Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/star-trek-voyager-starke-frauen-und-schwache-gegner-2003-146851.html    Veröffentlicht: 16.03.2020 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/146851

Star Trek Voyager

Starke Frauen und schwache Gegner

Eine Serie, die die Fans polarisierte. Eine Show, die einerseits feministisch, andererseits sexistisch war. Ein Raumschiff, auf dem es vor Konflikten hätte brodeln sollen, was aber nicht geschah. Das war Star Trek: Voyager. Was ist davon nach einem Vierteljahrhundert geblieben?

Als Star Trek: Voyager 1995 in die Produktion ging, war die nächste Generation bereits ins Kino gewechselt und Star Trek: Deep Space Nine lief noch immer. Die neue Serie sollte etwas Neues bringen. Zwar setzten die Macher auf das altbekannte Format einer Raumschiff-Serie, bei der die Crew Woche für Woche ein Abenteuer erlebt. Um es frisch zu halten, änderten die Produzenten Rick Berman, Michael Piller und Jeri Taylor jedoch die Ausgangsbedingungen.

So verschlägt es das Raumschiff Voyager und seine Besatzung schon im Pilotfilm in den Delta-Quadranten, mehr als 70.000 Lichtjahre von der Heimat entfernt. Nicht nur heißt dies, dass die Rückkehr 70 Jahre dauern wird. Noch mehr Konfliktpotenzial liegt zudem darin, dass sich auf der Voyager die Crews zweier Schiffe zusammenfinden.

Janeway: die erste wichtige Kapitänin

Die eine ist die Sternenflotten-Crew unter Captain Janeway, die andere setzt sich aus Rebellen des Maquis zusammen, einer Widerstandsgruppe gegen das expandierende cardassianische Reich. In den Augen der Sternenflotte sind die Maquis-Mitglieder Terroristen. Das ist Zündstoff, heute noch mehr als damals.

Kommandiert wird die Voyager von Captain Kathryn Janeway. Schon in der ersten Staffel zeigt sich, dass die von Kate Mulgrew gespielte erste Kapitänin in einer Hauptrolle im Star-Trek-Universum eine der Stärken der Serie ist. Sie lässt sich von niemandem einschüchtern - am wenigsten von jenen, denen sie im Delta-Quadranten begegnet. In einer der schönsten Szenen erklärt sie einem Kazon-Captain: "I don't like bullies, and I don't like threats, and I don't like you." <#youtube id="Yx5mAd8wiNU">

Sternenflotte zähmt Rebellen in rasantem Tempo

Die übrige Brückenbesatzung besteht aus dem Vulkanier Tuvok, der als Spion beim Maquis eingeschleust wurde, aus Chakotay, dem Anführer einer Maquis-Zelle, der klingonisch-menschlichen Ingenieurin B'Ellana Torres, dem Steuermann Tom Paris und dem jungen Fähnrich Harry Kim. Im Delta-Quadranten kommen noch der Koch Neelix sowie Kes hinzu, die einer Spezies mit nur wenigen Jahren Lebenszeit angehört. Ihre Zeit auf der Voyager ist sogar noch kürzer, denn als mit der vierten Staffel die übersexualisierte Borg Seven of Nine auf das Schiff kommt, wird Kes-Darstellerin Jennifer Lien aus ihrem Kontrakt entlassen, um im Rahmen des Budgets zu bleiben.

Sternenflotte gegen Rebellen: Das enorme Konfliktpotenzial, auf das die Fans hofften, wird nicht ansatzweise ausgeschöpft. Wenn man bedenkt, dass die Crew der Voyager aus ideologisch völlig gegensätzlichen Mitgliedern besteht, hätte es alleine aufgrund der unterschiedlichen Weltanschauungen Probleme geben müssen. Stattdessen lässt sich Maquis-Führer Chakotay gleich zu Beginn der ersten Staffel von Janeway zähmen und die Zuschauer bekommen danach eine Crew zu sehen, die praktisch immer hundertprozentig zusammenarbeitet - ganz ähnlich wie die Crews der verschiedenen Schiffe mit Namen Enterprise.

