Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektromobilitaet-was-beim-kauf-eines-gebrauchten-elektroautos-wichtig-ist-2002-146389.html    Veröffentlicht: 05.02.2020 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/146389

Gebrauchtwagen

Was beim Kauf eines gebrauchten Elektroautos wichtig ist

Noch steht der Markt für gebrauchte Teslas und andere Elektroautos am Anfang der Entwicklung. Für eine verlässliche Wertermittlung benötigen Käufer ein Akku-Zertifikat. Das bieten private Verkaufsberater an. Ein österreichisches Startup will die Idee groß rausbringen.

Elektroautos sind in der Anschaffung teurer als ihre Pendants mit Auspuff. Günstiger ist es auf dem Gebrauchtwagenmarkt, wobei auch hier Schnäppchen die Ausnahme bilden. Denn im Vergleich verlieren E-Autos langsamer an Wert. Da unter der Haube weniger bewegliche Teile arbeiten, fällt der Verschleiß geringer aus.

Wer sich dem elektrischen Gebrauchtwagenmarkt nähert, stößt auf zwei Hürden. Das Angebot ist zum einen noch sehr übersichtlich. Auf Plattformen wie beispielsweise Mobile.de werden 1,5 Millionen gebrauchte Diesel- und Benzinfahrzeuge angeboten. Wählt man die Kraftstoffart Elektro, schmilzt die Auswahl auf 10.900 Angebote.

Das Herzstück eines Elektroautos ist der Akku. Seine Leistungsfähigkeit bestimmt zum Großteil den Preis. Doch die Leistung verlässlich zu bewerten, ist die zweite große Hürde. Bislang haben E-Autos keinen Menüpunkt, der über Degradation oder Anzahl der Ladezyklen informiert. Notwendig wäre eine Art Akku-Zertifikat, das über den aktuellen Leistungszustand des Energiespeichers informiert. Prüforganisationen wie TÜV oder Dekra sind dafür prädestiniert. Doch noch gibt es bei beiden Einrichtungen kein derartiges Angebot. "Wir hoffen, hier bald eine Lösung zu haben, die allen Beteiligten am Gebrauchtwagenmarkt eine wichtige Hilfe sein kann", sagt ein Dekra-Sprecher auf Golem.de-Anfrage.

Ove Kröger nutzt für seine Analyse einen US-Import. Über den Tesla-Diagnosestecker liest er die Batteriedaten aus und nutzt zur Auswertung amerikanische Software. Der Kfz-Sachverständige aus Norddeutschland ist auf US-Elektroautos der Marke Tesla spezialisiert. Mit seinem Youtube-Kanal T&T Emobility hat er sich in der Szene einen Ruf als Experte aufgebaut. Kaufinteressenten bietet er fachlichen Beistand auf Honorarbasis. Er begleitet Interessenten zum Verkaufsgespräch.

"Ich komme gerade von einem Termin, bei dem der Kunde nicht mal dabei war", erzählt er im Gespräch mit Golem.de. Der Kunden fälle später seine Entscheidung anhand von Fotos, der Datenauswertung und einer schriftlichen Zusammenfassung seines Eindrucks. Die ausgelesenen Daten geben Kröger Anhaltspunkte über Alter der Batterie, durchschnittliche Temperatur der Zellen, Lademengen per Wechsel- und Gleichstrom sowie Rekuperation. Die Anzahl der Be- und Entladezyklen bestimmen die Degradation des Energiespeichers, also den Verlust von Ladekapazität.

"Im Verlauf fällt die Kapazitätskurve im ersten Jahr recht steil und flacht dann in den Folgejahren ab", sagt Kröger. Nach seiner Erfahrung liege die Degradation nach rund 23.000 km bei 3 Prozent, bei 50.000 km zwischen 3 und 4 Prozent. Er habe aber auch schon Teslas mit einer Million gefahrenen Kilometern gesehen, die immer noch bei 80 Prozent der Ladekapazität lägen.

Er selbst ist mit einem Model S Performance zu Verkaufsterminen unterwegs und fährt dabei pro Jahr rund 80.000 Kilometer. Insbesondere in den Niederlanden hätten sich etliche Gebrauchtwagenhändler auf Teslas spezialisiert, erzählt er. Seine Kundentermine führen ihn aber auch immer wieder zu Erkan Yilmaz nach Gronau. Dessen Unternehmen Exclusive Cars hat inzwischen über 100 Tesla-Modelle verkauft.

Supercharger-Flatrate und Steuervorteile

"Sofern die Batteriegarantie noch gilt, geht sie bei Fahrzeugen, die für den europäischen Markt bestimmt sind, auf den Käufer über", sagt Yilmaz. Das beruhige viele seiner Kunden. Die Batterie- und Antriebseinheitsgarantie läuft beim Model S und X in der Regel ab Erstanmeldung über acht Jahre. Bei Modellen vor 2015 mit der 60-kWh-Batterie sind es acht Jahre oder 200.000 km, je nachdem, was zuerst eintritt.

Probleme gibt es nach Yilmaz Erfahrung eher mit anderen Bauteilen, insbesondere bei frühen Modellen. Da fährt ein Türgriff nicht mehr aus oder ein überlaufender Flash-Speicher sorgt für einen Bildschirmausfall. "Das ist ärgerlich, aber zu reparieren", sagt Yilmaz. Die Situation bei Ersatzteilen und auch Werkstätten, die sich mit E-Autos auskennen, habe sich spürbar verbessert. Das Thema Spaltmaße sähen seine Kunden "sportlich", wobei der Autohändler bei Tesla im Laufe der Jahre eine deutliche Steigerung bei der Verarbeitungsqualität registriert hat. Diesen Aufwärtstrend bestätigt auch Ove Kröger und fügt trocken norddeutsch hinzu: "Tesla verkauft Software, die fahrbar ist."

