Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0110/16470.html    Veröffentlicht: 22.10.2001 09:37    Kurz-URL: https://glm.io/16470

Kabelnetzbetreiber: MHP­Boxen sind zu teuer

Experten diskutieren die künftigen TV-Kabelnetze

Die Umstrukturierung der bundesdeutschen Kabelindustrie ist nach wie vor mit vielen Fragezeichen behaftet. Die neuen Netzbetreiber tun sich schwer, mit den anderen Marktteilnehmern auf einen Nenner zu kommen. Das war der Tenor der Veranstaltung "Die Kabelnetzstory - eine endlose Geschichte?" auf den Medientagen München 2001.

"Es ist tatsächlich eine endlose Geschichte", bekannte Dr. Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin Brandenburg (MABB). Das Ergebnis der Privatisierung sei alles andere als befriedigend. Grund dafür sei, dass es bislang überhaupt keine ordnungspolitische Konzeption für die Privatisierung der Kabelnetze gegeben habe. Die eigentliche Zukunft der Netze, über Breitband und Digitalisierung die Verbindung von Fernsehen, Internet und Telefon zu ermöglichen, habe man schlicht vernachlässigt. Dieser Prozess laufe daher ohne besonderes Konzept nach den Regeln des Aktien-­, Kartell-­, Telekommunikations-­ und Medienrechts ab.

Diese seien allerdings nicht dazu geeignet, strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Um die notwendige Umstrukturierung des Kabelmarkts erfolgreich zu meistern, sei es erforderlich, über die Beachtung bisher geltender gesetzlicher Mindestregelungen hinaus Akzeptanz zu schaffen. Dazu müsse der Nutzer die Wahl haben, von wem er welche Angebote beziehen möchte. Die Kundenbeziehung dürfe nicht monopolisiert werden. Hege plädierte weiter für offene Standards bei Set­-Top-­Boxen.

Auch müsse der Verbraucher die Wahl haben, eine Box zu mieten oder zu kaufen. Für den fairen Wettbewerb seien ferner die Verfügbarkeit eines Common Interface (CI) und die Migration der Boxen zum neuen Standard Multimedia Home Platform (MHP) wichtig. Programmveranstaltern müssten ferner chancengleiche Zugangsmöglichkeiten geboten werden. Hege betonte: "Die deutsche Kabelindustrie darf nicht von einem Unternehmen dominiert werden."

Thomas Künstner von Booz, Allen & Hamilton skizzierte auf derselben Veranstaltung neue Wertschöpfungsmodelle für den deutschen Kabelmarkt. Er verwies darauf, dass der Ausbau der deutschen Kabelnetze Investitionen in Höhe von über einer Milliarden Euro erforderlich mache. Eine Refinanzierung sei insbesondere über "Bundling-­Angebote"-Erfolg versprechend. Die Verbindung von Breitbandinternet, Pay­TV und Telefonie biete wichtige Wettbewerbsvorteile. Zentrale Bedeutung für die Akzeptanz von Digital­TV hätten elektronische Programmführer (EPGs). Auch transaktionsorientierte Dienste, T-­Commerce, Revenue-­Sharing, Premium­TV, Video on Demand und Spiele seien wichtige Elemente in den neuen Geschäftsmodellen der Kabelnetzbetreiber. Künstner: "Es gibt jedoch kein vereinzeltes Erfolgsrezept, sondern eine Vielzahl von Modellen."

Günther Maier, Geschäftsführer des hessischen Kabelnetzproviders iesy, erklärte, dass sein Unternehmen auch nicht die Absicht habe, ein CI in diese Boxen zu integrieren. Die MHP-­Einführung sei sicherlich eine gute Sache für die Kabelnetzbetreiber, jedoch auch eine Zeit-­ und Kostenfrage. Die Boxen müssten in die kaufmännischen Konzepte passen, sonst sei kein "Return of Invest" möglich, kein Kabelausbau und damit auch kein Wettbewerb auf der letzten Meile. Iesy sei weiterhin mit Motorola als Boxenlieferant im Gespräch. Den Kabelnetzbereich Wiesbaden werde man allerdings mit Boxen von Pace ausstatten. Geplant sei später die Einführung von Boxen mit verschiedenen Ausstattungsmerkmalen. Es solle eine Low­-End-­ ebenso wie eine High-­End-­Box mit integrierter Festplatte geben.



Roland Steindorf, Mitglied Transition­Team Liberty Media International, sagte, dass sein Unternehmen erst das laufende kartellrechtliche Verfahren abwarten wolle, bis eine Boxenentscheidung getroffen werden könne. Liberty werde dann auch direkt mit dem Ausbau der Kabelkapazität auf 510 MHz beginnen. In zwei bis drei Jahren solle dieser Ausbau abgeschlossen sein. Erst danach überlege man die Erweiterung auf 862 MHz.

Auch Hennig Schnepper, Vice President Public Policy des Callahan-­Unternehmens Ish in NRW, berichtete, dass sein Unternehmen zunächst nur mit günstigen Mietboxen, "die nicht alles können", auf den Markt kommen wolle. MHP­Boxen seien noch zu teuer. "Wir gehen davon aus, dass sich MHP erst in 18 bis 24 Monaten durchsetzen wird. So viel Zeit haben wir jedoch nicht." Das Unternehmen habe jedoch in seiner Boxenausschreibung festgelegt, dass ein Migrationspfad hin zu MHP möglich sein müsse.

"Wir haben die meisten Kunden auf der Netzebene 4. Und das wird auch so bleiben", sagte ANGA-­Präsident Thomas Braun. Die NE4-­Betreiber seien der einzige Garant für den Wettbewerb. NE3-­Betreiber hingegen seien austauschbar. Wenn man mit den neuen Kabelnetzbetreibern auf der NE 4 nicht klarkäme, könne man auch mit Satellitenanbietern zusammenarbeiten, mit City-­Carriern oder auch mit künftigen DVB­T-­Anbietern. Braun: "Die Konkurrenz für Kabelnetzprovider ist vorhanden." Der ANGA-­Chef betonte, dass der Ausbau auf 510 MHz aus Sicht seines Verbands bereits viele neue Möglichkeiten eröffne. Die NE4­Betreiber würden jedoch diesen Zwischenschritt nicht machen und gleich auf 862 MHz ausbauen. Die Bedenken der neuen Kabelnetzbetreiber in Sachen MHP könne er zum Teil nachvollziehen. Auch er gehe davon aus, dass die Preise bei MHP-­Boxen anfangs bei kleinen Stückzahlen noch zu hoch seien.

Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), wiederholte in München die VPRT-­Position, dass auch in den neu strukturierten Netzen die Einspeisung der privaten Programme gewährleistet sein müsse. "Wenn wir uns mit den Kabelnetzbetreibern verständigen können, gibt es auch keinen Regelungsbedarf." Trotz des ganzen "Kriegsgeheules" habe man schließlich eine gemeinsame Interessenlage: die Schaffung neuer Geschäftsmodelle durch schnellen Netzausbau. Mit dem Ausbau auf 510 MHz ist für ihn das Problem der knappen Kapazitäten noch nicht erledigt. Es sei dann nach wie vor das Engagement der Regulierer gefragt. Doetz verlangte klare Aussagen der Netzbetreiber zu ihren Geschäftsplänen. "Es fehlen noch etliche Eckpunkte, bevor sich die Politik zurücklehnen kann", sagte er. Ish­Vize Schnepper meinte, der VPRT solle "weniger auf Maximalforderungen rumreiten" und mehr mit den Kabelnetzbetreibern Problemlösungen diskutieren.  (ad)


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