Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/coronavirus-hollywood-interrupted-2003-147285.html    Veröffentlicht: 17.03.2020 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/147285

Hollywood Interrupted

Wegen Coronavirus abgesagt

Alles auf Stillstand, in Deutschland, in der Welt, in Hollywood. Erst begann das große Verschieben kommender Kinostarts, jetzt sind ohnehin alle Kinos dicht. Wie wird sich das auf das Filmgeschäft auswirken?

Die großen Gewinner der Corona-Krise werden wohl die Streamingdienste sein. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, weswegen entsprechend viele Menschen nicht mehr täglich zur Arbeit fahren, sondern zu Hause darauf warten, dass die Krise ihr Ende findet, auch wenn kein Mensch weiß, wann das sein mag. Da praktisch alle Freizeitbeschäftigungen außer Kraft gesetzt sind, bleibt neben einem guten Buch oder dem Zocken auf einer Konsole eigentlich nur eins: den Fernseher anwerfen.

Da das Programm von Öffentlich-Rechtlichen und Privaten aber doch eher mau ist, werden Streamingdienste wie Netflix oder das am 24. März 2020 startende Disney+ wohl Zulauf haben. Deren größte Konkurrenz - das Kino mit seinen Bombast-FX-Blockbustern - ist schließlich auch geschlossen. Hollywood ist in der Warteschleife. Mittlerweile von staatlicher Seite verordnet, anfangs noch selbstgewählt.

James Bond muss warten

Der erste war ausgerechnet einer der größten Kino-Helden überhaupt: James Bond. Universal war die erste Firma, die einen Film aufgrund der Corona-Krise zurückzog. Eigentlich hätte Keine Zeit zu sterben im April starten sollen, mittlerweile wurde er auf November verschoben. Das war ein einschneidendes Ereignis, denn es geschah zu einer Zeit, als Corona hierzulande, aber auch im restlichen Europa und den USA noch vergleichsweise fern, noch beherrschbar schien.

Der Grund für die Verschiebung war klar: Das Studio fürchtete, dass weniger Leute ins Kino gehen würden und der Film damit nicht das formidable Einspielergebnis seiner Vorgänger, das zwischen knapp 900 Millionen und über einer Milliarde pendelt, erreichen würde. Der Gedanke ist durchaus richtig, wie sich am vergangenen Wochenende in den USA zeigte.

Dort startete die Comic-Verfilmung Bloodshot, ein Actionfilm mit Vin Diesel, der mit einem mageren Wochenend-Einspiel von 9,3 Millionen Dollar als herber Flop gewertet werden muss. Der Film ist schlecht, ein großer Hit wäre er wohl auch so nicht geworden, das Ergebnis ist aber mehr als erschreckend, zumal der Pixar-Film Onward, der eine Woche zuvor startete, auch nur unwesentlich mehr erwirtschaften konnte und im Vergleich zum Startwochenende Einspieleinbußen von knapp 73 Prozent hinnehmen musste. Eine erschreckend hohe Prozentzahl für einen Pixar-Film.

Hierzulande sieht es nicht besser aus. Da startete Onward am 5. März und konnte am Wochenende nur 185.000 Menschen ins Kino locken. Zum Vergleich: "Cars 2" hatte ein Startwochenende mit 600.000 Zuschauern .

Man sieht also schon: Die Leute bleiben dem Kino tatsächlich fern, Verschiebungen potenzieller Blockbuster sind also durchaus vernünftig. James Bond war aber nur der Anfang, als Nächstes zog Paramount den Horrorfilm A Quiet Place 2 zurück - und das nur ein, zwei Tage, nachdem es bundesweit Pressevorführungen gegeben hatte. Ein neues Startdatum steht für diesen Film noch nicht fest. Aber das gilt mittlerweile für alle Filme, die in den nächsten Wochen ausfallen.



