Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/coronavirus-die-weltweite-5g-verschwoerung-erklaert-2007-148834.html    Veröffentlicht: 09.07.2020 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/148834

Coronavirus

Die weltweite 5G-Verschwörung erklärt

5G erzeugt weder Corona noch ist es Teil einer Verschwörung. Doch Bedenken zu neuen Frequenzbereichen einfach zu ignorieren, ist zu einfach.

Von Mobilfunkgegnern und auf sogenannten Hygienedemos wird verbreitet, dass 5G-Mobilfunk das menschliche Immunsystem schwäche und dadurch die Ausbreitung des Coronavirus erleichtere. Noch weitergehende Verschwörungstheorien aus Social-Media-Gruppen unterstellen, dass 5G die Krankheit verbreite, Covid-19 nicht existiere und der Impfstoff gegen das Virus Microchips beinhalte, die die Menschheit komplett kontrollierbar machen sollen. Wahlweise werden hier Bill Gates, Juden, Außerirdische oder Flüchtlinge als Drahtzieher dieser Pläne genannt. Wer solchen absurden bis faschistischen Theorien folge, brauche keine wissenschaftlichen Argumente, hat Holm Gero Hümmler, Autor des Wissenschaftsblogs Relativer Quantenquark, es zusammengefasst.

Mikhail Lemeshko, Professor am renommierten Institute of Science and Technology Austria (ISTA), erklärt auf seinem Youtube-Kanal zur möglicherweise schädlichen Wirkung der 5G-Strahlung, es sei fast unmöglich, zu beweisen, dass es etwas nicht gibt. "Was wir Wissenschaftler einschätzen können, sind die Wahrscheinlichkeiten." Alle elektromagnetischen Wellen seien Strahlung, aber nicht alle Strahlung sei gleich gefährlich, sagte Lemeshko. Die ionisierende Strahlung radioaktiver Teilchen ist beispielsweise gefährlich, weil sie die Elektronen in Molekülen stören kann und dadurch die chemischen Prozesse in unserem Körper beeinflusst. Mobilfunkstrahlung sei als nichtionisierende Strahlung nicht gefährlich, was auch für 5G gelte, erklärt der theoretische Physiker.

Allerdings ist eine kritische Haltung auf wissenschaftlicher Grundlage gerechtfertigt, immerhin gehören die Mobilfunkbetreiber zum milliardenschweren, sehr mächtigen Teil der internationalen Konzerne, die kein Interesse an einer Aufklärung über mögliche Gefahren haben dürften und auch indirekt Einfluss auf Forschung nehmen können. Diese Konzerne will keine Regierung der Welt verärgern. Auch ist der Industrie und der Politik nicht grundsätzlich zu trauen: Allein der Ausbau der Atomenergie belegt, dass wider besseres Wissen sehr wohl Technik eingesetzt und staatlich gefördert wird, die mit der Zukunft der Menschheit spielt. Nach einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie vom Oktober 2010 wurde die Atomenergie in Deutschland mit 304 Milliarden Euro staatlich gefördert.

BfS: Kein Zusammenhang zwischen 5G und Corona

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erklärte zu dem Thema: "Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis darauf, dass Mobilfunkstrahlung eine Wirkung auf die Ausbreitung von Viren haben könnte." Aus wissenschaftlicher Sicht entbehrten alle Spekulationen jeglicher Grundlage. "Weder in der Biologie noch in der Physik gibt es entsprechende Anhaltspunkte: 5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome. Auch eine negative Wirkung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern - und damit auch Mobilfunkstrahlung - auf das Immunsystem ist bislang nicht wissenschaftlich nachgewiesen."

Klaus Buchner, deutscher Physiker, Universitätsprofessor und ehemaliger Vorsitzender der ÖDP (Ökologisch-Demokratische Partei), sieht dagegen einen Zusammenhang zwischen 5G und Corona: "Es liegt nahe, dass die Verbreitung von Viren durch Funkstrahlung gefördert wird. Mobilfunkstrahlung, insbesondere 5G ist ein Brandbeschleuniger der Pandemie." Kurzzeitige Bestrahlung stimuliere die Immunabwehr, längere hemme sie dagegen. Funk öffne, sagt Buchner, die Kalzium-Kanäle und erzeuge oxidativen Stress. Es liege nahe, dass dadurch die Replikation der Viren begünstigt werde.