Auch sonst nimmt die Serie erst nach einigen Jahren an Fahrt auf.



Drei müde Jahre ...

In den ersten drei Jahren, die die Voyager durch den Delta-Quadranten reist, tut sich bei der vierten Star-Trek-Serie nur sehr wenig. Sie vermittelt beinahe das Gefühl, das Schiff drehe allenfalls Kreise, komme aber nie voran. Deutlich wird dies vor allem dadurch, dass Janeway und ihre Crew ständig auf die gleichen Gegner stoßen. Über zwei Jahre hinweg hat es die Voyager mit den unterschiedlichsten Kazon-Stämmen zu tun, wobei kaum logisch wirkt, dass diese über ein derart weites Territorium verfügen. So leidet die Serie bereits zu Beginn unter beträchtlichen Ermüdungserscheinungen.

Über den gesamten Verlauf der Serie funktioniert die Charakterentwicklung zudem nur partiell. Das größte Negativbeispiel ist Fähnrich Harry Kim, aber auch einige andere Figuren wie etwa der erste Offizier Chakotay bleiben über sieben Jahre hinweg auf dem Stand der ersten Staffel - übrigens ganz im Gegensatz zu Star Trek: Deep Space Nine, wo man in Sachen Charakterentwicklung sehr weit ging.

Eine erfreuliche Ausnahme ist eine Figur, die gar kein Wesen aus Fleisch und Blut ist: Das medizinische Notfallhologramm, der Doktor. Dieser war nie dazu bestimmt, ununterbrochen zu laufen, muss es aber im Deltaquadranten und wird dabei immer menschlicher. Gerade in der ersten Staffel waren jedoch wiederholt Gastfiguren weit interessanter als die Hauptfiguren. Ein Beispiel ist die Verräterin Seska, eine Cardassianerin, die den Maquis infiltriert hatte und im Delta-Quadranten intrigierte. Ein weiterer spannender Charakter ist der von Brad Dourif gespielte Suder, ein Besatzungsmitglied der Voyager, das seine Mordlust kaum unter Kontrolle halten kann. Mit Figuren wie dieser kommt deutlicher Konflikt in die Geschichten, sie illustrieren aber auch, wie reizlos einige Hauptfiguren konzipiert sind.

Gastauftritte als Rettungsversuche

Noch dazu konnte nicht auf bekannte Gesichter zurückgegriffen werden, die die Fans von Star Trek vielleicht gerne gesehen hätten, da die Voyager weit abseits des Alpha-Quadranten unterwegs ist. Zwar fehlt es nicht, dass die Klingonen mal nicht so ausführlich charakterisiert werden wie in Star Trek: The Next Generation oder Star Trek: Deep Space Nine. Stattdessen gibt es die Kazon, die aber im Endeffekt nichts anderes sind als eindimensionale Klingonen. Hier fehlte es an Einfallsreichtum von den Produzenten und Autoren.

Erfreulicherweise blieb es aber nicht bei diesen uninteressanten Kontrahenten. Mit dem Volk der Vidianer wurde etwas wahrlich Neues geschaffen: eine Spezies, die im Überlebenskampf gegen eine verheerende Krankheit ihre eigenen Organe durch die anderer Völker ersetzt.

Dass sie sich mit der Konzeption, das etablierte Star-Trek-Universum außen vor zu lassen, allzu sehr einschränkte, merkte die Produktion recht bald und versuchte immer wieder, bekannte Elemente in die Serie einzufügen. So wurde eine recht originelle Geschichte entwickelt, bei der man immerhin auf einen Romulaner traf. Im Lauf der Jahre folgten Gastauftritte von Q, Commander Riker oder Captain Sulu. Gerade die Auftritte von Q sind sehr unterhaltsam - auch wenn man sich als Zuschauer wiederholt fragt, warum Janeway ihn nicht einfach bittet, die Voyager nach Hause zu bringen. Doch bei vielem scheint das verzweifelte Ziel vor allem, das Schiff bei den Einschaltquoten auf Kurs zu halten.

