Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/tschuess-tickets-luxemburg-feiert-kostenlosen-nahverkehr-2003-146945.html    Veröffentlicht: 01.03.2020 12:22    Kurz-URL: https://glm.io/146945

Tschüss, Tickets

Luxemburg feiert kostenlosen Nahverkehr

Fahrscheinkontrollen sind passé: Luxemburg ist das erste Land mit einem kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Ticketautomaten können abgebaut werden.

Das war's mit den Fahrscheinen in Luxemburg. Jetzt heißt es einfach: einsteigen und mitfahren. Denn Bahn, Bus und Tram sind seit dem 29. Februar 2020 im gesamten Großherzogtum kostenlos. Luxemburg ist das erste Land der Welt, das alle öffentlichen Verkehrsmittel gratis gemacht hat - und das wurde in dem kleinen Land groß gefeiert.

An den Bahnhöfen gab es Mini-Konzerte, in den Zügen und Stadtbahnen wurde gesungen, getanzt, gerockt und gerappt - und am Abend ging ein Musikfestival mit knapp 3.000 Besuchern über die Bühne. "Es war ein absolut gelungener Auftakt", sagte die Sprecherin des Verkehrsministeriums am Sonntag. In den Zügen und der Tram seien "superviele" Menschen unterwegs gewesen.

Mit der Umstellung auf Gratisbeförderung wolle man Menschen dazu bewegen, vom Auto auf Busse und Bahnen umzusteigen, sagte der luxemburgische Mobilitätsminister François Bausch (Grüne). "Unser Ziel ist es, bis 2025 rund 20 Prozent mehr Passagiere zu transportieren." Denn wie viele andere Städte und Länder in Europa leide auch Luxemburg unter vielen langen Staus im Berufsverkehr.

Klar sei, dass die Umstellung auf gratis alleine nicht reiche, um Menschen in die "Öffis" zu locken. "Wir müssen den Transport so attraktiv und zuverlässig wie möglich machen, damit er eine echte Alternative darstellt." Wie geht das? Unter anderem werden die Bus- und Bahnlinien massiv ausgebaut - mehr Züge, neue Strecken, enger Takt.

Vier Milliarden Euro werden dazu von 2018 bis 2027 allein für die Schiene investiert. Plus 550 Millionen für die Tramstrecke in der Hauptstadt. "Urbane Räume müssen wieder den Menschen gehören, nicht den Autos", sagte Minister Bausch.

Der kostenfreie ÖPNV, den Bausch als "Sahnehäubchen auf einem multimodalen Kuchen" bezeichnet, bedeutet für den Luxemburger Staat Mehrausgaben von 41 Millionen Euro im Jahr. Multimodal meint: schlau umsteigen zwischen Auto, Bus, Bahn, Fahrrad und Carsharing, um sein Ziel zu erreichen. "Wir sind nicht gegen das Auto. Wir wollen den Blick weiten für andere Formen der Mobilität." Der Minister sieht Luxemburg als Modell für Großräume wie Frankfurt oder die Londoner City.

Hinzu kommen 16 Millionen Euro, die die Stadt Luxemburg aufbringt. Bürgermeisterin Lydie Polfer setzt auf eine "Bewusstseinsänderung" - denn die Stadt leidet besonders unter dem Autoverkehr. Die Hauptstadt mache nur zwei Prozent der Gesamtfläche des Landes mit seinen rund 620.000 Einwohner aus, sagte sie. Die Hälfte davon seien Grünflächen, auf der anderen lebten 20 Prozent der Einwohner des Landes.

Dort lägen auch 40 Prozent der Arbeitsplätze. Das erkläre, warum jeden Tag Zigtausende Pendler in die Stadt kämen. Bis 2030 sollen nur noch Elektrobusse unterwegs sein. Die neue Mobilitätsstrategie ist auch eine Reaktion auf die große Zahl der Grenzpendler.

Täglich kommen rund 220.000 Menschen aus Frankreich, Belgien und Deutschland nach Luxemburg zur Arbeit. Auch sie profitieren von dem Gratistransport: Sie müssen ihre Tickets nur noch bis zur luxemburgischen Grenze kaufen. Die 1. Klasse der Bahn bleibt kostenpflichtig.

Minister Bausch sieht Luxemburg als "Laboratorium" für Verkehrsprobleme im 21. Jahrhundert. "Das Interesse weltweit ist riesig." Nach Ansicht des Deutschen Städte- und Gemeindebundes kann das zweitkleinste Land der EU ein Vorbild auch für deutsche Städte und Regionen sein - um mehr Menschen in den ÖPNV zu bringen.

Entscheidend sei nicht die Kostenfreiheit, sondern der Umbau des Verkehrsraumes, der Ausbau der Angebote und die Verbesserung der Qualität, sagte Sprecher Alexander Handschuh. "Wir brauchen einen Masterplan Verkehrswende." Für Städte, die für die Bürger gemacht seien und die Vorrang einräumen für Radverkehr, für Fußgängerverkehr und für ÖPNV.

Bund, Länder und Kommunen müssten da "ein bisschen mehr Entschlossenheit an den Tag legen", sagte er in Berlin. Natürlich könne das Modell Luxemburg nicht eins zu eins übertragen werden. "Aber so weit wie Luxemburg sehe ich im Moment keine Region", sagte Handschuh.

 (ps)


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