Bei Tesla-Modellen bis Erstkaufdatum Januar 2017 geht das (auto-)lebenslange Recht auf kostenfreies Laden am Supercharger auf den Käufer über. Dieser Vorteil besteht nur bei Privatverkäufen oder Gebrauchtwagenhändlern. Kauft man den Gebrauchtwagen direkt bei Tesla, erlischt das Recht.

Teslas Lade-Flatrate lohnt sich für Vielfahrer

Wer lange Strecken mit dem Elektroauto fährt, ist mit der Ladefreiheit günstiger unterwegs. Ein Rechenbeispiel: Bei 20.000 km Fahrleistung pro Jahr, von denen die Hälfte am Supercharger geladen wird (0,33 Euro/kWh), lassen sich über fünf Jahre 3.300 Euro sparen. Die Tesla-Liste nennt 70 Standorte für aktive und fünf Adressen für im Bau befindliche Supercharger in Deutschland.

Die Modelle mit Fertigungsdatum bis zum 1. Mai 2019 sind beim Schnellladen ausschließlich auf den Tesla-Supercharger angewiesen. Es gibt zwar einen CCS-Adapter (170 Euro), aber die Hardware im Fahrzeug muss in einem Tesla-Servicecenter angepasst werden (ca. 500 Euro). Dann sind auch Ladevorgänge an öffentlichen Schnellladern mit CCS- oder Combo-2-Steckern möglich.

Der Umweltbonus der Bundesregierung gilt bislang nur für Erstzulassungen. Doch wer sein Elektroauto als Dienstwagen nutzt, profitiert von der gesenkten 0,5 Prozent-Regel beim geldwerten Vorteil. Allerdings wird ein halbes Prozent des Neuwagenpreises als zu versteuerndes Einkommen in der Steuererklärung angerechnet. Dieser Preis liegt bei gut ausgestatteten Tesla Model S und X meist jenseits der 100.000-Euro-Marke.

Auf dem Gebrauchtwagenmarkt gibt es mehr Modelle als nur von Tesla.

Zertifikat für den Akku

Für deren besseren Verkauf arbeitet Wolfgang Berger in einem Vorort von Wien an einem Batterie-Zertifikat. Er hat vor zwei Jahren mit seinem Kollegen Nikolaus Mayerhofer das Startup Aviloo gegründet. "Ich war bereits Elektroauto-Fahrer und wollte für meine Frau einen BMW i3 kaufen. Es gab aber keine Möglichkeit, den Zustand der Batterie überprüfen zu lassen", sagt Berger im Gespräch mit Golem. Mit Geld der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft entwickelten die beiden Gründer ein Analysetool für Lithium-Ionen-Zellen in Elektroautos.

Dazu wird ein mobiles Lesegerät über den OBD-Stecker im Fahrzeug angeschlossen. Pro Fahrtstunde überträgt die Einheit rund 100.000 Datenpunkte, die auf einem Server ausgewertet werden. Inzwischen liegen ausreichend Erfahrungswerte für die gängigen Modelle von BMW, Hyundai, Nissan, Kia, Renault und Volkswagen vor.

So steht am Ende ein Batterie-Zertifikat, das Auskunft über die Kapazität des Akkus gibt. Außerdem werden die Bereiche angegeben, in denen sich Zelltemperatur und Zellspannung bewegen. Damit kann ein E-Autobesitzer guten Gewissens in die Verkaufsverhandlung über sein Fahrzeugs einsteigen.

Von der sprichwörtlichen Startup-Garage ist das Unternehmen in ein ehemaliges Autohaus in Wiener Neudorf umgezogen. Zehn Mitarbeiter beschäftigt Aviloo und auch Bergers Bruder ist inzwischen eingestiegen. "Doch wir bewegen uns noch im Prototypen-Modus", sagt Berger. Ein Akkutest wird für rund 150 Euro angeboten, doch noch muss dazu das E-Auto von 100 Prozent Ladezustand auf nahezu 0 Prozent gefahren werden.

Das Ziel ist, bereits nach zwanzig Minuten Fahrzeit ausreichend Daten für ein aussagekräftiges Zertifikat zu sammeln. Im Sommer 2020 will Berger so weit sein und das Zertifikat großflächig anbieten. Dazu setzen die Österreicher auf Partner. Aviloo ist in Gesprächen mit dem ADAC wie auch mit dem österreichischen Pendant ÖAMTC.

Als herstellerunabhängige Anbieter sind die Automobilclubs prädestiniert für das Angebot eines Batterie-Zertifikats. Bislang gibt es vom ADAC lediglich Tipps zum Kauf von E-Autos sowie einen Muster-Kaufvertrag.

Bei der äußeren Inspektion eines Gebrauchtwagens unterscheiden sich E-Autos im Verkauf nicht. Nach Kratzern, Dellen und Beulen solle man schauen, rät Kfz-Profi Kröger. Auch ein Blick auf die Bremsen lohne sich. Dabei seien in der Regel die Bremsbeläge kaum verschlissen. Dafür könne sich Rost auf der Bremsscheibe gebildet haben. Die Rekuperation schont Bremsen, doch im Ernstfall verlängert der Rost den Bremsweg. Darum sollten E-Auto-Fahrer immer mal wieder aufs Bremspedal treten.

 (dku)


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