Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/big-blue-button-wie-ccc-urgesteine-gegen-teams-und-zoom-kaempfen-2005-148560.html    Veröffentlicht: 19.05.2020 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/148560

Big Blue Button

Wie CCC-Urgesteine gegen Teams und Zoom kämpfen

Ein Verein aus dem Umfeld des CCC zeigt in Berlin, wie sich Schulen mit Open Source digitalisieren lassen. Schüler, Eltern und Lehrer sind begeistert.

Während in der Bundesliga wieder der Ball rollt und Restaurants und Cafés geöffnet haben, ist der Schulbetrieb in Deutschland immer noch alles andere als normal. Umso wichtiger wäre es für Lehrer, Schüler und Eltern, den normalen Unterricht mit Hilfe von digitalen Werkzeugen vorübergehend ersetzen zu können. Wie das funktionieren kann, ohne die Angebote der großen Digitalkonzerne nutzen zu müssen, zeigt eine Kooperation zwischen dem Verein Cyber4Edu und einer Grundschule in Berlin. Mit der Open-Source-Plattform Big Blue Button und eigenen Servern hat sich der Fernunterricht deutlich verbessert.

Es ist ein bisschen wie bei Asterix und Obelix: Während die ganze Welt in der Coronakrise die Videokonferenzsysteme von Microsoft (Teams/Skype), Cisco (Webex) oder Zoom verwendet, versucht ein kleiner Verein in Berlin, sich dem Trend entgegenzustellen. Auf dem Chaos Communication Congress Ende 2019 in Leipzig (36C3) stellte CCC-Mitglied Michael Merz in einer Session die Ziele seiner Initiative erstmals vor: nachhaltig gute Software, Lernmaterialien und Hardware für Schulen. Die Coronakrise und die damit verbundenen Schulschließungen ließen den Bedarf an solchen Lösungen plötzlich stark ansteigen.

IT-Konzerne werden bevorzugt

Neben Merz engagiert sich Andreas Steinhauser stark in dem Projekt. Er ist seit 35 Jahren CCC-Mitglied, gründete schon etliche Startups und hält auf den CCC-Treffen regelmäßig Vorträge über physikalische Grundlagen. Seine Motivation bei der Initiative: "Die Digitalisierung, wie sie an Schulen betrieben wird, läuft in die falsche Richtung. Es werden häufig die Angebote der großen IT-Konzerne genutzt, statt auf Open Source und Datenschutz zu setzen. Der Schutz der Privatsphäre ist gerade bei Kindern ein wichtiges Gut", sagte er Golem.de. Daher wolle Cyber4Edu mit Pädagogen und Technikern gemeinsam eine Struktur aufbauen, um Schulen auf allen Ebenen zu helfen.

Eine der ersten Schulen, die die Angebote des Vereins nutzt, ist die private Evangelische Schule in Berlin-Friedrichshain (ESBF). Dort war man - wie in den meisten anderen Schulen - vor der Coronakrise nicht auf digitalen Fernunterricht eingestellt. Vor allem Grundschülern fällt das selbstständige Lernen zu Hause noch schwer. Daher ist es umso wichtiger, zumindest per Computer mit Klassenkameraden und Lehrern kommunizieren zu können. Statt Konferenzsysteme wie Teams, Zoom oder Jitsi zu nutzen, setzt die Schule die Software Big Blue Button ein.

Breakout-Räume für Einzelgespräche

Diese Software wurde speziell für die Bedürfnisse von Schulen entwickelt. "Es gibt ganz viele Sachen, die für uns als Schule einfach top sind", sagt der stellvertretende Schulleiter Benjamin Bedorf Golem.de. Big Blue Button ist eine browserbasierte, in Java programmierte quelloffene Software (Code auf Github).