Viele Filme sind verschoben

Im Lauf der vergangenen Woche überschlugen sich die Meldungen verschobener Filme, und das querbeet durch alle Verleiher und unabhängig davon, ob Blockbuster oder Independent-Kino. Universal verschob den neunten Fast-&-Furious-Film gleich um ein Jahr, andere haben noch keine Ausweichtermine. Von Disney hieß es zu Zeiten der Bond-Verschiebung noch, das würde man (derzeit) nicht in Betracht ziehen, nur ein paar Tage später wurde zuerst die Realverfilmung des Zeichentrick-Klassikers Mulan just nach den ersten Pressevorführungen verschoben, danach folgten weitere Filme, darunter auch New Mutants, der von Fox produziert wurde und seit zwei Jahren ein ums andere Mal verschoben wird.

Am 16. März verkündete die Bundesregierung dann drastische Maßnahmen, um die Ausweitung der Infizierung zu stoppen, darunter auch die Schließung aller Kinos. Damit waren auch alle anderen Verleiher gezwungen, die kommenden Filme der mindestens nächsten vier Wochen zu verschieben. Sie hätten es aber wohl ohnehin getan.

Wenn alle Hollywood-Blockbuster auf einmal kommen

Ein oder zwei Filme aus dem kommenden Programm zu nehmen, ist für niemanden ein Problem. Weder für die Verleiher noch für die Kinos noch für die Zuschauer. Anders verhält es sich bei einem Massenexodus. Noch bevor die Schließung aller Kinos staatlich angeordnet wurde, hieß das nämlich, dass sich die Studios entschieden hätten, ihre Filme aus einem sehr, sehr schwierigen Umfeld herauszunehmen, aber das Risiko zu tragen, dass sie Ende des Jahres aufgrund eines Überangebots untergehen.

Die großen Firmen planen weltweit ihre Starttermine über Jahre im Voraus. Konkurrenten achten durchaus auch darauf, nicht Filme ähnlichen Themas auf den gleichen Tag zu legen, weil eine Kannibalisierung dann unumgänglich ist. Wenn nun aber all die Filme, die in den nächsten ein, zwei oder sogar mehr Monaten nicht laufen, zum Ende des Jahres gekommen wären, hätte das zu einem beispiellosen Verdrängungskrieg führen können, bei dem sich sündhaft teure Blockbuster Woche für Woche gegenüberstehen, während das Programmkino mit Arthaus-Produktionen in hoher Schlagzahl geflutet wird.

Das war ein nicht zu unterschätzendes Problem. Wohlgemerkt: Vergangenheitsform. Für die großen Studios wie Disney, Universal, Paramount und Warner ist dieses Detail wichtig. Denn mittlerweile haben sich die Umstände erneut geändert.



Produktionsstopp

Tom Hanks war gerade bei Dreharbeiten in Australien, als er positiv auf das Coronavirus getestet wurde und sich dann zusammen mit seiner Frau Rita Wilson in Quarantäne begeben musste. Die Produktion des neuen Films von Baz Luhrman wurde unterbrochen.

Das war aber nur der Auftakt, nach und nach meldeten alle Studios den Produktionsstopp von Filmen, die sich gerade in den Dreharbeiten befanden. Ebenso wurde querbeet durch alle Studios die Produktion von neuen Folgen laufender Fernsehserien und kommender Staffeln beziehungsweise neuer Shows unterbrochen, weil die Gefahr einer Ansteckung für Cast und Crew immer größer wurde.

Niemand weiß, wann diese Produktionen wieder aufgenommen werden können. Wenn sich das Ganze über mehrere Monate ziehen sollte, dann werden die für diese Filme bekannten Starttermine im nächsten Jahr vakant. Es ist also denkbar, dass die großen Studios all die Filme, die in diesem Jahr verschoben werden müssen, erst nächstes Jahr neu terminieren, wenn sie den Platz derer einnehmen, die wegen längerer Produktionszeit dann erst im Jahr 2022 in die Kinos kommen können.

Das würde für einen reibungslosen Ablauf sorgen, so dass keine Versorgungslücke in den Kinos entsteht, die gegeben wäre, wenn man all die verschobenen Filme Ende des Jahres mit Gewalt in die Kinos pressen würde, dann aber im darauffolgenden Jahr Monate des Leerlaufs hat, weil neue Produktionen einfach noch nicht fertig sind. Das alles gilt natürlich in erster Linie für die großen, richtig teuren Filme, da Arthaus-Produktionen, meist also Dramen, schneller fertiggestellt werden können.

