Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/zukunft-in-serien-realistischer-als-uns-lieb-sein-kann-2007-149094.html    Veröffentlicht: 06.07.2020 08:01    Kurz-URL: https://glm.io/149094

Zukunft in Serien

Realistischer, als uns lieb sein kann

Ältere Science-Fiction-Produktionen haben oft eher unrealistische Szenarien entworfen. Die guten neueren, wie Black Mirror, Years and Years und Upload nehmen hingegen Technik aus dem Jetzt und denken sie weiter.

Insgesamt ist nur wenig von dem, was Science-Fiction sich früher ausgedacht hat, Realität geworden - und das, obwohl die Technologie in den vergangenen gut 30 Jahren enorme Sprünge gemacht hat. Aber manches, das vor Jahrzehnten wie Science-Fiction angemutet hätte und in Film und Fernsehen oder Literatur vorhergesagt wurde, existiert heute.

Man denke nur an ein System wie Alexa oder an smarte Kühlschränke, bei denen man aus der Ferne überprüfen kann, was noch eingekauft werden muss. Man denke an Smartphones, die als handlicher Computer dienen und immer dabei sind, an ein weltumfassendes Internet mit fast allen Informationen der Menschheitsgeschichte und man denke an Entwicklungen, die erst noch greifen werden, wie autarke Automobile.

Die moderne Science-Fiction denkt anhand aktueller Entwicklungen fort, wie das Leben in zehn oder zwanzig Jahren aussehen könnte. Drei Serien sind dabei hervorzuheben: Charlie Brookers bahnbrechende Anthologie Black Mirror (Netflix), Russell T. Davies' verstörendes Years and Years (Starzplay) und Greg Daniels' Upload (Amazon Prime).

Diese Serien machen sich nicht nur Gedanken darüber, wie die Technologie von morgen aussehen könnte, sondern auch, wie ihre Existenz auf das gesellschaftliche Leben wirkt. Das ist per se nichts Neues, sondern Teil der Science-Fiction-DNS, wird aber in diesen drei Serien besonders thematisiert. Eine von ihnen gibt sogar einen Ausblick, wie sich die Coronapandemie auf die kommenden 15 Jahre auswirken könnte.

Schreckliche Gesellschaft: Years and Years

Years and Years wurde von Russell T. Davies geschrieben, der einigen bekannt sein dürfte, weil er 2005 Doctor Who wiederbelebt hat. Die Serie hat sechs Folgen. Nach jeder findet ein Zeitsprung statt, der das Publikum herausfordert, sich in die neue Situation hineinzufinden. Die Handlung startet im Jahr 2019, im Mittelpunkt der Geschichte steht die Familie Lyons.

Die Grundstimmung von Years and Years ist pessimistisch. Davies erzählt vom Aufstieg einer Populistin, die US-Präsident Donald Trump oder Großbritanniens Premier Boris Johnson nicht unähnlich ist, und von einer Gesellschaft mit faschistoiden Zügen. Es ist eine Gesellschaft mit Flüchtlingskrise und Pandemie - hier eine Affengrippe, die nicht weit von dem entfernt ist, was wir mit Covid-19 erleben.

Davies denkt das weiter: Hier werden Flüchtlinge inhaftiert, sie werden jedoch nicht gegen die Krankheit behandelt. Vielmehr soll die Krankheit für das Immigrationsproblem die "Endlösung" sein - eine Szene mit dem politischen Stab, die an die Wannsee-Konferenz erinnert, wurde von Davies nicht von ungefähr eingebaut.

Das Hamstern von Klopapier hat Davies nicht vorhergesehen, wohl aber den gesellschaftlichen Bruch, der mit der Pandemie einhergeht und der noch forciert wird durch eine Finanzkrise, die Menschen von einem Tag auf den anderen in die Pleite treibt. Es ist eine Krise, die den europäischen Kontinent mit Gewalt überzieht und die alten Fundamente erschüttert - vor allem aber ist es eine, die nach Trump, nach dem Brexit und mitten in der Coronakrise authentischer anmutet, als es einem lieb sein kann.

Wie viel kann eine Gemeinschaft aushalten?