Neben den üblichen Räumen für Videokonferenzen gibt es sogenannte Breakout-Räume, in die sich einzelne Gruppenteilnehmer für eine bestimmte Zeit zurückziehen können. "Ich mache es ganz oft so, dass ich sechs Kinder in einem Raum habe und mit ihnen im Breakout-Raum dann viertelstündige Einzelgespräche führe. Das ist total super. Das ist wie ein Tutorengespräch, das ich jede Woche anbieten kann. Das bringt total viel", sagt Bedorf.

Darüber hinaus verfügt die Software über ein Abstimmungstool und die Möglichkeit, gemeinsam ein Tafelbild auf dem Bildschirm zu zeichnen. "Das Spiel Skribbl.io, eine Art Montagsmaler, kann man damit auch sehr gut benutzen. Damit kann man beispielsweise Englischvokabeln lernen, was den Kindern sehr viel Spaß macht", sagt Bedorf. Sein Fazit: "Eigentlich ist die Software mit allem ausgestattet, was man braucht, ohne zu viel Schnickschnack zu haben. Big Blue Button ist relativ benutzerfreundlich. Auch die Kollegen, die noch nie so etwas gemacht haben, haben sich das selbst beigebracht."

Eltern und Schüler sind begeistert

Bei den Eltern kommt das digitale Konzept ebenfalls gut an. "Der Videounterricht hat definitiv für neuen Drive und viel bessere Stimmung bei unseren Kindern gesorgt - die fanden es wahnsinnig öde, nur zu Hause vor sich hinzuarbeiten", sagt Tamara Becker (Name geändert), deren beide Kinder die ESBF besuchen. Der Videounterricht könne tatsächlich ein bisschen von dem fröhlichen Durcheinander und Miteinander im Klassenzimmer ersetzen. "Unsere Kinder freuen sich auf die digitalen Schulstunden", sagte die Mutter.

Anfangsschwierigkeiten waren auf beiden Seiten inbegriffen. "Die ersten zwei Tage, in denen wir das Programm mit der gesamten Schule nutzten, waren eine totale Katastrophe. Aber das war uns schon angekündigt worden. Seit dem dritten Tag läuft das System super. Videokonferenzen mit acht Videostreams und Ton gleichzeitig sind überhaupt kein Thema mehr", sagt Bedorf.

Eigene Genossenschaft für Infrastruktur

Ähnlich sieht es Tamara Becker: "Für jüngere Kinder ist das Tool leider vergleichsweise schwer zu bedienen. Man muss lange URLs eingeben, um die verschiedenen Klassenräume zu erreichen. Manchmal fliegen die Kinder auch plötzlich raus und anfangs brauchten sie oft Hilfe, um dann wieder in den Unterricht zu kommen." Doch auch hier gibt es Lerneffekte. "Inzwischen sind sie aber schon recht selbstständig im Umgang mit der Technik geworden", sagt Becker.

Doch wie kommt eine Schule an eine eigene Instanz für Big Blue Button? Schließlich verfügen die Verantwortlichen in der Regel nicht über das erforderliche Know-how, um einen Server aufzusetzen und zu administrieren. "Oft scheitert es daran, dass inkompetente Menschen dafür Verantwortung übernehmen und damit dann Datenschutz, Verlässlichkeit und Qualität einfach den Bach runtergehen. Dann lernen Schüler erstmal nur: Technik funktioniert nicht", sagt Merz. Aus diesem Grund betreibt Cyber4Edu nun auch selbst die digitale Infrastruktur über die ebenfalls neu gegründete Genossenschaft Infra.run.

Kontrolle über Hardware wichtig

Infra.run hat für die ESBF sowie andere Schulen und Organisationen eigene Server aufgestellt beziehungsweise angemietet. "Wir versuchen, die Hardware komplett unter unsere Kontrolle zu bringen. Es sind Root-Server, Blech, das wir kontrollieren. Keine virtuellen Maschinen", sagt Merz. Der Server sei etwas überdimensioniert. Durch den Puffer ergebe sich eine erhöhte Sicherheit und höhere Zuverlässigkeit. "Wenn die Schule mit 120 Kindern und Lehrern gleichzeitig online ist, liegt die Auslastung bei 40 Prozent", sagt Merz.

