Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/logistik-hamburg-bekommt-eine-roehre-fuer-autonome-warentransporte-2010-151348.html    Veröffentlicht: 23.10.2020 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/151348

Logistik

Hamburg bekommt eine Röhre für autonome Warentransporte

Ein Kölner Unternehmen will eine neue Elbunterquerung bauen, die nur für autonom fahrende Transporter gedacht ist.

Für Pendler aus Hamburg und dem Umland ist es ein bekannter Anblick: An den Elbquerungen, im Tunnel und auf den Brücken staut sich zu den Stoßzeiten der Verkehr. Pkw, Lkw und Busse quälen sich teilweise im Schritttempo über die Elbe oder darunter hindurch. Zumindest für Warentransporte soll sich das in wenigen Jahren ändern. Sie sollen unbehindert und deutlich schneller die Elbe queren - unterirdisch.

Eine Röhre soll unter dem Fluss gebaut werden, durch die Routenzüge beladen mit Paletten voller Waren fahren: Pakete, Lebensmittel für Supermärkte und die Gastronomie, Waren für Betriebe, Baumaterialien für Handwerker. Ankommen sollen sie an einem Hub in der Stadt. Ein Aufzug bringt die Waren an die Oberfläche, wo sie verladen und ausgeliefert werden.

Was passiert auf der vorletzten Meile?

"Wir wollen nicht mehr mit dem dicken Diesel in die Städte hineinfahren, wir wollen dort auf der letzten Meile viel mehr mit Lastenfahrrädern und E-Scootern ausfahren. Das ist eine Distanz von 2 bis 3 Kilometern", sagt Christian Kühnhold, Geschäftsführer des Kölner Unternehmens Smart City Loop, das das Konzept entworfen hat. Die Frage ist: Was passiert dazwischen - auf der vorletzten Meile?

"Wir schauen uns ein Stück in der Lieferkette an, für das es heute keine vernünftige Lösung gibt", erläutert Kühnhold. Die Waren kommen per Lkw an Güterverkehrszentren (GVZ) an, die meist am Stadtrand liegen, wo die nötigen Flächen verfügbar und bezahlbar sind. Das ist aber zu weit außerhalb, um sie per Lastenfahrrad oder E-Scooter weiterzutransportieren. Stattdessen fahren Kraftfahrzeuge, mit dem besagten Stau-Effekt. Dieses Problem will Smart City Loop mit seiner Röhre umgehen.

Der Startpunkt ist ein Urban Hub als Konsolidierungslager im Hafengelände. Nach einem geeigneten Standort für den City Hub wird derzeit noch gesucht. Er soll im Bezirk Mitte entstehen, idealerweise im Bereich des Messegeländes. Das Gesamtkonzept Smart City Loop hat die Stadt Hamburg überzeugt: Sie hat kürzlich zugestimmt, das Projekt zu unterstützen. Es soll im Oktober 2020 starten.

Wenn der Hub-Standort gefunden und die Finanzierung gesichert sei, könne es losgehen, sagt Kühnhold. Das Konsortium für alle wichtigen Gewerke stehe bereit. Ab Baubeginn dauere es etwa viereinhalb Jahre, bis erste Paletten transportiert werden können. Die Bauzeit für die Röhre selbst soll dabei nur etwa ein Jahr betragen. Dafür wird sie den größten Teil der Kosten ausmachen, die im niedrigen dreistelligen Millionenbereich liegen sollen.





Eine Röhre für Waren und Güter - das klingt aufwendig.

Der Smart City Loop ist kein Hyperloop

Bei näherem Hinsehen ist die Idee jedoch gar nicht so besonders. "Unter der Erde bestimmte Dinge zu transportieren ist völlig normal", sagt Kühnhold. "Wir haben die Idee aufgegriffen." Viel Infrastruktur liegt sowieso unter Tage: Rohre, Strom- und Telekommunikationsleitungen, U-Bahnen. In Hamburg queren gleich zwei Tunnel die Elbe.

Die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), die große Teile des Hafens betreibt, hat schon einen Hyperloop erwogen, um Container abzutransportieren. Das Konzept hat Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk auf den Tisch gebracht: In einer fast luftleeren Röhre sollen Kapseln mit über 1.000 km/h verkehren.