Die Geschichten in den ersten drei Jahren der Voyager sind oftmals einfallslos, mit dem Weltraumphänomen der Woche als Thema. Dass das nach mehreren Hundert Star-Trek-Episoden nicht mehr begeistern konnte, stellten die Macher bald fest - und ließen die Voyager doch noch deutlich Fahrt aufnehmen.



... und dann kommen die Borg!

Mit der vierten Staffel ändert sich bei Star Trek: Voyager alles - wie zuvor auch schon bei Star Trek: Deep Space Nine, das ebenfalls Jahre brauchte, um seine volle Qualität zu entwickeln. Die Ankunft einer einzigen Figur beflügelt die Serie. Hier ist es die Borg Seven of Nine, die jetzt auch in Star Trek: Picard dabei ist.

Als Seven of Nine, tertiäres Attribut von Unimatrix 01, an Bord der Voyager kommt, haben viele Fans die Serie längst aufgegeben. Zum Ende der dritten Staffel ist bereits klar, dass die Voyager über kurz oder lang auf die Borg treffen wird. Dass sich aber eine Borg in der Crew wiederfindet, ist eine Überraschung. Zuerst fungiert Seven of Nine als Verbindungsoffizierin zwischen den Borg und der Voyager, aber nachdem sie vom Kollektiv getrennt wird, entwickelt sie sich langsam zu einem Individuum.

Dabei zeigt die Schauspielerin Jeri Ryan, dass sie nicht nur als Darstellerin ausgewählt wurde, um die Show zu sexualisieren - denn das war offensichtlich: Seven of Nine steckte in einem hautengen Ganzkörperanzug, der ihre körperlichen Reize schon in der Werbekampagne zur vierten Staffel zur Schau stellte. Im Laufe ihrer Charakterentwicklung wird Seven jedoch zum dritten sehr starken weiblichen Charakter neben Janeway und B'Ellana.

Der Vorteil dieses neuen Crewmitglieds liegt klar auf der Hand. Diese Borg, die bald keine mehr ist, bringt eine neue Sichtweise auf die gesamte Serie. Die Hauptcharaktere sind dem Publikum längst bekannt, aber ihre Interaktion mit Seven of Nine bringt eine neue Dynamik. Gleichzeitig kommen mit Seven die langersehnten Konflikte an Bord der Voyager.

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Mit ihrer unorthodoxen Art stößt sie so manches Crewmitglied vor den Kopf. Noch dazu missachtet sie Befehle, wenn sie sie für falsch hält. Dies führt zu mehr als nur einer Auseinandersetzung mit Janeway. Dennoch entwickelt sich zwischen Janeway und Seven eine ganz eigene Beziehung. Die anfängliche Schüler-Mentor-Dynamik wandelt sich im Laufe der Zeit zu einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Damit findet Star Trek: Voyager endlich den richtigen Weg. Folgen wie Ein Jahr Hölle, in der verschiedene Zeitlinien gezeigt werden, die das Düster-Deprimierende der Grundidee in den Fokus rücken, gelten nicht umsonst als Klassiker im Star Trek-Kanon. Die Serie wurde revitalisiert und langsam, aber sicher änderte sich die Meinung vieler kritischer Fans.



Technik, die gut altert

Sieht man sich heutzutage die Serie an, fällt auf, wie gut sie sich hält. Die Sets waren damals schon hochwertig gestaltet - ganz anders die Pappfelsen, die in der 1960er Jahren sehr gerne benutzt wurden.

Bei Star Trek: The Next Generation hatte man noch zeitaufwendig mit Modellen arbeiten müssen. Bei Star Trek: Deep Space Nine wurde erst im Lauf der Jahre komplett auf CGI umgeschwenkt, was plötzlich große Weltraumschlachten möglich machte.

Bei der Voyager setzten die Macher praktisch von Anfang an auf ein CGI-Modell. Es wurde ein echtes Modell des Schiffs angefertigt, dann jedoch eine CGI-Variante davon erstellt und eingesetzt. Später wurde das CGI-Modell von Rob Bonchune, dem Experten für digitale Effekte, noch verfeinert, um mehr dem echten Modell zu entsprechen.

