Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/galaxy-buds-live-im-test-so-hat-samsung-gegen-apples-airpods-pro-keine-chance-2009-150779.html    Veröffentlicht: 11.09.2020 09:08    Kurz-URL: https://glm.io/150779

Galaxy Buds Live im Test

So hat Samsung gegen Apples Airpods Pro keine Chance

Bluetooth-Hörstöpsel in Bohnenform klingen innovativ und wir waren auf die Galaxy Buds Live gespannt. Die Enttäuschung im Test war jedoch groß.

Wir mögen es, wenn sich Hersteller trauen, etwas Neues auszuprobieren. Das hat Samsung mit den Galaxy Buds Live gemacht und sich für diese ein bohnenförmiges Gehäuse erdacht. Komplett kabellose Bluetooth-Hörstöpsel alias True Wireless In-Ears in einer solchen Gehäuseform gab es zuvor nicht. Die Samsung-Stöpsel werden dabei nicht so tief in den Gehörgang geschoben wie andere Bluetooth-Hörstöpsel und nehmen einen Großteil des Ohrmuschelbereichs ein.

Dabei hat sich Samsung für eine offene Bauform wie bei Apples normalen Airpods entschieden. Es gibt also keine passive Geräuschdämmung wie bei Stöpseln mit entsprechenden Kunststoffaufsätzen. Dennoch gibt es zwei unterschiedlich große Aufsätze, um die Hörstöpsel in der Ohrmuschel zu fixieren. Mehr Anpassungsmöglichkeiten gibt es nicht.

Die Galaxy Buds Live sitzen bei uns locker im Ohr, fühlen sich dabei aber nicht bequem an. Hier kann es je nach Ohrform ein sehr unterschiedliches Empfinden geben. Aber wenn unangenehm ist, lässt sich daran kaum etwas ändern, weil es nur wenig anzupassen gibt.

ANC-Leistung der Galaxy Buds Live verpufft

Die Bohnenform hat immerhin den Vorteil, dass sie auch problemlos unter einer Mütze getragen werden können. Es gibt keine störenden Schabegeräusche und eine Mütze drückt die Stöpsel nicht schmerzhaft ins Ohr, was bei vielen Konkurrenzprodukten ein Problem ist. Wer also ein Galaxy-Buds-Live-kompatibles Ohr hat, kann sich zumindest darüber freuen.

Samsung macht bei den Galaxy Buds Live den gleichen Fehler wie Huawei bei den Freebuds 3 bereits vor einem Jahr. Auch Huawei hat Technik für Active Noise Cancellation (ANC) in Bluetooth-Hörstöpsel ohne passive Geräuschdämmung eingebaut. Eine solch offene Bauweise lässt Außengeräusche aber ungehindert ins Ohr, so dass die Arbeit der aktiven Geräuschdämmung ad absurdum geführt wird.

Bei der ANC-Technik wird Gegenschall ausgespielt, um lästige Umgebungsgeräusche nach Möglichkeit ganz zu beseitigen. Das bringt aber nur etwas, wenn durch passive Geräuschdämmung bereits möglichst viel Umgebungslärm aus dem Gehörgang ferngehalten wird. Wir sind überrascht, dass mit Samsung ein weiterer großer Hersteller den Fehler von Huawei nachmacht, zumal Huawei den Fehlgriff bereits eingesehen hat und mit den Freebuds 3i auf eine passive Geräuschdämmung setzt, was zu einer sehr guten ANC-Leistung für Bluetooth-Hörstöpsel führt.



Wie üblich haben wir die ANC-Leistung getestet, ohne dabei Musik zu hören. Denn ein besonders leistungsfähiger ANC kann entsprechend viel Stille erzeugen. Das können wir bei den Galaxy Buds Live ganz vergessen. Störgeräusche hören sich nur anders an, sind aber weiterhin laut und vernehmlich zu hören. Wenn wir dabei Musik hören, wird es kaum besser.

Der Vorteil von ANC-Technik ist es eigentlich, dass die Musik nicht so laut gedreht werden muss, um Störgeräusche zu übertönen. Das gilt aber absolut nicht für die Galaxy Buds Live, weil alle störenden Außengeräusche ungehindert ins Ohr dringen. Wir müssen die Musik entsprechend laut drehen, wenn wir nicht davon gestört werden wollen. Im Grunde verhalten sich die Galaxy Buds Live wie Bluetooth-Hörstöpsel ohne ANC-Technik.

Galaxy Buds Live mögen keinen Luftzug

Darüber hinaus sind die Galaxy Buds Live extrem windempfindlich. Wenn uns nur ein leichter Luftzug um die Nase weht, hören wir laut pfeifende Windgeräusche in den Hörstöpseln, die beim Musikhören entsprechend stark stören. Die Windgeräusche lassen sich auch durch Abschaltung des ANC nicht umgehen. Wir hören draußen also nicht nur laut und vernehmlich den Straßenlärm, sondern auch noch jeden leichten Luftzug, und so macht es überhaupt keine Freude, die Galaxy Buds Live draußen zu verwenden.

