Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/automobilindustrie-flucht-nach-vorne-2011-151579.html    Veröffentlicht: 11.11.2020 09:02    Kurz-URL: https://glm.io/151579

Automobilindustrie

Flucht nach vorne

Der Arbeitsplatzabbau in der Autoindustrie ist brutal. Gleichzeitig wird bestehendes Personal für IT umgeschult oder IT-Fachkräfte eingestellt. Wir haben nachgefragt, wie Hersteller und Zulieferer vorgehen.

Die gesamte deutsche Automobilindustrie hat dasselbe Problem und die gleiche Vision. Hersteller und Zulieferer müssen sparen, weil der Autoabsatz in diesem Jahr massiv eingebrochen ist. Sparen geht am leichtesten, indem Mitarbeiter entlassen werden. Bei BMW ist von 6.000 Stellen die Rede, Bosch baut rund 2.000 Stellen ab. Continental und der VW-Konzern streichen jeweils um die 23.000 Stellen und bei ZF können es bis zu 15.000 sein. Das sind nur fünf von vielen Firmen, die entlassen. Die Stimmung unter den Beschäftigten ist auf dem Tiefpunkt.

Groß ist dagegen die Euphorie der Konzernmanager, die lauthals ankündigen, führend in der Elektromobilität, dem automatisierten Fahren und in der Vernetzung der Fahrzeuge werden zu wollen. Zuletzt machte das Daimler-Chef Ola Källenius bei einer Investorenkonferenz, als er ankündigte, mit seinem Konzern in den kommenden Jahren "die führende Position" bei Elektroantrieben und Fahrzeugsoftware anzustreben.

Gleichzeitig sprach er vom Sparen: Um 20 Prozent sollen die Kosten reduziert werden, unter anderem beim Personal sowie Forschung und Entwicklung. Einerseits Leute entlassen, andererseits eine Führungsrolle beanspruchen: Wie soll das funktionieren?

Indem die Firmen in Richtung dieser Technologien umgebaut werden. Auch das Personal. Exemplarisch für die Autobranche stehen in diesem Artikel BMW und VW, Bosch, Continental und ZF. Die Firmen entlassen nicht nur, sie stellen Personal ein, schulen Mitarbeiter um und gründen Initiativen, die alle einem Ziel folgen: IT-Personal zu haben für die entscheidenden Technologien des Autos von morgen. Von den fünf genannten Firmen wollten wir wissen, wie sie das tun.

BMW: Bis 2023 rund 500 Mitarbeiter im Programmieren schulen

BMW beschäftigt weltweit rund 7.200 Mitarbeiter in IT und Softwareentwicklung. "Zurzeit suchen wir eher IT-Personal für Software im Auto, hauptsächlich fürs Infotainment und die Steuerung der Bordelektronik", sagt IT-Recruiter Florian Stöckle. Der Recruiting-Aufwand für Softwareentwickler sei sehr hoch, doch habe BMW frühzeitig auf die Marktveränderungen reagiert und sei gut auf den Wandel vorbereitet. Etwa mit der Initiative Back2Code, die 2018 aufgesetzt wurde, um die Flexibilität und Geschwindigkeit der internen Entwicklung und Bereitstellung von Softwarelösungen zu erhöhen.

Mit der Initiative wird die technische Infrastruktur für einen effizienten Softwareentwicklungsprozess bereitgestellt und ein von der zentralen IT gesteuertes Skill Management zur Erhöhung der Software-Engineering-Fähigkeiten betrieben. In Vollzeitschulungen, zunächst drei Monate, dann drei Wochen, will BMW bis 2023 rund 500 Mitarbeiter im Programmieren schulen.

Ebenfalls vor zwei Jahren gründeten BMW und das portugiesische Unternehmen Critical Software das Joint Venture Critical Techworks in Portugal. In dem Gemeinschaftsunternehmen bündeln die Vertragspartner ihre Kompetenzen im Automotive-Software-Engineering. Bis zu 500 IT-Fachleute sollen dort arbeiten. Auch IT-Ausbildungsberufe spielen für die Münchner eine wichtige Rolle bei der Gewinnung von IT-Fachpersonal. Deshalb bildet das Unternehmen in mehreren IT-Berufen aus, teilweise mit integriertem Studium der Wirtschaftsinformatik.

Bosch: Fast 20.000 Beschäftigte sollen KI lernen

Der weltweit größte Automobilzulieferer Bosch beschäftigt global heute schon rund 30.000 Softwareentwickler. Und es sollen noch mehr werden. Parallel dazu baut die Firma die Kompetenzen ihrer Arbeitskräfte in Software und IT kontinuierlich aus, etwa über die Initiative Bosch Learning Company. "Damit wollen wir eine Lernkultur im Unternehmen etablieren, die eigenverantwortliches informelles Lernen im Alltag ermöglicht", sagt Personalchef Christoph Kübel.

Ein Beispiel dafür ist die 2018 gestartete Initiative Mission to Move, in der Beschäftigte aus der Hardware für Software qualifiziert werden. Ziel dieser berufsbegleitenden Umschulung ist die Übernahme von Stellen in der Software- und Systementwicklung. In diesem Jahr startete das Unternehmen ein umfangreiches Programm für künstliche Intelligenz, um fast 20.000 Mitarbeiter darin zu schulen.

