Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/schweizer-crypto-ag-wie-bnd-und-cia-eine-verschluesselungsfirma-hackten-2002-146567.html    Veröffentlicht: 11.02.2020 16:20    Kurz-URL: https://glm.io/146567

Schweizer Crypto AG

Wie BND und CIA eine Verschlüsselungsfirma hackten

Die Gerüchte gibt es schon länger, doch nun haben Medien neue Beweise vorgelegt. Zusammen mit der CIA soll der Bundesnachrichtendienst jahrzehntelang eine Schweizer Kryptofirma betrieben und mehr als 100 Staaten ausspioniert haben.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) und der US-Auslandsgeheimdienst CIA haben jahrzehntelang über einen heimlich übernommenen Schweizer Chiffriermaschinenhersteller die Kommunikation anderer Staaten abgehört. Das berichteten die Washington Post, das ZDF und der Schweizer Sender SRF unter Berufung auf Hunderte Seiten von Geheimdienstberichten und Aussagen der damaligen Beteiligten. Demnach kauften BND und CIA Anfang der 1970er Jahre die Schweizer Crypto AG und konnten durch manipulierte Algorithmen die verschlüsselte Kommunikation von rund 130 Staaten abhören, darunter auch diejenige europäischer Verbündeter.

Schon 1996 hatte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die "dreisteste Geheimdienstfinte des Jahrhunderts" spekuliert. Deutsche und amerikanische Dienste stünden im Verdacht, "bis Ende der achtziger Jahre Cryptos Schutzgeräte so manipuliert zu haben, daß ihre Codes im Handumdrehen zu knacken waren". Die drei Medien nennen nun Details, wie die Übernahme eingefädelt wurde und an welche wichtigen Informationen die Geheimdienste dadurch gelangten. Während die Aktion bei der CIA den Codenamen Minerva trug, hieß sie beim BND Operation Rubikon.

Technik von der NSA

Die Kooperation zwischen dem Crypto-Gründer Boris Hagelin und den US-Geheimdiensten soll allerdings schon in den 1960er Jahren begonnen haben. So soll das 1967 vorgestellte vollelektronische Modell H-460 komplett vom US-Militärgeheimdienst NSA entwickelt worden sein. Dabei soll die NSA jedoch nicht simple Hintertüren in die Verschlüsselungsmaschine eingebaut haben. Allerdings hätten es die manipulierten Algorithmen erlaubt, die verschlüsselten Nachrichten deutlich schneller zu knacken. Als Hagelin Ende der 1960er seine Firma habe verkaufen wollen, hätten BND und CIA schließlich zugeschlagen.

Dem Bericht zufolge besetzte der BND die Firmenspitze mit eingeweihten Managern, die von Siemens kamen. Dabei traten bisweilen Differenzen zwischen den Zielen der CIA und des deutschen Geheimdienstes auf. So soll der BND stark daran interessiert gewesen sein, mit dem Verkauf der Crypto-Maschinen möglichst viel Geld zu verdienen, das er ohne Kontrolle durch den Haushaltsausschuss des Bundestags und den Bundesrechnungshof in seine eigene Kasse fließen ließ. Der CIA habe jedoch den deutschen Kooperationspartner ständig daran erinnern müssen, dass es sich um eine Geheimdienstoperation und nicht um eine Aktion handele, um Geld zu verdienen. Der BND wiederum hatte Skrupel, befreundete europäische Staaten genauso abzuhören wie außereuropäische Länder.

Wichtige Erkenntnisse zu Krisenregionen

Die Aktion lieferte beiden Geheimdiensten wichtige Informationen über politische Krisenherde bis in die 1990er Jahre. Zwar gehörten die Sowjetunion und China nicht zu den Kunden der Crypto AG, doch fast alle Staaten des Nahen Ostens wie Saudi-Arabien oder Iran sowie viele südamerikanische, afrikanische und asiatische Staaten nutzen die Chiffriermaschinen. Zwölf europäische Staaten wie Italien, Österreich, Portugal, Spanien, Jugoslawien oder Irland zählten ebenfalls zu den Kunden. Da auch der Vatikan die Technik nutzte, konnten die US-Geheimdienste 1989 leicht herausfinden, dass sich der gestürzte Regierungschef Panamas, Manuel Noriega, bei der US-Invasion in die Apostolische Nuntiatur seines Landes geflüchtet hatte.

Im Falkland-Krieg von 1982 trugen die abgehörten Nachrichten der argentinischen Marine zur schnellen Niederlage gegen Großbritannien bei. Nachdem die Argentinier misstrauisch geworden waren, konnte ein von CIA und BND installierter "wissenschaftlicher Berater", der Schwede Kjell-Ove Widman, sie davon überzeugen, dass die Crypto-Maschinen weiterhin "unknackbar" seien. Der NSA sei lediglich gelungen, eine veraltete Sprachverschlüsselung zu knacken, lautete die Ausrede.

Reagan verriet Nachrichtenquelle

Offensichtlich wurde die Tatsache, dass die Crypto-Geräte offenbar kompromittiert waren, im Jahr 1986. Nach dem Bombenattentat auf die Berliner Disco La Belle machte der damalige US-Präsident Ronald Reagan Libyen für den Anschlag verantwortlich und sagte: "Unsere Beweise sind präzise und unwiderlegbar." Als Beweise nannte er entsprechende Anweisungen, die die libysche Botschaft in Ost-Berlin vor dem Attentat erhalten haben soll.

Schwieriger wurde die Situation im Jahr 1992, als die iranische Regierung den Crypto-Vertreter Hans Bühler wegen Spionageverdachts festnahm. Obwohl Bühler nicht zu den Eingeweihten gehörte und zu der Spionageaktion nichts aussagen konnte, hielt ihn Iran neun Monate lang fest und ließ ihn erst gegen ein hohes Lösegeld frei. Da Bühler wegen kritischer Fragen nach seiner Rückkehr entlassen wurde, kam es schließlich zum Prozess. Schon Der Spiegel wunderte sich 1996, dass noch vor der Verhandlung, "in der womöglich peinliche Details ans Licht gekommen wären", die Firma einem Vergleich zugestimmt habe.

Ausstieg im Jahr 1993

Der BND soll bereits 1993 aus der Crypto AG wieder ausgestiegen und seine Anteile für 17 Millionen US-Dollar verkauft haben. Die CIA soll hingegen erst in den Jahren 2017/2018 die Firma verkauft und aufgeteilt haben. Dabei soll die CIA zwischen 50 und 70 Millionen Dollar eingenommen haben.

Basis der Berichte war laut ZDF ein Treffen von Geheimdienstveteranen auf dem Berliner Teufelsberg im Jahr 1999. Dabei sollten die Agenten beschlossen haben, einen Bericht über die streng geheime Operation zu erstellen. Während die CIA-Agenten nach zwei Jahren ein 96-seitiges Papier vorgelegt hätten, brauchten die BND-Mitarbeiter für ihre Erinnerungen etwas länger, erhielten dazu aber die Erlaubnis des damaligen BND-Chefes Ernst Uhrlau.

Weder der Bundesnachrichtendienst noch das Bundeskanzleramt oder die Firma Siemens wollten auf Anfrage des ZDF eine Stellungnahme zu den Berichten abgeben. Der BND habe allerdings Ende Januar 2020 bereits das Parlamentarische Kontrollgremium des Deutschen Bundestages über die geplante Berichterstattung mit dem Hinweis informiert, "dass die Sache ja gar nicht neu sei". Das trifft in der Tat zu, doch die nun enthüllten Details machen das Ausmaß der Operation Rubikon deutlich sichtbarer.  (fg)


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