Alternative Streaming

Allerdings gibt es auch noch einen anderen Weg, den Universal beschreitet: Streaming. Das Studio verkürzt die Zeit des exklusiven Kinofensters und bringt neue Filme gleich als Video-on-Demand - zwar für einen vergleichsweise hohen Preis, aber dafür kann jeder einen Film, auf den er gewartet hat, in der Geborgenheit des eigenen Heims sehen. Die Ankündigung erfolgte in den USA, international sollen die Filme aber ähnlich ausgewertet werden, so etwa Trolls 2 - Trolls World Tour, der am 23. April in die Kinos gekommen wäre, aber schon ab dem 10. April als VoD angeboten wird.

Details über die internationale Auswertung sind noch unklar. Ebenso, ob andere Anbieter diesem Beispiel folgen werden.



Immense Einbußen

Die Corona-Krise sorgt in allen Branchen für hohe Einbußen - praktisch niemand ist davon verschont. Experten schätzen, dass Hollywood in diesem Jahr mit den ausgefallenen Kinostarts, die im Vorfeld natürlich auch Geld verschlingen, den geringeren Besucherzahlen der bis vor kurzem noch gelaufenen Filme und dem Produktionsstopp von Filmen und Serien in diesem Jahr mindestens fünf Milliarden Dollar verlieren wird. Kurz zuvor war noch das Erfolgsjahr 2019 mit einem weltweiten Kino-Einspiel von mehr als 31 Milliarden Dollar gefeiert worden.

Aber nicht nur die Studios, auch die Kinobetreiber verlieren massiv. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater ging von einem Verlust von 17 Millionen Euro pro Woche aus - und das war zu einem Zeitpunkt, als die Kinos noch geöffnet sein durften. Jetzt dürfte die Summe deutlich steigen. Von den 18,6 Millionen verkauften Tickets des Jahres 2019 wird man in diesem Jahr weit entfernt sein.

Für Hollywood mag das trotz gigantischer Verluste Jammern auf hohem Niveau sein, weil hohe Rücklagen vorhanden sind und man mit anderen Auswertungsformen immer noch Geld verdient. Für deutsche Kinobetreiber, aber auch für die kleinen unabhängigen Verleihe wie Piffl Medien, Salzgeber oder Weltkino geht es aber wohl ans Eingemachte.

Es geht da diesen Firmen nicht anders als den meisten anderen auch: Fast jeder hat mit Einbußen zu rechnen, von den Angestellten und Arbeitern bis zu den Selbstständigen und Freiberuflern. In Krisenzeiten florierte früher das Kino, weil die Menschen Zerstreuung suchten und sich von dem ablenken wollten, was in der realen Welt um sie herum gerade vorging. Diesmal ist dieser Ausweg versperrt, womit wir wieder zum Anfang dieses Textes kommen: Der Ersatz dafür wird wohl das Streaming sein.



Liste verschobener Filme

Stand 17. März, 15 Uhr

Disney:
Lucy in the Sky
Antlers
New Mutants
Mulan
Downhill


Paramount:
A Quiet Place 2

Universal:
Keine Zeit zu sterben (verschoben auf den 12. November 2020)
Fast & Furious 9 (verschoben auf 2021)


Piffl Medien:
Undine

Pro Kino:
Jean Seberg

Studiocanal:
Marie Curie
Jean Paul Gaultier - Freak & Chic
The Climb

Constantin:
Berlin Berlin

Real Fiction
Brot
Die Rüden

Entertainment One:
Berlin Alexanderplatz

Salzgeber:
Futur Drei
Als wir tanzten
Kopfplatzen
Kokon

Weltkino:
Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien
The Great Green Wall

Dualfilm:
Wickie und die starken Männer - Das magische Schwert

Leonine:
Mrs. Taylor's Singing Club  (peo)


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