Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/mafia-definitive-edition-im-test-ein-remake-das-wir-nicht-ablehnen-koennen-2010-151437.html    Veröffentlicht: 14.10.2020 09:44    Kurz-URL: https://glm.io/151437

Mafia Definitive Edition im Test

Ein Remake, das wir nicht ablehnen können

Familie ist für immer - nur welche soll es sein? In Mafia Definitive Edition finden wir die Antwort erneut heraus, anders und doch grandios.

Hach, da werden Erinnerungen wach: Schon das Intro ist extrem nahe am Original von 2002 dran, die neu interpretierte und doch so bekannte Musik zaubert uns sofort ein Lächeln ins Gesicht. Denn einen Klassiker als Remake - und nicht als Remaster - zu veröffentlichen, stellt eine Gratwanderung dar. Im Falle von Mafia Definitive Edition eine, die glücklich endet.

Die immer noch mitreißende Geschichte rund um den Taxifahrer Tommy Angelo, der eher unfreiwillig mit der Mafia anbandelt, haben die Entwickler von Hangar 13 in ihren Grundzügen nicht angetastet - gut so. Besser noch: Da die zahlreichen Zwischensequenzen ohnehin neu erstellt wurden, nutzte das Studio die Chance, den einzelnen Figuren ein bisschen mehr Tiefe zu verpassen und so ihre Beweggründe glaubwürdiger zu machen.

Charaktere wie Don Salieri, der stotternde Automechaniker Ralphie oder der Consigliere Frank wurden optisch wenig verändert - fast alle erinnern auf den ersten Blick klar an ihre jeweiligen Vorbilder. Paulie hingegen wirkt insgesamt weniger draufgängerisch und Sam macht auf uns einen glatteren Eindruck, was aber nicht über die Abgründe hinwegtäuscht, die in ihren Köpfen lauern. Auch eine weibliche Figur tritt früher auf - in einer prüderen Szene - und ist scharfzüngiger als früher.

Wer Mafia Definitive Edition möglichst nahe am Original erleben möchte, sollte den klassischen Schwierigkeitsgrad auswählen. Je härter, desto weniger hält unsere Spielfigur Tommy Angelo aus, die Zeitlimits sind arg knackig und im höchsten Schwierigkeitsgrad verlieren wir die restliche Munition eines Magazins, wenn wir nachladen. Im Klassik-Modus reagiert die Polizei auf Geschwindigkeitsüberschreitungen (Tempomat einschalten!), böswillig ignorierte rote Ampeln sowie Zusammenstöße, gezogene Waffen und Personenschäden viel aggressiver.

Überdies erhalten Autos und die neuen Motorräder ein aufwendig simuliertes Fahrverhalten. Auf die Tankfüllung müssen wir eher achten und auch das Wetter spielt eine Rolle, da die Oldtimer zum Ausbrechen neigen. Vom Schwierigkeitsgrad unabhängig ist die Option, einen Großteil der Fahrten zu überspringen, wenn die für die Story relevanten Gespräche zu Ende sind. Das ist zwar lobenswert, birgt aber das Risiko, das toll gestaltete Lost Heaven weniger gut kennenzulernen. Auch treffen wir Lucas Bertone nur für eine reguläre Mission, schnelle Autos finden sich schon sehr früh automatisch in der Garage - schade, im Vorbild mussten wir diese aufwendig erspielen.

Apropos fahren: Der Freie Fahrt Extrem genannte Modus des originalen Mafia fehlt leider, nur der normale wurde übernommen - mangels interaktiver Stadt ist der aber langweilig, es sei denn, Comics und Zigarettenschachteln sammeln gilt als sinnvolle Beschäftigung. Abseits des klassischen Schwierigkeitsgrads nervten uns zudem Richtungsweiser, während wir am Steuer sitzen, diese sind aber genauso wie der ärgerlicherweise allgegenwärtige schwebende Questmarker seit einem Patch abschaltbar. Beides störte die Immersion sehr, wenn wir durch die Stadt kurvten.