Die Effekte sind gut gealtert, zumindest, was die Raumschiffe betrifft. Die am Computer entstandene Spezies 8472 hat es dagegen heute schwerer: Die CGI-Animationen waren zum Ende der 1990er Jahre noch weit vom heutigen Standard entfernt. Im Großen und Ganzen wirkt Star Trek: Voyager aber noch immer frisch.

Fremde im All

Im Jahr 2001 fand die Voyager den Weg nach Hause. Die lange Reise dauerte doch keine 70 Jahre - der Weg in die Herzen der Fans ließ sich noch dazu deutlich schneller nehmen. Star Trek: Voyager war lange Zeit so etwas wie das Problemkind - bis Star Trek: Enterprise kam.

Sieht man sich die Serie jedoch heute an, erkennt man die gleichen Qualitäten, die auch die vorherigen Shows auszeichnen. Das ist nicht nur nostalgische Verklärung, aber natürlich hilft auch die. Mittlerweile ist eine ganze Generation herangewachsen, die die Serie erst in der Wiederholung gesehen hat und damit vielleicht Star Trek kennenlernte. Aber auch langjährige Fans werden im Alter milder und sehen die offensichtlichen Qualitäten der Serie. Dass sie ein paar Jahre der Entwicklung brauchte, ist dabei nebensächlich. Wichtig ist, dass die Geschichten heute noch funktionieren und klassisches Star-Trek-Gefühl aufkommen lassen.

Natürlich sähe Star Trek: Voyager heute ganz anders aus und würde noch stärker auf die vertikale Erzählweise setzen. Aber aufgrund der übergeordneten Handlung der Reise nach Hause hat die Serie auch so eine starke innere Kohärenz. Dass eine Besatzung ohne jedwede Unterstützung von der Sternenflotte klarkommen muss, erzeugt eine zusätzliche Dimension der Spannung. Die Mitglieder der Voyager sind Fremde in einem fremden Land - oder besser: in fremdem Weltall. Das funktioniert gerade aus heutiger Sicht noch sehr gut und hält die Serie zusammen.

Zu viel Frauenpower?

Bemerkenswert ist die Serie aber auch, weil lange, bevor sich Diversität im US-Fernsehen etablierte, eine Frau den Platz des Captains einnahm - damals durchaus revolutionär. Dass die Serie anfangs von vielen Fans abgelehnt wurde, mag auch darin begründet sein. Man denke nur daran, wie in in jüngerer Vergangenheit zahlreiche Doctor-Who-Fans gegen die Besetzung von Jodie Whittaker als 13. Doktor protestierten. Trekkies können ebenso intolerant sein, wobei von der Bewunderung für Gene Roddenberrys von Toleranz und Veränderung geprägtes Universum wenig übrig bleibt, wenn sich männliche Fans bedroht fühlen.

Dass die Quoten gemeinhin nachließen, lag weniger an der Qualität der Serie, die Staffel für Staffel immer besser wurde, als an einer Star-Trek-Müdigkeit nach damals mehr als zehnjähriger Präsenz des Franchises mit zwei parallel laufenden Serien. Noch schwerer traf dies Star Trek: Enterprise, das nach dem Ende von Star Trek: Voyager und damit 14 Jahre nach dem Debüt von Star Trek: The Next Generation, drei Serien und mehr als 500 Folgen startete. Die Abnutzung traf schließlich auch die Filme mit der nächsten Generation, die nach kurzem Höhenflug mit Star Trek: Nemesis im Jahr 2002 endgültig scheiterte.

Damals waren die Fans hin- und hergerissen, heute hat sich das geändert. Das Fandom hat sich weiterentwickelt und auch Star Trek: Voyager ins Herz geschlossen. Den Status als ungeliebte Serie hat Star Trek: Voyager längst abgelegt. Dass sie mehr hätte sein können, als sie ist? Geschenkt, gilt das doch für die meisten Serien und Filme. Der Versuch, klassische Erzählweise und frische Ideen zu kombinieren, funktionierte mal mehr, mal weniger gut. 25 Jahre später blickt man jedoch mit einem warmen Gefühl auf Star Trek: Voyager zurück.

 (peo)


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