Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/coronakrise-die-maske-schreibt-mit-2007-149466.html    Veröffentlicht: 10.07.2020 06:59    Kurz-URL: https://glm.io/149466

Coronakrise

Die Maske schreibt mit

Ein Startup aus Japan hat einen intelligenten Mundschutz entwickelt, der die Worte des Trägers aufnehmen, übersetzen und verschicken kann. Ein Problem gibt es aber bei der Zielgruppe.

"Ich verstehe dich nicht!", sagt der ältere Mann zu seiner Frau im Supermarkt. "Aber ich sprech' doch schon extra deutlich!" - "Ja, aber wenn ich nicht mal mehr von deinen Lippen ablesen kann? Dann versteh' ich dich eben nicht!" Die Frau, hilflos und genervt: "Muss ich meine Maske abnehmen, damit wir miteinander reden können?" - "Darf man ja nicht, meine Liebe." - "Dann warten wir eben, bis wir wieder zu Hause sind." - "Was? Ich hab' doch gesagt, ich verstehe dich nicht!"

Eine Szene, wie sie sich derzeit wohl öfter mal zuträgt. Das Tragen eines Mundschutzes in der Öffentlichkeit, wie es in der Coronakrise vielfach zur Norm geworden ist, macht die Kommunikation für viele Menschen schwieriger und für manche unmöglich. Denn wer nicht gut hört, liest während des Zuhörens häufig von den Lippen ab - die bei Mundschutzträgern aber verdeckt sind. Selbst Menschen mit intakten Ohren erzählen, dass sie durch den Mundschutz häufiger nachfragen müssen.

Der Mund-Nasen-Schutz soll acht Sprachen verstehen

In Japan meint ein Unternehmen, die Lösung für dieses Problem zu haben. Das Startup Donut Robotics hat ein schlaues Maskensupplement entwickelt, das nicht nur mithören, sondern auch mitschreiben und am Ende auch übersetzen soll. Bei der sogenannten C-Face-Maske handelt es sich um einen Aufsatz, den man über den regulären Mundschutz schnallt und dessen Sprachsensoren mit einer Software verbunden sind, die das Ganze in Textform umwandeln.

Per Bluetooth sollen die verarbeiteten Informationen dann an Handys verschickt werden, auf denen eine entsprechende App installiert ist, die die Übersetzung durchführt. Damit, so der Plan, wären die durch Gesichtsmasken verschuldeten Verständnisprobleme Geschichte.

Der 2014 gegründete Betrieb war bisher auf soziale Roboter spezialisiert. Am Tokioter Flughafen Haneda hat Donut Robotics etwa die ellengroße, kuscheltierartig aussehende Figur Cinnamon platziert, die Fragen der Passagiere hört, versteht und daraufhin Auskünfte über Gates, Konsumangebote und Ähnliches geben kann. Der gleiche Roboter ist unter anderem auch als Concierge in Hotels im Einsatz.

Die eigens entwickelte Spracherkennungstechnologie von Cinnamon wird nun in C-Face eingebaut. Es sei also eine auf dem Markt schon erprobte Technologie, bei der nur die Anwendung neu sei, erklärt die Firma. Bis September sollen die ersten 5.000 Stück produziert sein.

Weil die Hersteller auch international verkaufen wollen, soll die Maske zudem acht Sprachen sprechen. Die Übersetzungen, die schon in Cinnamon integriert sind, geschehen simultan. Akzente und Dialekte gegebener Sprachen sind immer eine Herausforderung. Aber wer sich Mühe gebe, deutlich zu sprechen, der werde von der Software auch verstanden, heißt es seitens des Betriebs. Insbesondere den chinesischen, US-amerikanischen und europäischen Markt peilen die Hersteller an. Der Preis soll bei knapp 40 Euro liegen.

Die erste Produktionsrunde aber soll in Japan verkauft werden. Zumindest dort wäre so ein Produkt schon lange sinnvoll gewesen. In dem ostasiatischen Land forderte man die Bevölkerung schon vor gut 100 Jahren, als nach dem Ersten Weltkrieg die Spanische Grippe ausgebrochen war, zum Tragen von Mundschutzmasken auf. Heute gilt es als gesellschaftlich normal, bei einer Erkältung schnell den Schutz überzuziehen. Insbesondere, aber keineswegs ausschließlich, Dienstleister tragen einen Mundschutz, um nicht vor Kunden zu niesen. Das Problem, dass durch eine Maske gesprochene Sätze oft etwas nuschelig daherkommen, kennt man in Japan also gut.



Ob Senioren wohl die App herunterladen?

Zudem dürften gerade dort besonders viele Menschen damit zu kämpfen haben. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Bevölkerung schon derart gealtert, fast 30 Prozent der Bevölkerung sind mindestens 65 Jahre alt, mehr als 70.000 Personen sind über 100. Wegen der niedrigen Geburtenrate und der hohen und weiter steigenden Lebenserwartung nimmt die Zahl hochbetagter Personen Jahr für Jahr zu. Da mit steigendem Alter das Gehör tendenziell nachlässt, wächst das Marktpotenzial für Assistenzfunktionen wie C-Face also schon aus demografischen Gründen jährlich an. Dieser Trend gilt zudem für alle Industrieländer.

Nur liegt auch hierin das Problem. Die natürlichen Kunden, also die Senioren, sind zugleich jene, bei denen es am unwahrscheinlichsten ist, dass sie eine passende App auf ihr Handy laden. Nur braucht man die, damit einem die gesprochenen Worte, die die Maske eingefangen, vertextet und womöglich übersetzt hat, auch geschickt werden können.

Laut einer Umfrage von 2017 nutzen unter den 70- bis 74-jährigen Personen in Japan 28 Prozent ein Smartphone - wobei die Befragung nur unter jenen Senioren durchgeführt wurde, die überhaupt das Internet nutzen. Auf die Frage, wie diese Technologielücke überbrückt werden soll, hat Donut Robotics ebenso wenig reagiert wie auf jene, wo die Daten verarbeitet und wie die generierten Daten weiterverwendet werden.

Man hofft wohl darauf, dass die Kunden trotzdem noch zahlreich genug sind. Und zumindest einen Hinweis darauf gibt es. Als die Coronakrise ausbrach, starteten die Gründer des Betriebs auf der japanischen Crowdfunding-Seite Fundinno einen Aufruf, um das nötige Geld für die Entwicklung der Maske einzuspielen. "Unser anfängliches Ziel von sieben Millionen Yen [knapp 58.000 Euro, Anm. d. Red.] hatten wir innerhalb von drei Minuten erreicht, nach 28 Minuten haben wir den Aufruf dann gestoppt", sagte der Gründer Shunsuke Fujibayashi in einem Interview. "Da hatten wir schon 28 Millionen Yen zusammen."

 (fli)


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