Zum Lieferumfang der Galaxy Buds Live gehört ein Ladeetui, mit dem sich die Stöpsel auch unterwegs aufladen lassen. Das Ladeetui hat eine zeitgemäße USB-C-Buchse und unterstützt den Qi-Standard zum drahtlosen Aufgeladen. Im Ladeetui werden die Stöpsel mit Magneten fixiert, damit diese nicht versehentlich herausfallen können.

Die Stöpsel gehen automatisch in den Kopplungsmodus, sobald das Ladeetui geöffnet wird. Bei vielen anderen Herstellern muss der Kopplungsmodus mit einem Tastendruck aktiviert werden. Die Stöpsel bieten Bluetooth 5.0 und unterstützen die Codecs SBC, AAC sowie den Samsung-Codec SSC. Eine parallele Verbindung zwischen zwei Bluetooth-Geräten fehlt dem Samsung-Produkt und damit bleibt Jabra einer der wenigen Hersteller von Bluetooth-Hörstöpseln, der diese Funktion in dieser Geräteklasse bietet.

Die Galaxy Buds Live klingen nicht schön

Die offene Bauweise der Galaxy Buds Live sorgt dafür, dass sie keine Probleme mit Schritthall haben, der bei vielen Bluetooth-Hörstöpseln mit Aufsätzen auftritt. Derzeit sind Apple und Google die beiden einzigen Hersteller, die das Problem angehen. Bei den Airpods Pro gelingt das aber unterm Strich deutlich besser als bei den Pixel Buds 2.

Wir haben den Klang der Galaxy Buds Live mit dem Klangbild der Airpods Pro und der Elite 75t von Jabra verglichen. Wir haben zuerst die Galaxy Buds Live gehört und empfanden das Klangbild als viel zu bedeckt, es mangelte uns an Höhen. Mitten, Höhen und der Bassbereich waren uns nicht definiert genug, der Klang war wenig dynamisch und das Hören von Musik machte wenig Freude.

Als wir die gleichen Musikstücke mit den Airpods Pro und den Elite 75t anhörten, zeigte sich die Schwäche der Galaxy Buds Live beim Klang noch stärker. Beide Konkurrenten liefern einen intensiven Tiefbass und dabei klar verständliche Höhen. Sie bieten genau die Agilität und Dynamik, die wir bei den Samsung-Stöpseln vermissen.

Galaxy Buds Live mit hochempfindlicher Steuerung

Bei Telefonaten ist der andere Gesprächsteilnehmer angenehmerweise auf beiden Stöpselseiten zu hören und wir werden gut verstanden. Der bedeckte Klang macht sich aber negativ bemerkbar, denn gerade bei Gesprächen sorgt ein klarer Klang für eine bessere Verständlichkeit.

Die Galaxy Buds Live haben eine Sensorsteuerung und Samsung wiederholt dabei die gleichen Fehler wie Google bei den Pixel Buds sowie den neuen Pixel Buds 2. Auch die Galaxy Buds Live führen Befehle aus, sobald die Sensorfläche einmal berührt wird. Das bedeutet, wir können die Stöpsel kaum ins Ohr bekommen, ohne dabei nicht ungewollt Befehle auszuführen. Das gleiche Problem gilt bei der Ablage der Stöpsel im Ladeetui und ist entsprechend nervig.



Ansonsten liegen wieder mehrere Steuergesten auf den Stöpseln, aber es ist dabei nicht immer garantiert, dass diese korrekt interpretiert werden, so dass es immer wieder dazu kommt, dass Befehle mal ungewollt umgesetzt werden. Wir können etwa die Lautstärkeregelung auf die Sensorfläche legen, indem eine der beiden Stöpselseiten länger gedrückt wird. Lassen wir hier zu früh los, wird nicht die Lautstärke verändert, sondern die Musik angehalten.

Die Sensorfläche lässt sich bei Bedarf ganz abschalten, dann ist aber keine Steuerung mehr an den Stöpseln möglich, was auch keine Lösung ist. Prinzipiell lassen sich die Stöpsel auch einzeln verwenden.

Diese Probleme gibt es mit allen Stöpseln mit Sensorsteuerung, wenn darauf mehrere Befehle untergebracht sind. Das führt zu einer ungenauen Steuerung, weil wir uns nicht darauf verlassen können, dass das umgesetzt wird, was wir machen wollen. Bezüglich der Steuerung sind wir mit den Elite 65h von Jabra besonders zufrieden. Sie haben eine leichtgängige Knopfsteuerung und für die Lautstärkeregelung gibt es spezielle Tastenbereiche.

