Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/homeschooling-report-wir-haben-noch-eine-steile-lernkurve-vor-uns-2003-147418.html    Veröffentlicht: 24.03.2020 11:58    Kurz-URL: https://glm.io/147418

Homeschooling-Report

Wie Schulen mit der Coronakrise klarkommen

Lösungen von Open Source bis kommerzielle Lernsoftware, HPI-Cloud und Lernraum setzen Schulen derzeit um, um ihre Schüler mit Aufgaben zu versorgen - und das praktisch aus dem Stand. Wie läuft's?

In Deutschland und weltweit ist mit dem Covid-19-Ausbruch und den folgenden Schulschließungen ein einmaliges Experiment zum E-Learning gestartet. Millionen Schüler müssen hierzulande auf digitale Lösungen wie Schulserver zurückgreifen, die bislang meist stiefmütterlich behandelt wurden. Das klappt nicht immer.

"Jetzt schlägt die goldene Stunde der Arbeitshefte", sagt Sandra Papp (Name von der Redaktion geändert), Mutter dreier schulpflichtiger Kinder aus Berlin. Seit Mitte März ist Online-Lernen in der Hauptstadt Pflicht, denn die Schulen sind dicht, um das neuartige Coronavirus auszubremsen.

Homeschooling erfolgt dabei weitgehend auf Lowtech-Basis: Pünktlich um 8 Uhr morgens geben die Lehrer ihren Schützlingen per E-Mail Arbeitsaufgaben und verweisen auf Lesestoff in den meist noch analogen Schulbüchern. Nach einigen Stunden schicken die Lernenden ihre teils bereits online heruntergeladenen Arbeitsblätter ausgefüllt zurück - meist einfach per rasch erstelltem Smartphone-Foto.

Synchron mit Lehrern oder Mitschülern kommunizieren geht auch. Das Rheingau-Gymnasium in Schöneberg, wo Papps Tochter normalerweise in die Schule geht, setzt dafür die Messenger- und Kollaborations-App Wire ein. Dabei ist immerhin "alles durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt", wie es auf der Homepage des Anbieters heißt.

Telefon- und Videokonferenzen sind zwar möglich, doch nutzen Schulen dies bisher eher selten. Für jede Unterrichtsstufe sei aber zumindest eine eigene Chat-Gruppe eingerichtet worden, berichtet Papp. Bei technisch anspruchsvolleren Lösungen mit Video und Streaming könnte ihre Tochter mit ihrem Mobiltelefon wohl gar nicht mithalten, da dies mehr auf Nachhaltigkeit als auf Rechenleistung angelegt sei.

Sie sei erfreut und verblüfft gewesen, mit welchem Druck die Schulleitung das zumindest rudimentäre E-Learning in die Hand genommen habe und dass es keine echten "Coronaferien" ohne jegliche Instruktionen gebe, sagt Papp. Von anderen, als internationale Vorzeigeschulen gehandelten Lernstätten in Berlin habe sie gehört, dass diese noch überhaupt nichts in puncto Fernunterricht an den Start gebracht hätten.

Aufgabensets über den Lernraum

Papps Sohn Otto (Name geändert) geht auf die Wilmersdorfer Friedrich-Ebert-Oberschule. Diese nutzt den Lernraum Berlin und damit die offizielle E-Learning-Plattform der Schulen der Hauptstadt. "Zurzeit sind die Server mit der unerwartet hohen Nutzung seitens der Lehrer und Schüler etwas überfordert", berichtet der Abiturient aus dem vom Warterädchen am Bildschirm geprägten Alltag der ersten verordneten Teleteaching-Woche. "Daran arbeiten die Zuständigen aber."

Im Lernraum würden primär Aufgabensets hochgeladen, die dann vom Schüler heruntergeladen, eventuell ausgedruckt und bearbeitet werden sollen, schildert Otto das Verfahren. Manche Lehrer setzten keine Abgabefristen, in der Regel werde aber erwartet, dass Hausarbeiten und Informationsbündel bis zum erneuten Schulbeginn tags darauf bewältigt würden.

Die Kommunikation mit den Lehrern und Schülern findet dem 17-Jährigen zufolge weniger über die vom Land Berlin bereitgestellte Open-Source-Lösung statt, sondern hauptsächlich über den von der gleichnamigen Firma angebotenen Schulserver Iserv. In unterschiedlichen Kursgruppen würden dort in der privaten Cloud täglich oder wöchentlich Aufgaben hochgeladen und im Chat diskutiert und gelöst. Weitere Kommunikationswege zwischen Lehrern und Schülern seien Whatsapp-Gruppen und normaler E-Mail-Verkehr.