Smart City Loop setzt auf bewährte Technik

Die Pläne von Smart City Loop für das Hamburger Röhrensystem sind weniger hochtrabend: Die Technik, die zum Einsatz kommt, ist bereits vorhanden und bewährt. "Das machen wir nicht mit Rocket Science. Wir sind nicht Musk und wollen nicht Autos oder Personen mit Überschallgeschwindigkeit transportieren", sagt Kühnhold.

Die Röhre soll einen Durchmesser von vier Metern bekommen. Das reicht aus für einen zweispurigen Lieferverkehr - die Routenzüge müssen ja schließlich nicht nur in die Stadt hinein, sondern auch wieder hinaus. Die fahrerlosen Züge werden voraussichtlich von dem Aschaffenburger Maschinenhersteller Linde Material Handling kommen.

"Die Intelligenz steckt dann eher in der Abwicklung im City Hub, wo ich ja größere Mengen an Aufträgen pro Stunde an die Verteilerfahrzeuge in der Stadt über Schnittstellen übergeben muss - physisch wie logisch", sagt Kühnhold. "Das City Hub wird eine neutrale Plattform sein, von wo aus alle, die in ihrer Marke die Ware ausfahren wollen, das so auch immer noch tun können."



Benötigt wird deshalb eine digitale Plattform, über die Abläufe organisiert werden, so dass der Empfänger passgenau und pünktlich seine Waren so angeliefert bekommt, wie er sie braucht: einzelne Pakete für Lastenfahrräder oder E-Scooter oder vorkonfektionierte Paletten, die dann mit dem Lieferwagen an eine Supermarktfiliale, einen Betrieb oder eine Baustelle geliefert werden.

Hamburg ist für das System besonders gut geeignet, aber es könnte auch anderenorts eingesetzt werden.

Smart City Loop ist nicht nur für Hamburg gut

Wegen des Hafens, der auf der Südseite der Elbe liegt, ist das Thema Logistik und Transport in Hamburg allgegenwärtig. Über die Elbe gibt es nur wenige Querungen, die deshalb notorisch überlastet sind. "Ein 12-Tonner schafft es in einer Schicht nur einmal in die Stadt. Das heißt, er ist im Schnitt erst nach dreieinhalb Stunden an der Entladestelle", sagt Kühnhold. "Wir sind, wenn wir im Hafen in der Röhre auf den Knopf drücken, zwei Stunden schneller."

Die Lage auszusitzen wird kaum funktionieren: Immer mehr Waren werden in die Städte transportiert. Die Covid-19-Pandemie hat den Trend zum Onlineshopping noch einmal verstärkt. Im vergangenen Jahr wurden rund 3,65 Milliarden Sendungen von Kurier-, Express- und Paketversendern ausgeliefert. In diesem Jahr könnten es 4,4 Milliarden werden - und Pakete machen nur etwa 10 Prozent des Warenaufkommens in die Städte hinein aus.

Die Städte wollen weniger Verkehr

Auf der anderen Seite versuchen viele Kommunen, den Verkehr, auch den Schwerverkehr, herauszuhalten. Das ist ein Dilemma, das mit konventionellen Mitteln kaum zu lösen sein wird. Die Transportröhre könnte Abhilfe schaffen.

Die Planungen gehen aktuell von einer Röhre aus, die von Steinenwerder, also vom Hafengebiet, nach Mitte führen soll. Eine Verlängerung bis nach Altona ist aber bereits im Gespräch: Das soll das Aufkommen an Lieferfahrzeugen am Endpunkt verringern und zudem die Wege für die Lieferanten verkürzen. Um den Hamburger Osten zu beliefern, könnte schließlich sogar ein weiteres Röhrensystem gebaut werden.





Hamburg mag durch seine Topografie für ein solches Röhrensystem besonders geeignet sein. Kühnhold sieht den Bedarf aber nicht nur dort, sondern in jeder deutschen Stadt mit mehr als 200.000 Einwohnern - und davon gibt es etwa 40. Hamburg macht möglicherweise nur den Anfang.  (wp)


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