Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/film-kleinere-kinos-wollen-kunden-digital-erreichen-2011-152095.html    Veröffentlicht: 13.11.2020 09:27    Kurz-URL: https://glm.io/152095

Film

Kleinere Kinos wollen Kunden digital erreichen

Mit neuen Ansätzen soll unter anderem der Verkauf von Kinokarten ganz anders ablaufen.

Wie können sich Kinos für die Zukunft rüsten? Während die einen auf ein ausgesuchtes Programm und spezielle Events setzen, sehen die anderen die Zukunft im Digitalen und im Erfassen von Daten.

Ralf Holl nennt es "eine Art Amazon für Kinobetreiber". Ziel des Vorstandschefs der Genossenschaft Kinomarkt Deutschland ist es, eine Online-Plattform für kleinere und mittelständische Kinobetreiber aufzubauen, die das Kassensystem, die Webseite und den Vertrieb von Tickets sowie Merchandise-Artikeln vereint.

Das Kino habe bisher seine Kundschaft digital nicht erreicht, erklärte der Betreiber eines Lichtspielhauses in Nastätten im Rhein-Lahn-Kreis. Zwar würden bereits seit Jahren Online-Tickets verkauft, allerdings über externe Dienstleister. Mit dem neuen System sollen mehr Umsätze generiert und Kunden gezielter angesprochen werden.

Kein Verkauf der Kundendaten geplant

"Wer Kulturfilme mag, bekommt auf der Startseite der Kino-Website hauptsächlich solche neuen Werke vorgeschlagen", schilderte Holl. Auch regionale Vermarktung etwa über soziale Medien sei so möglich. Welcher Kunde sich Tickets für welchen Film kaufe oder wer sich einen Trailer auf der Homepage ansehe, werde über eine Endgerätenummer ersichtlich, nicht über Klarnamen. "Wir werden die Kundendaten zu keinem Zeitpunkt verkaufen", versicherte Holl. Das System sei datenschutzkonform.

Wenn es nach Holl geht, sollen sich gerade kleinere und mittelgroße Filmhäuser für sein System interessieren, um mehr Menschen vom Sofa in den Kinosessel zu bewegen. Und weg von den Streamingdiensten. "Wir als Programmkino haben die 18- bis 30-Jährigen eigentlich schon fast abgeschrieben", sagte Margit Klein, Betreiberin des Pro-Winzkinos in Simmern im Hunsrück. Als kleines Kino sei es nicht immer möglich, aktuelle Filme zum Bundesstart zu zeigen. Die Jüngeren seien dann schnell in den Städten und damit in den großen Häusern.

Das Pro-Winzkino wurde bereits mehrfach mit dem Kinoprogrammpreis der Bundesregierung ausgezeichnet. Auch für die Zukunft wollen sich die Betreiber darauf konzentrieren, ein besonders gutes und abwechslungsreiches Programm zusammenzustellen. Dazu kommen Kooperationen für Veranstaltungen etwa mit Köchen, Winzern oder Musikern. Auch mit Schulen gebe es eine intensive Zusammenarbeit.

Kehren die Verleiher den Kinos den Rücken?

"Wir sorgen uns, dass sich die großen Verleiher in Zukunft ganz vom Kino abwenden könnten und stattdessen ausschließlich ihren eigenen Streamingdienst bedienen", erklärte Klein. Die Sorge sei unabhängig von der Coronapandemie. Disney habe das bereits vorgemacht.

Auch gegen solche Trends will Holl sich und die Genossenschaftsmitglieder wappnen. So soll es künftig Ticketpakete in Handelsketten geben. "Dass es Kino-Tickets nur im Kino gibt, ist ein Anachronismus, den wir uns nicht mehr leisten können", meinte Holl. Die Eintrittskarte für einen Arthouse-Film müsse auch in jeder guten Buchhandlung verfügbar sein, findet Holl.

Die Genossenschaft hat laut Holl derzeit 120 Mitglieder. Jedes Mitglied zahle einen einmaligen Genossenschaftsanteil von 1.000 Euro und eine monatliche Gebühr von fünf Euro pro Standort. Macht die Genossenschaft Gewinne, erhalten die Mitglieder eine entsprechende Dividende, zudem gingen 70 Prozent der über das neue System generierten Einnahmen zurück an das jeweilige Kino, von dem die Kundendaten stammten. "So würden erstmals Kinobetreiber mit Kundendaten Geld verdienen", sagte Holl.

Er selbst nutzt die Plattform für sein Kino in Nastätten bereits in einer Beta-Version. Ab Anfang Dezember sollen sich dann auch Kunden registrieren können und ihre Daten erfasst werden. Ab Februar ist der deutschlandweite Start des neuen Systems geplant.

 (ip)


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