Auf die plötzlichen Massenzugriffe nicht ausgelegt

Insgesamt funktioniere das E-Learning in Anbetracht der Tatsache, wie kurzfristig die alternativen Unterrichtsmodelle entwickelt worden seien, an der Oberschule "einigermaßen gut", lautet Ottos erstes Resümee. "Gerade für die Abiturienten bietet diese Phase die Gelegenheit, sich Methoden des Selbsterschließens und -lernens anzueignen, die bei der Prüfungsvorbereitung oder der möglichen universitären Weiterbildung hilfreich sein könnten."

Den persönlichen Kontakt und das traditionelle System ersetze dies aber mehr schlecht als recht. Schule fungiere schließlich auch "als soziales Förderungs- und Durchmischungsinstrument". Wenn Bildung und sozialer Hintergrund schwächer seien, "brauchen Schüler vermutlich den intensiven direkten Antrieb und die persönliche Betreuung durch einen physisch anwesenden Lehrer", glaubt der 17-Jährige. Dies könne Online-Unterricht nicht bereitstellen - egal in welcher Form.

Aus der Schule selbst erreichen die Eltern derweil Versprechen, dass bald noch mehr Lehrerkollegen Aufgaben einstellen. Dabei gibt es offenbar aber noch verschiedene Hindernisse. Sowohl Iserv als auch der Lernraum seien für die plötzliche Masse an Zugriffen nicht ausgelegt, und eine einheitliche Lösung für einen Schulserver sei in diesen ersten Tagen schwierig.

Ausnahmezustand auch beim Datenverkehr

"Wir befinden uns in vielen gesellschaftlichen Bereichen in Ausnahmesituationen, in denen wir nach und nach in schneller Taktung Erfahrungen mit intensivem Datenverkehr sammeln", beschreibt Karsten Bergmann die Situation. Der Lehrer des Friedrich-Ebert-Gymnasiums ist einer von acht Betreuern, die generell etwas weniger Unterricht geben und im Gegenzug den Lernraum in Gang bringen und fortentwickeln sollen. Sein Hauptbestreben ist momentan, dass überhaupt erst einmal möglichst viele Kollegen und Schüler Zugang zum "virtuellen Klassenzimmer" bekommen.

Dies gestaltete sich in der gesamten vorigen Woche schon wegen der hohen Serverauslastung überaus schwierig. Allein am Sonntag vor der verordneten Zwangspause waren über eine Million Zugriffe auf die Seite zu verzeichnen, während es früher kaum mehr als 50.000 pro Tag waren. Von 33.000 Lehrern in der Hauptstadt waren zunächst aber erst rund 7.500 aus immerhin rund zwei Dritteln der öffentlichen Schulen in dem Online-Raum angemeldet.

Beim Senat hört sich alles trotzdem ganz gut an: "Die Lehrkräfte versorgen die Schülerinnen und Schüler während der Schulschließung bestmöglich mit Lernmaterialien und stellen diese zum selbstständigen Lernen zur Verfügung", lautet dort die Parole. Die Web-Plattform unterstütze dafür jede Form des interaktiven Unterrichts und "befördert die Nutzung digitaler Medien".

"Wir bitten um ein wenig Geduld"

Beim konkreten Instrumentarium reiche die Spannweite von der Kommunikation mit Schülern und deren Eltern über den Lernraum "bis hin zu Szenarien des Unterrichtens ohne Präsenz in der Schule", schreibt die Landesregierung. "Hinzu kommen natürlich auch Messenger-Dienste, E-Mail-Verteiler und Face-to-Face-Online-Dienste, über die Unterrichtsmaterialien und Lernempfehlungen gesandt werden." Als interaktive Übung ist über den Lernraum etwa ein Mathe-Test verfügbar. Die Übung basiert aber auf Flash und ist damit auf vielen Geräten wie iPhones oder Laptops von Apple nicht nutzbar. Das Programm soll nun auf HTML5 umgestellt werden: "Wir bitten um ein wenig Geduld."