Auch organisatorisch richtet sich der Automobilzulieferer für die Zukunft auf Software aus. Um seine Rolle im Markt für Software und Elektronik für Mobilität auszubauen, gründete das Unternehmen in diesem Jahr mit "Cross-Domain Computing" einen neuen Geschäftsbereich, in dem 17.000 Mitarbeiter ab Anfang nächsten Jahres Elektroniksysteme und die dazu passende Software für alle Fahrzeugbereiche entwickeln sollen. "Die Zukunft der Mobilität kann nur gestalten, wer über umfassende Elektronik- und Softwareexpertise verfügt", sagt Stefan Hartung, Vorsitzender des Bosch-Unternehmensbereichs Mobility Solutions. Deshalb investierte die Firma in den vergangenen fünf Jahren rund eine Milliarde Euro in Qualifizierung.

Continental: In zwei Jahren 2.000 IT-Experten mehr

Der Automobilzulieferer Continental will bis Ende 2022 seinen Bestand an Software- und IT-Experten um 2.000 auf 22.000 erhöhen. Dabei fokussiert sich das Unternehmen auf die Rekrutierung externer Talente, aber auch auf die Qualifizierung der vorhandenen Mitarbeiter. Ende 2018 wurde die Software-Academy gestartet, aktuell bilden sich rund 13.000 Mitarbeiter intern in Softwarekompetenzen weiter.

Dem Mangel an IT-Personal wirkt Continental entgegen, indem Softwareexperten passgenau ausgebildet werden. Dafür wurde der Ausbildungsgang Automotive Softwareentwickler geschaffen, der sich gezielt an Studienabbrecher der Informatik richtet. Nach Auskunft von Continental "braucht ein guter Softwareentwickler nicht zwingend ein Studium". Fertigkeiten und Fähigkeiten seien wichtiger als eine formale Ausbildung.

Volkswagen: Eigene Programmierschule in Wolfsburg

Mit 10,7 Millionen verkauften Fahrzeugen ist VW der weltweit größte Automobilbauer - das wird der Konzern nur bleiben, wenn ihm der Umstieg auf die neue Mobilität gelingt. Mit dem Elektroauto ID.3 schafft das VW noch nicht, denn das Auto hat Softwareprobleme.

Das Maß für moderne Autos sind Fahrzeuge von Tesla. Deren Software funktioniert tadellos und ist dem deutschen Hersteller um Jahre voraus, die VW erst einmal aufholen muss, um seine ambitionierten Ziele zu erreichen. Wohl deshalb sagt Martin Hofmann, Chief Human Resources Officer der Car.Software-Organisation: "Wir wollen künftig deutlich mehr Software selbst entwickeln. Die Organisation ist das Kompetenzzentrum, in dem das Unternehmen seine Software-Fähigkeiten bündelt und sukzessive ausbaut."

Bis 2021 sollen bis zu 5.000 Fachkräfte die Vernetzung der Fahrzeuge vorantreiben. Etwa 2.000 kommen aus den Konzern-Marken Audi, Porsche, Volkswagen, andere von Tochterunternehmen wie der Digitalagentur Diconium. "Zudem holen wir allein in diesem Jahr 500 Top-Talente von außen", sagt Hofmann. Im Zuge der digitalen Transformation will Volkswagen bis 2023 mindestens 2.000 neue Arbeitsplätze mit Bezug zur Digitalisierung aufbauen.

Um die eigenen Mitarbeiter darin zu schulen, unterstützt VW den Bau und Betrieb der gebührenfreien Programmierschule 42Wolfsburg am Stammsitz von VW. In dem praxisorientierten Peer-Learning-Prinzip der gemeinnützigen und selbstständigen Einrichtung sollen Studierende von- und miteinander lernen. Ab Mai 2021 werden die ersten 150 Teilnehmenden ohne Lehrende und festes Vorlesungsverzeichnis ausgebildet werden.

Seit März vergangenen Jahres qualifiziert der Autobauer in der konzerneigenen Fakultät 73 in einem zweijährigen Programm IT-Talente zu Softwareentwicklern. Bewerben können sich Interne und Externe. Im März 2020 startete die zweite Generation mit rund 100 Teilnehmern. Der dritte Jahrgang wurde wegen Corona auf das kommende Jahr verschoben. Weltweit arbeiten bei VW rund 14.000 IT-Fachkräfte.

ZF Friedrichshafen: Expertenwissen von außen

Der Automobilzulieferer ZF hat derzeit weltweit rund 100 offene Stellen für Software- und IT-Experten für automatisiertes Fahren und Elektromobilität. "Angesichts der speziellen Kenntnisse in den Stellenprofilen ist es kaum möglich, solche Positionen intern zu besetzen", sagt Martin Frick, Leiter Personalmarketing. Ansonsten versucht ZF wie die anderen aus der Branche, mit Ausbildung, externer Suche und interner Weiterbildung, das Unternehmen in Richtung zukunftsweisender Mobilitätslösungen voranzutreiben.

Nur wenn das gelingt, sind die Stellen der IT-Profis in der Automobilbranche sicher. Ansonsten wackeln später deren Stühle.  (pil)


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