mit Festnetz- und Datendiensten erzielt werden.

Mit 27,4 Milliarden Euro erwirtschaftet die Branche voraussichtlich wertmäßig 5,8 Prozent weniger als 2000 (29,1 Milliarden Euro). Während die neuen Carrier ihren Umsatz von 3,9 Milliarden Euro auf 4,0 Milliarden zumindest leicht steigern können (+2,6 Prozent), verliert die DTAG der Studie zufolge gegenüber dem Vorjahr sogar 7,1 Prozent ihres Festnetzumsatzes. Der Anteil der neuen Carrier steigt hierdurch von 13,4 auf 14,6 Prozent.

Anders die Entwicklung des Festnetzdienste-Bereiches bezogen auf das Verkehrsvolumen. Hier ergibt sich bei den Verbindungsminuten pro Tag erneut eine Zunahme von 763 Millionen in 2000 auf 895 Millionen im Berichtsjahr (+ 17,3 Prozent). Die Anzahl der über die neuen Carrier pro Tag abgewickelten Verbindungsminuten steigt zwar von 163 auf 204 Millionen (+ 25,1 Prozent) und damit prozentual stärker als der Gesamtmarkt oder das Volumen der DTAG (+ 5,1 Prozent). Dies hat jedoch leider kaum Auswirkung auf die Entwicklung ihres Marktanteils, der sich im laufenden Jahr nur unwesentlich von 21,4 auf 22,8 Prozent erhöht.

Unverändert unbefriedigend für die Wettbewerbsunternehmen gestaltet sich die Situation bei den reinen Ortsverbindungen. Zwar können die neuen Carrier das über sie abgewickelte Aufkommen von im Vorjahr 4 Millionen auf nunmehr 6 Millionen Verbindungsminuten pro Tag steigern. Dies ist aber nur halb so viel wie die DTAG im Vergleichszeitraum hinzugewinnen konnte und bringt bei einem Gesamtvolumen von 374 Millionen Minuten nur einen Marktanteilsgewinn von 0,5 Prozentpunkten auf 1,6 Prozent.

Im Bereich der Fernverbindungen, der bezogen auf die Verbindungsminuten pro Tag von 395 Millionen in 2000 auf voraussichtlich 521 Millionen (+31,9 Prozent) im Berichtsjahr wachsen wird, hat die DTAG sogar Marktanteile von den neuen Carriern zurückerobert. Die Anzahl der über die DTAG abgewickelten Verbindungsminuten steigt hier von im vergangenen Jahr 236 Millionen auf nunmehr 323 Millionen Minuten (+36,9 Prozent), während ihre privaten Wettbewerber von 159 Millionen Minuten in 2000 auf 198 Millionen Minuten (+24,5 Prozent) im laufenden Jahr zulegen werden. Die Marktverteilung entwickelt sich also im Fernbereich zu Gunsten des Ex-Monopolisten, der nach 59,7 Prozent im Vorjahr heuer 62,0 Prozent für sich verbuchen kann.

Aufgeteilt nach den Zugangsmöglichkeiten der Kunden zu den Wettbewerbernetzen ergibt sich ein Rückgang von Call-by-Call, der aber durch eine starke Zunahme (+37,7 Prozent im Zeitraum Juni 2000 bis Juni 2001) der über Preselection hergestellten Verbindungen mehr als ausgeglichen wird. Über Komplettanschlüsse wurden nach 22,5 Millionen Minuten im Juni 2000 im selben Monat des laufenden Jahres 35,2 Millionen Verbindungsminuten abgewickelt, was einen Anteil von 17,3 Prozent (Vorjahr: 13,8 Prozent) und eine Zunahme von monatlich 3,8 Prozent (bezogen auf den Zeitraum Juni 2000 bis Juni 2001 = 56,4 Prozent) ausmacht.

Insgesamt wurden im Juni 2001 Call-by-Call, Preselection und Komplettanschlüsse durch neue Carrier von 14,1 Millionen Kunden in Anspruch genommen. 7,2 Millionen Kunden (51 Prozent) nutzen Call-by-Call, 6,2 Millionen (44,0 Prozent) haben sich für Preselection entschieden und 0,7 Millionen (5 Prozent) für einen Komplettanschluss. Hier tragen 5 Prozent der Kunden, die die Dienste der neuen Carrier in Anspruch nehmen, 17,3 Prozent der über sie abgewickelten Verbindungsminuten bei.

Während die Gesamtzahl der Kunden, die die Dienste der Wettbewerber nutzen, auf Grund des verringerten Anteils von Call-by-Call gegenüber dem Vorjahr (15,0 Millionen) um 0,9 Millionen auf 14,1 Millionen zurückgegangen sind, hat sich die Zahl der dauerhaften Kunden neuer Carrier auf 6,9 Millionen nahezu verdoppelt und wird bis Jahresende noch ansteigen. Dabei stieg die Zahl der Preselection-Kunden (89,9 Prozent) innerhalb Jahresfrist um +93,7 Prozent. Die Zahl der Komplettanschlüsse (10,1 Prozent) konnte sogar mehr als verdoppelt werden. Zu beachten ist dabei allerdings das nach wie vor sehr niedrige Ausgangsniveau und vor allem, dass der Prozentanteil nur in Bezug auf die festen Kunden der Wettbewerber und nicht den Gesamtmarkt ausgewiesen ist. Der Anteil der Teilnehmeranschlüsse der Wettbewerber im Vergleich zur DTAG dürfte bis zum Ende des Jahres voraussichtlich noch unter 3 Prozent liegen.

Auf Grund der ungünstigen Rahmenbedingungen und der Verunsicherung der Investoren sind die Unternehmen deutlich vorsichtiger geworden, was den Personalausbau angeht. Haben die Wettbewerbsunternehmen binnen Jahresfrist noch knapp 10.000 Beschäftigte eingestellt (Juni 2000: 53.800, Juni 2001: 62.500 Mitarbeiter) so wird diese Entwicklung der Mitarbeiterzahlen bis Ende 2001 zum Erliegen kommen.

Dr. Joachim Dreyer wies in einer Beurteilung der Ergebnisse darauf hin, dass die Situation insgesamt nach vier Jahren Liberalisierung alles andere als zufrieden stellend ist. Dies liege an der immer aggressiver werdenden Preisstrategie der Telekom und an der Vielfalt der Bündelprodukte, mit denen sie versucht, Wettbewerb zu verhindern. "Um die Erfolge des Wettbewerbs langfristig zu sichern, sind die Wettbewerber mehr denn je auf den Regulierer angewiesen, der gegenüber der DTAG durchgreift. Auch die Politik muss klare Zeichen pro Wettbewerb setzen und dem Regulierer den Rücken stärken. Die jüngsten Entscheidungen der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post lassen den Versuch erkennen, in letzter Minute das Ruder herum zu reißen", so Dr. Dreyer weiter. "Für viele Unternehmen ist es aber schon zu spät."  (ad)


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