Das überschaubare Lernraum-Team hat viel zu tun. Es gelte, neue Nutzerkonten anzulegen, viele Anträge zum Erstellen von Kursen zu bearbeiten und das Angebot sinnvoll weiterzuführen, erklärt der Sprecher des Berliner Bildungssenats, Martin Klesmann. Permanente Aussetzer gebe es aber nicht. "Sonntag und Montag wurden schrittweise die Kapazitäten erhöht, sodass der Lernraum zum Teil schlecht erreichbar war", räumt er zwar ein. Dienstag sei eine "planmäßige Wartung" erfolgt. Doch "seither ist er stabil". Bleibt nur die Frage, auf welchem Erreichbarkeitsniveau.

Den seit Tagen anhaltenden Daueransturm auf die Plattform kann Klesmann mit Zahlen belegen. Allein am Dienstag, dem Tag, als die Schulen schlossen, legten die Administratoren 3.874 neue Nutzerkonten an und genehmigten 234 Kursanträge, seit dem Freitag zuvor sogar knapp 1.000. Prinzipiell ist der Lernraum dem Sprecher zufolge ein Werkzeug, um die Kommunikation zwischen allen Beteiligten aufrechtzuerhalten beziehungsweise im Kollegium auch zu stärken. Lernvideos einzubinden sei theoretisch möglich.

Digitale Kluft bei der Schülerausrüstung

Die Situation der Ausstattung der Lehrkräfte und Berliner Haushalte beschreibt Klesmann jedoch als "sehr heterogen". Aus Mitteln des viel gepriesenen Digitalpakts Schule von Bund und Ländern seien keine Endgeräte für Schüler für den häuslichen Einsatz finanzierbar und auch keine Lernmaterialien. Unter diesen Umständen hätten die Lehrer "das volle Vertrauen der Senatsverwaltung, dass sie in eigener Verantwortung den Unterricht auch in dieser schwierigen Situation bestmöglich gewährleisten".

Was das in der Praxis für den einen oder anderen Berliner "Problembezirk" bedeutet, schilderte der Leiter der Röntgen-Sekundarschule in Neukölln, Detlef Pawollek, dem Tagesspiegel. "Unsere Schüler sind nicht so selbstorganisiert, dass sie jetzt wochenlang die Aufgaben zu Hause abarbeiten." Vielen fehle im Heimbereich nicht nur ein Computer, sondern auch Ruhe zum Lernen. Allerdings werde man wohl auf der Webseite der Schule frühere Aufgaben wenigstens für den mittleren Schulabschluss einstellen, damit sich die Zehntklässler vorbereiten könnten.

Am oberen Ende bewegt sich dagegen das John-Lennon-Gymnasium in Mitte. Es setzt - so wie etwa auch die mit gesonderten Laptop-Klassen ausgestattete Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg - auf die Plattform Itslearning der gleichnamigen norwegischen Firma, die sich als Europas größter Anbieter von Lernmanagement-Systemen bezeichnet. Damit sieht sich die Lehranstalt als eine der wenigen Bildungsstätten der Hauptstadt gut vorbereitet "für die temporäre Umstellung auf Fernunterricht".

Stresstest, der sich gewaschen hat

In den ersten Tagen nach dem Shutdown saß zwar auch der Koordinator für digitale Schulentwicklung, Nico Wirtz, in den weitgehend verwaisten Räumen des Gymnasiums, um im Minutentakt das Problem vergessener Passwörter zu beheben und Nutzerkonten wieder freizuschalten. "Wir müssen unsere 800 Schüler aber wenigstens nicht einzeln einladen und auf ihre Anmeldung hoffen", beschreibt er einen Vorteil der kommerziellen Software. Damit sei es nämlich möglich, die Stammdaten zu überspielen - und sofort stehe der Zugang offen.

Auch für die norwegische Firma stelle der Covid-19-Ausbruch und die internationale Wende hin zum Digitalunterricht zwar einen "Stresstest" dar, "der sich gewaschen hat", sagt Wirtz. Nachdem Teile des Systems kurzfristig zusammengebrochen seien, arbeiteten die Macher in Oslo aber intensiv daran, die Kapazitäten für die Server ständig zu erhöhen.

Die Lernsoftware ist an dem Gymnasium bereits seit zweieinhalb Jahren aktiv im Betrieb, so dass es dort nicht bei null losgeht. Viele der über 90 Kollegen hätten schon Kurse eingestellt, sagt Wirtz. Jetzt werde der Rest, der noch Bedenken etwa wegen des Datenschutzes gehabt oder die Digitalisierung generell skeptisch gesehen habe, dazugeholt. Alle arbeiteten daran, Video-Tutorials oder Handreichungen einzustellen, Foren einzurichten oder die Regeln fürs E-Learning zu vereinheitlichen.

