Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/onlinehandel-scheuer-will-pakete-nachts-mit-der-u-bahn-transportieren-2002-146661.html    Veröffentlicht: 16.02.2020 11:10    Kurz-URL: https://glm.io/146661

Onlinehandel

Scheuer will Pakete nachts mit der U-Bahn transportieren

Im Schacht durch die Nacht: U-Bahnen könnten nach Betriebsschluss Pakete in einzelne Stadtteile liefern, meint Verkehrsminister Scheuer. Er sieht es als Mittel gegen den zunehmenden Lieferverkehr auf der Straße. Doch es gibt viele offene Fragen.

Der Onlinehandel boomt - und mit ihm auch der Verkehr in den Städten. Denn immer mehr Pakete bedeuten immer mehr Lieferwagen, die sich einen Weg durch den Stadtverkehr bahnen, zum Ausladen in der zweiten Reihe parken und Staus verursachen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer will nun neu denken - und dafür unterirdische Wege nutzen. "Ich wäre dazu bereit, ein Pilotprojekt mit einer Stadt zu machen, wo wir eine U-Bahn umbauen und eine spezielle Paket-U-Bahn daraus machen", sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft wie etwa der Moz.

Solch eine Bahn könnte nach den Vorstellungen des Ministers nachts von 2.00 Uhr an fahren und Pakete zu Zwischenlagern, sogenannten Mikro-Hubs, an Haltestellen in einzelnen Stadtteilen transportieren. "Wir installieren Mikro-Hubs, von dort aus können die Lieferanten die Waren mit einem Elektro-Lastenfahrrad weiter transportieren", sagte Scheuer und fügte hinzu: "Es geht darum, dass wir oberirdisch Verkehr reduzieren."

Branchenvertreter stimmen zu, dass gerade angesichts des Drucks, den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen zu verringern, Änderungen nötig sind. "Dazu ist eine Verlagerung von Verkehr sowohl für Personen als auch für Güter auf die umweltfreundlichen Verkehrsmittel zwingend notwendig", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Oliver Wolff, der dpa. Für Scheuers Idee zeigte er sich offen: "Um dies zu erreichen, sollte man auch auf den ersten Blick ungewöhnliche Ideen durchaus diskutieren und abwägen."

Onlinehandel wächst

Immer mehr Menschen kaufen Produkte im Internet. Im vergangenen Jahr bestellten Verbraucher Waren im Wert von 94 Milliarden Euro. Das waren rund zehn Prozent mehr als noch im Vorjahr, wie aus Zahlen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel hervorgeht. Davon profitiert besonders die Paketbranche. 2019 erwirtschafteten die Dienstleister in Deutschland der Bundesnetzagentur zufolge 18,78 Milliarden Euro. 2018 lagen die Gesamterlöse noch bei 17,66 Milliarden Euro.

Wenn nun Pakete und Päckchen auch per U-Bahn oder per Straßenbahn durch Großstädte transportiert würden, könnte das den Verkehr spürbar entlasten, betonte Scheuer. Er rechne damit, dass der Lieferverkehr, der etwa wegen des Haltens von Fahrzeugen in der zweiten Reihe für zusätzliche Staus sorgt, um bis zu 20 Prozent reduziert werden könnte. Der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Oliver Luksic, stimmte zu: "Wir brauchen Smart-City-Konzepte mit IT-gestützter Optimierung der Verkehrswege", sagte er. Dafür seien Mikro-Hubs für den Paketlieferverkehr ein guter Ansatz.

Hermes hat viel vor

Daran arbeitet auch der Paketdienst Hermes. "Unser Ziel ist es, in den kommenden Jahren in den 80 größten deutschen Städten emissionsfrei zuzustellen", teilte das Unternehmen mit. Ein Mittel dazu sei, "alternative Zustellmodelle wie die Zustellung mit dem Lastenrad" zu testen. Derzeit laufe die Auswertung einer Logistiktram, die das Unternehmen 2019 in Zusammenarbeit mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt eingesetzt hatte. In Berlin untersuchte Hermes den Weitertransport von Sendungen mit Lastenrädern.

Doch für einen flächendeckenden Ansatz müssen noch viele Fragen geklärt werden, wie VDV-Hauptgeschäftsführer Wolff sagte. So dürften die normalen Abläufe nicht gestört werden. "Nachts beziehungsweise nach Betriebsschluss werden in den U-Bahnsystemen notwendige Reparaturen und Instandhaltungen durchgeführt, die man während der normalen Betriebszeit nicht umsetzen kann", sagte Wolff. Nötig sei auch mehr Personal - ein schwieriges Thema, wie auch die Paketbranche spürt. "Schon seit längerem ist der Arbeitsmarkt zunehmend leergefegt", hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kürzlich angemerkt. Es fehle etwa eine tarifliche Absicherung.

Keine ganz neue Idee

Die Idee, Pakete per U-Bahn oder Straßenbahn zu verschicken, ist nicht neu. So gab es in Berlin bereits vor Jahrzehnten entsprechende Überlegungen. Dort hatten etwa in den 1930er Jahren Güterstraßenbahnen Pakete ausgeliefert. In der US-Großstadt Chicago wurden eigens Tunnel für den Warentransport per Metro gebaut. Aufgrund des Aufschwungs bei Lastwagen wurde die unterirdische Belieferung aber 1959 eingestellt.

In der französischen Stadt St. Etienne wurden 2016/17 versuchsweise Waren und Pakete mit Straßenbahnen hin- und hergefahren. Zum Abschluss hieß es, das Projekt sei wirtschaftlich nicht realisierbar, zudem habe es technische Probleme gegeben. Die Schweiz will herausfinden, wie Anlagen für den unterirdischen Gütertransport gebaut und betrieben werden können. Dafür wurde jüngst ein Gesetz erlassen.

Ist die Straßenbahn geeigneter?

So schnell geht es in Deutschland nicht. "Ob die Nutzung von U-Bahnen in der Praxis funktioniert, muss man herausfinden", sagte FDP-Verkehrsexperte Luksic. Vom VDV heißt es: "Wenn man bundesweit über solche Lösungen nachdenken möchte, dann könnten sich vermutlich eher die Straßenbahnen eignen." Als Beispiel gilt die Cargo-Tram in Dresden: Die Güterstraßenbahn liefert Bauteile für die Gläserne Manufaktur, in der Volkswagen den E-Golf baut.

In wenigen Städten in Deutschland gibt es geschlossene U-Bahn-Systeme mit sogenanntem kreuzungsfreien Verkehr. In den meisten Kommunen teilen sich die Stadtbahnen die Verkehrsflächen mit Bussen, Autos, Lastwagen, Motor- und Fahrrädern.

 (ip)


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