Wie das Beispiel Zoom gezeigt hat, werden schlecht gesicherte Videokonferenzsysteme schnell zum Angriffsziel von Trollen. "Es ist sehr wichtig, dass jede der Schulen ihre eigene Instanz hat. Daher stehen die Seiten nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit aller Skript-Kiddies dieser Erde. Wir sind irgendein kleiner Server irgendwo im Nichts. Wir stehen nicht so im Fokus und kontrollieren darüber hinaus die Hardware", sagt Merz.

Genossenschaft will Admins einstellen

Noch wird die Infra.run ehrenamtlich betreut. Langfristig hoffen die beiden CCC-Mitglieder, mit den monatlichen Einnahmen auch Administratoren für das Projekt einstellen zu können. Derzeit lägen die Kosten bei etwa einem Euro pro Schüler pro Monat. Bei weiterführenden Schulen könne der Betrag auch sinken, weil dort der Videoanteil nicht so groß sei. Inzwischen laufe die Einrichtung eines Servers mit Big Blue Button weitgehend automatisiert ab. Die Entwickler schreiben dazu auf Github: Mit dem Installationsscript lässt sich ein Server automatisiert in 30 Minuten einrichten.

Laut Merz arbeitet Infra.run nicht gewinnorientiert, "weil wir mit Infrastruktur für Schulen keine Rendite erzielen wollen". Es gehe lediglich darum, "dass Menschen für sinnvolle Arbeit ein angemessenes Gehalt bekommen. Und die Schule das in einer Qualität bekommt, die der Sache angemessen ist."

Moodle und Nextcloud sollen integriert werden

Während die Infrastruktur vor allem von IT-Experten aus dem CCC-Umfeld betrieben wird, engagieren sich bei Cyber4Edu auch Mitglieder von Chaos macht Schule, dem Berliner Hackertreffpunkt C-Base, der Free Software Foundation Europe (FSFE) sowie Freifunker. "Die üblichen Verdächtigen", sagt Merz, "wir haben aber auch einen Anteil an Menschen, die aus dem schulischen Umfeld kommen: Lehrer, Medienpädagogen, Datenschützer."

Ein geplanter Beirat soll die weißen Flecken im Bereich Medienpädagogik, Didaktik, OER beseitigen. Schließlich soll sich eine Schulplattform nicht nur auf Big Blue Button beschränken. So wird die Integration der Lernplattform Moodle und der freien Cloud-Software Nextcloud angestrebt.

Warum müssen sich die Schulen aber überhaupt selbst um eine sichere und datenschutzkonforme Digitalisierung kümmern? Wäre das nicht die Aufgabe der Schulverwaltung, zumindest was die staatlichen Schulen betrifft? In Berlin gibt es immerhin einen eigenen digitalen Lernraum für die Schulen. Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam hat seine Schulcloud bundesweit geöffnet. Die niedersächsische Bildungscloud stellt seit Anfang März bereits Big Blue Button für die Schulen zur Verfügung.

"Stummschalten wäre ein Traum"

Nach Ansicht von Merz wird die Digitalisierung in Berlin oft nicht mit der notwendigen Konsequenz betrieben. "Wir haben gehört, dass sie einen Vertrag mit Webex von Cisco gemacht haben. Warum mit Moodle anfangen und sich dann Webex ins Boot holen, wo Schulcloud sich gleich um die Ecke mit Big Blue Button arrangiert hat. Das ist wirklich total irre", sagt Merz.

Der Bedarf an den digitalen Tools dürfte auch nach dem Abklingen der Coronapandemie bestehen. Solche Tools könnten beispielsweise auch für andere Zwecke, wie Elterngespräche, genutzt werden. In manchen Dingen bieten sie sogar Vorteile gegenüber dem normalen Unterricht. "Was ich am meisten vermissen werde, ist das Stummschalten", sagte Bedorf scherzhaft, "wenn es das im realen Leben geben würde, wäre es ein Traum."

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