Tausende Euro Lizenzkosten für kommerzielle Lösung

Im Prinzip funktioniert Itslearning ähnlich wie der Lernraum: Lehrer stellen Aufgaben ein, die Schüler lösen diese innerhalb eines vorgegebenen oder selbstgesetzten Zeitraums und senden das Ergebnis zurück. Videos oder HTML5-Formate können dafür unter anderem verwendet werden, auch wenn einige ältere Funktionen hier ebenfalls noch in Flash programmiert sind.

Lehrer können Feedback beispielsweise über interaktive Chat-Foren geben, zudem bestehe für eine Videosprechstunde eine Kooperation mit dem US-Anbieter Zoom. Als einen der Clous bezeichnet Wirtz die Option, über das System Lernpfade individuell anlegen und so automatisch angepasste weitere Übungen generieren lassen zu können. Dafür müsse der Algorithmus aber immer gut gefüttert werden.

Obwohl die Oberschule schon etwas länger digitale Lernlösungen erprobt, besteht für den Leiter des Digitalisierungsrats kein Zweifel: "Wir haben noch eine steile Lernkurve vor uns." Er sieht mittelfristig die "Riesenchance", Online-Lernformen fest als zusätzliches Hilfsmittel für Schüler und Lehrer an der Einrichtung zu etablieren. Das hat aber auch seinen Preis: Itslearning verlangt 7 Euro pro Nutzer pro Jahr, was für das Gymnasium auf rund 6.500 Euro hinausläuft. Wirtz zufolge wird diese Summe aber "durch Einsparung bei Kopierkosten, Papier und Lehrmitteln alleine schon fast wieder ausgeglichen".

Schul-Cloud als Open-Source-Alternative

Als Rettung in der Not sehen einige Bildungsträger gerade in Berlin und Brandenburg momentan auch das 2017 gestartete Schul-Cloud-Projekt des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) in Potsdam. Das Bundesforschungsministerium fördert die Initiative bis Juli 2021 mit insgesamt rund 7 Millionen Euro, beteiligt ist auch der Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen (MINT-EC). Das ambitionierte Ziel lautet, auch in Abstimmung mit den Datenschutzbeauftragten aller Bundesländer eine IT-Infrastruktur zu entwickeln, die Schülern und Lehrern einen einfachen, sicheren sowie zeit- und ortsunabhängigen Zugriff auf digitale Lehr- und Lerninhalte ermöglicht.

Die Schul-Cloud solle umfangreiche Funktionalitäten in den Bereichen "Kommunikation, Kollaboration und Organisation", "Finden, Erstellen, Teilen, Verwenden und Bewerten von Inhalten" sowie "Unterstützen von Lernen und Lehren" bieten, schrieb die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Anfrage der FDP-Fraktion Ende Februar. Sie nennt dabei etwa eine Dateiablage, Office-Programme, ein virtuelles Whiteboard und einen Lernstore, der als Portal zu "Inhalten von Verlagen, interaktiven Inhalteanbietern, OER (Open Educational Ressources), Materialien von Stiftungen und ausgewählten Videoinhalten sowie Blogs" führen soll.

Derzeit könnten schon über eine Million einschlägige Angebote verschiedener Produzenten hauptsächlich als offene Bildungsmaterialien "recherchiert, eigenen Kursen und Unterrichtseinheiten zugeordnet und genutzt werden", teilt das federführende Forschungsressort mit. Weiter geplant seien etwa ein "digitales Klassenzimmer" mit "virtuellen Gruppentischen" und ein "Schuljahresplaner". Die Ergebnisse des gesamten Vorhabens würden als Open Source frei verfügbar gemacht.

Mancherorts fehlt es schon am schnellen Internet

Mit Stand 17. März nutzten laut HPI bundesweit 125 Schulen aus dem MINT-EC-Verbund, darunter sieben Berliner Gymnasien, die Schul-Cloud. Dazu kommen 51 Bildungseinrichtungen in Brandenburg, 45 in Niedersachsen und neun in Thüringen. Lernvideos können prinzipiell in alle Kurse eingebunden werden. In der niedersächsischen Bildungscloud, die auf der Infrastruktur aufsetzt, können seit Kurzem auch Videokonferenzen über die Open-Source-Software Big Blue Button durchgeführt werden.

Demnächst soll diese Funktion auch in allen anderen Instanzen ausgerollt werden. Einige auch für Schulen geeignete Online-Kurse etwa zu Webtechnologien, Internetsicherheit oder Programmiersprachen sind als Streaming-Angebote über die Plattform OpenHPI verfügbar.