Alexander Lerchl, Professor an der Jacobs University in Bremen und Vorsitzender des Ausschusses für nichtionisierende Strahlung der Strahlenschutzkommission, erklärte Golem.de, es sei "atemberaubend", wie von Buchner, einem Professor der Physik, "unverantwortliche Vermutungen und krude Theorien verbreitet werden. Es gibt überhaupt keine wissenschaftlich fundierten Studien, die 5G mit einer Schwächung des Immunsystems in Verbindung bringen und dadurch die Corona-Infektionen beeinflussen."

Weiter sagte Lerchl: "In den Frequenzbereichen um 27 GHz und >40 GHz gibt es wenige Studien. Deswegen führen wir auch derzeit eine Studie durch, bei der diese Frequenzbereiche hinsichtlich möglicher Effekte auf Genexpressionsmuster von menschlichen Zellen getestet werden." Nach derzeitigem Wissensstand und bei Einhaltung der Grenzwerte hält er auch hier 5G für ungefährlich.

In Deutschland setzen die Mobilfunkbetreiber bei 5G auf 700 MHz, Re-Farming von 2,1 GHz und 2,6 GHz und auf die Einführung des C-Bands bei 3,4 bis 3,7 Gigahertz. Dies sind alles Frequenzen, die seit langem eingesetzt und deren gesundheitliche Auswirkungen weitgehend erforscht sind. Das 700-MHz-Band wurde für die Übertragung des terrestrischen digitalen Fernsehens (DVB-T) sowie von drahtloser Veranstaltungstechnik genutzt. Im 2-GHz- und 3,6-GHz-Band sowie in benachbarten Frequenzbereichen operieren bereits WLAN - bei 2,6 GHz und 5 GHz - und LTE bei 1,8 GHz und 2,6 GHz; UMTS zwischen 1,9 und 2,1 GHz und GSM (2G) bei 1,8 GHz. In den bestehenden Frequenzen gibt es Grenzwerte, die jedoch niemand ausnutzt.



Mobilfunkanlagen strahlen viel weniger als erlaubt

Wir erinnern uns: Öffentlich verfügbare Messungen von Feld- oder Strahlungsstärken von bestehenden Mobilfunkanlagen liegen bei der Ausnutzungsrate sehr weit unter den erlaubten Werten. Das haben unsere stichprobenartigen Abfragen der EMF-Datenbank (Elektromagnetische Felder) bei der Bundesnetzagentur ergeben, in der alle angemeldeten Basisstationen Deutschlands verzeichnet sind. Demnach betragen die Werte für gemessene Funkstrahlung der Anlagen weniger als ein Zehntel bis ein Hundertstel Prozent der erlaubten Höchstwerte. Dies sind 0,01 Prozent bis 0,1 Prozent. Die elektrischen Feldstärken werden in Volt pro Meter, die Leistungsflussdichte wird in Watt pro Quadratmeter angegeben. Beim heutigen Mobilfunk ist man bei den Grenzwerten bei 2 bis 5 Watt pro Quadratmeter oder oberhalb von 2 GHz bei 10 Watt pro Quadratmeter.

Beim heutigen Mobilfunk sind es 4 bis 10 Watt pro Quadratmeter, je nach Frequenz. Über 2 GHz sind es gleichbleibend 10 Watt pro Quadratmeter - also auch für die 5G-Stationen, die jetzt mit Frequenzen von 3,6 GHz aufgebaut werden. Und Smartphones haben maximal 0,5 Watt Sendeleistung, unabhängig von 3G-, 4G- oder 5G-Standard.

Kann man Grenzwerte komplett ablehnen?

