Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/watch-dogs-legion-im-test-hacker-endlich-in-hochform-2010-151766.html    Veröffentlicht: 28.10.2020 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/151766

Watch Dogs Legion im Test

Hacker endlich in Hochform

Watch Dogs Legion ist gut geworden! In London brechen wir als Alltagsheld in Computerterminals ein und bekämpfen ein übermächtiges Regime.

Manche Tage laufen einfach anders als geplant. Beispiel Alex Baranowski: Bis zur Mittagspause hat Alex in Watch Dogs Legion als braver Bauarbeiter seine Pfund Sterling verdient. Jetzt klauen wir mit ihm an der nächstbesten Straßenkreuzung einen Rolls-Royce und rollen in dem Luxusschlitten durch London, um wenig später mit einer Rohrzange die bärenfellbemützten Wachen vor dem Buckingham Palace zu verprügeln.

Das tun wir mit Alex Baranowski im Dienst der Hackerorganisation Dedsec - das sind die Guten. Das Team bekämpft im London der nahen Zukunft mehrere böse Organisationen, nämlich eine Sicherheitsfirma namens Albion, eine auf Organhandel spezialisierte Mafia und weitere Feinde wie den Super-Hacker Zero-Day.

Die spannend aufbereitete Handlung gefällt uns, obwohl sie eine Besonderheit hat: Es gibt keine Hauptfigur. In Watch Dogs Legion steuern wir mehr oder weniger beliebige Bürger von London - Bauarbeiter Alex, Friedensrichterin Barbara oder Sanitäter Erik.

Über die Zusammenstellung des Trupps könnten wir hier noch sehr viel schreiben. Ziemlich wichtig: Wir können bei der Auswahl der Helden wenig falsch machen. Die Missionen schaffen wir mit fast allen Figuren ungefähr gleich gut.

Die einzige bedeutende Ausnahme sind (meist ältere) Bürger, bei denen in der Beschreibung ausdrücklich steht, dass sie nicht sprinten und in Deckung gehen können. Dadurch werden wir im Einsatz sofort entdeckt und sind feindlichem Feuer schutzlos ausgeliefert. Mit viel Geduld würde man die Aufträge sicher trotzdem schaffen, allerdings wäre das weitgehend spaßbefreit.

Uns hat der Aufbau des Teams einigermaßen Spaß gemacht. Zwar unterscheiden sich die Figuren letztlich nicht sehr, dafür gibt's beim Rekrutieren neuer Dedsec-Hacker teils recht aufwendige Nebenmissionen, bei denen wir etwa Schuldscheine suchen und zerstören oder Medikamente besorgen müssen.

Das Team aus Normalbürgern wie Bauarbeiter Alex mag auf den ersten Blick die größte Neuerung in Watch Dogs Legion sein. Wir finden etwas anderes wichtiger: Die Einsätze sind handwerklich viel besser gemacht als in den beiden Vorgängern.



Wer sich noch an die konfus agierenden Gegner in Watch Dogs 2 erinnert, die nach jedem Geräusch wie ein wildgewordener Hühnerhaufen losgerannt sind und so keinerlei taktisches Vorgehen erlaubt haben: gibt's nicht mehr - zum Glück!

Die Feinde in Legion reagieren auf Schüsse in der Nähe oder auf herumliegende Leichen, verhalten sich aber berechenbar. Natürlich ist das nicht realistisch - uns hat es dennoch sehr viel mehr Spaß gemacht.

Denn nun können wir auf der Suche nach Beweismitteln oder entführten Geiseln einen Wachsoldaten nach dem anderen erst mit gehackten Kameras ausspionieren, um ihn dann aus einem Hinterhalt zu attackieren oder in eine Sprengfalle zu locken.

Auf leisen Sohlen durch die überwachte Stadt

Wichtig ist vor allem das Anschleichen von hinten, das im mittleren der drei Schwierigkeitsgrade fast immer klappt. Die eigentliche Herausforderung in Watch Dogs Legion ist, mit den verfügbaren Gadgets spontan einen Plan zu entwickeln und ihn umzusetzen - und nicht so sehr, punktgenau mit perfektem Timing auf leisen Pfoten unterwegs zu sein.

Wer mag, kann allerdings mit einigen der Helden auch zur Maschinenpistole greifen, um die Missionen in Actionspielmanier anzugehen. Wir haben das probiert und sind auch halbwegs weit gekommen, richtig viel Freude hatten wir dabei aber nicht.

Wenn wir sterben, können wir an fast gleicher Stelle mit einem anderen Agenten weitermachen - nervig sind dabei allerdings die elendig langen Ladezeiten. Zugriff auf Savegames oder Checkpoints gewährt uns Legion übrigens nicht.

Uns kommt das Spiel sehr fair vor, auch wenn es gegen Ende mit immer stärkeren Gegnern durchaus herausfordernd wird. Von den ersten, etwas plumpen Feuergefechten mit einem an James Bond erinnernden Agenten sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen - Legion entfaltet sein Potenzial erst nach ein oder eher zwei Stunden.

