Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-einmal-durchspielen-in-400-tagen-2003-147401.html    Veröffentlicht: 30.03.2020 10:00    Kurz-URL: https://glm.io/147401

Indiegames-Rundschau

Einmal durchspielen in 400 Tagen

Im Indiegame The Longing warten wir 400 Tage in Echtzeit, in Broken Lines kämpfen wir im Zweiten Weltkrieg und Avorion schickt uns ins Universum.

Die Games Developers Conference und die E3 2020 sind verschoben - Spiele gibt's dennoch genug. Die hier versammelten Indiegames leisten Gesellschaft, wenn das Homeoffice etwas zu langweilig wird.

Ein Hinweis zur Erinnerung: Wer nach Doom Eternal Lust auf etwas taktischere Dämonenjagd in ähnlichem Szenario hat, sollte sich Jupiter Hell ansehen.

Das ist immerhin der Erbe des heimlichen Kultspiels DRL, das vor einem markenrechtlich nötigen Namenswechsel das Setting und die Gegner des klassischen Doom mit Rogue-like-Strukturen verbunden hat. Sein Entwickler Kornel Kisielewicz hat vor Kurzem im Gespräch mit Golem.de von dem Projekt erzählt.

The Longing: Bitte warten!

Kein Spiel wie jedes andere, sondern sehr speziell: Im "Ultra Slow Idle Adventure" The Longing müssen wir als Zwerg in einem Höhlenlabyrinth genau 400 Tage lang warten, bis wir unseren König wieder wecken dürfen - in Echtzeit!

Nach dem Start ticken die Sekunden, auch wenn das Spiel gerade nicht läuft - wer mag, kann also auch einfach gar nichts tun und sich nach einem Jahr und 35 Tagen eines der möglichen Enden dieses seltsamen Spiels ansehen, das beim Stuttgarter Entwicklerstudio Seufz entstanden ist.

Warten ist zentral in The Longing, denn hier ist alles langsam: Die nett gezeichnete Cartoon-Spielfigur stapft sehr gemütlich durch die Höhlen. Maschinen brauchen mal Stunden, mal Tage oder sogar Wochen, bis sie angelaufen sind.

Das heißt immer wieder reinschauen, den Zwerg nach Deko-Objekten für seine Höhle suchen lassen oder aber eines der Bücher im Public Domain lesen, die sich hier finden lassen - dann vergeht die Zeit tatsächlich schneller.

Alternativ kann man auch nach einem Ausgang aus der Höhle suchen, allerdings dauert auch das seine Zeit. Ein melancholisches, liebevolles und wirklich außergewöhnliches Spiel.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux; rund 15 Euro.

Broken Lines und The Suicide of Rachel Foster

Broken Lines: Zweiter Weltkrieg mal anders

Rundenbasierte Strategiespiele in der Tradition von Xcom haben ja quasi immer Saison. Broken Lines traut sich, einiges anders zu machen als die oft uninspirierten Genrekollegen.

In Broken Lines steuert man einen kleinen Trupp Soldaten durchs Feindesland in einer alternativen Version des Zweiten Weltkriegs in Europa. Dabei geht es darum, sowohl in taktischen Kämpfen als auch in den erzählenden Teilen dazwischen gute Entscheidungen zu treffen, die nicht immer leicht sind. In dieser Kombination lässt sich der Genremischling des dänischen Entwicklerstudios Porta Play am ehesten mit The Banner Saga vergleichen.

Der Clou in den Schlachten: Die Planung erfolgt wie gewohnt ohne Hektik, allerdings führen alle Einheiten auf Knopfdruck ihre Aktionen gleichzeitig aus; das spielmechanisch ähnliche Frozen Synapse hat's vorgemacht.

Dieser spielerische Dreh verlangt einen anderen taktischen Ansatz und führt zu Kämpfen, die sich sehr dynamisch anfühlen. Dank nicht-linearer Story und Zufallselementen bietet die Kampagne auch einiges an Wiederspielwert.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux; rund 25 Euro.

The Suicide of Rachel Foster: Packender Thriller

Längst sind Spiele aus der Ich-Perspektive nicht mehr nur auf Shooter oder Action beschränkt. Handlungsgetriebene Klassiker wie Gone Home, Firewatch, The Vanishing of Ethan Carter und What Remains of Edith Finch haben bewiesen, dass sich diese Form auch für atmosphärisches Storytelling hervorragend eignet.