Der Radioempfang wird in Tunneln wie eh und je schlechter, so hätten wir fast nicht die Fake-Nachrichten mitbekommen, die über unsere Taten veröffentlicht werden. Nicht entgangen ist uns allerdings, dass einige besonders liebgewonnene Radiostücke fehlen - etwa Belleville und Cavalerie, beide von Django Reinhardt. Auch haben wir anfangs verärgert die Stirn gerunzelt, weil im Hauptmenü nicht das gleiche Theme erschallt wie beim Original, denn das hören wir in Mafia Definitive Edition an anderer Stelle - wo, möchten wir an dieser Stelle nicht verraten.

Deckungssystem trifft Abwechslung

Waren die Schießereien im Original noch äußerst knackig und hüftsteif, sind sie in Mafia Definitive Edition aufgrund eines Deckungssystems insgesamt etwas einfacher. Die künstliche Intelligenz verhält sich nicht übermäßig clever, versucht allerdings, uns zu flankieren und mit Molotowcocktails aus der Deckung zu treiben; einige Umgebungen wie Holzkisten sind zudem zerstörbar. Im Klassik-Modus sterben wir ungeachtet dessen zwar schnell, dennoch ist der Schwierigkeitsgrad generell ein bisschen weniger gnadenlos.

Bei der Verfolgungsjagd per Auto außerhalb von Bill's Motel wird das ebenfalls ersichtlich: Statt mit wenig Munition haushalten und auf die Reifen zielen zu müssen, haben wir unendlich Kugeln und ein automatisches Erfassungssystem; zudem sind die Straßen leer, statt auch von anderen Fahrzeugen genutzt zu werden. Wie und an welchem Punkt wir den Gegner stoppen, überlässt uns das Spiel selbst - es gibt mehrere Optionen.

Ähnlich wie bei der Story hat Hangar 13 auch einige Missionen leicht gekürzt oder erweitert, wie gehabt ist viel Abwechslung geboten: Egal ob wir in China Town, in einem luxuriösen Bordell, in einem ehemaligen Gefängnis, auf einem Dampfer, in einem mehrstöckigen Parkhaus oder in Pepes Restaurant unseren Job erledigen - stets hat Mafia Definitive Edition kleine, aber feine Unterschiede vorzuweisen.

Das legendäre Oldtimer-Rennen war eine der Hasslieben im Original, denn die fünf Runden mit dem antiken Rennwagen waren knüppelhart. Die einst mögliche Abkürzung wurde per Patch blockiert und ist bei Mafia Definitive Edition ebenfalls nicht befahrbar, dafür ist es trotz Schadensmodell kaum möglich, den eigenen Wagen in den nur noch drei Runden zu schrotten. Zumindest im Klassik-Modus stellt das Rennen ungeachtet dessen eine große Herausforderung dar, schon der kleinste Fehler bedeutet das Aus.

Grafisch liegen wenig überraschend Welten zwischen dem originalen Mafia und der Definitive Edition, wobei wir den Stil als schön getroffen empfinden. Die Illusion-Engine lässt Lost Heaven wortwörtlich in besserem Licht erstrahlen, die Straßen mit ihren dampfenden Gullis und spiegelnden Pfützen wirken viel lebendiger. Zudem gibt es moderne Render-Techniken wie eine temporale Kantenglättung oder volumetrische Effekte.

Mafia Definitive Edition ist für 40 Euro bei Epic und Steam für Windows-PC verfügbar, zudem für Playstation 4 (Pro) und Xbox One (X). Das Mafia-Epos hat deutsche Menüs und eine deutsche Sprachausgabe, die englische gefällt uns allerdings besser, da hier die Personen reden, die auch per Motion-Capturing die Figuren verkörpern. Es gibt keine Mikrotransaktionen.



Fazit

Familie ist für immer - insbesondere bei Mafia Definitive Edition: Selten hat uns ein Remake nach kurzer Zeit so in seinen Bann gezogen und bis zum Schluss begeistert. Die Geschichte von Tommy erneut zu erleben zu können, ist etwas, worauf wir seit Jahren gewartet hatten, und Entwickler Hangar 13 hat uns nicht enttäuscht.

Wer den Klassiker geliebt oder gar verpasst hat, sollte ihm in modernerem Gewand mit leicht angepasstem Gameplay erst recht eine Chance geben. Denn Mafia Definitive Edition ist ein Remake, das wir nicht ablehnen können.

 (ms)


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