Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/tenet-es-sind-oednisse-2008-150482.html    Veröffentlicht: 26.08.2020 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/150482

Tenet

Es sind Ödnisse

Audiovisuell ist der Science-Fiction-Agenten-Film Tenet ein großes Spektakel - sonst aber überwiegend ernüchternd.

Dieser Artikel verrät nach unserem Ermessen nichts Inhaltliches über die Handlung oder einzelne Szenen aus Tenet, was Trailer nicht schon vorab offengelegt oder angedeutet haben.

Seit der Regisseur von Inception und Interstellar sein neues Werk als Agentenfilm mit Science-Fiction-Elementen ankündigt hat, haben sich viele darauf gefreut. Und das völlig begründet, mir ging es ganz genauso. Das Palindrom Tenet soll laut Filmtrailer "die richtigen Türen öffnen, aber auch manch eine falsche".

Dem Kinopublikum öffnet das Wort ab dem 26. August 2020 gedruckt oder digital auf einer Eintrittskarte zumindest die Türen zum Kinosaal - egal ob rückwärts oder vorwärts gelesen. Was dann auf der Leinwand folgt, bietet genug Action zum Staunen - und dennoch zu wenig Gedankenfutter für eine ausführliche Rezension.

Komplexe Action bewahrt uns vor dem Limbus

Zwar hat der Film genug spektakuläre Momente, für die es sich als Erlebnis ins Kino zu gehen lohnt. Alles abseits der originell inszenierten Action ist jedoch derart leblos und uninspiriert, dass große Teile der Handlung in meiner Erinnerung nur noch eine einzige generische Suppe darstellen.

Ja, in Tenet passiert durchaus viel, aber kaum etwas prägt sich ein oder regt im Nachhinein zum Reflektieren an. Wer wann wo gerade kurz mal ist, um einen Informanten auf ein Gespräch zu treffen oder ein MacGuffin zu stehlen, war mir schon früh so egal, dass ich dem Plot zwar problemlos folgen konnte, die Einzelheiten der Handlung meist aber schon während einer Szene wieder vergessen und später auch nie mehr vermisst habe.

Ganz anders als beim meisterhaft aufgebauten Inception oder Christopher Nolans Kultfilm Memento, wo ich noch aufgeregt nach Antworten puzzeln und über tiefergehende Interpretationen entlang der Hauptstory grübeln durfte, mich sogar regelrecht dazu eingeladen gefühlt habe.

Es wird viel geredet, aber wenig gesagt

Ein Großteil von Tenet besteht aus fast pausenlos aneinandergereihten, emotionslos heruntergeratterten Dialogen, die für ihre Dauer bemerkenswert wenig Informationsgehalt bergen. Wenn es doch mal kurz interessant wird - gar von Menschen aus der Zukunft und Zeitreisekonzepten die Rede ist - heißt es schnell lapidar: "Versuchen Sie erst gar nicht, es zu verstehen. Wir wissen selber nicht ganz, wie das alles funktioniert."

Gerade da, wo ich gehofft hatte, dass Christopher Nolan bewusst auf bekannte Probleme von Zeitreisegeschichten eingeht, tut er sie schnell ähnlich lapidar ab wie ein bunter Superheldenfilm á la Avengers: Endgame.

Und sicher, Nolan selbst betont natürlich, dass es in Tenet gar nicht wirklich um Zeitreisen gehe. Letztendlich ist die Idee von umgekehrter Entropie und Objekten, die sich parallel zur Gegenwart rückwärts durch die Zeit bewegen können aber doch nur eine wissenschaftlich fundiertere Variante des gleichen Gedankens. Und sie bringt auch vergleichbare Probleme mit sich, die Tenet womöglich ebenfalls hat.

Wie logisch das Konstrukt aus sich gleichzeitig vor- und rückwärts auf einem gemeinsamen Zeitstrahl bewegenden Objekten im Film tatsächlich umgesetzt wurde, wird sich erst nach mehrfacher Sichtung feststellen lassen. Eigentlich hätte ich darauf gar keine Lust mehr, wäre Tenet in seinen ganz starken Momenten nicht so ein atemberaubendes Erlebnis.

Tenet macht Unmögliches glaubhaft

So authentisch und dennoch ausufernd, wie Christopher Nolan in Zusammenarbeit mit Kameramann Hoyte van Hoytema gerade im letzten Filmdrittel mit Formen der Zeitmanipulation visuell spielt, hat es noch kein Filmemacher vor ihm getan. Hier beeindruckt er durchaus so, wie Fans es sich aufgrund der Vorgängerfilme erhofft hatten, in denen nicht-lineares Geschichtenerzählen und von den Normen abweichendes Zeitempfinden stets als Markenzeichen Nolans herausragten.

Rein visuell sehen wir in Tenet - nach unserem gewohnten Verständnis von linearer zeitlicher Wahrnehmung - völlig unmögliche Dinge als absolut glaubhafte, lebensecht dargestellte Vorstellung auf der Kinoleinwand. Und das auch noch mal ein ganzes Level real wirkender als etwa in Inception.

Ob nun in sich logisch oder nicht, besonders durch den Anspruch, so viele Spezialeffekte wie möglich ohne CGI, mit praktischen Mitteln und handwerklichen Kameratricks real gedreht umzusetzen, bleibt das reine Spektakel von Tenet faszinierend anzusehen. Der Soundtrack von Ludwig Göransson unterstützt die gewaltigen Bilder mehr zweckmäßig gut, hallt aber nicht so eindringlich nach wie die Musik von Hans Zimmer aus den vorherigen Nolan-Filmen.

Hölzern wie Deus Ex

Dass der alles überschattende und umgebende Agentenfilm, der Tenet abgesehen vom Sci-Fi-Part ganz offensichtlich in erster Linie eigentlich sein möchte, jedoch allenfalls Mittelmaß ist, lässt in mir das zwiegespaltene Gefühl zurück, audiovisuell begeistert und dennoch, was den Gesamtfilm angeht, sehr ernüchtert zu sein.

Fast wirkt es wie ein bewusstes Experiment des Regisseurs und Autors Nolan, seine Geschichte so trocken und unterkühlt wie nur möglich zu erzählen, um den komplexen Zeitchoreographien der Actionszenen maximalen Wirkungsraum auf seine Zuschauer zu überlassen.

Das Ergebnis erinnert mich an die hölzerne Story-Präsentation von Videospielen wie dem Ur-Deus-Ex aus dem Jahr 2000. Dort hatte der Spielercharakter wenigstens noch einen richtigen Namen, die hier im Film von John David Washington gespielte Hauptfigur nennt sich selbst bezeichnenderweise einfach nur Der Protagonist.

So klatsche ich als Actionfan zwar begeistert, wenn Christopher Nolan vor der Kamera tatsächlich ein echtes Flugzeug in ein Gebäude rasen lässt, bin aber selbst am Rande des drohenden Weltuntergangs nie auf die Idee gekommen, dem namenlosen Helden von Tenet auch nur die Daumen zu drücken oder mir über den Abspann und diesen Artikel hinaus noch weiter Gedanken über seine Erlebnisse zu machen.

 (dp)


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