In The Suicide of Rachel Foster kehren wir in das verlassene Hotel zurück, das das düstere Geheimnis unserer Familie birgt. Dabei erleben wir ein Thriller-Abenteuer, das in seinen gruseligen Momenten auch das weltberühmte Horror-Hotel aus dem Film The Shining von Stanley Kubrick anklingen lässt.

Knappe vier Stunden unterhält das atmosphärische Stück First-Person-Erzählung. Das reicht zwar nicht ganz an die Großen seines Genres heran, punktet aber mit Stimmung, großartigem Sounddesign und einem tollen Schauplatz. Am besten am Stück spielen!

Erhältlich für Windows-PC; rund 17 Euro. PS4 und Xbox One in Vorbereitung.

Curse of the Dead Gods, Avorion, Murder by Numbers und World of Horror

Curse of the Dead Gods: Action mit viel Stil

Man kann nicht drumherumreden: Curse of the Dead Gods ist ein Klon des ein Jahr alten, immer noch im Early Access erhältlichen Rogue-lite-Spiels Hades in anderem Gewand. Dass derartiges ... nennen wir es mal: Epigonentum kein Makel ist, beweist das rasante Actionspiel aber lässig.

Stilvolle Grafik, ein originelles Maya-Setting sowie kleine, aber interessante spielmechanische Unterschiede machen Curse of the Dead Gods zur Empfehlung auch für alle, die Hades sowie andere große Rogue-lites schon zur Genüge gespielt haben oder einfach etwas Frischluft in der Tempelgruft wollen.

Originelle Lichtspiele, eine interessante Perk- und Curse-Mechanik, die ebenso wie der Stil des Spiels an das großartige Darkest Dungeon erinnern, plus befriedigendes Hack-and-Slash-Gameplay machen Curse of the Dead Gods zum Hoffnungsträger in seiner Nische.

Fertig ist der Titel noch nicht. Doch wer schon jetzt im Early Access einsteigt, bekommt viele Stunden an solidem Spielspaß mit beeindruckendem Entwicklungspotenzial geboten.

Erhältlich für Windows-PC; rund 15 Euro (Early Access).

Avorion: Weltraumsandkasten aus deutschen Landen

Avorion war lange im Early Access, jetzt ist es fertig. In dem Werk von Boxelware aus Erlangen werden Science-Fiction-Träume wahr: Das prozedurale Koop-Sandboxspiel erlaubt die modular detaillierte Konstruktion von Wunschraumschiffen, es bietet epische Weltraumschlachten, intergalaktischen Handel und noch sehr viel mehr.

Avorion bemüht sich, eine sehr lange Wunschliste an das perfekte Weltraumspiel abzuhaken, und kommt nach anständiger Einarbeitungszeit in den Augen seiner begeisterten Fangemeinde ziemlich nahe an deren Erfüllung heran.

Das Spiel ist riesig und bietet erfreulicherweise nicht nur Multiplayer-Fans fast endlose Unterhaltung. Vom Ressourcensammeln über kreative Gestaltung der Raumschiffe und Schlachten im Weltraum bis hin zum Erforschen und Erobern eines riesigen Universums bietet der Alleskönner wirklich viel Inhalt - wenn man, wie erwähnt, gewillt ist, sich die Zeit dafür zu nehmen.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux; rund 25 Euro.

Und sonst?

Die Macher der (sehr!) schrägen Tauben-Dating-Simulation Hatoful Boyfriend haben mit Murder by Numbers (Windows-PC und Nintendo Switch; rund 13 Euro) wieder ein seltsames Spiel mit hohem Spaßfaktor abgeliefert.

In der Mischung aus Krimiserie, Manga-Abenteuer und Rätselheft löst man im Hollywood der 90er als Ermittlerteam knifflige Mordfälle und eine Menge Picross-artige Puzzles. Klingt schräg, ist es auch.

Noch seltsamer allerdings ist World of Horror (Windows-PC; rund 13 Euro im Early Access). Das im sperrigen schwarz-weißen 1-Bit-Look gestaltete Rollenspiel nimmt sich sowohl den kosmischen Horror H. P. Lovecrafts als auch den viel moderneren bizarren Kult-Manga-Autor Junji Ito als Vorbild.

Das Resultat im noch recht frühen Early Access verstört und fasziniert schon jetzt mit originellem Rollenspielhorror und großartigem Style. Nicht für jeden - aber für eine ganz spezielle Horror-Nische unvermeidbar.

 (rs)


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