Years and Years befasst sich vor allem mit den großen gesellschaftlichen Umwälzungen: Was passiert, wenn das Finanzsystem zusammenbricht, wenn es eine Vielzahl hoch qualifizierter Arbeitsloser gibt, wenn der Staat so umgekrempelt wird, dass die Mittelschicht immer weiter erodiert, wenn man aufpassen muss, was man sagt. Nachbarn denunzieren einander, ganze Viertel werden abgeriegelt, weil dort arme Menschen hausen, jedwede Form des Zusammenhalts bröckelt.

Davies vergisst aber auch nicht die technologische Komponente. Dass das Handy immer parat ist, weil es im Körper eingebaut ist, ist da noch der kleinste Gedanke. Der Autor befasst sich auch mit Transhumanismus. Als die Tochter ihren Eltern erzählt, sie sei trans, reagieren die erst recht cool. Transgender ist für sie nichts Negatives, sie stehen hinter ihrer Tochter - bis sie erfahren, dass die Tochter nicht transgender ist, sondern transhuman.

"Liebe Eltern, ich bin trans...human"

Das heißt: Die Tochter fühlt sich nicht mehr als Mensch, sie empfindet die Begrenzungen des eigenen Körpers als hinderlich und möchte ganz und gar digital auferstehen. Sie will ihren Geist in die Cloud hochladen lassen, um mehr zu sein als ein Mensch, um das zu werden, als was sie sich fühlt. Das ist technologisch Zukunftsmusik, der Gedanke dahinter bietet aber reichlich Diskussionsstoff. Denn die Vorstellung, dass so etwas eines Tages möglich sein wird, erscheint nicht mehr so abstrus wie vielleicht noch vor ein paar Jahren.

Was hier im Grunde diskutiert wird, ist ein weiterer Evolutionsschritt, der das Menschsein vom Körper entfesselt und zur reinen Essenz werden lässt. Ein faszinierender, vielleicht auch beunruhigender Gedanke, mit dem die neue Science-Fiction-Serie Upload auch gerade spielt.

Abseits der seriellen Science-Fiction gibt es andere Vordenker, die sich mit diesem Thema befassen. Am bekanntesten ist wohl Yuval Noah Harari, dessen Buch Homo Deus - Eine Geschichte von Morgen 2016 erschienen ist. Darin erörtert er in elf Kapiteln, wie der Mensch sich über die letzten 70.000 Jahre entwickelt hat, wie technologische Entwicklung auch eine Evolution mit sich bringt und wie der Moment kommen wird, in dem er die Kontrolle darüber verliert. Das Buch endet mit einer Frage: "Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nicht-bewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?"

Während Transhumanismus und ewiges Leben in Years and Years nur ein Teilaspekt ist, hat eine andere Serie es zu ihrem Fokus gemacht.



Das Leben nach dem Tod: Upload

In Upload geht es um das Hochladen des Menschen in eine digitale Umgebung, um das digitale ewige Leben.

Klassische Fragen zu dem Thema sind: Kann die Technologie helfen, den Tod zu überwinden? Kann sie der Jungbrunnen sein, von dem die Menschheit immer träumte, der aber auch, würde es ihn geben, zu einer Bevölkerungsexplosion ohnegleichen führen würde? Würde dies das ewige Leben mit immer weiter schwindenden Ressourcen nicht zur ewigen Qual werden lassen?

Diese Probleme gibt es in Upload nicht. Denn Platz ist in der Cloud kein Problem. Die neue Serie von Greg Daniels, der zusammen mit Steve Carrell auch Space Force entwickelt hat, fragt sich, wie es dann mit dem Nachleben aussieht.

In Upload ist die Hauptfigur, Nathan Brown, nach einem Unfall dem Tode nahe, weswegen seine Freundin ihn drängt, sich uploaden zu lassen. Sein Bewusstsein wird in ein virtuelles Hotel transferiert, in dem man nach dem Tod sehr komfortabel die Ewigkeit verbringen kann - wenn ausreichend Geld dafür da ist. Denn die armen Schlucker bekommen keinen Upload oder landen, wenn sie pleite sind, bei den Bewohnern, die keinerlei Extras genießen.

Die im Jahr 2033 spielende Serie punktet nicht nur damit, dass Humor und Tragik nahe beieinander liegen, sondern auch mit faszinierenden Ideen. Es wird sehr konsequent durchdacht, wie dieses Leben nach dem Tod aussehen würde - mit allen guten, vor allem aber auch mit allen Schattenseiten.