Die Coronanotlage hat auch für diese Schul-Cloud Folgen. Als sich der Lockdown abgezeichnete, bot das HPI nach Angaben der Institutssprecherin Christiane Rosenbach den Projektpartnern an, die Lösung "sehr schnell weiteren interessierten Schulen in ihrem Verantwortungsbereich" verfügbar zu machen. Thüringen habe diese Offerte als erstes Bundesland angenommen und die dortige Version jetzt allen interessierten Bildungsstätten zugänglich gemacht.

Allgemein freue sich das Team "über deutlich höhere Zugriffszahlen" auf die Cloud, sagt Rosenbach. "Wir sehen im Vergleich zur letzten Woche mehr als eine Verzehnfachung der Nutzung der HPI-Schul-Cloud durch die bestehenden Nutzer."

Die Freude bei neuen Anwendern, die dem Rechnerverbund gerade händeringend beizutreten versuchen, hält sich dagegen in Grenzen: Eine wütende Mutter aus Berlin beschwerte sich bei Golem.de, dass ihre die 10. Klasse besuchende Tochter nun zwar immerhin Aufgaben über die HPI-Cloud bekommen solle. Die Zuständigen hätten es aber auch nach vier Tagen wegen ständiger Überlastung noch nicht geschafft, den Schülern und Lehrern Zugriff auf die Plattform zu gewähren. In den Zwangsferien bleiben so etwa nur das Bildungsfernsehen der Öffentlich-Rechtlichen oder die wachsende Anzahl an Apps, die sich nun als vom Sofa abrufbarer Tutor zu etablieren versuchen.

Schüler bemängeln technische Ausstattung

Doch ist Deutschland überhaupt generell gerüstet für die von Virologen und Politikern verordnete Online-Bildungsrevolution? Laut Statistischem Bundesamt gibt es hierzulande rund 43.000 Schulen mit insgesamt elf Millionen Schülern, die momentan an ihren Bildschirmen und Aufgabenheften sitzen und zu lernen versuchen. Die Situation und digitale Ausstattung an den Schulen und in den Haushalten unterscheidet sich sehr stark.

Es gibt einen Flickenteppich an unterschiedlichen digitalen Lösungen: Bayern etwa setzt auf Mebis. Baden-Württemberg versuchte es mit Ella, Nordrein-Westfalen mit Logineo, doch beide Großprojekte blieben - nicht zuletzt aufgrund Bedenken rund um den Datenschutz - bislang eingeschränkt. Viele Länder hätten so keine eigenen Plattformen, stellt Rosenbach fest: "Nicht zuletzt, weil es auch 2020 noch kein schnelles Internet in vielen Teilen Deutschlands gibt."

59 Prozent der Schüler in Deutschland sehen den fehlenden Einsatz digitaler Medien im Unterricht als eines der dringlichsten Probleme an. 56 Prozent bemängeln eine schlechte technische Ausstattung. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung unter 503 Schülern im Alter von 14 bis 19 Jahren in weiterführenden Schulen hierzulande, die der Digitalverband Bitkom im Januar und Februar dieses Jahres in Auftrag gegeben hatte.

Diese Zahlen müssten gerade angesichts der Schulschließungen wachrütteln, mahnt der Präsident des Zusammenschlusses, Achim Berg. "Überall dort, wo digitale Medien noch nicht fester Bestandteil des Unterrichts sind, wird es nun besonders schwer sein, die Schüler erfolgreich durch die nächsten Wochen und Monate zu führen." Frankreich habe dagegen eine staatliche Webschule mit virtuellen Klassenzimmern eingerichtet, Dänemark verpflichte alle Kommunen, Fernunterricht anzubieten.



Praktische Tipps

Der Bitkom hat eine Liste mit Anwendungen zusammengestellt, mit denen digitaler Unterricht live oder zeitunabhängig stattfinden kann.

Lernen von zu Hause aus: Die Top-10-Lernangebote der Bundeszentrale für politische Bildung für Homeschooling.

Die Bürgerrechtsorganisation Digitalcourage klärt auf: Dezentraler Unterricht geht auch datenschutzfreundlich.

Hinweise des Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg zu digitalen Hilfsmitteln für Schulen.

Das Deutsche Schulportal informiert über Unterricht in Zeiten des Coronavirus.

Angebote für E-Learning, zusammengestellt vom Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Open-Source-Tools für Homeoffice und Homeschooling, zusammengestellt von der Open Business Alliace.  (skr)


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