Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mario-kart-live-im-test-ein-klempner-der-um-konsolen-kurvt-2010-151623.html    Veröffentlicht: 21.10.2020 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/151623

Mario Kart Live im Test

Ein Klempner, der um Konsolen kurvt

In Mario Kart Live (Nintendo Switch) fährt ein Klempner durchs Wohnzimmer. Golem.de hat das Spiel mit einem Konsolen-Rennkurs ausprobiert.

Super Mario weiß Dinge über unsere Wohnung, die wir selbst nicht wussten - und eigentlich auch nicht wissen wollten. Etwa, dass unter dem Sofa die eine oder andere Staubfluse liegt. Das haben wir mit dem nur für die Nintendo Switch verfügbaren Mario Kart Live: Home Circuit herausgefunden.

Darin steuern wir den berühmten Spielehelden in einem rund 20 cm langen Kunststoffauto durch unser Homeoffice. Der Clou und der wichtigste Unterschied zu Anki Overdrive: Direkt über dem Klempnerkopf befindet sich eine Kamera, durch die wir die Fahrt auf dem Display der Switch oder auf unserem Fernseher wie mit den Onboard-Kameras der Formel 1 sehen.

In Mario Kart Live können wir im Solomodus in mehreren Klassen mit computergesteuerten Augmented-Reality-Opponenten antreten, per Multiplayer im Wettbewerb gegen bis zu drei menschliche Piloten fahren - oder einfach nur herumkurven und mal nachsehen, was unter dem Sofa los ist.

Das Auto laden wir über eine seitlich angebrachte USB-C-Buchse auf und schalten es über eine Taste ein. Der Akku hält rund 70 bis 90 Minuten. Nintendo weist darauf hin, dass Mario Kart Live nur in Innenräumen fahren sollte. Theoretisch steht Außeneinsätzen zwar nichts im Weg - die Switch hat während des Spiels sowieso keine Verbindung zum Wlan, sondern ist nur mit dem Auto gekoppelt.

Allerdings ist das solide verarbeitete Vehikel spürbar für glatte Böden ausgelegt - selbst an niedrigen Türschwellen bleibt Mario hängen, über Kabel schafft er es nur ausnahmsweise mit Anlauf und Glück. Das Aufnehmen von Screenshots oder Videos über den Share-Button im Spiel ist gar nicht möglich.

Um die Verbindung zwischen Konsole und Auto herzustellen, müssen wir bei der Einrichtung die Mario-Kart-App auf der Switch aufrufen und die Hardware mithilfe eines QR-Codes koppeln. Bei uns funktionierte das auf Anhieb. Bei allen folgenden Programmstarts erfolgt das Pairing innerhalb von wenigen Augenblicken von selbst.

Wenn wir Rennen fahren wollen, müssen wir eine Strecke anlegen. Dazu klappen wir vier Papptore auseinander und stellen sie in einem möglichst großen Zimmer auf. Groß ist wichtig: Mario Kart Live hat einen erstaunlichen Platzbedarf - 10 bis 15 Quadratmeter sollten mindestens verfügbar sein, damit die Kurven nicht zu eng werden.



Anschließend sollte man den Parcours mit Extras anreichern, um ihn interessanter zu machen und die Tore zu fixieren. Nintendo empfiehlt dafür unter anderem Bücher, wir haben uns für andere Konsolen entschieden.

Zwischen Koopaling und Superhund Gino

Dann müssen wir dem Programm die Strecke beibringen, indem wir sie einmal mit virtueller Farbe an den Reifen abfahren. Auf den Bildschirmen verfolgen wir, wie wir eine pinkfarbene Spur hinter uns herziehen - in echt ist davon zum Glück nichts zu sehen, sondern Mario ruckelt in seinem Auto einfach durch die Wohnung.

Sobald wir mit dem Kurs zufrieden sind und ihn gespeichert haben, können die Rennen beginnen. Dabei wird je nach Strecke über die Papptore eine Zusatzgrafik eingeblendet, etwa eine Kappe aus Zuckerwatte. Auch am Seitenrand sehen wir nicht nur die anderen Konsolen, sondern unter anderem die Augmented-Reality-Streckenbegrenzung.

Die wird nicht besonders stabil dargestellt, sondern führt je nach Blickwinkel mitten über die Dekoration, in unserem Fall also etwa durch die Xbox One. Schön ist das nicht, aber letztlich stört es nicht so sehr - wir wissen ja, dass wir mit Mario an der Playstation 4 rechts abbiegen müssen.