In London bewegen wir uns am Steuer von Autos fort sowie mit Schnellbooten auf der Themse oder stehend auf Frachtdrohnen (runterfallen kann man dabei nicht). Alternativ gibt es Schnellreisen zu U-Bahn-Stationen - dabei entgeht uns allerdings einiges, denn die Straßen der Stadt bieten viel fürs Auge.

Wir sehen berühmte Gebäude wie den Tower, Big Ben mitsamt dem Parlament und den Buckingham Palace, kommen durch lauschige Viertel mit Fachwerkhäusern ebenso wie durch hochmoderne Gebiete.

Dabei sehen wir immer wieder, wie stark Sicherheitskräfte die Metropole unter ihre Kontrolle gebracht haben. Überall befinden sich Kameras und Wachdrohnen, dazu kommen Straßensperren und ähnliche Einrichtungen. Soldaten und Polizei drangsalieren harmlose Passanten - wenn wir wollen, können wir eingreifen, was mit etwas Pech allerdings in Verfolgungsjagden mündet.



Derzeit enthält Legion lediglich die mindestens 40 bis 50 Stunden lange Kampagne, aber keinerlei Multiplayer. Anfang Dezember 2020 soll per Update ein Mehrspielermodus folgen - ausprobieren konnten wir den noch nicht. Es gibt Mikrotransaktionen, wie sie bei Ubisoft typisch sind: Neben kosmetischen Extras wie zusätzlichen Klamotten kann man auch Sachen wie eine Schatzkarte oder besonders starke Agenten kaufen.

Auch den Kauf konnten wir nicht ausprobieren, beim Abruf der Preise im Itemshop gab es nur einen Platzhalter zu sehen. Wir haben es keinen Moment bedauert, die Pay-to-Win-Elemente nicht verwenden zu können.

Was wir ebenfalls noch nicht testen konnten, ist die deutsche Sprachausgabe. Die englische Tonspur ist erstklassig, aber wegen der vielen sehr britischen Akzente schwierig zu verstehen. Die deutschen Untertitel sind groß und gut lesbar, außerdem korrekt übersetzt. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten.

Watch Dogs Legion: Verfügbarkeit und Fazit

Watch Dogs Legion erscheint am 29. Oktober 2020 für Windows-PC, Xbox One, Playstation 4 und Google Stadia (jeweils rund 60 Euro).

Am 10. November 2020 folgt eine speziell angepasste Ausgabe für die Xbox Series X/S, ab dem 12. November 2020 gibt es eine herunterladbare Fassung für die Playstation 5 und ab dem 24. November eine Boxed-Version für die neue Sony-Konsole - die kommt in Europa am 19. November 2020 auf den Markt.

Für den Test haben wir auf Xbox One (ruckelt spürbar, vor allem beim Autofahren) und auf einer Playstation 4 Pro gespielt. Außerdem haben wir uns die PC-Fassung (Systemanforderungen) angeschaut, die wir in den kommenden Tagen noch genauer untersuchen. Eine Next-Gen-Version lag uns nicht vor.

Fazit

Mit Legion liefert Ubisoft das bisher mit Abstand beste Watch Dogs ab. Egal, ob wir uns mit Opa Adam, Profi-Attentäter Khoo oder Bauarbeiterin Georgina den Rebellen von Dedsec anschließen: Die Abenteuer im dystopischen London sind spannend und abwechslungsreich - wir sind schon lange nicht mehr so gerne in eine Spielewelt eingetaucht.

Wir finden aber, dass die eigentliche Stärke des Spiels nicht die von Ubisoft in den Mittelpunkt gestellten Alltagshelden sind. Sondern schlicht die Missionen mit ihrer Mischung aus dem Hacken von Kameras und Drohnen, dem heimlichen Ausschalten von Feinden und den originell gemachten Knobelaufgaben an interessanten Orten. Die Gegner-KI ist zwar einfach, aber anders als im Vorgänger funktioniert sie.

Im Idealfall kommen wir ohne Boxduelle und Schießereien aus. Die Kämpfe sind zwar auch okay gemacht - aber wir finden es klasse, in einer offenen Welt zur Abwechslung mal weitgehend ohne ständige Gefechte auszukommen.



Der Austausch der Figuren ist zwar eine schöne Idee, aber letztlich unterscheiden sich die Mitglieder unserer Hackertruppe gar nicht so sehr voneinander. Offenbar hat sich Ubisoft nicht getraut, Helden mit komplexeren Skills sowie Stärken und Schwächen zu bieten, die unvorhergesehen scheitern könnten. Das kann man schade finden - die nun gewählte Lösung verhindert aber Frust.

Ein Plus ist auch London an sich. Nicht jede Straßenecke sieht unter technischen Gesichtspunkten gut aus, aber der Gesamteindruck ist trotzdem sehr überzeugend. Vor allem die Darstellung einer halbstaatlich kontrollierten Metropole wirkt erstaunlich und erschreckend glaubwürdig - es lohnt sich fast allein schon deshalb, einen Blick auf Legion zu werfen. Und sich dem Widerstand anzuschließen.

 (ps)


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