Denn Schattenseiten gibt es natürlich auch. So zeigt die Serie, die ihr Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, aber auch mit einem gewissen Hang zum Klamauk angeht, dass die Ewigkeit reichlich eintönig sein kann. Richtig schlimm wird es, wenn man sie sich nicht mehr leisten kann und nicht einmal mehr komplette Bücher zu lesen bekommt, sondern nur noch kostenlose Leseproben.

Die Serie enthält auch einen Diskurs, ob das Uploaden richtig ist oder ob man sich damit nicht den Zugang zu einem echten Nachleben verwehrt. Die Diskussion darüber findet vor allem in den Familien statt: Der Vater will nach dem Tod im Himmelreich wieder mit seiner Frau vereint sein, die Tochter glaubt nicht an das Leben nach dem Tod und drängt ihn zum Uploaden. Das hat auch einen selbstsüchtigen Aspekt, denn natürlich will die Tochter den Vater nicht verlieren. Lässt er sich uploaden, kann sie sich ihm irgendwann anschließen.

Ist die Fettkartusche leer, schmeckt das Essen nicht

In der ersten Staffel noch nicht angesprochen wurde die Frage, ob der hochgeladene Mensch noch er selbst ist oder vielmehr ein Avatar, der aus einer Vielzahl personenbezogener Daten erstellt wurde - also quasi eine Kopie, die nichts davon ahnt, eine zu sein.

Neben dem Upload als großem Science-Fiction-Element der Serie gibt es auch kleinere Elemente. Sehr schön ist die Handy-Technologie, die wie bei Years and Years im Körper eingebaut ist, hier in der Hand, die zur geraden Fläche gestreckt wird, mit abgespreiztem Daumen. Dazwischen erscheint das Display, auf dem dann zum Beispiel der Gesprächspartner erscheint. Will man nicht gesehen werden, ballt man die Hand zur Faust. Eine andere interessante Idee ist, dass die Leute ihr Essen selbst drucken. Wenn die Fettkartusche im Drucker alle ist, schmeckt das Essen halt nach nichts.

Die Idee des Uploadens ist nicht neu. Philip K. Dick, der große Vordenker, hatte schon in seinem Roman Ubik damit gespielt. Im Rahmen des Serienfernsehens wirkt sie jedoch frisch und aufregend. Anders als zu Zeiten von Ubik erscheint sie auch nicht mehr völlig als Science-Fiction.

"Die da oben" gegen die arme Mehrheit

Upload nutzt die Idee auch als Metapher für den Klassenkampf. "Die da oben", das eine Prozent, kann sich die Ewigkeit leisten, der armen Mehrheit wird das Paradies verwehrt. Die Serie macht sich aber auch die Mühe zu zeigen, dass diese Form der Ewigkeit die Gefahr ewiger Langeweile mit sich bringt.

Dennoch hat Upload eine charmante Leichtigkeit, ein positives Moment. Wie übrigens auch bei Years and Years ist die Lage nicht komplett hoffnungslos.

Die dritte Serie, Black Mirror, ist hingegen durch und durch düster. Sie wirft einen pessimistischen Blick auf die Zukunft, der mit einer profunden Angst vor der technologischen Entwicklung einhergeht.



Die Zukunft ist düster: Black Mirror

Black Mirror wurde von dem britischen Produzenten und Autor Charlie Brooker geschrieben. Die Serie birgt eine unglaubliche Menge dystopischer Ideen, denn das Format ist eine Anthologie, das heißt, jede Folge ist in sich abgeschlossen.

Brooker wirft in den einzelnen Folgen einen Blick auf die Welt, wie sie ist, und denkt Entwicklungen technischer, aber auch gesellschaftlicher Natur weiter. Etwa wenn er sich damit befasst, wie das Online-Dating der nahen Zukunft aussehen könnte - ein an und für sich harmloses Thema, das Brooker aber weitreichend vertieft.

Denn die Grundthese seiner Serie ist fast immer, dass der technologische Fortschritt mit einem Verlust von Privatsphäre einhergeht, dass neue Technologien das Menschsein minimieren und beschneiden. Er erzählt dabei nicht - was leicht wäre - vom Überwachungsstaat, sondern bricht die Form der Überwachung sehr viel weiter herunter, bis auf die kleinste Zelle des gesellschaftlichen Lebens: die Familie. Übrigens eine Gemeinsamkeit mit Upload.