In den Rennen fahren wir gegen Koopalinge um die Wette, die natürlich ebenfalls nur auf dem Bildschirm zu sehen sind. Anfangs fanden wir es erstaunlich, wie gemächlich wir mit dem Kart von Mario unterwegs sind.

In den Rennen wirkt das anders, es geht durchaus dramatisch zu: Wir müssen virtuelle Münzen sammeln, echten Konsolen ausweichen, Bananenschalen sammeln und werfen oder ausweichen - sonst werden wir ausgebremst.

Beim Lenken hilft das Programm ein bisschen nach, indem es uns minimal in Kurven unterstützt. Diese sogenannte Schlau-Steuerung können wir stark reduzieren, ein bisschen Support bleibt aber.

Nach den ersten Erfolgen bekommen wir virtuelle Mützen für Mario sowie Tuningteile für das Auto. Außerdem schalten wir zusätzliche Strecken und Motorklassen frei, die etwas anspruchsvoller zu fahren sind.

Der Fahrspaß in Home Circuit hängt jedoch primär von der Piste ab, die wir selbst anlegen. Enge Kurven bremsen das Kart auf Dauer zu sehr aus, Freude kommt erst mit etwas längeren Geraden auf, und dafür brauchen wir Platz. Darauf weisen wir mehrfach hin, weil es so wichtig ist.



Ein Tipp für Tierbesitzer: Nintendo weist darauf hin, dass die Strecke frei von Hunde- und Katzenhaaren sein sollte. Längere Haare wickeln sich schnell um die Achsen der Vorderräder. Außerdem sollten Spieler ihre Haustiere im Auge behalten.

Es gibt Berichte im Netz, dass etwa Katzen gerne das Spielzeugauto jagten. Unserem sonst unerschrockenen Redaktionshund Gino machte es Angst, die er auch nach längerer Zeit nicht ganz verlor.

Mario Kart Live: Verfügbarkeit und Fazit

Home Circuit ist nur für Nintendo Switch erhältlich und kostet rund 100 Euro. Neben der Version mit rotem Rennauto und Mario gibt es eine zweite Variante mit grünem Wagen und Luigi. Der Packung liegen das Kart, eine kurze Anleitung sowie vier Tore und zwei Umleitungsschilder aus Pappe bei. Die benötigte Software ist ohne weitere Kosten als Download erhältlich. Mikrotransaktionen sind nicht enthalten, von der USK erhielt das Programm eine Freigabe ab 0 Jahre.

Neben dem Einzelspielermodus gibt es eine Multiplayeroption, die wir nicht ausprobiert haben. Darin können bis zu vier Spieler antreten, die alle ein eigenes Kart und eine eigene Switch besitzen müssen. Für die maximal mögliche Runde fallen also selbst mit der etwas günstigeren Switch Lite mehr als 1.200 Euro an. Es gibt keinen Onlinemodus.

Fazit

Die gute alte Carrera-Bahn hat trotz Mario Kart Live nicht ausgedient: Nintendo hat mit dem Augmented-Reality-Rennspiel ein Spielerlebnis geschaffen, das mit nichts anderem vergleichbar ist.

Die technische Umsetzung ist im Hinblick auf das Koppeln von Spielzeugauto und Nintendo Switch gelungen, auch die Steuerung macht vom ersten Augenblick an Spaß. Damit kommen auch Personen klar, die noch nie ein Rennspiel ausprobiert oder ein Funkauto gefahren haben.

Für ernsthafte Rennen und den langfristigen Aufbau einer Karriere wie in den klassischen Mario-Kart-Spielen ist Home Circuit dennoch nicht gedacht. Die Rennen sind zu chaotisch und die Grafik ist zu wacklig, als dass man an so etwas wie der Präzision beim Kurvenfahren arbeiten könnte.



Wer das Ganze als unbeschwertes Partyspiel auch für Ältere begreift, kann allerdings sehr viel Spaß haben und vermutlich auch Spielemuffel mit der coolen Technik begeistern (in dem Zusammenhang gilt: Bitte dennoch die jeweils gültigen Corona-Regelungen beachten).

Wichtigste Einschränkung bei Mario Kart Live: Neben dem hohen Anschaffungspreis für Spiel und Switch sollte man unbedingt beachten, eine wirklich große Fläche für die Rennstrecke zur Verfügung zu haben. In beengten Verhältnissen mit einem zu kleinen Kurs und ständig engen Kurven macht Home Circuit wenig Freude.

 (ps)


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