Mobilfunkgegner oder -kritiker wenden hier ein, dass Grenzwerten absolut nicht zu trauen sei. Für den Biochemiker und Mediziner Franz Adlkofer fehlt für Grenzwerte eine verlässliche wissenschaftliche Grundlage. Sie schützten nicht die Gesundheit der Menschen, sondern die Interessen der Mobilfunkindustrie. "Ihre Einführung und Aufrechterhaltung sind das Ergebnis institutioneller Korruption." Mit der Einführung des Mobilfunks sei demnach die elektromagnetische Strahlung sprunghaft gewachsen. Sie störe die auf der Erde vorhandenen natürlichen elektromagnetischen Felder, was Auswirkungen auf den Gehirnstoffwechsel habe und Gehirnfunktionen beeinträchtige. Die Grenzwerte der Belastung durch Funkstrahlung seien unter dem Druck der Mobilfunk-Weltkonzerne festgelegt worden und vernachlässigten die schädlichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Höhere Frequenzbereiche für 5G verlangen Forschung

Bei Millimeterwellen im hochfrequenten Spektrum zwischen 26 und 28 Gigahertz gibt es noch wenig Forschung. Später kommen für 5G vielleicht noch die höheren Bereiche zwischen 60 und 100 Gigahertz hinzu. Die Chefin des Bundesamts für Strahlenschutz, Inge Paulini, sagte darum im März 2019 der Passauer Neuen Presse zu 5G: "Deutlich höhere Datenübertragungsmengen, neue und zusätzliche Sendeanlagen und höhere Frequenzen verändern die Strahlungsintensitäten." Besonders zu neuen Frequenzen "haben wir noch wenige Erkenntnisse und werden mittelfristig weitere Forschung betreiben".

Sarah Drießen, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit der Universitätsklinik RWTH Aachen, verwies Golem.de auf eine ihrer früheren Aussagen zu dem Bereich: "Werden Frequenzen im Bereich der bereits existierenden Mobilfunk-Anwendungen genutzt, wie wir sie jetzt teilweise auch schon von GSM, UMTS oder LTE kennen, können wir bei der Beurteilung der Frage nach möglichen gesundheitlichen Wirkungen auf die bestehenden Studien und Einschätzungen internationaler Expertengruppen zurückgreifen (zum Beispiel ICNIRP, IARC, WHO). Zusammengefasst besteht nach derzeitigem Kenntnisstand unterhalb der empfohlenen Grenzwerte kein gesundheitliches Risiko dieser hochfrequenten Felder."

Sollten für 5G hochfrequente Felder im Millimeterwellen-Bereich bei 30 bis 100 GHz genutzt werden, sieht die Studienlage nach ihren Worten deutlich dürftiger aus als für die bekannten Mobilfunk-Frequenzen. Drießen: "Eine Suchabfrage in unserem EMF-Portal ergibt zum Beispiel, dass es rund 200 experimentelle Studien zu Millimeterwellen im Bereich von 30 bis 100 GHz gibt. Im Gegensatz dazu haben wir über 1.200 experimentelle und knapp 300 epidemiologische Studien in dem deutlich enger gefassten Frequenzbereich der bisherigen Mobilfunk-Anwendungen." Allerdings werden laut ihren Aussagen die hochfrequenten Felder im Millimeterwellen-Bereich hauptsächlich an der Körperoberfläche absorbiert. Auch gehe man derzeit davon aus, dass die Feldstärken geringer sein werden. "Es gibt aber unter den Wissenschaftlern auch einige kritische Stimmen, die hier mehr Forschung fordern. Meines Wissens kann die reale Exposition durch viele 5G-Antennen derzeit noch nicht abgeschätzt werden."

Auch das Bundesamt für Strahlenschutz nimmt das Problem neuer Frequenzen für 5G offenbar ernst. Sprecherin Nicole Meßmer sagte Golem.de auf Anfrage: "Auf der Weltfunkkonferenz 2019 (WRC-19) der ITU wurden Frequenzbänder im Zentimeter- und Millimeterwellenbereich bei 24, 25 bis 27,5 GHz, 37 bis 43,5 GHz und 66 bis 71 GHz für 5G festgelegt. Diese Frequenzbänder sollen perspektivisch für den öffentlichen Mobilfunk genutzt werden, eine flächendeckende Verbreitung ist jedoch unwahrscheinlich. Derzeit ist in Deutschland eine Nutzung des Frequenzbereichs bei 26 GHz nur für lokale, grundstücksübergreifende Anwendungen (Hotspots) oder grundstücksbezogene Anwendungen zum Beispiel für Industrie-, Forst- und Landwirtschaft vorgesehen oder es befinden sich solche Anwendungen aktuell im Test."