Fünf Staffeln gibt es bereits, Netflix ist an einer weiteren interessiert, Brooker arbeitet derzeit jedoch nicht daran. Er sagte kürzlich in einem Interview: "Ich bezweifle, dass die Leute gerade den Nerv dafür haben, Geschichten über einstürzende Gesellschaften zu sehen."

Nicht alle Folgen von Black Mirror befassen sich mit Zukunftstechnologie. Mehrheitlich geht es jedoch darum, Geschichten zu erzählen, die im Hier und Jetzt spielen könnten, aber eben in die nahe Zukunft verlagert sind.

In Black Mirror ist der Mensch in der Regel gläsern - gläserner, als man sich das im Moment vorstellen kann. Das Leben mag durch neue Technologien in mancherlei Hinsicht leichter erscheinen, aber vor allem ist es bequemlicher. Für diese Bequemlichkeit sind schon jetzt die meisten Menschen bereit, Datenkraken reichlich Informationen zu überlassen. Black Mirror potenziert diesen Gedanken und zeichnet eine Zukunft, die für die Spätgeborenen ganz normal sein mag, für den heutigen Menschen aber schon albtraumhafte Züge hat.

Die Folge Das transparente Ich erzählt zum Beispiel davon, dass die Menschen mit einer implantierten Kamera ohne Mühe jede Sekunde ihres Lebens aufzeichnen und die Erinnerungen ansehen können, wann immer sie wollen. Eine rudimentäre Form davon gibt es auch in der Realität. Sie heißt Spectacles von der Firma Snap Inc. und ist eine mit Kameras ausgestattete Sonnenbrille, die zehn Sekunden aufzeichnen kann. Abgespielt werden kann das über das Smartphone.

Mit den Toten sprechen

In der Episode Wiedergänger benutzt eine Frau nach dem Tod ihres Ehemanns eine Vorrichtung, die ihn praktisch wieder zum Leben erweckt, indem Videos, Fotos und Social-Media-Beiträge benutzt werden, um das Essenzielle an ihm so gut wie möglich nachzubilden. Zuerst spricht sie mit ihm nur via Online-Chat, dann übers Telefon, schließlich steht sogar eine lebensechte Version ihres Mannes vor ihr.

Eine solche lebensechte Version von Verstorbenen wird es so bald nicht geben, der Chat hingegen existiert in einer gewissen Form bereits. Es handelt sich dabei um eine Vermengung von Chatbots mit künstlicher Intelligenz und einem Service wie Crystal, der online Daten zu einer Person zusammenträgt und E-Mails und Botschaften so gestaltet, dass sie der Persönlichkeit dieses Menschen nahekommen.

Das mag in der Trauerphase helfen, so wie es heutzutage auch Reborn-Babys tun. Aber was wäre die gesellschaftliche Auswirkung, wenn jeder seine geliebten Toten auf ewig als künstliche Nachbildung haben könnte? Eine interessante Frage, die Brooker zur Diskussion stellt.

Unter Dauerbewertung

Besonders gruselig ist die Episode Abgestürzt. Sie handelt von einer Gesellschaft, in der jeder konstant von außen beobachtet und von anderen bewertet wird. Jeder Mensch trägt dabei Kontaktlinsen, durch die er das Rating der Mitmenschen sehen und sie ebenfalls entsprechend bewerten kann. In Echtzeit gehen die Scores rauf und runter.

Der Stress-Level der Menschen ist entsprechend hoch, weil jede Tat und jedes Wort bedacht werden müssen. Andernfalls droht man, seinen guten Score zu verlieren. Es ist die ultimative Überwachung, die aus dem Zusammenspiel mit den Menschen in der eigenen Umgebung einhergeht. Man ist Teil des Schwarms und hat individuelle Aussetzer gefälligst unter Kontrolle zu halten.

Technologisch ist so etwas derzeit noch nicht umgesetzt, die Hololens von Microsoft mag aber so etwas wie ein Anfang sein. Denn mit ihr kann jeder eine Mixed Reality erleben, in die Cloud- und KI-Dienste einbezogen werden. Um ein Rating geht es nicht - aber ist es undenkbar, dass diese Technologie in diese Richtung gelenkt wird?

Ein System der sozialen Bewertung gibt es ja bereits: nämlich in China, wo Bürger einen Social Score bekommen, der sich danach richtet, ob sie zum Beispiel ihren Kreditverbindlichkeiten nachkommen, Strafzettel fürs Falschparken und andere Delikte erhalten oder Ähnliches. Es geht um soziales Vertrauen - und wer das bricht, hat es künftig schwerer, in den Genuss bestimmter Leistungen zu kommen.

