Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/arbeitsmarkt-in-der-coronakrise-besser-hire-and-fire-oder-subventionen-2004-147855.html    Veröffentlicht: 15.04.2020 09:20    Kurz-URL: https://glm.io/147855

Arbeitsmarkt in der Coronakrise

Besser Hire and Fire oder Subventionen?

Millionenfach Kurzarbeit in Deutschland versus Massenentlassungen in den USA: Welches die wirksamere Strategie ist, um die Wirtschaft nach der Coronakrise wieder in Gang zu bringen, hängt vor allem davon ab, wie lange sie dauert.

Deutschland und die USA sind die beiden extremen Pole im Umgang mit der Coronakrise am Arbeitsmarkt, die meisten anderen Länder agieren zwischen diesen Extremen. Während Deutschland mit Kurzarbeit versucht, Beschäftigung durch Subventionen aufrechtzuerhalten, herrscht in Amerika nach wie vor eine gnadenlose Hire-and-Fire-Mentalität.

Dies hat dazu geführt, dass innerhalb der letzten beiden Märzwochen zehn Millionen US-Amerikaner ihren Job verloren haben. Wegen der anhaltenden Pandemie gehen Wirtschaftsexperten davon aus, dass im April mindestens noch mal so viele dazukommen. In den USA macht die Krise Millionen Menschen arbeitslos, in Deutschland führt sie zu massiven Ausgaben durch Kurzarbeitergeld und finanzielle Rettungsschirme der Regierung. Welcher Ansatz ist wirkungsvoller, um nach der Krise schnell wieder in Fahrt zu kommen? Darum geht es beiden Staaten.

Die IT-Industrie spielt auf dem Weg dahin eine überbrückende Rolle. Dass Digitalisierung Unternehmen bei der Bewältigung von Krisen helfen kann, hat eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ergeben, in der die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 untersucht wurden. Produktivitätsniveau und -wachstum haben sich bei stärker digitalisierten Firmen kaum verringert, während sie bei schwach digitalisierten Unternehmen stark zurückgingen, so die zentrale Erkenntnis der Untersuchung.

"In der aktuellen Coronakrise ist ein hoher Digitalisierungsgrad für Unternehmen von Vorteil, wenn sich dadurch Geschäftstätigkeiten zügig online weiterführen lassen", sagt Daniel Erdsiek, ZEW-Experte für digitale Ökonomie. Er verantwortet den quartalsweise erhobenen Stimmungsindikator, für den rund 1.000 Unternehmen aus der Informationswirtschaft zu Umsatz und Nachfrage befragt werden.

"Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2011 ist das wirtschaftliche Klima niemals schlechter ausgefallen oder vergleichsweise rapide gesunken", sagt Erdsiek. Der starke Abfall des Stimmungsindikators resultiert aus der deutlichen Verschlechterung von Geschäftslage und -erwartungen. Ob sich diese Prognosen bewahrheiten, hängt von der Dauer der Krise ab. Deren Länge ist letztendlich das entscheidende Kriterium dafür, ob das US-amerikanische oder das deutsche System aus Sicht der Unternehmen hilfreicher zur Krisenbewältigung ist.

Aktuell leiden beide Länder gleich stark unter der Pandemie. "Die dicksten Bremsspuren in der Wirtschaft kommen von der Vermeidung von Infektionen und weiterer Verbreitung des Virus", sagt Klaus-Jürgen Gern, der am Institut für Weltwirtschaftsforschung (IfW) in Kiel das Thema Weltwirtschaft verantwortet. Global sind die Branchen unterschiedlich von der Krise betroffen. Während personennahe Dienstleistungen wie Hotels geschlossen sind, darf die Industrie produzieren.

IT-Spezialisten sind weiterhin gefragt

Allerdings wird auch das zunehmend schwieriger, weil die Zulieferung nicht mehr voll funktioniert und die Nachfrage zurückgeht. "Die IT-Branche profitiert von der aktuellen Situation rund um den Erdball, weil weltweit dieselben Vermeidungsstrategien gelten", sagt Gern. Kontaktsperren und geschlossene Firmen führen zu Homeoffice und das zu einer verstärken Nachfrage nach Notebooks und Softwarelösungen für Heimarbeitsplätze.

"In den USA sind zwar Millionen Menschen vorwiegend aus der Dienstleistung arbeitslos geworden, aber die IT-Branche hat Personal aufgebaut", sagt Gern. IT-Spezialisten und -Lösungen fürs Online-Arbeiten sind zurzeit in allen Ländern äußerst gefragt. Insgesamt aber sollen die globalen Ausgaben für IT in diesem Jahr dennoch um 2,7 Prozent zurückgehen, weil wegen der Covid-19-Pandemie viele Organisationen weltweit zu Ausgabenkürzungen übergehen, wie IDC prognostiziert, ein amerikanisches Marktforschungs- und Beratungshaus für IT.

Auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise hätten sich die Volkswirtschaften nach Meinung von Gern nicht wirklich vorbereiten können, denn sie sei ohne Vorbild, "sie ist ein klassischer schwarzer Schwan". Als solcher werden Ereignisse bezeichnet, die unvorhersehbar, selten und höchst unwahrscheinlich sind. "Es kann uns aber wieder treffen, vielleicht sogar brutaler, wenn ein neuer Erreger noch fieser ist", sagt Gern. Die Erfahrungen jetzt sollten genau analysiert und Schlüsse daraus gezogen werden, um vorbereitet zu sein.



Kurzarbeit ist besser, wenn auch die Krise kurz ist

Lehren wurden auch aus den Krisen 2001 und 2009 gezogen, daher ist bekannt: "Die erste Krise dieses Jahrhundert war eher eine strukturelle Krise, die zweite eine temporäre. Aus der ersten sind die Amerikaner scheinbar besser herausgekommen, aus der zweiten wir", sagt Martin Gornig, stellvertretender Leiter der Abteilung Unternehmen und Märkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW in Berlin.

Die strukturelle Krise 2001 hat zu einer Verschiebung der Beschäftigung und Wertschöpfung weg von der Industrie und hin zur Dienstleistung geführt. In den USA wurden damals viele Menschen entlassen und, als die Wirtschaft wieder anzog, andere Mitarbeiter mit nun passenden Anforderungen für die digitale Dienstleistung eingestellt. "Auch deshalb läuft Digitalisierung vermutlich in Amerika besser und das Land hat nach der Krise 2001 seine Technologieführerschaft in der IT ausgebaut", erklärt Gornig.

Deutschland kam 2009 besser aus der zweiten Krise dieses Jahrhunderts als die USA, weil es eine temporäre Krise war, die eine kurze Zeit dauerte, während derer Mitarbeiter mittels Kurzarbeit gehalten wurden. "Als die Wirtschaft anlief, war das Personal in Deutschland gleich zur Stelle, während in Amerika erst Leute gesucht, eingestellt und eingearbeitet werden mussten", sagt Gornig. Wenn Deutschland die dritte große Krise meistern will, muss auf Kurzarbeit gesetzt werden, was zu hohen Staatsausgaben führt.

Finanzielle Hilfen für Unternehmen wird es auch in den USA geben. Den wesentlichen Unterschied für den Wiederanlauf der Wirtschaft macht aber das Kurzarbeitergeld. Dessen Zweck besteht darin, Beschäftigung zu halten, auch wenn die Unternehmen nicht ausgelastet sind. Aktuell wird es für zwölf Monate gezahlt und beträgt 60 Prozent vom Nettolohn, Personen mit Kindern bekommen 67 Prozent. Das Einkommen kann durch die Unternehmen auf bis zu 100 Prozent aufgestockt werden.

Die Leistungen der amerikanischen Arbeitslosenversicherung werden ein halbes Jahr lang gezahlt und sind in den Bundesstaaten unterschiedlich hoch. In Florida beträgt das Arbeitslosengeld mindestens 32 und maximal 275 Dollar wöchentlich. Das Kurzarbeitergeld in Deutschland übernimmt die Bundesagentur für Arbeit und somit den gekürzten Lohn eines Beschäftigten, der der Firma damit erhalten bleibt.

Kurzarbeit nehmen viele, aber nicht alle Branchen derzeit in Anspruch. "Die IT-Branche ist aktuell von Kurzarbeit weniger betroffen als andere Industrien, etwa die Automobilindustrie, die vorübergehend dichtgemacht hat", sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Er erwartet weltweit deutlich mehr Arbeitslose, aber keinen bodenlosen Absturz in Deutschland ähnlich dem in den USA.

Anschließend stärkere Nachfrage?

"In Krisen schnellen Entlassungen in den USA dramatisch hoch, in der Erholung wird aber auch kräftig eingestellt", sagt Weber. Die aktuellen Entlassungen in den USA beträfen überwiegend Beschäftigte im niedrig qualifizierten Bereich und keine IT-Spezialisten. Diese würden von den US-Firmen eher gehalten, weil sie auch in Amerika ziemlich rar seien.

Weber geht wie Gern und Gornig davon aus, dass Corona ein temporärer Effekt ist, nach dessen Ende Deutschland mit seinen arbeitspolitischen Maßnahmen bessere Startbedingungen hat als die USA. Wenn die Krise überwunden ist, wird die Nachfrage nach IT-Spezialisten rasch wieder auf das Vorkrisenniveau ansteigen, ist Weber überzeugt. "Ich sehe keinen Grund, dass die Nachfrage abflachen sollte." Häufig wird sogar über eine Verstärkung des Nachfrageeffekts durch eine anschließende stärkere Digitalisierung spekuliert.

Die Antwort auf die Frage, welche der beiden Volkswirtschaften die Krise besser verkraften kann, liegt vor allem in ihrer Dauer. Es gibt daher kein Richtig oder Falsch in den Maßnahmen: Es kommt allein auf die Art der Krise an. Wie sie verläuft, kann keiner seriös vorhersagen.

 (pil)


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