Zu den Frequenzbändern im Zentimeter- und Millimeterwellenbereich liegen laut Meßmer bisher nur wenige wissenschaftliche Studien zu möglichen gesundheitsschädlichen Wirkungen unterhalb der Grenzwerte vor. Eine aktuelle Übersichtsarbeit analysiere derzeit 94 vorliegende Studien zu biologischen Wirkungen von Millimeterwellen unterhalb und oberhalb der Grenzwerte. Diese seien sehr heterogen, basieren überwiegend auf der Forschung zu medizinischen Anwendungen - therapeutisch und diagnostisch - und reichen für eine umfassende Risikobewertung nicht aus. "Weitere Forschung ist daher nötig", sagte Meßmer.

Laut ihren Worten führte das Bundesamt für Strahlenschutz bereits in der Vergangenheit Forschung im Bereich der Millimeterwellen und auch darüber hinaus durch. Eine Studie zu gentoxischen Effekten von Terahertz-Strahlung untersuchte die Wirkungen einer Exposition in vitro an verschiedenen Hautzelltypen. "Gentoxische Effekte wurden in dieser Studie nicht festgestellt", sagte Meßmer. Ergebnisse zu möglichen Auswirkungen der elektromagnetischen Felder des Mobilfunks, inklusive 5G, auf Tiere und Pflanzen seien in einem vom BfS organisierten internationalen Workshop im November 2019 zusammengetragen und diskutiert worden. Das allgemeine Fazit der Konferenz bestand laut Meßmer darin, dass derzeit keine gesicherten wissenschaftlichen Belege für ernsthafte schädliche Wirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt vorliegen, es aber Einzelhinweise gibt, denen mit weiterer Forschung nachgegangen werden sollte.



5G-Mobilfunk als Fortschritt

Das BfS führe daher weitere Forschungsvorhaben durch, oder plant weitere Forschungsvorhaben im Bereich der 5G-Frequenzen.

Der Autor meint dazu

Die Einführung der 5G-Technik ist ein wesentlicher Schritt der Digitalisierung, die die Produktion, den Handel und die Kommunikation sowie die ganze Gesellschaft erfasst. Sie vertieft und erweitert die Umstellung der Produktion auf Mikroelektronik und Automatisierung.

Mit 5G erhöhen sich die Übertragungsraten im Vergleich zu 4G erheblich, werden Daten in Echtzeit an Milliarden Empfänger übertragen, sind schnellere Reaktionszeiten und eine höhere Kompatibilität mit Maschinen und Robotern möglich. Besonders in der Industrieproduktion erhöht sich die Flexibilität der Steuerung von Maschinen, Robotern oder anderen beweglichen Teilen durch kabellose Datenübertragung in Echtzeit. Für KI-Systeme und Geräte, die Bilder oder Sprache und Konversation lernen müssen, ist die 5G-Technologie eine wesentliche Voraussetzung.

Mit 5G ist in Verbindung mit der Digitalisierung eine Technologie entstanden, die das Potenzial hat, eine weltweit koordinierte, zeitnahe, geplante Produktion zu unterstützen. Diese Entwicklung ist auch perspektivisch gut für die Menschheit, auch wenn man, wie ich, ein entschiedener Gegner der profitorientierten Wirtschaft im privaten Besitz ist. Zur Minimierung der - unwahrscheinlichen - Folgen des neuen Mobilfunks ist ein flächendeckender Ausbau des Glasfasernetzes notwendig, statt einseitig die drahtlose Übertragung zu fördern. Better be safe than sorry.

 (asa)


Verwandte Artikel:
Waipu TV: Kabel bietet veraltetes TV-Produkt zu überhöhtem Preis   
(14.09.2020, https://glm.io/150863 )
Funkstrahlung: 5GBioShield "gegen 5G-Strahlung" enthält keinerlei Technik   
(28.05.2020, https://glm.io/148787 )
Strahlung: Mobilfunk verpflichtet sich bei Small Cells auf Grenzwerte   
(03.04.2020, https://glm.io/147708 )
Physik: Die Informationskatastrophe   
(12.08.2020, https://glm.io/150227 )
Mobilfunkgegner: Bundesregierung startet Aufklärung zu 5G   
(03.04.2020, https://glm.io/147700 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/