Unter Dauerbeobachtung

Die totale Überwachung nicht durch den Staat oder das System, sondern durch die eigene Mutter zeigt die Folge Arkangel, in der eine Mutter ihrer Tochter einen Chip implantieren lässt, durch den sie sehen und hören kann, was die Tochter macht. Sie kann die biometrischen Daten überprüfen und sogar Dinge ausblenden, die ihre Tochter nicht sehen soll. Der Traum aller Helikopter-Eltern wird in dieser Folge wahr - und er ist der Albtraum all jener, die Wert auf ihre Privatsphäre legen.

Es gibt Techniken, die biometrische Daten aufzeichnen, und Firmen, die bei Sportlern Bewegungen und Gesundheit überwachen, aber zum Glück ist die Dystopie eines Überwachungsstaats durch die Eltern in der Realität noch weit weg. Die Frage ist nur: Wie weit weg? Ab wann macht die Technik die notwendigen Sprünge, um Wirklichkeit werden zu lassen, was hier noch Zukunftsvision ist?

Die Frage stellt sich auch in der Folge Hang the DJ, in der ein Pärchen durch eine intelligente Dating-App zusammengebracht wird. Dafür wurden 1.000 Simulationen durchgeführt, die eine 99,8-prozentige Wahrscheinlichkeit ergeben, dass die zwei ein perfektes Paar werden. Der Schlüssel dazu ist - natürlich -, dass die App eine Vielzahl von Daten über die zu matchenden Personen auswertet, was auch in unserer immer gläserner werdenden Welt nicht unrealistisch ist.

Insgesamt sind die meisten technologischen Entwicklungen, die die Serie darstellt, erschreckend. Weil jede von ihnen ein weiterer Angriff auf die Privatsphäre ist.



Sci-Fi ist in Zeiten des Aufruhrs immer besonders gut

Übrigens sehen auch Zukunftsforscher in der Serie Entwicklungen, von denen sie glauben, dass sie bald Wirklichkeit werden - zum Beispiel Dylan Hendricks, der für die Zehn-Jahres-Voraussage des Institute for the Future verantwortlich ist und mit Business Insider über die Serie, einzelne Episoden und über Wahrscheinlichkeiten, was davon eintritt und was nicht, gesprochen hat.

Years and Years, Upload und Black Mirror sind sehr unterschiedliche Serien - in inhaltlicher, aber auch formaler Ausrichtung. Sie wollen aber alle plausibel vordenken, wie die Zukunft aussehen könnte. Dabei ergeben sich Ähnlichkeiten - zum Beispiel die Art, wie das Handy zum Teil des Körpers wird oder das Loslösen des Geistes vom Körper. Es gibt aber auch Unterschiede, etwa was den Grad an gesellschaftlicher Überwachung durch den Staat, die Gemeinschaft und die Familie betrifft. Black Mirror bietet da aufgrund seines Anthologie-Formats die größte Streuung an.

Science-Fiction, die sich nicht nur mit dem befasst, was möglich und wahrscheinlich ist, sondern auch mit den gesellschaftlichen Auswirkungen, kommt häufig in Wellen und in Zeiten des Aufruhrs. In den 1970er Jahren, als die USA durch den Vietnamkrieg traumatisiert waren, wagte der Genre-Film den Blick auf eine hässliche Zukunft und sprach dabei eigentlich über die Gegenwart. Man denke nur an Jahr 2022 ... die überleben wollen (1973), der sich mit extremer Überbevölkerung befasst, oder an Lautlos im Weltall (1972), der sich mit der Zerstörung der Natur befasst und vielleicht der erste Öko-Science-Fiction-Film überhaupt ist.

Heute befinden wir uns wieder an seinem solchen Punkt. Die Welt ist vor Jahren aus den Angeln geraten. Was undenkbar schien, passiert. Das Chaos von Brexit, Trump und der Angst vor Pandemien hat den Weg geebnet, die Science-Fiction zu erden, sie wieder relevanter zu machen und den Blick zu wagen, was schon in wenigen Jahren Wirklichkeit sein könnte. Nur ob das Kommende Segen oder Flucht ist, bleibt abzuwarten.

 (peo)


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