Galaxy-Wear-App mit sonderbarem Konzept

Auch bei den neuen Galaxy Buds setzt Samsung auf seine Galaxy-Wear-App, die bei der Installation das Umständlichste ist, was wir bisher bei Bluetooth-Kopfhörern gesehen haben. Wir müssen erst die Galaxy-Wearable-App von Samsung installieren und im nächsten Schritt das passende Plugin für die Galaxy Buds Live einspielen. Wir finden den Ansatz anderer Hersteller deutlich praktischer, bei denen einfach nur die passende App installiert werden muss. Samsung hat sich erfreulicherweise entschieden, mittlerweile die Galaxy-Wear-App auch für die iOS-Plattform anzubieten.

In der App gibt es einen Equalizer mit sechs Voreinstellungen, aber damit können wir den bedeckten Klang auch nicht aufwerten. Zudem können wir in der App einstellen, dass die Sensorfläche abgeschaltet wird. Außerdem können wir die Stöpsel piepen lassen, falls sie verlegt sind und sich in Bluetooth-Reichweite befinden. Zudem gibt es in der App noch eine experimentelle Funktion zur Druckentlastung, die bei uns aber keine Wirkung zeigt. Über die App kann eine neue Firmware aufgespielt werden und wir können angenehmerweise selbst entscheiden, wann eine Aktualisierung vorgenommen wird.

Eine Komfortfunktion wie eine Ohrerkennung gibt es nicht, damit die Musik pausiert, wenn mindestens ein Stöpsel aus dem Ohr genommen wird. Das ist bei vielen Stöpseln mittlerweile Standard und ist auch durchaus praktisch. Denn sobald erneut beide Stöpsel im Ohr sind, spielt die Musik wieder los.

Galaxy Buds Live mit guter Akkulaufzeit

Bei der Akkulaufzeit konnten wir meist die Werte von Samsung überbieten, die mit sechs Stunden angegeben werden. Auch die Galaxy Buds Live leiden darunter, dass sich die Stöpselakkus sehr ungleichmäßig entladen können. So kam es vor, dass der eine Stöpselakku bereits leer war, während der andere noch einen Akkustand von 30 Prozent hatte. Dann mussten wir schon nach 5,5 Stunden nachladen. Ansonsten kamen wir auf Werte zwischen sieben und acht Stunden. Mit dem Ladeetui konnten wir die Stöpsel drei Mal aufladen und hatten am Ende eine Gesamtlaufzeit von 29 Stunden, während Samsung selbst nur 21 Stunden angibt.



Galaxy Buds Live: Verfügbarkeit und Fazit

Samsung bietet die Galaxy Buds Live zum Preis von derzeit 184 Euro an, also mit reduzierter Mehrwertsteuer.

Fazit

Mit den Galaxy Buds von Samsung sind wir unzufrieden. Sie sitzen bei uns unbequem, machen Probleme bei der Bedienung, klingen nicht gut und die ANC-Funktion bleibt komplett wirkungslos. Die Idee, Bluetooth-Hörstöpsel in Bohnenform zu bauen, überzeugt uns nicht. Sie sitzen bei uns unangenehm im Ohr. Und da sich nur wenig anpassen lässt, können wir das Grundproblem des unangenehmen Gefühls nicht lösen.

Wir waren verwundert, dass ein so erfahrener Hersteller wie Samsung den gleichen Fehler macht wie Huawei - dort wurde er aber bereits korrigiert. Samsung hat ANC-Technik in einen Hörstöpsel mit offener Bauweise eingebaut, so dass die möglicherweise durchaus vorhandene ANC-Leistung verpufft. Alle Außengeräusche gelangen bei den Galaxy Buds Live ungehindert ins Ohr, die Zuschaltung des ANC ändert daran nichts. Bei all dem sind die Galaxy Buds Live ausgesprochen windempfindlich, so dass bereits ein leichter Windzug für lästige Pfeifgeräusche sorgt und die Musik überlagert. Damit haben sich die Galaxy Buds Live für draußen disqualifiziert.



Wie bei den Pixel Buds 2 von Google nerven uns auch bei den Galaxy Buds Live die unsinnig belegten Sensorflächen. Denn die Stöpsel führen schon bei einfacher Berührung Befehle aus, die eigentlich nicht gewollt sind. Auch hier sind wir überrascht, dass Samsung nicht aus den Fehlern anderer Hersteller gelernt hat.

Beim Klang können uns die Galaxy Buds Live nicht überzeugen. Sie klingen viel zu bedeckt, es mangelt deutlich an Klarheit. Gesang ist dumpf und die Musik spielt drucklos ohne Dynamik, es kommt keine Freude auf. Wir fragen uns ernsthaft, was sich Samsung gedacht hat, als die Galaxy Buds Live entwickelt wurden.

 (ip)


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